Malta: Splitter

Malta. Der Jahresurlaub beginnt mit einem fontänekotzenden Kind, das ich in Gesellschaft von wie Kühe glotzenden Touristen und einer mit der Situation überforderten Touristenbetreuerin durch die Lobby aufs Klo trage. Um die noble Lobby des Hotels nicht zu sehr einzusauen, biete ich während des Tragens die Kuhle meiner Hand sowie mein Poloshirt zum Vollkotzen an. Auf dem Klo angekommen hat der kleine Magen nur noch ein paar traurige Bröckchen ehemaligen Flugzeugchicken-or-cheesebrötchens für das Waschbecken übrig. So ein Poloshirt saugt gut auf. Das Schweigen im Saale nach der Rückkehr aus der Verdammnis ist unbezahlbar und so schön bezeichnend. Menschen sind von Menschen überfordert, die nicht funktionieren. Die Gesichter sagen, dass sie mir einen indianischen Namen gegeben haben. Ich bin ab jetzt Der-Deutsche-dessen-Kind-die-Lobby-vollgekotzt-hat.

Weil das Kotzen den Tag über nicht aufhört, brauche ich einen maltesischen Arzt. Dessen Wartezimmer versetzt mich in Erstaunen, denn es gibt keinen Vorzimmerfeldwebel, der irgendwas organisiert. Keine Arzthelferseele zu sehen. Niemand, der die Reihenfolge regelt. Sie wird unter den Patienten selbstverwaltet hergestellt. Nach der Reihenfolge des Eintretens. Kein Aufrufen. Keine Bitten um Geduld. Um Bescheinigungen. Überweisungen. Chipkarten. Niemand organisiert hier irgendwas. Niemand hat ein Kommando. Niemand zieht Privatpatienten vor. Und auch niemand drängelt. Das ist so wenig deutsch wie irgendwas wenig deutsch sein kann. Ich bin zunächst überfordert, füge mich dann aber ein. Es funktioniert. Ich muss nur loslassen. Und vertrauen. Als ich vor lauter Vertrauen vergesse wann ich dran bin und nicht mehr weiß, ob noch jemand vor mir an der Reihe ist, weisen mich gleich drei Malteser nachsichtig darauf hin, dass ich nun dran bin und reingehen könne.

Im Arztzimmer läuft Musik. Pink. Just like a pill.

And I swear you’re just like a pill
Instead of makin‘ me better, you keep makin‘ me ill
You keep makin‘ me ill

Und ich muss schon wieder lachen. Dieser Minderheitenhumor. Ich könnte niemandem erklären was daran witzig ist.

Buffet. Buffet. Noch mehr Buffet. Lassen Sie sich doch von Ihrem Kind einen abwechslungsreichen Teller zum Abendbrot zusammenstellen: Pizza – noch mehr Pizza – Pommes – noch mehr Pommes – Schokoladenkuchen – Eis – noch mehr Eis – mit bunten Streuseln. Am Besten alles auf einem Teller.

Ich bin kein Freund davon, bei jedem Gang zum Buffet einen neuen Teller zu nehmen. Ich halte das für Verschwendung, stehe mit dieser Meinung jedoch vollkommen isoliert da. Selbst die Servicekräfte, denen ich mit diesem Gebaren ja Arbeit abnehmen würde, nehmen mir noch beim Aufstehen vom Tisch den benutzten Teller aus der Hand. Ich kann hier kein guter Mensch sein. Sie lassen mich nicht.

Ich könnte hier den ganzen Tag Pizza Margherita essen. Wegen mir könnte das ganze Buffet nur aus Pizza Margherita bestehen. Sie schmecken hier auf Malta den italienischen Einfluss. Dieser Teig. Meine Güte. Für eine Pizza dieser Güte bezahle ich in Prenzlauer Berg viel Geld und muss mich von hipsterigen Italopunks mit schnöseliger Berlin-Mitte-Attitüde demütigen lassen. Hier bekomme ich sie einfach so. Und alle freuen sich, dass ich heute da bin. Good evening, Sir, how are you? Do you enjoy your holiday? Sir? I wish you a pleasant evening. Sir.

