Malta: Das große Fressen

Hotel. Hotelbuffet. Hotelbuffetraum. Es gibt in meiner Anlage nicht nur eine Möglichkeit, eine irrwitzige Menge an Essen zu sich zu nehmen. Es gibt acht. Acht Räume. In denen Sie fressen können bis Sie platzen. Morgens. Mittags. Abends. Friss. Friss. Mehr. Mehr. Rein damit. Los.

Sie haben im größten der Fressräume einen Bereich ausgewiesen, in den keine Kinder dürfen. So etwas haben sie auch draußen am Pool. Und drüben an der Bar. Keine Kinder. Adults only. Ich habe ein Kind dabei und wir gehen dort natürlich nicht hinein. Ich habe volles Verständnis. Es muss Bereiche geben, in denen kein Kind die Atmosphäre zerrockt. Es muss Leute geben dürfen, die dort gerne sitzen. Es darf ausdrücklich auch Menschen geben, die Kinder nicht mögen. Nicht bei sich haben wollen. Nicht in ihrer Nähe sein wollen. Das geht klar. Das ist ausdrücklich in Ordnung. Ich habe dort mit Kind nichts verloren, ich muss nicht überall mit Kind rein und das unterscheidet mich wohl von der großen Mehrheit elternbewegter Aktivisten, die sofort Petitionen, Hashtags und dümmliche Hochglanzartikel gebären, wenn es Orte gibt, an denen sie einmal nicht ihrer Umgebung auf den Sack gehen können.

Das Buffet ist überwältigend. Riesig. Von Feinsten. Nie endend. Und die feisten Massen fressen mit einer Energie, die mir Angst macht. Überbordend gefüllte Teller sprechen entweder von der Furcht, nichts mehr zu bekommen oder von der Faulheit, öfter als unbedingt notwendig für neue Nahrung aufstehen zu müssen. Sie bekommen hier morgens, mittags und abends so viel Essen wie Sie wollen und ich sehe zu allen drei Zeitpunkten dieselben Leute ihre Teller vollstapeln. Und noch einmal vollstapeln. Vollstapeln. Voll. Bräuchte Völlerei eine Heimat, so wäre sie hier.

Wie immer wenn die Masse ihren Weg geht, ruft sie meinen Widerwillen hervor. Den dringenden Wunsch, es anders als sie zu machen. Ich beschließe, meine gesamte Zeit in Malta vegetarisch zu bleiben. Rohkost. Cracker. Körnerbrotscheiben, die außer mir keiner nimmt. Ricotta. Käsescheibe. Melone als Höhepunkt. Im Angesicht der schwitzenden Leiber, die bei morgens schon 30 Grad in der Schlange für die triefenden Minicroissants und den gebratenen Speck stehen, möchte ich herausfinden, ob es sich einstellt, dieses berühmte moralisch überlegene Veganergefühl, dieses pralle aus den Ohren tropfende Bewusstsein, zu einem besseren Teil der Menschheit inmitten eines Meers der Sünde zu gehören.

Und das tut es. Ich fühle mich gut. Großartig. So rein. Ich fühle mich so überlegen, dass ich auf mein eigenes Spiegelbild onanieren möchte. Moralische Stärke wabert durch meine Blutbahnen und euphorisiert mich, dass ich mich bremsen muss, nicht allzu selbstzufrieden grinsend durch die Doppelkinne zu schreiten. Was bin ich gesund. Wie kann man sich nur so gehen lassen wie alle anderen. Ich bin nicht so, ich gehöre nicht dazu, ich mache es besser. Kein Tier. Kaum Fette. Bitte keinen Zucker. Als eines der Rotgesichter an mir vorbeischnauft, den Teller voller Fett, mehr Fett, Leichen, Leichenfett in pralle Würstchen gepresst und Ei, Eiern, noch mehr Eiern, unterdrücke ich nur mühsam den Drang, ihm meine Hand auf die Schultern zu legen und ihm fürsorglich auf den Weg zu geben, dass das, was er da auf dem Teller hat, nicht gut für sein Herz ist und ich nicht sicher bin, dass er, so wie er schnauft, das Jahr 2020 noch erleben wird. Mission. Mission. Ich werde Missionar. Ich bin so ein guter Mensch. Ein Vorbild. Seht mich doch an. Auf dem Teller eine halbe Salatgurke. Salatgurke! Tomate! Staudensellerie! Rote Fucking Beete! Health for life!

