Schwarz-rot-gulp

Kaum gestohlen schon in Polen
Volksmund


Ich stehe an der Ostseestraße und wünsche mir ein Fahrrad, mit dem ich in einen abbiegenden LKW fahren kann, damit ich keine EM-Reklame mehr lesen muss.

Denn es herrscht Europameisterschaft und sie foltern mich wieder mit Wortspielen. Wahrscheinlich haben sie in der billigen Werbebutze im Hinterhof Nähe Senefelderplatz wieder einem dieser schlimmen Praktikanten den Auftrag von Media Markt auf den Katzentisch gepfeffert: Los! Macht doch mal was mit EM. Fußbooooll.

Der Praktikant ist mit Sicherheit BWLer, diese Pest aller unterfinanzierten Flachhochschulen. Wenn jemand eine Scheißidee hat, ist es meistens ein Jurist oder ein BWLer. Sowieso herrscht irgendwie immer noch BWLer-Schwemme, so dass diese Typen immer öfter auch in Exotenecken wie der Werbebranche zu finden sind, wo sich schon alle anderen Sorten gescheiterter Halbakademiker wiederfinden, die für einen ehrlichen Beruf wie Taxifahren nicht moralisch genug sind. EM schon, denn schon. Sagt er. Das ist wirklich unterste Schublade. Übler geht nicht mehr. Das ist schon kein Wortspiel mehr, das ist Wortwaterboarding. Wortwürgereizprovokation. Wortabgrund. Wortabsturz. Wortgenickschuss. Man sollte den BWLer an ein Flipchart nageln und mit unausgegorenen Konzeptpapieren füttern. Und gurgeln darf er mit einem Sud aus ausgemusterten Laserpointern, den Leggins der Vorzimmerkraft und dem Hornhautabrieb vom Chef, den jemand in einer Flasche abgestandener Rhabarberschorle von der letzten Prenzlmüttertombola verklappt und reifen hat lassen. So hängt ihn doch endlich höher, den Zerobrainer.

EM schon, denn schon. Hihihi. Gnarf Gnarf. So toll. Ein Knaller von Wortspiel. Ich will auch:

Trau, schau, EM

Ehre EM Ehre gebührt.

EM andern eine Grube gräbt fällt selbst hinein.

Ein EM kommt selten allein.

Lirum Larum Löffelstiel, EM nichts sagt der weiß nicht viel.

Applaus Applaus. So. Da nich für. Her mit meinem Honorar.

Mein Hirn…

Ach Deutschland, euer Deutschland. Die Grüne Jugend hat vor ein paar Tagen ein miesepetriges Statement zum überbordenden Fahnenmeer, dem Sie an keiner Supermarktkasse, keiner Tankstelle und nicht mal mehr beim Bäcker (Europameisterbrötchen) entkommen können, in die Welt geblasen.

Sie machen sich Sorgen, die jugendlichen Grünen. Das Fahnenmeer grenze aus. Es überhöhe. Und führe letztlich zu Gewalt.

Das Echo war enorm. Erwartbar enorm. Vermutlich sogar kalkuliert enorm. Die Mehrheit, die das Land gerade mit ihren drei Farben überzieht, sah sich gegängelt. War nicht begeistert. Amüsiert schon gleich gar nicht. Gesinnungsterror. Meinungsdiktatur. Vaterlandslose Gesellen.

Okay, was stört es mich, es trifft die Grünen. Das geht klar. Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, wenn eine der beiden Hartz IV-Parteien Tritte in die Eier bekommt. Für was auch immer. Egal. Kein Problem, Veggiday, Heizpilze, Glühbirnen, Dosenpfand, Deutschlandfahnen, macht euch unbeliebt, soll mir recht sein. Meine Nachbarschaft ist komplett grün. Freut euch schon drauf, wenn die mal regieren. Ihr werdet euch wundern. Der Scheiß, mit dem die derzeit in die Presse kommen, ist erst der Anfang. Gängelei ist kein Bug, Gängelei ist Programm. Mein giftgrüner Nachbar wohnt in drei ehemaligen Mietwohnungen, die er zu seiner zusammengeführt hat und verbringt seine Tage damit, im Hof zu kontrollieren, ob der Müll ordentlich getrennt ist. Und die Zettel, die er schreibt, wenn wieder jemand die falsche der zehn verschiedenen Mülltonnen für die Batterien und die Glasflaschen genommen hat (ich war das, ich bin das immer) sind in eine bizarre Sprache vergendert, die in jeder Hinsicht unlesbar ist, selbst für Typen, die diesen Schwachkopf aus irgendeinem Grund mögen. Grün. Grüner. Mein Nachbar. Ich fresse lieber die unfassbar stinkende Biotonne mit einer Plastikgabel restlos leer als auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, grün zu wählen. Wenn solche Typen die Macht übernehmen, gründe ich eine Guerillagruppe, die Sabotageakte gegen die dann raumgreifende Wohlverhaltensüberwachung verübt. Öffentliches Schnapstrinken. Rohes Fleisch fressen. Selbst geschlachtet. Mit einem Buttermesser aus dem Rinderleib gefetzt. Ich klebe mir Plastiktitten an den Körper. Und fange an zu rauchen. Warte Warte. Nur ein Weilchen. Dann fälle ich mit dem Hackebeilchen den brasilianischen Ökoscheißbaum im Hof, dessen Intensivpflege durch einen gottverdammten Gärtner sie mir tatsächlich auf die Betriebskostenabrechnung umlegen. Oder ich schütte einen Kanister Frostschutzmittel ins Erdreich. Scheißding.