Abends Krawall. Auf dem Flur neben meinem Zimmer stehen zwei Eltern und hämmern gegen ihre Hotelzimmertüre: „Open up! I said open up! Kenny! Open the door!“ Dann via Mobilfunk: „Open up! Kenny! I said open up!…“ und so weiter. Kenny treibt das Spiel etwa zwanzig Minuten. Dann Türenknallen. Nebenan fliegt etwas gegen die Wand. Geschrei. Dinge geht kaputt. Klingt nach Nachtischlampe. Oder ein Fön.

Am Pool sitzt einer mit Selfiestick und macht über eine halbe Stunde hinweg Fotos von sich.

Niemand kann angekotzter schauen als ein Teenager mit dunkelrot geschminktem Schmollmund, dem der Vater gegenüber sitzt. Mit seiner Frau, die später an den Tisch kommt, wechselt der Vater während des gesamten Essens kein Wort. Mit seiner Tochter auch nicht. Sie hassen ihn und er sieht aus als ob er das weiß.

Später bei einer Abendveranstaltung treffe ich diese groteske Kleinfamilie wieder. Eine Animateurin nötigt sie zu einem gemeinsamem Foto. Sie wollen nicht, müssen aber. Es wird ein Desaster. Das Ergebnis könnten Sie in einer Geisterbahn aufhängen. So etwas Gruseliges habe ich noch nie gesehen.

Um 18 Uhr essen die Deutschen. Und nur die Deutschen. Wenn Sie keine Deutschen sehen wollen, gehen Sie nicht um 18 Uhr essen. Sonst Socken in Sandalen. Socken in Sandalen sind deutsch. Und nur deutsch.

An der Bar der bizarrste Dialog bisher:
– Are you german?
– No. Are you german?
– No.

Einmal sehe ich einen in Socken und Sandalen auf einer Poolliege rumlümmeln, der ist kein Deutscher. Er spricht Cockney. Was ist da los? Wird das jetzt ein internationaler Trend?

Alte Frauen, die im Pool genüsslich die Augen schließen, machen mir Angst. Vermutlich pinkeln sie. Sowieso bekommt die ganze Brühe gegen Nachmittag den toxischen Geschmack von Salz, Schweiß und Sonnenmilch, der ohne dass Sie es verhindern können irgendwann Ihre Lippen benetzt. Der Pool ist ab 14 Uhr quasi unbenutzbar, aber dennoch voll.

Scheiß Fliegen.

Imaginärer Dialog mit dem Tourismusminister: ‚So did you enjoy your holiday in Malta? What did you do the whole day?‘ ‚Lying in the sun and killing flies.‘ ‚Isn’t that frustrating?‘ ‚No, absolutely not. I am a typical male hyperactive freak. I go crazy when I am forced to hang around doing nothing. So I built an Hamburger Hill full of dead flies bodies right next to my sun lounge. Must have been hundreds. Each day.‘

Phantomkrabbeln. Irgendwann spüren Sie Fliegen auf Ihrer Haut, die gar nicht da sind.

Dear guest, can you imagine how many towels are being washed without need in all the hotels in the world? Yes, I can imagine, und wenn ich jetzt dieses Handtuch auf den Boden schmeiße, stirbt dieses süße kleine Pandabärchen mit den Knopfaugen, das von seiner Mutter verstoßen wurde. Will ich das wirklich?

Ab ungefähr 6.30 Uhr sehen Sie auch hier auf Malta ganze Familien um den Pool schleichen, bewaffnet mit einer Batterie Handtüchern, die bis 7.00 Uhr alle Premiumplätze bis in die dritte Reihe erfolgreich blockiert haben. Spielen Sie das Spiel nicht mit, bleiben Ihnen die Plätze ganz hinten irgendwo bei den Mülleimern, die Sie jedoch vom Poolgeschrei der Kinder und der italienischen Mütter verschonen. Dafür stinkt es nach Puller. Sie haben die Wahl: Italienische Mütter oder stinkender Puller. Eine schwere Entscheidung, die Ihnen keiner abnehmen kann.

Italienisch. Diese Sprache funktioniert nicht in normaler Lautstärke. Sie muss geschrien werden. Was auf andere hypertonesk hysterisch wirkt, scheint Italienern normal. Wäre Twitter eine Sprache, wäre es italienisch.

