Retrospektive: Kriegserklärung

Irgendwann gegen Ende der 90er sitzen irgendwo in einer WG in irgendeinem heruntergekommenen Wohngebiet Neuköllns ein paar verstrahlte Jugendliche vom lokalen Hackemob unter dem Einfluss aller momentan erhältlicher Substanzen vor einem alten braunen Röhrenfernseher herum.

Es wird gerade der Jugoslawienkrieg gegeben. Die Bösen waren damals noch nicht die Russen, sondern die Serben. Wir waren noch so jung.

„Die Scheiß Serben.“

„Ja, Scheiß Serben.“

„Dit jeht jar nich wat die machen.“

„Nee, dat jeht jar nich.“

„Da muss man wat tun.“

„Ja, muss man.“

„Wir müssen denen den Krieg erklär’n.“

„So jeht dat nich.“

„Ich setz’n Schreib’n uff. Dit fax’n wa an die jugoslawische Botschaft. Hol du mal dit Telefonbuch.“

(Ja, wir hatten ein Fax. Und ein Telefonbuch.)

Liebe Serbinnen und Serben,

was Sie da machen geht gar nicht. Wir, die WG Donaustraße 77, erklären Ihnen hiermit den Krieg. Außerdem essen wir ab heute keine serbische Bohnensuppe mehr.

Hochachtungsvoll

WG Donaustraße 77

„Hasse abjeschickt?“

„Yup. Un wat machenwa nu wenn die serbisch’n Bomba kommen?“

„Stümmt. Scheiße. Wir brauchen Verbündete. Weeste wat? Wir treten der Nato bei! Such ma die Faxnumma vonner amerikanisch’n Botschaft raus. Ick setz’n Schreib’n uff.“

Hochverehrte Amerikanerinnen und Amerikaner,

dem Treiben der Serben kann nicht länger zugeschaut werden. Wir, die WG Donaustraße 77, haben daher soeben den Serben den Krieg erklärt. Leider fehlt uns hier eine Flugabwehr, insofern bitten wir a) um Aufnahme in die Nato und b) um militärischen Beistand.

Mit volkssolidarischen Grüßen

WG Donaustraße 77

„Hasse abjeschickt?“

„Habsch.“

(…)

„Moin.“

„Moin. Mein Schädel, Alter. Jipt’s schon Kaffee?“

„Yup.“

„Hier. Fuck. Kiek ma.“

(…)

„Fuck.“

„Hamwa dit abjeschickt?“

„Check ma Protokoll.“

„Fuck.“

„Fuck.“


Weil ja niemand mehr mit offenen Enden klarkommt: Da kam nie was nach. Wahrscheinlich landeten die Faxe im allgemeinen Spinnerordner, von dem wahrscheinlich jede Organisation und Einrichtung einen hat.