Ich muss unbedingt unten im Shop vorbeischauen. Vielleicht verkaufen sie Shirts mit Aufdruck: Superior. Jetzt stellt es sich doch ein, das selbstzufriedene Grinsen.

Hier so ein großartiger Mensch mit überquellendem Karmakonto zu sein bringt bedauerlicherweise mit sich, dass ich nicht so viel Auswahl habe. Ich habe sogar recht wenig Auswahl. Das was es gibt, ist sehr gut, doch es ist wenig. Platten voller Fleischscheiben haben Sie hingegen viele. In allen Formen. Schweine. Rinder. Hühner. Hasen. Lämmer. Lämmer. Ohne Ende Lämmer. Ich muss lange Wege gehen, viel suchen, viel schauen, Beilagen picken, Erbsen rauspulen. Den Brokkoli fischen. Sie unterdrücken mich, mich, den Vegetarier. Ich bekomme Lust, eine Petition zu starten, einen Zeitungsartikel oder ich mache gleich einen Twitteraccount auf und heule über die Zustände an maltesischen Buffets. Meine Ernährung ist anstrengend und die Gesellschaft ist dran schuld.

Nach drei Tagen werde ich schwach und knalle mir einen Pancake auf den Teller, den ich mit Ahornsirup übergieße. Sofort fühle ich mich schlecht. Ich bin ein Teil von ihnen geworden, ich bin nicht mehr besser als sie, ich bin jetzt auch ein Fresser, ein schwacher Mensch, jemand ohne Selbstkontrolle, einer, der sich gehen lässt. Ich bin wie sie. Morgen. Morgen hat das wieder ein Ende. Morgen ein Salatblatt. Maximal zwei. Ohne Dressing. Nicht mal mit Schafskäse. Strafe muss sein. Kastei. Kastei. Ich bin nicht wie sie. Ich bin. Nicht. Nicht. Wie sie. Bin ich nicht.

Wenn ich mich umschaue, bemerke ich, dass sich kein Schwanz dafür interessiert, was ich esse. Niemanden juckt das. Ein überlegener Mensch in diesem Leibermeer des Fresspöbels zu sein ist Arbeit. Und langweilig. Unbemerkte Arbeit. Öde. Farblos. Geschmacklos. Mäh. Es ist blöd. Bringt nix. Und schmeckt auch nicht. Ich lasse die Attitüde sein und probiere ein Lamm in einem Rosmarinthymiansud. Ist das gut. Egal. Am Arsch die Räuber. Bald ist sowieso wieder Prenzlauer Berg. Dort leben sie mir genau das wieder vor. Dort werde ich mir dann wieder eine Currywurst kaufen, um damit durch das Meer der Veganer zu schreiten, die für mich eine Gasse bilden werden. Sie regen sich immer schon schön auf und zerren ihre Kinder weg. Veganer trollen ist mein Gemüse, denn sie haben meinen Bezirk zu ihrer Zentrale gemacht.

Die Ernährungsvolte bringt neue Probleme mit sich, denn hier auf Malta nicht innerhalb einer Woche exponential fett zu werden ist schwer. Die morgendliche Laufrunde habe ich aufgrund der Temperaturen und des schlechten Zustands der Wege auf eine halbe Stunde verkürzt, was ungefähr einem Pancake entspricht. Und es gibt Aufzüge überall. Vier in Reihe. An mehreren Stellen. Prominent platziert. Immer unter Volllast. Die Treppenhäuser für meinen fünften Stock müssen Sie suchen. Sie sind versteckt. Verwinkelt. Verwaist. Keiner soll sie finden. Sie sind auch versetzt angelegt, so dass Sie lange Gänge entlanglaufen müssen, um zum Treppenabsatz für den nächsten Stock zu kommen. Verwinkelt. Labyrinthiert. So etwas wie Treppenlaufen wollte der Architekt nicht.