Noch mehr 18-Uhr-Deutsche. Ein kleiner Junge vom Tisch nebenan macht Radau. Krakeelt. Schmeißt erst unabsichtlich einen Teller runter. Dann absichtlich das Besteck hinterher. Frustrationstoleranz ist ihm nicht gegeben. Die Mutter seufzt. Verdreht die Augen. Unternimmt jedoch nichts. Sie ist in den 40ern. Ihr Junge war der letzte Drücker vor der Unfruchtbarkeit. Furchen. Verkniffener Mund. Schon leicht hängender Oberarmspeck. Sonnenallergie. Ihre ganze Haltung transportiert nur eine Botschaft: Das soll also das Leben sein. Das war es also. Sie trägt Trekkingsandalen. In ihren Nacken hat jemand ein chinesisches Schriftzeichen tätowiert. Unter dem Aschblond ein Zentimeter Grau. Wenig könnte hier in der Abendsonne einen traurigeren Anblick abgeben als dieser Tisch mit diesen beiden Menschen.

Eltern, die es zulassen, dass sich ihr maximal 12jähriges Kind, das bereits eine kapitale Bierschürze vor sich herträgt, morgens schon den Teller mit einem unfassbaren Berg aus Bohnen, Speck, drei Spiegeleiern und fetten Würstchen volllädt, werden ihrer Aufgabe nicht gerecht.

Später am Tag werde ich jemanden aus Berlin treffen, mit dem sich ein kleiner Dialog entspinnt, in dessen Rahmen zwei Sätze fallen: „Ich bin aus Hohenschönhausen. Also da beim Lindencenter.“ Hohenschönhausen. Ich versuche, etwas Positives zu dieser Tatsache zu sagen und lanciere eine wertvolle Information: „Oh. Eine Freundin von mir wohnt dort.“ Ein Balanceakt. Ich will niemanden verletzen.

Am Hotelpool belästigt mich eine Horde dröhnend lauter Engländer mit roter Haut. Sie diskutieren Dinge. Wer fickt wen. Wer findet wen blöd. Hässlich. Schwul. Wie fickt man am besten die geile blonde Schwedin da drüben links auf der Liege, die jedes Wort versteht. Ich beginne damit, die Engländer mit Rosenkohlgasen vollzufurzen. Den gab es gestern und er gärt immer noch im Bauch vor sich hin wie die Gülle auf Brandenburger Rapsfeldern. Allein, es hilft nix. Die Engländer atmen die Gase weg. Wir wechseln die Liege. Ich habe Urlaub.

Später beim Abendessen setzen sie sich neben uns. Dieses Mal furze ich nicht. Wir wechseln gleich den Tisch.

So viele schlechte Tattoos. Ein unendlicher Reigen entsetzlich schlechter Tattoos. Und es ist noch nicht einmal Hellersdorf hier. Bald kommt die Zeit der Laser. Sie werden sich alle für jedes einzelne Vollidiotenbrandmal schämen. Sechs. Sieben Jahre. Maximal zehn. Denken Sie an mich, wenn die Tattoobutzen zu und die Laserbutzen auf machen. Es gibt viel zu tun. Lasern Sie es weg.

Der Briten nicht genug. An einem dieser Gemeinschaftsevents genannten Peinlichkeiten macht eine obszöne Frau auf sich aufmerksam, die Sie als Argument gegen alle bestehenden und möglicherweise noch auszubauenden Frauenrechte verwenden könnten, sofern Ihnen das wichtig ist. Sie winkt und gestikuliert. Ihr Junge hat heute etwas gespielt und offenbar gewonnen. Er erhält eine Urkunde, was die heillos besoffene Frau erst über die Stühle fallen und dann auf und ab spingen lässt. My babyyiiiiiiiiiii! This is MY babyyiiiiiiiiiiiiiii! Und dann führt sie einen grotesken Tanz auf, den ich mal bei Al Bundy gesehen habe, als er gemeinsam mit Bob Rooney irgendwas hingekriegt hat, in etwa vergleichbar mit den tollen Tänzen irgendwelcher Fußballer auf Bühnen.

Der bedauernswerte Junge wird von seiner immer noch tanzenden Mutter videografiert und muss seine Urkunde in die Luft halten. Und winken. Sein gequältes Grinsen registriert seine Mutter nicht. Das registriert sie nie. My Babyyiiiiiiiii! Er wird einer dieser Männer werden, die im Hobbykeller lebenden Mäusen die Haut abziehen, den Rest im Mörser zerstampfen und das Mus auf ihrer Tiefkühlpizza Tonno verteilen.