Soweit zu den Grünen. Ich bin deren Freund nicht, wie Sie sehen. Warum sich jedoch genau diejenigen von so einer politischen Randgruppe plötzlich meinungsverfolgt fühlen, die von den Küchenfenstern über die Balkone bis zu den Autos, Haaren, Gesichtern und den über die Speckbäuche gespannten Uwe-Mundlos-Gedächtnishosenträgern nun wirklich alles, was sie in die Hände kriegen, schwarz-rot-gottstehmirbei dekorieren, versteh ick nich. Ich bin doch derjenige, der in den Supermärkten mit dem Einkaufswagen Slalom um mannshohe Türme aus schwarz-rot-grundgütigen Kartoffelchips, Bierdosenpaletten, Plastikklatschehändchen, Vuvuzelas und unfassbaren Schminksets fahren muss und vor dessen Schlafzimmerfenster der Schalalapulk sein Schalala brüllt. Ich bin der, den sie auch gerne mal anmalen. Mit ihren Landesfahnen.

Nein, wirklich, würde ich es streng sehen, würde ich sagen, dass ich der bin, der meinungsverfolgt wird. Das liegt daran, dass ich Freunde habe, die das EM-Fieber schüttelt. Verstehen Sie mich nicht falsch, meine Freunde sind toll, nur leider mögen sie Fußball. Treffe ich mich mit ihnen, um ihnen den Gefallen zu tun, gemeinsam ein Spiel ihrer Mannschaft zu sehen, dann fällt ihnen auf, dass ich gar nicht dekoriert bin und sie beginnen damit, mich anzumalen. Sie haben da dieses Triple-Farbstiftding, mit dem sie mir einmal über beide Wangen fahren. Dann noch die Stirn und ich sehe endlich komplett lächerlich aus.

Denn es kann ja nicht angehen, dass ich gänzlich ohne Markierung, ohne den gemeinsamen Code am Spielgeschehen teilhabe. Über diese Dinge schaffen sie Gemeinsamkeit, auch mit jemandem, der damit nachweislich nichts anfangen kann, der aber nie auf die Idee kommen würde, ihnen ihre lächerlichen Fahnen auszureden. Und das Tönnchen mit den Chips. Die Klatschehändchen. Käppis. Autofähnchen. Diese Luftschlangen in schwarz-rot-gloryhalleluja.

Manchmal schleppen sie mich zum Public Viewing in einen Hipsterstall voller Idioten. Irgendwo nach Mitte. Komm doch mit. Na komm schon. Wird lustig. Komm mit. Und dann stehen wir in einem Overkill aus Schwarz-Rot-Wopa-Gangnamstyle und es ist ihnen peinlich, dass mich leider schon wieder nichts an meinem Körper als Deutschlandfreund ausweist. Und dann bekomme ich ein schwarz-rot-glubgola-farbenes Schweißband ans Armgelenk. Oder ein DFB-Käppi aufgesetzt. Nee, echt mal, so ganz ohne kannst du da nicht reingehen. Du musst schon auch. Kannst ja nicht der Einzige ohne was sein. Die denken nachher noch du bist Pole.

Um mal zu testen wie die Reaktion ist, habe ich kürzlich mal beim Bier fallengelassen, mir ein Polentrikot für die EM besorgen zu wollen. So ganz ohne Farbenfirlefanz ist ja wirklich blöd und rot-weiß ist ja keine so ganz üble Farbkombi. Pommes dazu und gut. Haha. Nein? Nicht gut?

