Förder my ass / Borgwürfelblues

Der Förderdschungel ist in den Borgwürfel gewuchert. Der Buchhalter hat einen Weg gefunden, einen EU-Fonds anzuzapfen. Zur Frauenförderung. Die Mittel liegen halt da rum, also holt er sie ran und finanziert damit eine Reihe von Maßnahmen, für die wir schweineteure externe Dienstleister einkaufen: Es gibt deshalb jetzt Fortbildungen, die vermitteln, wie Frauen eine Rede halten sollen, wie Frauen Mitarbeiter motivieren sollen, wie Frauen Entscheidungen treffen und wie Frauen richtig untereinander kommunizieren sollen. Ergänzend gibt es ein Mentoringprogramm, in dessen Rahmen sie Leute suchen, die einer Frau die Fertigkeiten beibringen, die ihr helfen sollen, Männer in verschiedenen Positionen auf verschiedenen Ebenen zu ersetzen.

Mentoring. Soso. Der Subtext solcher Programme lautet ja stets, dass einem privilegierten Teil der Gesellschaft (Männer) alle Fertigkeiten automatisch in die Wiege gelegt sind, während der vernachlässigte Teil (Frauen) aufwändig gefördert werden muss, weil er es alleine nicht schafft (das Patriarchat, gläserne Decke, alte Zombies in Vorstandsetagen, die den ganzen Tag nichts besseres zu tun haben als Frauen vom Aufstieg abzuhalten). Diese Weltanschauung ist natürlich ein Konstrukt und hat wie jede andere Ideologie mit der Realität nichts gemein.

Das mag jetzt banal klingen, aber es scheint nicht mehr überall bekannt zu sein: Männer wissen, wenn sie noch ganz klein und dumm sind, auch nicht wie die Dinge funktionieren. Oft genug sind wir unsicher. Oft genug müssen wir irgendwas tun, obwohl wir die Dinge noch nie getan haben. Ich erinnere mich an meinen ersten Vortrag vor rund 300 Leuten. Da war ich 25 und keiner sagte mir wie ich das machen soll. Wie ich mich vorbereiten soll. Wie ich mich beruhigen soll. Nichts. Kein Mentoringprogramm. Keine Fortbildung. Warum auch? Zu Typen wie mir sagten sie immer schon nur „Mach mal“ und dann muss der Mann eben mal machen, egal ob er das kann oder nicht. Mich hat auch nie jemand gefragt, ob ich das will. Ob ich das kann. Ob ich überhaupt irgendwas will, was sie mich tun lassen wollen. Wie ich mir vorstelle, das zu schaffen. Und wie ich mich dabei fühle sowieso nicht. Das machen sie bis heute nicht, wenn ich irgendetwas Neues/Schwieriges/Beschissenes übernehmen soll, das in unserem Laden noch nie jemand gemacht hat. Ein schwieriger Kunde. Einen Bericht beim Vorstand. Einen Außentermin in Sachsen, den sich keiner zutraut. Doch doch. Mach mal. Mach das. Du machst das schon. Bau mal auf. Zieh mal durch. Mach das klar. Wie? Willst du Ponyhof, dann geh weg. Denn hier ist nur Stahlbad. Niemand packt dich in fluffige Wolle. Niemand legt dir ein Förderprogramm auf. Und einen Mentor gibt es auch nicht. Mach jetzt.

Wenn Sie wissen wollen, wie ich die erste Zeit überstanden habe, in der ich nicht wusste, ob ich das alles hinkriege, was sie in der Knochenmühle (danke Schirrmi) erwarten, dann könnte ich Ihnen jede Menge Mist erzählen über Selbstbeherrschung. Intristische Motivation. Hypnotischer Zustand. Yoga, Tschakka, Fitnesstraining oder so. Oder ich erzähle Ihnen das, was tatsächlich half: Es war eine kluge Auswahl an Drogen. Sie waren in der Zeit des Drucks bei gleichzeitiger Unsicherheit ein guter Ratgeber beim Halten der ersten großen Vorträge vor vielen wichtigen Leuten. Was reinpfeifen. Zum Runterkommen. Ein wenig Selbstvertrauen in die Blutbahn pumpen. Als Vehikel. So lange bis ich selbst laufen konnte. Und nein, ich rate Ihnen nicht dazu. Ich erzähle Ihnen nur, was ich gemacht habe. Ich war komplett drauf. Es lief gut.

