Malta: Überlandfahrt

„Do you have any problems with driving on the left side of the road?“

„No. Not at all.“

„Do you have a valid driving licence?“

„Yes. Here we go.“

„Are you over 25?“

„Oh my dear, I haven’t heard this question for years. You are very polite.“

„Sorry, I have to ask this question to anybody.“

„Oh.“

Der beste Weg, das Land zu erkunden, ist auch hier wieder ein Quad. Gentleman, start the engine.

Sie dürfen das gerne seltsam finden, doch ich muss den Ort, an dem ich bin, immer erspüren. Erfahren. Auskundschaften. Fühlen, um es esoterisch auszudrücken. Und das geht mit dem Quad am besten. Kein Motorrad. Es beansprucht zu viel Konzentration, die mir dann für die Landschaft und die Leute fehlt. Erst recht kein Auto. Dieser faradaysche Käfig ist für jegliche Erfahrungen ungeeignet. Quad. Es muss ein Quad sein. Vor allem gilt: Raus aus dem Hotelbunker.

Der einzige Nachteil vom Quad gegenüber dem Auto ist: Ich muss Helm tragen. Und niemand kann mit diesen Leihhelmen cool aussehen. Niemand. Sie nicht. Ich nicht. Niemand. Wenn Helm, dann allenfalls einen von diesen wehrmachtesken Stahlhelmen, mit denen die Berliner Fahrradnazis jetzt rumfahren und auf denen ich der Vollständigkeit halber ein Landwehrkreuz vermisse. Doch dieser unmögliche Helm vom Verleiher sieht übel aus. Geradezu lächerlich. Er sieht aus wie ein buntes Ei, das irgendwer auf meinen Kopf geschissen hat.

Warum ist das mit diesen Helmen eigentlich so? Ist es nicht mein Problem, wenn ich mir die Schädeldecke kaputtrase? Ich habe das mit der Helmpflicht nie verstanden. Es ist so nannymäßig. Mein Leben, meine Schädeldecke. Kann ich doch kaputtmachen, wenn ich mag. Kann ich nicht? Warum?

Der Straßenbelag ist in Malta auf den meisten Strecken (das sind die, bei denen die EU noch nicht die Finanzierung babyhautglatten Kollwitzplatzasphalts übernommen hat) holprig, was Ihnen auf einem Quad nichts ausmacht. Zumindest einige Stunden lang. Haben Sie Bandscheibe, bekommen Sie irgendwann ein Rückenproblem. Das, was Sie hier oben sehen, nennen sie hier in Malta im Übrigen Fahrradrundweg um die Insel. Ein Weg fürs Fahrrad. Haha. Es ist vielmehr eine astreine Offroadstrecke. Monströse Schlaglöcher. Asphalthubbel über Asphalthubbel über Asphalthubbel. Hier kippen sie das Zeug einfach drauf auf die Löcher. Fährt sich schon fest. Fahrradweg, jaja. Maximal mit Mountainbike befahrbar. Doch selbst damit wird es schwer. Das ist schon kein Flickenteppich mehr, das ist eine Mondoberfläche. Oder wie Berlin an Orten, an denen kein Tourist verkehrt, sondern nur der Pöbel wohnt, dessen Bürgersteige sie mutwillig verrotten lassen. Die Strecke, die mit diesem…

… Schild ausgewiesen ist, ist landschaftlich sehr ansprechend, wenn auch des Untergrunds wegen nicht für Fahrräder, sondern eben für Quads gemacht. Sie führt Sie in entlegene Ecken, verwunschene Buchten, winzige verpennte Käffer, ein schöner Rundkurs, teilweise schwer zu nehmen, doch auf jeden Fall sehenswert.

Viel abgesperrt haben sie hier. Viel Private Property. Viel Keep out. Dabei ist hier kaum was, das sich zu besitzen lohnt. Nur Geröll. Steine. Schutt. Und Fels. Aber privat. Das mag der britische Einfluss sein. Es wird privatisiert was geht, selbst wenn es Geröll ist. Ich habe keine Ahnung, was es bringt, diese Felsen zu besitzen, denn hinter den Absperrungen wächst nix, hier ist nix rauszuholen, nicht mal ein Baum spendet Schatten. Versteh ick nich.

Oft finden Sie neben den Wegen diese komischen kleinen Gemäuer. Ich dachte zuerst an Unterstände aus dem zweiten Weltkrieg als Prophylaxe gegen die drohende Invasion der Deutschen, doch nein. Farmer haben diese Dinger gebaut, steht auf irgendeinem Faltblatt. Zum Schutz vor der Mittagshitze im Sommer oder vor Wolkenbrüchen im Winter. Was sie hier mal angebaut haben, ist nicht mehr zu erkennen. Malta baut kaum was an. Malta importiert das meiste.