Als später gut gebaute Tänzer mit nacktem Oberkörper auftreten, rastet die Alte komplett aus. Wooooooooooo-hoooooooo! Sie zerrt wahllos irgendwelche Leute aus ihren Sitzen, fällt von hinten über Stuhlreihen und die darin sitzenden Leute, belästigt die Tänzer mit Zwischenrufen und brüllt Dinge, die keiner versteht, in den Saal. Ihre Kleider behält sie jedoch an, was ich aus ganz vielen Gründen gut finde. Ihr Mann, der dieser nicht enden wollenden Selbstentblößung viel zu lange regungslos zugeschaut hat, versucht schließlich doch, sie durch Zureden dazu zu bringen, sich zumindest wieder zu setzen, und erhält dafür eine astreine Schelle an den Hinterkopf. Er senkt den Kopf, greift nach seinem Bier und verstummt. Keiner schaut mehr auf die Tänzer, sondern auf dieses wie ein Verkehrsunfall daherkommende Beziehungselend.

Ich finde es manchmal selbst schade, dass ich mit den jeden Abend stattfindenden, vermutlich sehr professionellen Darbietungen da oben auf der Bühne nichts, aber auch wirklich gar nichts anfangen kann. Mir ist das fremd. Ich bin der Typ, der Freude daraus zieht, alleine durch karge Landschaften zu laufen und möglichst niemandem zu begegnen. Varieté. Tanz. Theater. Gesellschaftliche Ereignisse. Ich habe alles tausendfach gesehen und finde es immer langweiliger. Und das ist natürlich schade. Ignorant sowieso. Denn es steckt so viel Arbeit in allen diesen Tänzen, Akrobatiken, Zaubereien, Feuerspuckereien. Und ich kann sie nicht würdigen. Nein vielmehr noch: Da oben auf der Bühne haben welche wochenlang trainiert, rackern sich ab, schwitzen wie Hulle, geben ihr Bestes und mir ist das scheißegal. Ich penn‘ auf meinem Sitz fast ein und nur die letzten Reste gesellschaftlicher Konventionen hindern mich daran, das Smartphone rauszuholen und zu versuchen, meinen Streckenrekord für die Höhlenpiste mit dem Monster Truck beim Hill Climb Racing zu brechen.

Das alles hält mich aber dennoch nicht davon ab, einer der Tänzerinnen, als ich ihr auf dem Weg zur Bar begegne, an der ich mich betrinken will, ein „You were great. Thanks for the wonderful evening.“ ins Gesicht zu heucheln. Ich bin immer sehr glaubwürdig, wenn ich Dinge sage, die ich nicht meine. Sie bezahlen mir bald wieder Geld dafür, dass ich das gut mache. Mit dieser Routine heucheln zu können, ist eine Technik, in deren Perfektion ebenso viel Arbeit steckt wie in ihrem Flamenco. Salsa. Samba. Bunga Bunga. Jambo Jambaleia. Woher soll ich wissen was sie da tanzt.

An einem anderen Abend finde ich mich selbst auf der Bühne wieder. Elterntanzen. Die Kinder dürfen ihre Eltern auf die Bühne holen. Ich hoffe einen Moment, dass mein Kind mich vor diesem Kelch verschont, doch leider nein. Da kommt es schon angerannt und so stehe ich dort oben, habe mal Häuser besetzt, stand nachts auf Dächern, auf die Bullen wartend, ich habe Faschos durch Friedrichshain gejagt und mich von Faschos in ihrem Habitat Helle-Mitte über U-Bahn-Gleise jagen lassen. Und jetzt stehe ich mit Kind, einem Clown und fünfzehn anderen bescheuerten Eltern auf der Bühne eines mediterranen Urlaubsbunkers, mache komische Bewegungen mit den Armen und singe Aram sam sam. Wie ist es dazu gekommen? Keine Ahnung. Vergessen. Ich bin irgendwann mal an einer Weggabelung abgebogen, nicht mehr umgekehrt und jetzt bin ich hier.

Guli Guli Guli Guli Guli Ram Sam Sam.

Vor der Bühne steht ein Pulk aus locker zehn Müttern und filmt die Wonneproppenpolka bis die Linse springt. Meine spastischen Bewegungen gepaart mit diesem stoischen Gesichtsausdruck, der Väter wie mich jede Krabbelgruppe voller Prenzlauer Berg-Mütter überleben lässt, sind damit auf genau zehn Urlaubsvideos zwischen Skandinavien und der arabischen Halbinsel prominent verewigt, weil ich es versäumt habe, mich wie alle anderen Eltern ganz nach hinten zu den Kulissen zu verkrümeln.

