Ein Frieden wie Blei

Ich habe das Autofenster über Nacht aufgelassen. Beziehungsweise das Kind hat es aufgelassen. Doch ich bin schuld. Ich habe nicht kontrolliert, dass das Fenster zu ist. Hier ist immerhin Berlin. Und ein offenes Autofenster ist nicht nur eine Einladung, sondern geradezu eine offensive Aufforderung, die kein Naviklauer, der sich morgen noch bei seiner Alten blicken lassen will, zurückweisen kann.

Doch nix ist passiert. Nix. Gar nix. Ich bin fast enttäuscht. Was wäre meiner Nachlässigkeit noch vor fünfzehn Jahren für ein Inferno des Berliner Pennertums gefolgt. Sie hätten mir ins Auto gekotzt. Auf den Sitz gepisst. Oder wenigstens Bierdosen auf den Rücksitz gepfeffert (okay, die sind inzwischen was wert, Pfand und so, sehe ich ein.). Heuer? Nix! Kein Müll. Keine benutzten Kondome. Hundekackebeutel. Spermaflecken. Nicht mal einen dicken Strahl Bierpisse hat jemand auf den Rücksitz gestrullt. Und der Gipfel ist wirklich: Sogar das Navi hängt noch da. Nicht mal das Navi haben sie mitgenommen. Hallo? Haben die was gegen mein Navi? Versteh ick nich. Sie hätten nur reingreifen brauchen. Das hängt da rum. Zum Greifen reif wie ein pausbäckiger Apfel. Auf dem Armaturenbrett. Aber nix. Nix! Hier passiert nix. Keiner klaut mein Navi. Keiner zerfickt mein offenes Auto. Aus meinem Prenzlauer Berg ist so ein Dorf geworden, dass selbst die Kriminellen abhauen. Oder sie bekommen Kinder und kaufen Bio. Inzwischen ist es wahrscheinlich so sicher hier, dass ich die Wohnungstüre den ganzen Tag offen lassen könnte ohne dass irgendwer meinen kümmerlichen Hausrat rausschleppt. Berlin, Berlin, so bräsig wie Reutlingen. Ich weiß nicht, was hier los ist. Die Kriminalitätsstatistik wird inzwischen dominiert von Fahrraddiebstählen. Mord geht zurück. Körperverletzung. Einbrüche. Sachbeschädigung. Nix mehr los hier. Nur Fahrraddiebstähle florieren noch. Okay, das betrifft mich nicht. Ich habe keins. Ich würde mir lieber die eigenen Eier abbeißen als mich jemals in die Stampede der durchgeknallten Fahrradsalafisten Prenzlauer Bergs einzureihen, die in ihrer Selbstherrlichkeit inzwischen verhasster sind als die traditionell unmöglichen Hundebesitzer und ihre stinkenden Enddarmprodukte auf dem Bürgersteig, die es in ihrer Reputation mit jedem beliebigen Kotzeeimer unter der Theke einer Weddinger Bierschwemme aufnehmen können. Kriminalstatistik hin oder her, je mehr Fahrräder geklaut werden desto weniger davon fahren mich beim Morgenlauf an den hiesigen Häuserecken über den Haufen. Die Sache hat durchaus Charme. 

Aram Sam Sam. In diesem Bezirk schlafen mir inzwischen nicht nur die Füße, sondern gleich auch alle Hirnzellen ein. Was bitte soll das? Ein Auto mit offenem Fenster, das am nächsten Morgen immer noch unberührt da steht? Das könnt ihr mit mir nicht machen. In den 90ern hätten sie das Ding schon nach eine Viertelstunde nach dem Abstellen bei Tageslicht kurzgeschlossen und gegen die nächste Brandmauer gesemmelt. Oder gegen einen BMW. In einen Imbiss. Schaufenster. Voll in die Mülltonnen. Crash-Kids. Wo sind die eigentlich hin? Vermutlich dort wo die S-Bahn-Surfer sind, von denen man auch nichts mehr hört. Wahrscheinlich machen die jetzt alle ein Praktikum. In einer Werbeagentur. Oder im Biomarkt.

Bio Bio Tralala. Schön hier in Li La Laune Sonnenblumentapetenland. Alles so aufgeräumt. Keiner benimmt sich daneben. Keiner klaut was. Keiner macht mehr was kaputt. Möchte jemand ein Stück Karottenkuchen? Wenn das so weitergeht, fange ich noch an, meine potthässlichen Sauerkrautkopfnachbarn, die aus einem unmöglichen Ort wie Gießen gekommen sind, zu grüßen. Und dann leihe ich mir Sonntags von ihnen laktosefreie Milch für den Fair Trade-Kaffee, den ich letztens bei Veganz gekauft habe, wo ich jetzt eine Kundenkarte habe. Oder ich sitze gleich auf ihrem gießener Vintagesofa, auf dem ich ihren fruktarischen russischen Zupfkuchen aus Sojaschmand esse und Komplimente für ihre tollen importierten Naturziegel aus Peru in den Raum absondere, weil die unter dem goldfarben bemalten Stuck so eine schöne Zierleiste bilden. Freu dich, du bist in der Hölle. Bi Ba Biedermeier. Takka Tukka Bumbeidschi. Ich lebe unter einer Käseglocke. Dieser verdammte Frieden überall bringt mich um. Ich überlege, ob ich mir einen Sandsack kaufen soll. Punching Ball. Einen Stressball zum Kneten. Oder einfach nur eine Barbiepuppe. Zum Anzünden. Auf dem Spielplatz. Nachdem ich mir ein Tüte gedreht und schön unterm Klettergerüst einen weggebufft habe. Meine Güte, dieser unerträgliche Frieden. Diese Bräsigkeit bringt mich um. Wo ist der Aufstand. Die Revolte. Der Unfrieden. Disorder. Disorder. Fucking Disorder. Mein einziger Trost ist, dass nie etwas so bleibt wie es ist. Die Dinge bleiben nie so. Auf ruhige folgen immer unruhige Zeiten. Auf Mehltau folgt Molotow. Und auf Molotow der Mehltau. Und dann wieder Molotow. Jetzt ist Mehltau. Und bald ist Molotow. Und ich tanze im Regen. 

immer mitten in die Fresse rein ….