Nein, es kam nicht gut an. Sie fanden das nicht so witzig wie ich. Das Verständnis dafür war nicht da. Sie kündigten sogar an, mich so nicht mitnehmen zu wollen in ihr Fahnenmeer. Ist peinlich. Geht gar nicht. Deutschland. Du bist doch auch Deutscher. Irgendwie. Zumindest vom Pass her. Magst du unser Land nicht? Wo ist das Problem mit schwarz-rot-gold?

Dass ich im Borgwürfel aus Teambuildingsgründen bei einem gemeinsamen Tippspiel angemeldet wurde, ist da nur eine Randnotiz. Ausgerechnet ich, der Ihnen nicht sagen kann, ob Albanien besser als Portugal ist oder die bitterbösen Russen Chancen gegen die Iren hätten. Oder die Dänen. Die Griechen. Oder ob Griechenland überhaupt mitspielt. Meine neuen Teammates haben jetzt Fähnchen auf dem Schreibtisch. Ich wollte keines.

Soweit bis hier. Merken Sie es? Das Schleichende? Das Drängende? Der sanfte Druck? Diese drohende Ausgrenzung? Ich, der unbeteiligt ist wie jemand unbeteiligt sein kann, ich, der in die Welt geschissene multiethnische Bastard ohne nennenswerte Wurzeln, kann einen Ort nicht betreten ohne einen Code anzunehmen. Die Farben zu tragen. Oder zumindest fruchtlos Diskussionen zu führen, die selten gut enden, würde ich nicht recht schnell nachgeben und mich von ihrer Welle assimilieren lassen. Ich soll mich hingeben. Mitmachen. Mitschwimmen. Und verdammt nochmal mitjubeln. Der Kollektivgedanke, der mir so fremd ist, fordert stets die Positionierung. Unbeteiligt schauen geht in dieser Gesellschaft nicht. Wieso jubelst du nicht? Deutschland hat ein Tor geschossen. High five. Jetzt jubel doch mal. Im Halbfinale der WM 2014 boxte mir jemand, den ich gar nicht kannte, unfreundlich in die Seite, weil ich auch beim 6:0 nicht wie alle anderen komplett gerastet bin. Offenbar bestand der Verdacht, dass da jemand zu wenig Partypatriotismus beging.

Es wirkt zunehmend verstörend, wie wichtig es immer mehr Leuten wird, dass andere bei ihrer Sache mitmachen. Wie ernst es beginnt zu werden. Es fängt ja erst an. Farben über Farben. Wird das noch mehr? Muss ich bald noch öfter als immer nur alle zwei Jahre deklarieren, wo ich stehe? Ist neutral zu den Dingen zu stehen – eine Position, die ich sehr mag – bald nicht mehr so bequem möglich wie früher?

Soweit bis dahin. Das meinen die jungen Grünen, wenn sie von drohender Ausgrenzung sprechen. Ich verstehe sehr gut, was sie sagen wollten, nur versteht das der Hackemob natürlich nicht. Es wurde sowieso zur Unzeit kommuniziert, ist höchst missverständlich formuliert und kommt wieder einmal mit dem ewigen erhobenen Zeigefinger und überhaupt so spröde-lustfeindlich-säuerlich daher wie so ziemlich alles aus dieser Ecke. Man weiß ja, wer da spricht und von denen kam selten Gutes. Eher Gängelei. Es weht der Ruch der Verbotspartei. Gedankenpolizisten. Mülltrenner. Analfixierte Korinthenzähler. Kontrollfreaks. Gendertröten. Sprachpanscher. Umerzieher. Da kommt so ein Ding gerade recht. Steilvorlage und ab in die grüne Fresse. Und damit endet eine vom Grundgedanken her recht vernünftige Mahnung zur Zurückhaltung ganz schlicht im Boulevard zur Ausweidung. So ist das eben. Wenn die B.Z. einmal dein Ding als Aufmacher bringt und die Blasen werfende Volksseele von der Leine lässt, kannste auch heute immer noch nach Hause gehen und gepflegt abkacken. Und mit so einem mit Anlauf in den eigenen Arsch geknallten Eigentor sowieso. Taktisch klug war’s halt nicht. Aber das ist jetzt auch schon wieder egal. Acht Tage her. Acht Tage sind eine Ewigkeit.

Rot-weiß olé. Polska goła. Schalala. Lala. Gulp. Ist Polen noch dabei oder schon wieder ausgeschieden? Ich habe keine Ahnung. Nichts könnte mich weniger interessieren.


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