Bauschaum, Zahnspangen, Feengesäusel: Beim Heufer-Umlauf

Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt sind Typen, die ich nicht mehr sehen kann, weil sie inzwischen zu omnipräsent sind, um mir noch Spaß zu machen. Es ist das übliche Ding, das wohl alle trifft, die ganz groß rauskommen: Irgendwann kommt einer um die Ecke und mault: „Ey, isch kannte die schon, da ham die noch im Jujendhaus jespielt. Da warn se noch Straße, getz sinn se nur noch Kommerz.“

So ein Typ bin ich. Ich steige aus, wenn jemand zu groß wird. Ich hab‘ ganz früher sporadisch ‚MTV Home‘ geschaut, dann regelmäßig ’neo paradise‘ und ich bin sogar für eine Weile zu ‚Circus Halligalli‘ in den Schoß der Privatkommerzluden von Pro 7 gegangen, die sich zwei hippe Typen gekauft haben und sie jetzt durchnudeln bis sie irgendwann nicht mal in Mecklenburg-Vorpommern vor den Assiflatscreens mehr jemand sehen will. Duell um die Welt. Mein bester Feind. Zuletzt ‚Die beste Show der Welt‘. Dazwischen Werbeclips für McDonalds, irgendeine Limo und einen Reiseveranstalter. Gut is‘ nu. Ich kuck’s nicht mehr, ich kann sie nicht mehr sehen. Zu viel. Zu blöd. Zu Masse. Früher geil, jetzt mau. So isses wahrscheinlich immer.

Jetzt macht der eine von beiden Musik. Heufer-Umlauf hat eine Band mit einem von Wir sind Helden und irgendwelchen anderen Leuten, die keiner kennt, gegründet. Und wer geht da hin? Nach Potsdam ins Waschhaus? Ich. Potsdam. Schon wieder. Verdächtig viel Potsdam-Content momentan. Somuncu. Krefeld. Dub. Friseurin. Jurastudentinnen-WG. Und jetzt der Pro 7-Clown. Potsdam. Das muss aufhören.

Bei Typen wie Heufer-Umlauf wissen Sie nie so richtig, was der so ernst meint und was nicht. Was ist das hier? Was macht der da heute abend? Einen Gag? Ironie? Ja klar, bestimmt Ironie, schon wieder, sehr originell, denn da inzwischen überall alles ironisch ist, wissen Sie nirgendwo mehr woran Sie sind. Jeder kann sich morgen ein Baströckchen anziehen, sich einen Staubwedel in die Poperze stecken und gemeinsam mit einem Kamerateam über die Pfaueninsel Ringelreihen tanzen. Geht als ironisch durch. Kuck mal der Winterscheidt. Was der wieder macht. Hahaha. Alles ironisch. Wir ziehen uns ironisch schlechte Jägermeistercocktails aus ironischen Bundeswehrtassen in von Studiumabbrechern eröffneten und mit semiironischen Gartenmöbeln und superironischen „Rasen nicht betreten“-Schildern aus dem Rentnerparadies Tegel ausgestatteten Ranzkneipen rein, in denen bereits Ommas alte Lampen ironisch von der Decke hängen und einer aus Gründen der Ironie eine alte Schreibmaschine aus den 80ern auf die Theke gestellt hat, mit der auf ironischen Mitropabriefbögen überbewertete Tapas bestellt werden, die dann ironischerweise ein Typ im Eskimoanzug servieren kommt. Hip Hip. Und das Konzept ist so hammerironisch, dass sogar RTL irgendwann ein Kamerateam vorbeischickt. Mööp.

Nur beim Geld verdienen werden sie dann immer schnell sehr ernst. Das ist so heilig, dass aller Ironieaufsatz Sendepause hat. Gibt es Kater Holzig noch? Keine Ahnung, ich mache Bögen so weit ich Bögen machen kann.

In der selben Liga wie die allumfassende Ironie spielt auch diese sehr modern gewordene pseudobescheidene Attitüde, diese aufgesetzte augenzwinkernde Selbstverarsche, die alle im Moment adaptieren. Jeder macht sich jetzt selbst runter, bezeichnet sich als Stümper, Nichtskönner, ach ich bin doch nur ein Amateur, ich kann doch nix, wer bin ich denn, bla, dabei ist das nur so schön unangreifbar, denn hey, sagt mal bloß nicht, dass ich nix drauf habe, das weiß ich selber und das sag‘ ich auch genau so offen vorab, damit später keiner sagen kann, er habe es nicht gewusst. Und wenn es doch gefällt, hey, dann hab‘ ich euch aber überrascht, was dann am Ende doch nur so aufrichtig ist wie der Streberarsch aus der Schule, der lautstark Fünfen ankündigt und Einsen abräumt.

Heufer-Umlauf wird später sich und seine Band mehrmals als Amateure und Stümper labeln. Die nichts können. Keine Stadthalle vollkriegen. Was sogar stimmt, wenn ich mich so umschaue. Es wirkt gar nicht mal ausverkauft, das kleine Waschhaus.

