Bärenstark wie Berlin

Oh Hirn. Oh degeneriertes Hirn. Diese Vorlage kann ich nicht ungenutzt lassen.

Ein sinnloser Shampoohersteller macht Werbung mit dem sinnlosen Spruch „Bärenstark wie Berlin.“

Nein, ich brauche nun wirklich keinen Beweis mehr, dass Werber zu ihrem überwiegenden Teil nicht die Windboe Ahnung haben wovon sie reden. Haar. Berlin. Stark wie. Klasse. Doch. Gerne schieße ich den Elfmeter, bitte sehr, Ball auf den Punkt gelegt, Anlauf genommen und der verdiente Tritt:

Wovon reden die eigentlich? Was meinen die mit ‚bärenstark‘ im Zusammenhang mit Berlin? Vielleicht fantasieren die Texter das Haar so bärenstark wie die Berliner S-Bahn herbei. Dann müsste es konsequent ausfallen. Und irgendwo auf dem Weg liegenbleiben. „Wegen einer Störung am Fahrzeug muss die S 42, Ringbahn über Gesundbrunnen, leider entfallen. Sehen Sie zu wie Sie zu Ihrem Termin kommen. Und jetzt ficken Sie sich doch selber, Fahrgastpöbel. Ihre Entgelte, unser Versagen. Wir sind Berlin. Wir scheißen auf Ihr Wohlbefinden.“

Vielleicht wird das Haar durch die Verwendung so eines Shampoos ja auch so bärenstark wie die Berliner Verwaltung. Bewegungslos. Starr. Verkrustet. Ums Verrecken nicht zu formen. Da bewegt sich nix. Und einen Termin zum Frisiertwerden bekommen Sie auch nicht. Haha. Eine Haarpracht wie ein Bürgeramt. Überlaufen, untergegangen, komplett in Agonie. Lauter lausige Lebewesen lümmeln lustlos in irgendwelchen Zwischenräumen rum und werden an einem unwirtlichen Ort wie diesem alt. Ohne dass etwas passiert. Ist doch geil. Nur ein Shampoo brauche ich dafür nicht.

Oder hey, bitte, nehmen wir Berlins Straßen. Bärenstark kaputt. Marode. Vernachlässigt. An Orten, an denen das Prekariat neben der abgehängten Mittelschicht wohnt und die nie ein Tourist besucht, liegen gerne mal noch vom Reichsarbeitsdienst im Zuge des Germania-Programms verlegte Asphaltplatten herum. Mit Löchern wie Schießscharten. Abseits der Hauptverkehrsachsen produziert die Stadt Bilder wie aus Tadschikistan: Der Winter ist seit einem halben Jahr vorbei und sie kriegen die Straßen nicht repariert. Bald kommt der neue Winter und macht neue Löcher. Oder der Sommer schmelzt den räudigen Asphalt zu Wellen, weil sie wieder den billigsten Anbieter für die Dienstleistung genommen haben, weil sie in Berlin immer den billigsten Anbieter für eine Dienstleistung nehmen, es sei denn ein Parteifreund ist Teilhaber oder ein Baulöwe hat kräftig in irgendeine Bezirkskasse einer der Oligarchenparteien gespendet, die seit Jahrzehnten die Stadt unter sich aufteilen. Also bitte sehr, viel Spaß mit Ihren verkackten Haaren. Sie würden sich wünschen, sie wären einfach ausgefallen. Oder abgebrannt. Verdampft. Egal, Hauptsache weg statt so verrottet wie Berlin.

Möglich, dass das Haar ja auch so bärenstark wie der Berliner Wohnungsmarkt werden soll. Dann müsste das Shampoo das Haar konsequent trocken legen wie die SPD den sozialen Wohnungsbau der Stadt. Oder das Haar müsste Blasen bilden wie der ganze Spekulantenzirkus, der die Stadt überzieht. Russen. Chinesen. Norweger. Ich kenne keine Nationen mehr, nur noch Käufer. Kaufen Sie. Kaufen Sie. Schaffen Sie Eigentum. Mitte. Moabit. Sogar Lichtenberg. Bis hoch nach Französisch-Buchholz. Altbau. Maisonette. Glaskasten. Alles nach Gusto. 300. 400. 500. Tausend. Nach oben geht alles. Wir sind noch nicht München, aber bald. Was? Sie sind Geringverdiener? Aufstocker? Kompletthartzer sogar? Bitte gehen Sie weg. Für Sie gibt es vielleicht was in Hönow. Hohen Neuendorf. Ahrensfelde. Oder irgendwo jenseits von KW. Hauptsache Platte. Hauptsache Pampa. Und alle anderthalb Stunden kommt ein Bus. Hoppla hier kommen wir. Wir gentrifizieren jetzt sogar Marzahn. Und Sie sind nur im Weg.

Geht noch einer? Na klar, einer geht immer: Kann ja auch sein, dass das Haar wuchern soll. Und hoffnungslos verfilzen. Wie die ganze bärenstarke Berliner Politik, dieser Haufen aus Dilettanten, Verantwortungsabdrückern und Nichtskönnern, denen außer der Protektion ihrer rückgratlosen Parteigänger nichts einfällt und schon gar nicht irgendwas, was diese Stadt voranbringt. Dieser Sumpf hat die Stadt nach LaGeSo, Flughafen, S-Bahn und dem Untergang der Berliner Bürgerämter inzwischen so weit gebracht, dass sie Gefahr läuft, im September nicht mal mehr ordentliche Wahlen durchführen zu können. Hier kurz vor Polen existiert somit eine Großstadt als dauerhaftes Krisengebiet, deren Agonie nicht durch einen Bürgerkrieg, ethnische Konflikte, Putin oder irgendwelche Selbstmordattentate herbeigeführt wurde, sondern ganz von oben in dieser für die Stadt so typischen Mischung aus Vorsatz, Dummheit und Ignoranz. Ich lebe also in einer Art Operettenstadt ohne funktionierende gesamtgesellschaftliche Basis, die man mit Rücksicht auf die Bürger, die das ertragen müssen, in der Tat unter die Verwaltung der Vereinten Nationen stellen sollte. Blauhelme. Ich fordere Blauhelme. In jeden Bezirk ein Bataillon. Und die OSZE soll die Wahlen organisieren. Denn wir können es nicht.

Bärenstark. Wie Berlin.

Ach nee, danke, reicht, lass doch mal gut sein, der Ball ist längst im Netz, weil der Gegner gar nicht angetreten ist, er hat das Honorar kassiert und ist ab durch den Wind. Und dem Shampoohersteller bleibt der Spott. Was sich Werber denken, wenn sie so etwas schreiben? Na nichts. Es ist wie immer. Sie denken nichts. Sie denken nie was. Sie nehmen einfach ein dralles It-Girl-Halligalli-F-Promikind, das sonst auf den roten Teppichen der dekadenten Berlin-Mitte-Schickeria erbarmungswürdig vor sich hin posiert, schreiben Berlin drunter, addieren ein Alliteration gewordenes Adjektiv, das in seiner gnadenlosen Unkreativität wieder nur dem Praktikanten eingefallen sein kann, und verkaufen das an einen dummen Shampoohersteller, der keine Ahnung von Berlin hat, sonst würde er ihnen den untauglichen Slogan bei der Präsentation der neuen Kampagne zusammen mit ihrem Hochglanzexposee ob der Lächerlichkeit ganz tief in den Darm schieben und den ganzen Idiotenstall danach mit Torfspaten und Stahlrechen vom Hof jagen.