Hurra, der Idiot ist da

Na prima. Der Idiot läuft jetzt auch. Der Idiot aus dem Borgwürfel. Also nicht der Idiot wie alle anderen Idioten, sondern der Superidiot. Der schlimmste Mensch der Welt. Läuft jetzt auch. Meldet sich zu diesen lustigen Volksläufen an und läuft da mit.

Den Superidioten kennt jeder im ganzen Borgwürfel. Er ist ein Labersack. Ein Irrelevantes-Zeug-Erzähler. Er erzählt nur Scheiße. Und hört nicht auf bis man endlich unhöflich wird und einfach geht. Es ist jemand ohne Sensor. Ohne Antenne. Fühler. Keiner, den jemand gerne bei sich hat. Er kennt keine Grenzen. Jeder vermeidet den Kontakt so weit es möglich ist.

Ich habe keine Ahnung, wer den eingestellt hat und an dieser Position hält. Der muss irgendwen kennen oder von irgendeiner Leiche in irgendeinem Keller eines Entscheidungsträgers wissen. Der kann wahrscheinlich den ganzen Borgwürfel hochgehen lassen, wenn er auspackt. Zack. Wenn der loslegt, investieren die Heuschrecken lieber in Nordkorea oder Chisibubikaio als in unseren Saftladen. Worst Case: Der Superidiot packt aus – die Bank kündigt die Kredite – der Vorstand schmeißt hin und verpisst sich mit der Abfindung – der Insolvenzverwalter macht die Hütte zu – wir fliegen alle raus und niemand nimmt uns mehr, weil wir kontaminiert sind. So. Irgendwie so wird es ablaufen, wenn jemand den Superidioten versucht zu entfernen.

Mittags ist es besonders schlimm. Jeder versucht, ihm zu entgehen. Er kann Sie überall erwischen. Im Fahrstuhl. An der Ampel. In irgendeinem Mittagspausenlokal. Wer ihm aus Unvorsichtigkeit in der Mittagspause begegnet, der kann sich sein Essen aufs Klo hängen. Oder eher nicht, weil er es erst gar nicht bekommen wird, da eher die furchtbare Kantine schließt als dass der Superidiot jemanden, den er mal gegriffen hat, von der Angel lässt.

Er ist ein trauriger Wicht. Keine Frau. Kein Mann. Kein Leben, schon gar kein soziales. Er müffelt. Sein Bart sieht aus, als würden ihn seltene Insekten zum Brüten nutzen. Die Schuhe sind vollkommen zerrüttet und natürlich nicht geputzt, was dafür spricht, dass er wenige oder eher keine Außenkontakte hat (geputzte Schuhe, da legen sie Wert drauf bei uns, sonst auf recht wenig, aber auf die Schuhe). Die Zähne pissegelb. Und er stinkt aus dem Maul, das er nicht halten kann. Ich habe keine Ahnung, was der Typ macht, das so wertvoll für einen Laden wie unseren sein kann. Ich tippe auf IT. Ja, vermutlich IT. Er programmiert irgendwas. In einem Kabuff. Ohne Tageslicht. Unter lauter Chipstüten und Pizzakartons. Und verklebten Taschentüchern. Wah. So ein Coderghul aus der Gruft. IT. Er muss von unserer IT sein. Und vermutlich kann er mit einer Tastenkombination den ganzen Borgwürfel löschen. Er ist gut. Er muss gut sein. Sonst wäre so einer nicht hier.

Aus irgendeinem Grund liebt er diese Läufe einer seltsamen Krankenkasse im Tiergarten, bei denen ich nur mitlaufe, weil sie mir für die sieben Euro Anmeldegebühr ein richtig gutes Funktionsshirt schenken. Wahrscheinlich wohnt er da. Umme Ecke. In einem Sumpfloch. Oder im vergessenen Keller der Siegessäule. In einem alten Nazibunker, in dem er Fledermäuse ausstopft. Oder sich einen Pulli aus ihnen strickt. Ich kann nicht sagen, warum er gerade diesen Lauf so gerne läuft. Vermutlich wegen des Shirts. Ich bin ja auch hier.

Letztes Jahr hat er mich erwischt, gefangen, mit Spinnenfäden eingewickelt und zugeseiert:

„Herr Stevenson! Haha!“

(Was? Haha? Scheiße warum lacht der? Und woher kennt der meinen Namen? Coder. Sag‘ ich ja. Die wissen alles.)

„Hahahaha, ich lauf‘ hier auch.“

(Grundgütiger, stinkt der aus dem Hals, da drinnen verwesen mindestens dreizehn zermörserte Ratten und die Sommerfliegen werden sich wohl gegenseitig überbieten, in seinem Maul ihre Eier legen zu dürfen.)

„Hahaha, wussten Sie schon, dass man hier ein Laufshirt geschenkt bekommt?“

(Weiß ich, du blödes Arschloch, ich hab‘ eins an.)