Was wird es also werden heute abend? Ich habe vorher nicht einen Titel von ihm gehört. Keine Ahnung was da kommen wird. Verarsche? Dumme Medleys? Coversongs? Ironischer Bebop? Ja. Ironischer Bebop. Das würde passen. Und zwischendrin ein Medley aus ‚Take Five‘, ‚Mendocino‘ und der Internationalen. Mit einer Harfe gespielt und von Überraschungsgast Knorkator begleitet. Mehr Ironie geht nicht.

Was? Klingt satt? Das soll es.

Ich war gespannt auf das Publikum. Wer wird es sein? Wer kommt da? Wer kuckt sich das an? Das zumindest kann ich schnell abhandeln: Kinder. Mit ihren Eltern. 15-jährige Deutsch-LK-Vogelscheuchen mit Zahnspange und nur ganz knapp ohne Lillifeerucksack, die tatsächlich ihre Alten mitschleppen, diese spätberufenen Midlife-Mamas, bemüht und auf jeden Fall erfolglos auf jung getrimmt, die sich durchschaubar kumpelhaft an den Nachwuchs ranwanzen, der ihnen im Gegenzug die Illusion gibt, dass der Tod noch nicht bereits in 15 Jahren hinreichend realistisch sein wird, dabei wollte der Nachwuchs mit dieser Geste der Großmut womöglich nur sicher gehen, dass die blöde Alte die Karte zahlt und sie das nicht vom Taschengeld abknapsen müssen, auch wenn das bedeutet, dass man den Zombie mitschleifen muss. Ungefähr das können Sie in all den jungen Gesichtern lesen, die einen Erziehungsberechtigten an der Hacke kleben haben. So ist das. So war das immer. Eltern sind peinlich. Überall.

Besonders peinlich auch der Papa um die 50 mit Revolverheld-Shirt und versifften Freundschaftsarmbändchen, für den sich sein Sohn sichtbar schämt und der später seinen senilen notgeilen Blick nicht mehr vom Arsch der blutjungen Tanzenden vor ihm nehmen wird können. Das ist es. So etwas schaut sich das an. Kinder. Eltern. Zwei Bärtige mit Schottenrock und Stutzen. Körperkläuse. BWL-Gesichter. Die meisten minderjährig. Mit Stimmen wie Kreissägen:

Billääääääää! Da is‘ die Billääääääääää! Hey Billääääääääää! Hier sind wir! (wink wink) Billääääääääääh!

Und ich will Bauschaum. In meine Ohren. Frisch von Obi. Oder gleich Zement. Das härtet gut aus. Dann ist Ruhe, dann ist vorbei. Dann muss ich mir nur noch die Augen ausstechen, um keine pickligen Zahnspangengesichter in selbstgestrickten Pullis mehr sehen zu müssen.

Die Vorband ist ein Duo mit Keyboard und Gitarre und niemand mag Vorbands, nicht mal hier, was sich darin äußert, dass das Gemurmel um mich herum lauter ist als das Gezimbel von der Bühne. Die da oben heißen Sarah & Julian und spielen diesen gerade in den Sushibars der Stadt sehr beliebten Angus & Julia Stone-Fahrstuhlmusik-Klimperpop mit Brummbär-meets-Feensäuselstimme, weichgespült, peinlich bemüht, nicht depressiv (das wär‘ ja wenigstens was) zu wirken. Superkorrekt die Texte. Megabrav der Stil. Keine Kante. Keine Falte. Irgendwie so … vegan.

Als Julian (auf jeden Fall mit Fusselbart) zu einem Song über Aschaffenburg anmerkt, dass in Aschaffenburg Lederhosen getragen werden, worauf Sarah (die einen Blumenkranz im Haar trägt und aus Aschaffenburg kommt) ihn unvermittelt angiftet, dass das wohl nicht stimmt und er überhaupt keine Ahnung von Aschaffenburg habe, wonach Julian demütig verstummt, schalte ich ab. Kinderquatsch. Nöliger Unsinn. Ich will das nicht mehr hören. Hätte ich den Player mit, würde ich ihn sehr laut stellen, gerade so als führe ich S-Bahn gemeinsam mit Leuten, die Leute annölen.

Stop. Interlude: Motiv. Smartphone-Idiot fotografiert Smartphone-Idiot, der einen Smartphone-Idioten fotografiert. Es blitzt und blinkt im Raume umher. Erkläre mir mal jemand, welcher Sinn dahinter steckt, in einem Konzertsaal einen Blitz zu verwenden. Was wollen die Menschen damit erhellen? Wem nutzt das?

So. Was macht er denn nun für Musik, der Herr Heufer-Umlauf? Auch das ist schnell abgehandelt. Kennen Sie Revolverheld? Und mögen Sie etwa Revolverheld? Kettcar? Tomte? Bosse? Adel Tawil? Diese ganze schnullideutsche Studentenmucke, die so symptomatisch für die ganze biedere Schweighöferisierung einer ganzen Generation steht, mit denen uns die, die nach uns kommen, überrollen und einlullen werden und zwar so lange bis ihnen schließlich (und da warte ich drauf) ihre eigenen Kinder ob der ganzen unerträglichen Bräsigkeit wie schraubengefüllte Streubomben um die Ohren fliegen werden? Kennen Sie? Ja? Kennze Kennze? So. Exakt so ’ne Musik macht der. Mehr nicht.