Sie haben mich tatsächlich gefragt, ob ich Mentor werden will. Ich habe abgelehnt. Ich bin gerne Mentor für Menschen, die eine Ausbildung brauchen, aber nicht für eine gesellschaftliche Gruppe, die trotz abgeschlossener Ausbildung auch nach Jahren im Berufsleben in ein Bällebad gepackt und von anderen mit einer Sänfte in ihre Funktion getragen werden muss, in der sie dann im Zweifel auch noch über mich verfügen wird. Das hat nichts damit zu tun, jemandem den Aufstieg nicht zu gönnen, das hat was damit zu tun, jemanden den Aufstieg selbst machen zu lassen, wenn es denn ein Aufstieg sein soll. Ich sehe mich da nicht in der Verantwortung, die Stufe einer Treppe für jemand anderen zu mimen.

Diese Nichtbeteiligung am von der Borgwürfelführung theatralisch über Aushänge und Rundmails in die Büroflure geblasenen Frauenmentoringprogramms war vermutlich für jegliche noch ein wenig weiterführenden Karriereambitionen taktisch unklug. Gender gehört inzwischen in vielen Bereichen zum Werkzeug, das Sie lernen müssen, wenn Sie ab einem bestimmten Punkt weiter kommen wollen. Ohne diese Fingerfertigkeit geht es auch, ist aber schwieriger. Der gesellschaftspolitische Wind bläst stark.

Ich weiß nicht, ob es diese ganze millionenschwere Frauenförderung bringen wird. Vielleicht tut sie das. Irgendwas werden sie sich dabei sicher gedacht haben. Sie kostet sehr viel Geld, sagt der Buchhalter, er holt da ziemlich was rein, also sollte es auch was bringen. Überhaupt – sagt er – würde ich mich wundern, was die Molochs dieses Kontinents so alles durch die Gegend subventionieren: Konferenzen für Sesselfurzer, Reisen in liebliche Kurorte an der Adria (zwecks Konferenzen), Abende in schweineteuren Restaurants (im Nachgang zu Konferenzen, sie nennen das Ice-Breaking-Evening), in denen jeder Gastronom den gesoffenen Alkohol für die Abrechnung in Mineralwasser und Cola umetikettiert. Als Büromaterial abgerechnete Kaffeevollautomaten. Sonderprämien. Spesen. Elektronik nach Bedarf. Und damit das alles keiner merkt, darf sich der Fördernehmer selbst einen Wirtschaftsprüfer ausuchen, der unter die Farce seinen Stempel knallen muss. Ballyho. Schwippschwager anyone? Wir hätten da ein eigenes Büro voller BWLer im Haus. Ach ja? Kein Problem? Na super.

Der Fördermoloch. Wer da eintaucht, möchte entweder den ganzen Eiter ausbrennen oder stumpft völlig ab und nutzt was er kann. Wie der Buchhalter. Der nutzt was er kann.

Im Moment liegt der Fokus des Förderfonds auf den Frauen. Sie kriegen fast alles gefördert was Sie einreichen. Meetings. Seminare. Ganze Konferenzen. Und ich finde es seltsame Zeiten, in denen eine Gesellschaft Millionen über Millionen für eine ihrer Gruppen aufbringt, deren in Talkshows herumgereichte Vertreter eben diese Gesellschaft zugleich ein Patriarchat nennen, das sie unterdrückt. Ein Widerspruch. Gibt es die Frauensporthalle in Marzahn eigentlich noch, die von meinen Steuern bezahlt wurde und die ich nicht betreten dürfte, selbst wenn ich wollte? Na sicher. Check die Privilegien, Digger.

Na? Schlechte Laune? Bitte nicht. Denn so ein Puff wie mein Borgwürfel schreibt auch schöne Geschichten. Solcherlei hält mich über Wasser. Meine frühere Auszubildende steigt jetzt auf. Dreht auf. Bekommt Einfluss auf die Dinge. Sie war mal drei Monate bei mir. Sie war die Beste. Mit Abstand. Klug. Sympathisch. Kreativ. Innovativ. So ungewohnt gut. Und mit Blick auf die anderen. Wäre sie nicht hier, könnte man sie sogar sozial nennen. Eine Ausnahmeerscheinung. Denn oft genug habe ich nur Blender und Brüste. Oder Schlümpfe.