Maltesisch ist eine witzige Sprache. Sie ist ein kosmopolitischer Mix aus Arabisch, Italienisch und Englisch. Ich glaube nicht, dass sie hier eine nationalistische Partei gibt. Gibt es sie? Keine Ahnung, ich kann es mir nicht vorstellen. Flüchtlinge landen hier selten, habe ich gelesen. Warum eigentlich nicht? Libyen ist umme Ecke. Sizilien auch. Vermutlich liegt es daran, dass sie hier nicht bleiben wollen, was sie müssten, wenn sie hier anlanden. Antragstellung im Land der Anlandung ist das Prinzip. Doof nur, wenn hier keiner bleiben will. Zu heiß. Zu wenig Arbeit. Verwandtschaft woanders. Wenn Malta ein Flüchtlingsproblem hat, merken Sie nichts davon.

Malta mag Igel. Über die ganze Insel verteilt finden Sie diese knuffigen Schilder. Do not squash. Please. Ja. Bitte nicht. Ich mag Igel auch. Niemand sollte sie squashen.

Ein Empfehlung zur Route: Nehmen Sie den Südwesten Maltas zum Quadfahren. Raus aus dem Norden. Weg von den Bettenburgen. Her mit den winzigen Dörfchen. Den Buckelpisten. Feldern. Klippen. Seltsamen Radarstationen. Hier finden Sie Einsamkeit, wenn Sie welche suchen. Keine Restaurants. Kein Hop on hop off. Keine Socken in Sandalen. Oft kein Mensch außer alten Männern, sitzend in Hauseingängen. Sinnierend. Zeit vergehen lassend.

Leider gibt es hier auch wenige Tankstellen. Sie müssen den Minitank so eines Quads gut bewirtschaften. 

Der Südwesten. Besuchen Sie den Südwesten. Machen Sie es wie ich. Zertrampeln Sie unberührte Pfade.

Sie kriegen auf Maltas Tankstellen nix zu trinken. Keinen Riegel. Keine Kaugummis. Dafür jede Menge Motorkram. Keilriemen. Zylinder. Dichtungen. Filter. Öl. Bremsflüssigkeiten. Die Tankstellen sehen nicht aus wie teure Supermärkte, sondern wie bei Ludolfs unterm Sofa.

Linksfahren ist übrigens kein Problem. Wenn Sie sich davor scheuen, probieren Sie es in Malta aus. Viel Platz, zumindest im Süden, kaum Verkehr, zumindest im Süden, und eine den kontinentalen Rechtsfahrern rücksichtsvoll zugewandte Mitfahrerschaft auf den Straßen. Nach einer Vietelstunde schaltet das Hirn um und Sie denken links. Verkehrsmäßig links. Ganz easy.

Probleme gibt es eigentlich nur, wenn Ihnen beim Gehen auf dem Bürgersteig jemand entgegen kommt. Die Einheimischen laufen auch auf dem Bürgersteig links, Touristen aus einem Rechtsfahrland tun dies konsequent rechts. Das hat den dummen Effekt, dass Sie Slalom laufen müssen oder Sie werden ständig mit jemandem zusammenrasseln. Einfach stets links zu laufen wie es Sitte im Gastland ist, bekommen Touristen nicht hin. Sie können es nicht.

Malteser sind im Allgemeinen unheimlich freundlich. Beim Arzt weisen sie mich darauf hin, dass ich dran bin, damit ich nicht übervorteilt werde. Ein Großmütterchen fragt mich, wie viel ich für den Bus zu einer Sehenswürdigkeit bezahlt habe, um zu gewährleisten, dass ich nicht betrogen worden bin. Überall lassen sie mich durch, wenn es enge Stellen gibt. Die Bürgersteige sind eng, zwei Menschen nebeneinander passen oft nicht. Und dann diskutieren sie nicht. Drängeln nicht. Nötigen nicht. Sie winken. Ich soll zuerst laufen. Immer. Dann lächeln sie. You’re welcome, you’re welcome. Es ist wie immer. Ich bin nicht in Berlin und plötzlich treffe ich auf Menschen, die freundlich zu Menschen sind. Es macht mich immer erst misstrauisch und später entspanne ich mich dann. Die Rückkehr in die Hauptstadt der harten Ellenbogen wird wieder unsanft. Sie ist es immer.