Ram Sam Sam.

Mein Kind hat irgendwo jemanden namens Leila aufgegabelt. Und ich höre seitdem den ganzen restlichen Tag unmögliche Songzeilen in meinem hitzezerficktem Kopf: Jump around if your mind can’t work – Jump around if your mind can’t work – Abracadabra me say open sesame. Hirn oh Hirn.

Es gibt auf Malta überall großzügige Raucherbereiche. Sie können somit den Lungen- gleich mit dem Hautkrebs kombinieren. Falls Sie sich nicht entscheiden können. Nehmen Sie einfach beides.

Das Anstrengendste an so einem Hotelpool ist das stundenweise Schlafenstellen, wenn die Animateurteams unterwegs auf der Suche nach Teilnehmern für irgendwas sind. Stretching zu Kirmestechno. Wassergymnastik zu Kirmestechno. Bogenschießen ohne Kirmestechno. Fucking Minigolf. Seriously. Minigolf. Oh nein, sie haben mich gerade beim Bloggen erwischt, zu spät zum Schlafenstellen: Hello Sir! You’d like to join Watersports? Er hat Watersports gesagt. No, thank you. Ich schüttele den Kopf. No Watersports.

Animateur ist vermutlich der schlimmste Job, den es in so einem Hotel gibt. Sie müssen immer diese unerträglich gute Laune haben und feiste faule Touristen dazu bringen, etwas anderes zu tun als das, was sie am Liebsten machen wollen: Nichts. Ein paar arme Irre kriegen sie trotzdem immer zum Aquagym getrieben, bei dem alte Vetteln und knochige Blödmänner dümmliche Bewegungen im Wasser machen wie ich gestern beim Tanzen. Wie halten die Animateure diesen Anblick aus ohne vor Lachen jeden Tag zu platzen?

Zum Jobprofil eines Animateurs gehört auch, vollkommen indiskutable Leute anzusprechen und vorzugeben, sich für sie zu interessieren. Gerade trifft es einen fleischigen Briten und seine extrem schlecht tätowierte Freundin.

So how are you? Fine thanks. And you? Yeah, fine too. Thanks. Die Hölle stocksteif angelsächsischer Höflichkeitskonventionen. Zum einen entschuldigen sie sich den ganzen Tag über für irgendwelche Dinge; wenn sie zu Ihnen in den Fahrstuhl steigen, gemeinsam mit Ihnen an des Buffets Tomatenschüssel stehen und zuerst zugreifen, zu lange für drei Pancakes mit Ahornsirup brauchen oder einfach an Ihnen vorbeilaufen. Sorry. Sorry. Sorry? Oh I’m sorry. Und sie versichern sich den ganzen Tag gegenseitig, dass es ihnen gut geht. How are you? Good. How are you? Good. And you? Good. Hell yeah. I feel good. And you?

Good.

Where do you come from? Leitscheschter. Antwortet der Fleischberg mit vollem Mund, in der Hand einen doppelten Cheeseburger, den er gerade am Mittagsbuffet hergestellt hat. Bei 34 Grad und Wüstensonne. Doppelter Cheeseburger. Schlechte Tattoos. Ein zu kurzes Shirt mit … was sollen das sein … Tannenbäume?

So whats your name? Namen. Wichtig. Erste Regel bei Geschäftskontakten. Namen erfragen. Merken. Und immer wieder aufsagen, um zu zeigen, dass man ihn sich gemerkt hat. Respekt vortäuschen. Aufmerksamkeit. So tun als wäre einem der Gegenüber nicht vollkommen egal. Herr Sarschewski, schön dass Sie da sind. Darf ich Ihnen Herrn Wohlgemuth vorstellen? Die Namen. Wichtig. Die müssen sich die Animateure einprägen und drauf haben, wenn Sie den Kloppis, die sie tagsüber animiert haben, später beim Abendprogramm oder zufällig in der Lobby begegnen. Keith. Aus irgendeinem Grund habe ich mir den Namen gemerkt. Und Jennifer. Den auch. Mrs. Scheißtattoo und Mr. Poperze.