„Hahahaha, heute laufen wieder Kenianer mit.“

(Warum lacht der immer so? Ich kann Leute, die dauernd lachen, nicht ausstehen. Und wenn sie aus dem Hals stinken wie der Köter vom Hausmeister aus dem Darm, dann hasse ich sie noch mehr.)

„Hahaha, ich habe heute eine Schäfchenwolke gesehen. Vielleicht regnet es ja noch. Hahaha.“

(Ich zieh‘ mir gleich die Laufsocken aus und steck‘ sie ihm ins Maul. Das ist doch unerträglich. Die Blätter werden vorzeitig braun und die Tierwelt vom Tiergarten geht den Bach runter. Gleich kommt Peta und kettet sich an eine Eiche, weil der Typ alle Bäume samt Borkenkäfer mit seinem Atem vernichtet, verdammt.)

Sie lesen von mir keine Antwort, weil ich nichts gesagt habe. Weil ich nie etwas sage. Weil es das gar nicht braucht. Weil der labert und labert und labert und Sie sowieso nicht zu Wort kommen. Es gibt solche Leute. Die Stalinorgeln der Kommunikation. Die erledigen ihre Umwelt mit Worten. Zwei Mal Superidiot an einem Tag und ich beantrage eine Reha. Wegen psychischer Überforderung. So viel Information kann ich nicht verarbeiten.

Ich habe im Laufe der Zeit ein Superidiotenradar entwickelt. Ich spüre den Typen, wenn er mir nahe kommt. Ich merke im Fahrstuhl, wenn er irgendwo in einem anderen Stockwerk steht und einen Knopf gedrückt hat. Dann steige ich aus und nehme die Treppe. Ich rieche ihn um Ecken und verschwinde in irgendwelchen Büros irgendwelcher Vertriebsheinis, die sich wundern, dass ich sie besuche, wo ich das ganze Jahr über ihre Existenz ignoriere. Ich kenne seine Kantinenzeiten. Seine Zeit, zu der er morgens zur Arbeit kommt. Und die, zu der er geht. Ich kenne die S-Bahn, die er nimmt. Ich schaffe es oft, eine Begegnung zu verhindern und die Fähigkeit ist auch die beliebteste, die ich meinen Azubis weitergebe: Borgwürfel-Pacman. Weiche nicht nur dem Chef, weiche auch dem Superidioten aus. Verlieren heißt Krämpfe in Ohr und Seele.

Da.

Da ist er wieder.

Ich habe ich gespürt, bevor ich ihn gesehen habe.

Hier beim Lauf im Tiergarten.

Er scannt die Umgebung. Er weiß, dass ich hier bin. Ich bin immer hier. Weil im Tiergarten laufen toll ist, wenn man es schafft, nicht dabei erwischt zu werden. Und das Laufshirt hält ewig. Für sieben Euro.

Der Idiot scannt wirklich. Er dreht den Kopf nach links, er dreht ihn nach rechts. Ich bin mir sicher, dass er mich sucht. Er weiß, dass ich hier bin. Nimmt Witterung auf. Fast spüre ich seine enormen Nasenflügel beben. Noch 20 Minuten bis zum Start. Ich verschwinde in einem Busch, kämpfe mich durchs Gestrüpp. Dornenscheiße. Ihr Wichser, könnt ihr hier nicht Farn pflanzen? Ich sehe aus als würde ich im Gebüsch kacken gehen wollen, um diese entsetzlich stinkenden und immer viel zu wenigen Dixiklos zu vermeiden, vor denen sich kurz vor dem Start Postfilialenschlangen bilden, weil sie alle für die lausigen 6,9 Kilometer zu viel getrunken haben und die Babyblase piekt. Noch 15 Minuten. 10. Ich muss irgendwie in die vorderen Reihen des Starterfelds. Er ist übergewichtig und startet von hinten, ich werde ihm keine Chance geben. Und nach dem Lauf reiß‘ ich den Medaillenverteilern die Medaille aus den Soziologiestudentenpatschehändchen und dann ab in die U-Bahn. Scheiß auf die Dusche. Scheiß auf den Schweiß. Da drüben ist Hansaplatz, da kennen die das nicht anders. 5 Minuten. Gleich bin ich da. Gleich. Bin. Ich. Denke ich. Als ich eine Hand auf meiner Schulter spüre. Gänsehaut streichelt meine Arschbacken, mein Puller zieht sich zurück wie vor einem Kampf. Ich drehe mich viel zu langsam um und da spricht er mich an. „Sind das zwei oder drei Runden?“ fragt mich einer, der nicht der Superidiot ist. Drei. Es sind drei. Schreie ich mit einer Erleichterung raus, die ihm Angst machen muss. Ist mir egal. Gleich ist der Start. Gleich bin ich aus der Nummer raus für dieses Jahr. Er kriegt mich nicht mehr. Ich habe es geschafft, ich habe es wieder einmal geschafft. Ich habe ihn vermieden. Ich fühle mich gut.

Montag stand er an meiner Bürotür.

„Hahaha… hahaha …. haha … Sie waren doch beim Lauf im Tiergarten.“