Beim Fahren auf den nicht immer einfachen Straßen merken Sie diese Freundlichkeit nicht minder. Der Verkehr ist nicht mediterran, eher britisch. Sie lassen mich durch. Sie fahren nicht dicht auf. Keiner hupt. Sie halten beim Überholen meines Quads locker anderthalb Meter Abstand. Dabei müssen sie das gar nicht. Ich bin da nicht so empfindlich wie Berlins neurotische Radfahrer. Sie machen es trotzdem. Diese Freundlichkeit. Diese Rücksicht. Woran liegt das? Sonne? Christentum? Genug Sex?

Oder es sind die Hasen, die sie essen. Hase ist Nationalgericht. Er kann ziemlich gut zubereitet sein hier auf Malta, er kann aber auch schnell trocken werden. Trocken ist er furchtbar. Gut zubereitet ist er toll.

Sowieso essen sie viel Fleisch hier auf Malta. Hier ist ja auch nicht viel. Hier wächst nicht viel. Malta muss einen Großteil der Nahrungsmittel importieren und hat ein Wasserproblem. Nun ja. Eigentlich ist Malta ein Felsen. Und was wächst schon auf Stein? Außer Moos.

Ich glaube, dass Malteser sehr glückliche Menschen sind. Sie wirken sehr ausgeglichen. Kein Gebrülle, kein Snobismus, keine Attitüden, nur ab und zu lässt einer sein Cabrio aufheulen und dreht mit quietschenden Reifen seine Runden. Sehr schöne Menschen wohnen hier, auch die Älteren strahlen eine Würde aus, die unseren manchmal genommen scheint oder die sie selbst ablegen. Die kleinen Einheiten mögen es sein, die den Zusammenhalt fördern, Familienbünde, jeder denkt mit, gibt acht, zieht mit. Ich kann es nicht erklären, nur beschreiben, was den Umgang der Menschen untereinander so bemerkenswert macht. Gelassenheit und Respekt. Das sind beiden Dinge, die mein Gefühl von den Menschen am besten zusammenfassen.

Bei den jungen Maltesern treffe ich auf ein Phänomen, das mir manchesmal anderswo schon untergekommen ist: Die jungen Männer sind im Schnitt recht schlank, trainiert, definiert, was nach viel Arbeit aussieht, aber manchmal auch ein glücklicher Griff in den Genpool sein kann. Die Frauen sind oft, nicht immer, bei weitem nicht immer, recht gut ernährt und eher weniger sportaffin, um das unfreundliche Wort ’schwabbelig‘ zu vermeiden. Nein, ich werte nicht, ich beobachte nur. Es dreht sich da was um im Körpergefühl. Möglicherweise ein Hinweis auf eine Änderung von Machtverhältnissen, keine Ahnung. Zu beobachten ist, dass es sich bei Osteuropäern und Russen, die Sie hier ebenso zahlreich wie Briten vorfinden, umgekehrt verhält. Dort sind im Querschnitt die Männer fett und die Frauen schlank. Ich kann Ihnen den Grund nicht nennen, denn ich kenne ihn nicht. Interpretieren Sie, wenn Sie mögen.

Ich mag die Architektur in Malta. Die alten viktorianischen Gebäude, die sie hier nicht nur erhalten, sondern oft neu nachbauen. Säulchen. Verzierungen. Das hat Stil. Was in Deutschland gebaut wird, ist oft schiere Machtarchitektur. Sie soll einschüchtern. Hier finden Sie solches nur in Valetta. An den Titten der Macht.

Die vielen alten Türme mag ich auch:

Das ist der St.Agatha Tower. Auch Red Tower genannt. Keiner weiß mehr warum er rot getüncht wurde, doch man weiß wer Agatha war. Sie hat sich dem Werben eines sizilianischen Freiers widersetzt, der die Schmach der Zurückweisung nicht ertrug und Agathe die Brüste abschneiden und sie danach auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ. Drecks Patriarchat. Woher ich das weiß? Ich weiß gar nix, Wikipedia weiß alles.

Es gibt viele Befestigungen auf Malta und dienten alle einem Zweck: Muslime abwehren. Was? Muslime abwehren? Ist das sein Ernst? Kann ich nix für. Genau das steht da so überall an den Tafeln. ‚The tower was built to defend Malta against the muslims.‘ Don’t blame me, blame the Tafel. Saladin. Sarrazin. Saruman. Irgendein Muslim wollte Malta erobern. Er hat es aber nicht geschafft.

Noch ’ne Burg? Bitte. Comino Tower:

Neben Türmen finden Sie auch viele Gotteshäuser. Und viele christliche Figürchen und allerlei Heiligentand in irgendwelchen Erkern von Häusern. Maria. Jesus. Der heilige Geist. Hier steht der Glaube noch fest. Fester selbst als drei Ecken weiter in Rom.