Ein weiteres Mal habe ich den richtigen Moment verpasst, mich schlafen zu stellen und werde angesprochen. Kein Watersports, sondern Konversation. Die junge Frau gibt auch bei mir sehr professionell vor, sich für mich zu interessieren. So do you enjoy your holiday? Later we will play Volleyball in the pool. Do you wanna join? So what’s your name? Und ich gebe vor, höflich zu antworten, obwohl ich eigentlich nur meine Ruhe haben will. Als ich mal eine Frage zurück stelle, weil es im zwischenmenschlichen Umgang schicklich ist, immer auch Fragen zurück zu stellen, bricht plötzlich das Eis. So where do you come from? – I’m from Krakow and here in Malta for this Animationjob. Until the end of August. – Wow. Krakow is beautiful. A part of my family is from just around the corner. Katowice. They once had a bakery there. – Katowice! My grandmother lives in Katowice! Wäre das hier eine Bar und kein Poolbereich, würden wir uns jetzt umarmen. So ist das eben. Sie können Landsmannschaftentum nie ganz ausrotten, selbst wenn Sie darauf eigentlich keinen Bock haben.

Haben Sie schon mal ‚Moonlight Shadow‘ in der Kirmestechnoversion gehört? Es dudelt hier zum Aquagym. Sie haben noch mehr von der Sorte. Wish you were here. Lemon tree. In the army now. Stand by me. Bum Bum. Es ist Rape Culture.

Es gibt tatsächlich zentimeterdick gepolsterte Bikinioberteile, damit die Titten größer aussehen als sie sind. Dass hier ein Fake vorliegt ist jedoch im Wasser eines Hotelpools augenfällig und wirkt daher in hohem Maße lächerlich. Ausgepolsterte Faketitten klappen nur unter Pullis und dann auch nur so lange bis jemand so einen Pulli auszieht.

Ich werde im Übrigen auf der Stelle damit aufhören, über die maroden Berliner Bürgersteige herzuziehen, zumindest so lange, bis ich den grauenhaften Zustand der maltesischen Bürgersteige vergessen habe. Die morgendliche Laufrunde ist hier in Malta nicht nur der Temperaturen wegen eine Herausforderung, sondern der Untergrund macht die Sache ausgesprochen anstrengend. Das hier ist schon kein Crosslauf mehr, das ist ein Hindernisparcour voller hoher Kanten, Löcher und Absätze, auf einem Weg, der so schmal ist, dass nur einer ihn begehen kann. Halbe Stunde, dann bin ich durch. Minimaltraining. Zu mehr hab‘ ich keinen Bock.

Wenn Sie in Malta mit einem der vielen öffentlichen Busse fahren wollen, müssen Sie an der Haltestelle die Hand heben, sonst hält der nicht. Die dehydrierten Mumien, die Sie manchmal an Maltas Bushaltestellen sehen können, sind Touristen, die das nicht wissen.

An einem harmlosen Nachmittag, an dem nicht einmal ich etwas Böses im Schilde führe, baumelt an einem Sonnenschirm ein Beutelchen mit der Aufschrift „I still love Berlin“. Es ist nicht meins.

Sagemol Mannfräd, soll i än Kaffä hollä? – Koscht der was? – Noi, koscht nix.

Schwaben. Es sind Schwaben. Natürlich sind sie auch hier. Ich habe mich schon gefragt wo sie bisher waren. Es ist ihnen wichtig, dass sie in meiner Nähe sind. Und dass der Kaffee nichts kostet.

In der letzten Nacht auf Malta werde auch ich kotzen, doch das weiß ich jetzt noch nicht. Der Grund ist das alte Lied: Zu viel Pizza Margherita. Zu viel Bier. Zu viel Weißwein. Zu viel Rotwein. Zu viel Sambuca. Zu viel Bourbon Cola. Es kostet ja nix.

Bonustracks:

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass mir jemand nicht nur hinterher frisst, sondern mir dafür auch hinterher reist. Hier essen Sie gut:

Ta Peter, Mellieħa, leicht angehoben, aber nicht übertrieben. Essen Sie hier Fisch.

Und:

Riviera Blue, Mellieħa, günstig, volksnah, familiär, hochanständig. Essen Sie hier den maltesischen Hasen. Und nein, lassen Sie sich nicht vom grellbunten Touristenfangdummficktransparent abschrecken. Es ist sehr gut. Nur lassen Sie die Finger vom Espresso. Es ist Dolce Gusto aus der Kapsel. Dolce Fucking Gusto. Kapselmüllhaldenberg. Naja. Dafür haben sie hier Sambuca. Fress ich halt die Bohnen.