Ein Stück Filet

Sie sehen ein Stück Hochrippe für 60 Euro. Der Rest von 500 g. Nix dazu. Außer ein paar grobe Stücke Salz. Ich bin in einem Laden namens ‚Filetstück‘. Schönhauser Ecke Danziger. Home of the Touristenpulk. Center of the incredible hand-blown bicycles. Bio-Epizentrum. Hier nennen sich vermutlich sogar die Bäcker Brotmanufaktur, weil nur ‚Bäcker‘ viel zu profan für diesen Ort wäre.

Steakhäuser finde ich oft problematisch. Ich muss immer mit relativ viel Einsatz Roulette spielen und weiß nie, ob ich das bekomme, was ich will, und vor allem wie ich es will. So bestelle ich mein Leichenteil stets medium rare, erhalte es aber zu oft durchgebraten. Oder auch mal kurz vor roh.Dazu entspricht mein Fleisch gerne mal nicht dem, was für den Preis durchaus erwartet werden kann. Gerne mal sehnig, gerne mal durchzogen wie die Krampfaderbeine von Omma Kowalke, zäh, oll, nichtssagend und dann eben auch von Stümpern behandelt.

Steakhäuser finde ich zuletzt auch deshalb problematisch, weil Sie als Gegenleistung für Ihre gerne mal locker dreistellige Rechnung allzu oft einen Service wie in irgendeinem filzigen Studentenschlumpfladen bekommen – quälend langsam, verpeilt wie auf Dope, selten zu sehen und so kodderig wie möglich. Berlin, dein Personalproblem. Das zieht sich bis hoch.

Der Laden hier hat offenbar Erfolg. Sie haben Probleme, einen Platz zu bekommen. Ohne Reservierung haben Sie gar keine Chance. Vermutlich treffen sich hier die ganzen verstreuten zwangsvegetarisierten Ehemänner der hiesigen Biomütter, die sich, wenn der birkenstockbewehrte Hausdrachen gerade mal auf Pekip-Feldenkrais-Yoga mit Wocochinotopping im Dinkelbett die homöopathischen Chakren fließen lässt, aus dem kunterbunten Altbauknast schleichen, um heimlich an einem zentimeterdicken blutigen Steak zu lutschen, auf dass sie sich ganz kurz nur wieder so spüren wie früher mal, als sie noch am Leben waren. Ugga Ugga. Das Fleisch kehrt zurück nach Bionadeland Zentrum. Und ich sehe schon Selleriestückchen aus Richtung Café Anna Blume fliegen.

Wie das Fleisch ist? Sensationell gut. Natürlich. Muss es ja für den Preis. Selten so gut bekommen. Ganz ehrlich. Wenn Sie die Möglichkeit haben, solch Zeug über das Spesenkonto Ihres Borgwürfels abzurechnen, dann kann ich Ihnen das empfehlen. Privat nicht. Privat fahren Sie mit Block House locker genauso gut. Mit Maredo nicht. Maredo ist wie Autobahn. Geht gar nicht.

Ein großes Problem habe ich bereits nach wenigen Minuten identifiziert: Das Publikum in diesem Laden ist furchtbar. Grauenhaft. Zum Wegrennen. Wenn Sie in der Mitte des Raums sitzen, haben Sie in allen Himmelsrichtungen diese neue Oberschichten-Prenzlschickeria herumlungern, die zwischen Choriner und Kollwitzstraße gerade die alten alternativ-filzigen Biohansel ablöst, die vorher die Künstler und Studenten abgelöst haben und die bisher alleine für den desaströsen Ruf des Ortsteils verantwortlich waren. Was jetzt hier rumsitzt, ist schon nicht mehr lächerlich, sondern schlicht grausig. Affektiert. Gelangweilt. In permanenter Pose. Und zu viel Geld ohne Idee wohin damit.

In meiner östlichen Richtung schnöselt eine Schnepfe, dass Sie heute die U-Bahn nehmen musste, weil der Wagen in der Werkstatt ist. Dieser Straßenzeitungsverkäufer. Der stank vielleicht. Widerlich. Sie hat ihm nichts gegeben. Widerlich. Du machst dir keine Vorstellung. Dass sich Leute so gehen lassen müssen. Wi. Der. Lich. (Ich wünsche dir einen Meteoriten in dein Dachgeschoss und einen lavaspeienden Erdriss in deine Tiefgarage. Und auf jeden Fall Armut wünsche ich dir. Deine Hände im Container. Und im Mülleimer da draußen. Ist da Pfand? Pfand. Ja? Ist da Pfand?)

Hinter mir sitzt ein dummer Engländer, einer von der Sorte, von der sich jeder wünscht, dass er heute mit Leave stimmt und nie mehr wieder kommt. Er mokiert in einem zum Töten elitären Singsang, dass sein Entrecote am Rand ein wenig Fett vorweist. Hören Sie, ich musste was wegschneiden. Sehen Sie. Hören Sie. Hier. Wegschneiden. Ich musste was wegschneiden. (Ich möchte dir auch was wegschneiden, du dummer Arsch. Mit einem Teppichmesser.)

Und weil es nicht nur beim beschissenen Publikum bleiben kann, fällt als Krönung der Service gegen Ende des Abends aus der Rolle. Die Rechnung von knapp 800 Euro, die sich ob ihrer Länge auf dem Tisch zusammenrollt, müssen wir dritteln. Die Abrechnung. Die Abrechnung. Denkt denn keiner an die Abrechnung? Nobody expects the holy Schwellenwert.

Doch mit derlei ist der Service überfordert und koddert: „Wat? Soll ick dit jetzt auseinanderpfrimeln?“ Geistesgegenwärtig sagt einer: „Ich bitte darum. Pfrimeln Sie.“

Auseinanderpfrimeln. Das Stück Fleisch 60 Euro. Aperitif. Wein. Antipasti. Irgendwelche Beilagen. Einmal die Karte hoch und runter. Knapp vor 800 Euro. Und dann sagt der, ob er dit jetzt auseinanderpfrimeln soll? Pfrimeln? (Ja, du Held, pfrimel mal. Wenn Ihr hier schon Geld nehmt als würdet Ihr im Kometenschweif vom Gendarmenmarkt herumeiern, dann bringt bitte auch das Auftreten vom Gendarmenmarkt, sonst passt das nicht zusammen.)

Als dann auch noch Kartenzahlung gewünscht wird, verdreht er als kleine Einlage theatralisch die Augen und stöhnt zu allem Überfluss noch auf, als hätte noch nicht längst jeder gemerkt, dass seine Gäste ihn ankotzen. Und weil das noch nicht reicht, gehen nicht mal die Espressi aufs Haus, sondern in die Rechnung ein. Mir doch egal. Ich zahl’s ja nicht. Dennoch: Ein Trauerspiel. Bei diesem Anspruch. Bei diesen Preisen. Dem verdammt guten Essen. Was könnte das für ein Premiumladen sein. Wenn der Auftritt stimmen würde. Doch das muss er nicht. Die Leute kommen auch so.

Nein, besser doch nicht noch einmal. Nicht für den Preis. Nicht mal auf Spesen. Nächstes Mal besser gleich Konnopke auf ’ne Curry gegenüber. Die sind immer so schön freundlich. Und haben nie ein Problem mit Auseinanderpfrimeln.

Als ich zuletzt das Espressotässchen (mit dem zugegebenermaßen hervorragenden Kaffee) hebe, wird der Abschluss dann doch noch schön lakonisch:

Stimmt. Nichts ist für die Ewigkeit. Ich und der Laden hier auf keinen Fall.


Filetstück
Schönhauser Allee 45
Prenzlauer Berg