Ich frage mich manchmal, ob ich der Einzige bin, der seine Situation zumindest ein wenig reflektiert. Ich meine, ehrlich mal, die Szenerie ist streng genommen bizarr. Feudal. Dekadent. Hübsche schlanke junge freundliche Menschen bedienen Menschen, die speckige Dinge in speckige Körper hineinstopfen. Unterbezahlte Menschen bedienen reiche Menschen, ja sicher, so viel bringt so ein Servicegastronomiekackjob nicht ein, ich habe den selbst einmal gemacht (und gehasst). Wir sind bigott. Wir schauen uns Filme an, in denen hübsche schlanke junge freundliche Menschen miese alte fette römische Kaiser bedienen und fragen uns, warum die nicht revoltieren und den Kaiser samt Hofstaat einfach in den Tiber schmeißen, ich meine, hey, das ist doch hier nicht anders. Wieso schmeißt uns denn niemand ins Mittelmeer und findet heraus, ob diese ganzen mit Croissants gefüllten europäischen Schmerbäuche untergehen oder einfach oben auf dem Wasser rüber nach Libyen treiben, wo ihnen auf dem Weg dorthin womöglich ein prekäres Schlauchboot voller halbverhungerter Afrikaner entgegen kommt.

Ich weiß ja, ich bin ein schlechter Mitteleuropäer. Ich sitze wie eine Wanze im Überfluss voller Milch, Honig und maltesischem Rotwein und mache mir Gedanken über welche, die ihr Stück von diesem Überfluss abhaben wollen, doch die wir mit den Mitteln einer Agentur, der wir einen Namen wie ein Insektenvernichtungsmittel gegeben haben, von unseren Küsten abhalten. Jaja, gedankenloser Genuss ist meine Stärke selten. Es war immer schon mein Problem. Für einen gesunden Mitteleuropäer verdränge ich zu wenig. Jeder Annehmlichkeit wohnt immer gleich die Schwere der Kehrseite inne. Ich bin keiner, der tanzt, wenn ein paar Meter weiter die Armut an der Türe kratzt. Wenn ich Ruhe im Kopf will, trinke ich Alkohol. Oder kiffe mich ins Koma. Dieses Hirn. Dieses denkende Hirn.

Was macht denn eigentlich so eine Hotelleitung, wenn hier am Strand ein Schlauchboot anlegt, deren Besatzung von unserem feistem Buffet voller unfassbarer Massen an wahnsinnig gutem Zeug gerne was abhaben möchte? Wegen Hunger. Hunger, den wir gar nicht mehr kennen, weil es alle drei Stunden noch mehr von dem Zeug gibt, das wir alles gar nicht aufessen könnten, selbst wenn wir es wollten, weil sie immer noch mehr Nachschub haben, der nie aufhört und von dem sie zwangsläufig sehr viel wegwerfen werden. Was sollen sie auch machen mit dem ganzen übrig gebliebenen Parmaschinken, der nur deshalb nicht gegessen wurde, weil wir heute frisches rosa gebratenes Roastbeef hatten, deren noch warme Scheiben uns ein prekärer Gastronomiesklave aus Slowenien mit dem Tranchiermesser in feine Scheiben schnitt und auf den Teller legte. Was? Was wird die Hotelleitung tun? Drei Schlauchboote. 80 Afrikaner. Schockstarre Touristen mit Hühnerbein im Maul und Soße am Mundwinkel. Was wird passieren?

Ach bitte, nein, die Frage stellt sich gar nicht. Es kommen keine Afrikaner. Es kommen nie Afrikaner. Die fangen sie kurz vor der Küste ab und isolieren sie. Hier passiert nichts. Ich finde nicht heraus, was die Hotelleitung tun würde. Alles bleibt wie es immer bleibt. Wir können weiterfressen und keiner stellt uns in Frage. Niemand isst von unserem Tellerchen. Und schon gar niemand wirft uns ins Meer. Hier ist alles wie immer. Heute abend ist Mini Disco. Morgen auch. Aram Sam Sam. Guli Guli.


Malta: Splitter