Jeder noch so kleine Ort hat als markantes Zentrum des Gemeinwesens eine architektonisch ungeheuer wertvolle Kirche.

Oder gleich einen Dom. Dort drin sitzen stundenlang alte Mütterchen mit Gebetsketten, zwischen denen Touristen (unbedingt in Socken und Sandalen) durch die Gegend laufen und die imposante Inneneinrichtung beknipsen. Sowieso die Inneneinrichtung. Katholen können mächtig protzen. Mächtig.

Malta ist so etwas wie christliches Urland. Das da auf dem Berg ist keine Vogelscheuche, sondern Jesus. Dieser steht auf Gozo, der zweifellos schöneren der maltesischen Inseln. Gozo ist noch recht ursprünglich. Keine Bettenburgen, kein Massentourismus, kleinere Gemeinden, gediegen, ruhiger, so anders als die Hauptinsel. Sie diskutieren seit letztem Jahr, ob sie statt der Fährverbindung eine Brücke oder einen Tunnel bauen sollten, da das Übersetzen mit der Fähre je nach Tageszeit recht mühsam sein kann. Ich wartete knapp eine Stunde in der Sonne auf dem Quad, bis ich auf die Fähre fahren konnte. Das ist nicht optimal. Andererseits dürfte der Charakter von Gozo durch eine direkte Anbindung an die schon recht massentouristische Hauptinsel schnell verloren gehen. Zack. Schnell rüber. Die Dörfer überschwemmen. Der Kompromiss wäre wohl eine Brücke und zahlreiche Schutzmaßnahmen baurechtlicher Art. Keine Bettenburgen auf Gozo. Keine Hotelkomplexe. Keine Betonbunker. Es wäre schade drum.

Malta ist so klein. Sie kriegen gar keine maltesischen Euromünzen mehr. Eigentlich kriegen Sie nur deutsche. Und ab und zu italienische. Spanische auch ein paar. Deutschland. Es dominiert die EU mindestens numismatisch. Numismatisch? Was weiß ich denn? Ich habe das scheiß Wort ergoogelt. Es hat was mit Münzen zu tun. Mehr muss ich doch nicht wissen.

Auch der Handel ist zunehmend deutsch. Sie fahren in den Urlaub? Lidl ist schon da. Muss ich also auch auf Malta nicht auf diese miesen, fiesen, üblen, verfickten Knoblauchbrotchips verzichten, um zu verhindern, dass mich übergewichtige Mittvierzigerinnen aus Kassel mit schrillfarbenen Stolas und Sonnenbrand auf dem Dekolleté in der Hotelbar ansprechen. (hilft nicht, machen sie trotzdem)

Free Wifi bedeutet in Malta wirklich überall Free. Verbinden und gut. Im Umkreis von Hotels, Restaurants oder irgendwelchen Privatwohnungen. Sogar Tankstellen. Keine Anmeldung. Kein Passwort. Kein Nepp. Verbinden und gut. Außerhalb der Wifi-Inseln haben Sie selbst bei einem unmöglichen Provider wie O2 durchgehend stabiles H+. Kein E. Das zumindest unterscheidet Malta von Brandenburg. Der befriedigende Zustand des Internets auf Malta wird mich wieder verderben. Verwöhnen. Versauen. Oh Deutschland, du Internetmittelalter. Wie werde ich es hassen, wenn ich wieder zuhause bin.

Auf der letzten Runde durch den vergleichsweise betonierten Norden Maltas passiere ich eine bizarre Siedlung. Das hier ist keine Favela, es ist eine Kolonie von Dauercampern. Und die Deutschen natürlich mittendrin. Mit Schlandfahne auf dem Dach. Na klar. 10.000 leben inzwischen dauerhaft auf Malta, sagte mir einer. Ich kann es verstehen. Ich könnte es hier aushalten. Im Winter 20 Grad. Im Sommer 40. Wenn ich von des Borgwürfels Salär irgendwann genug zur Seite geschafft habe, dass es für ein Haus mit Klimaanlage reicht, dann siedle ich aus. Von Kaltland nach Malta.

Bonustracks:

Ehrliche Werbung:

Und abenteuerliche Stromversorgung:

God bless America for sale:

Jesus ist wirklich überall. Und er speichert dich:

Touristenscheiße vermisst? Hier. Blue Lagoon:

Und die Krötenwanderung dorthin:

Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Der Flieger ruft.


Malta: Das große Fressen

Malta: Splitter