Jetzt steigt sie also auf. Mit Mitte 20. Sicher, die Fördermaschine gibt auch ihr Rückenwind, doch sie hätte es auch locker ohne den Popanz geschafft. Manchmal gibt es welche, die sind anders. Gut, erfolgreich, trotzdem freundlich, keine Ellbogen, nie unfair. Was zum Teufel macht die hier?

Jetzt kommen natürlich die Neider, die Ätzer. Tittenbonus, sagen die, die sich früher über sie lustig gemacht haben, weil sie aussieht wie ein Mauerblümchen. Hochgeschlafen, sagen die, die früher trompetet haben, dass die bestimmt keinen abkriegt. Widersprüche über Widersprüche. Der Affenfelsen kräht. Schmutzwäsche über Schmutzwäsche. Kübelweise Häme. Eine Peinlichkeit.

30% der Auszubildenden springen bei uns ab, weil sie es nicht packen. 50% fliegen nach der Ausbildung raus, weil wir viel mehr ausbilden als wir brauchen können, aber nur deswegen, weil es auch dafür wieder irgendeinen Fördertopf irgendeines Subventionsmolochs gibt. 20% bleiben dabei und werden Cyborgs, an die sich schon morgen keiner mehr erinnert. Ich bin einer davon.

Doch ab und zu packt es jemand und ist anders. Startet durch. Bekommt ein Gesicht. Gibt mir das Gefühl, dass es vielleicht doch ein wenig besser werden kann. Zumindest vorübergehend. Denn vermutlich kriegen sie alle irgendwann klein.

Ich kann nicht sagen, wie groß der Anteil eines Ausbilders daran ist, einen Menschen auf einen guten Weg zu bringen und wie viel davon Veranlagung, gutes Elternhaus, ein vernünftiger Lehrkörper ist, doch kommen, wenn ich tatsächlich mal Ergebnisse der Mühen sehe, auch hier an so einem Ort leichte Anzeichen von Sinn auf, wenn nicht alles, was ich so den ganzen Tag tue, für die Tonne ist und mir die immergleichen Blender und die immergleichen Brüste einfach nur Zeit stehlen.

Und weil ich sowieso gerade in einer seltsam rührseligen Stimmung bin, habe ich tatsächlich noch eine rührende Geschichte, auch wenn im Moment gar kein Weihnachten ist. Sie schlägt genau in diese Kerbe. Sie handelt von dem Sinn der Dinge.

Ich habe vor einigen Jahren mal viel Zeit in einen Jugendlichen investiert, der bei uns kurz vor dem Absturz war. Falsche Ausbildung ausgesucht. Verrannt. Abgekackt. Zusammengebrochen. Depression. Sinnlosigkeit. Diese fiese Leere, wenn die eigene Zukunft wie ein weites Land im Dämmerlicht wirkt, vor der man paralysiert steht und nicht weiter weiß.

Wir saßen über mehrere Tage zusammen und haben geredet. Ich habe mir viel Zeit genommen, es gab viel Kaffee und ich habe sogar ein wenig von mir erzählt, von dem Versuch, ein Leben zu führen, das nicht mit 30 endet. Wir haben zusammen Möglichkeiten skizziert. Neigungen gesucht. Und Beschlüsse gefasst. Er hat bei uns abgebrochen. Was Neues gemacht. Er wäre draufgegangen. Wir haben ein Exit-Szenario gebastelt. Eines, mit dem er das Gesicht wahren kann. Und ich habe eines der besten Arbeitszeugnisse meines Berufslebens geschrieben. Weil ich mir sicher war, dass es gut werden wird.

Vor ein paar Monaten hat er sich bei mir bedankt. Er wird jetzt Arzt. Geschickt hat er ein Foto, das ihn in einem Operationssaal zeigt. Er strahlt. Offenbar lernt er jetzt etwas, das ihm sinnvoll erscheint.

In solchen Momenten scheint kurz die Sonne über meinem Arbeitsplatz, dessen Existenz und seine ganzen Subexistenzen in diesem Gebilde, das ich aus purer Verzweiflung und unter Vorschützen plakativsten Galgenhumors Borgwürfel nenne, an normalen Tagen die reinste Obszönität sind. Selten scheint die Sonne. Selten. Aber muss. Sonst bleibe ich irgendwann morgens einfach liegen.