Leise Servus, Billy

Potsdamer Platz. Berlins Ausgeburt an Sterilität. Eine Bar namens Billy Wilders hat zugemacht. Für immer. Das spült auf einen Schlag eine Flut aus Erinnerungen an meine Oberfläche.

Das Billy Wilders hat mich stets vergessen lassen, dass diese künstliche, auf eine Art Mini-Manhattan getrimmte Retortenstadt niemals natürliches urbanes Leben hervorbringen würde. Sie würde nie cool sein. Nur hier im Billy Wilders bekam ich eine Ahnung davon, wie es anders hätte sein können, hier war die Insel in dem Meer aus Glas und Beton.

Das Billy Wilders hat gebrummt. Und das trotz des Orts. Trotz der Deutschen Bahn darüber. Und Legoland nebenan.

Sie hatten hochanständige Cocktails. Magier hinterm Tresen. Hier im Billy Wilders habe ich sogar gelegentlich Bloody Mary getrunken. Dabei hasse ich Bloody Mary. Nur im Billy Wilders hasste ich sie nicht.

Beschissene Toiletten hatten sie hier. Nicht beschissen der Hygiene wegen, sondern ob des Wegs dorthin. Ein Manko. Es begeisterte mich nicht, erst das Lokal zu verlassen, um dann mit dem Aufzug in die unterste Ebene des Sony-Centers zu fahren, damit ich dort pissen kann, um dann wieder hoch zu fahren, damit ich weitertrinken kann.

Vor allem vertrug sich das grell-kalte Neonlicht von Sonys Fahrstuhlkabine nicht mit dem im Billy Wilders angesoffenen Alkoholteint und führte oft zu akuter Spontanernüchterung beim Blick in ein Spiegelbild, das mir bei jedem Toilettengang die mitternächtliche Wahrheit ins Gesicht spie. Blass. Bleich. Augenringe. Geplatzte Äderchen. Und ist das da am Kinn ein Pickel? Bei so viel brutal ausgeleuchteter Realität hilft nicht mal Koks. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte.

Im Billy Wilders hat sich einer meiner ältesten Freunde mir gegenüber geoutet. Er war sehr nervös und in großer Sorge, dass ich aufstehen und gehen könnte. Er druckste erst stundenlang herum und brachte es dann doch. Als er fertig war, habe ich mich geoutet. Lachend. Ich war nicht in Sorge. Was ich tat war ja auch nicht halb so mutig.

Ins Billy Wilders bin ich manchmal geflüchtet, um der Belagerung durch eine Frau zu entgehen. Sie schrieb über Monate Briefe, SMS, E-Mails. Seitenweise. Schau her. Das bin ich. Hier ist mein Leben. Los. Nimm. Rette mich. Mich. Mich. Ich. Ich. Ich. Denn du bist es. Dich habe ich gewählt. Ich ging nicht mehr ans Telefon. War kaum zu Hause. Immer wenn ich einen ihrer Versuche gekontert habe, ging sie danach um so entschlossener vor. Seitdem weiß ich, dass es Menschen gibt, mit denen Sie nicht reden, sondern die Sie nur aussitzen können. Sie fing die Nachbarn ab. Erfand wilde Geschichten als könnten die Nachbarn meine Türe (mein Herz) öffnen. Sie klopfte. Sie hämmerte. Klingelte Sturm. Schrie. Wollte rein. Ich tauchte unter. Ließ mich auf Arbeit verleugnen. Schlich über einen anderen Eingang durch den Hof in mein Treppenhaus. Fuhr mit dem Auto um den Block, um auszuschließen, dass sie wartete und von irgendwo meine Fenster beobachtete. Nach drei Monaten fand sie einen anderen, der als Erlösung herhalten sollte. Sie sandte mir Fotos, um mir zu zeigen was ich verpasste. Ich ging ins Billy Wilders, um ihr neues Glück zu feiern.

Im Billy Wilders habe ich eine totgerittene Freundschaft beendet, entschieden, mit dem traurigen Rest einer zu Trümmern gerockten Familie zu brechen, auf das beste Kind der Welt angestoßen, das gerade seine ersten Tage auf dieser Erde hinter sich brachte, ich habe neue Pläne gemacht und verworfen, Wege verlassen, Entscheidungen getroffen, die nie wieder rückgängig zu machen sind. Ich wollte, dass die Zukunft damit aufhört, die Gegenwart zu spiegeln. Sie hatten hier im Billy Wilders 15-jährigen Glenlivet. Der hilft immer. Bei allem.

Im Billy Wilders habe ich mit Sambuca und Long Island Ice Tea die Volte des Zufalls runtergespült, dass eine arme Sau mit dem Namen Torsten den Hauptgewinn im Vaterschaftstest einer abgefuckten Potsdamer Jurastudentin gezogen hat, die in einer Serie übler Nächte unter dem Einfluss aller zu jener Zeit verfügbaren Drogen eine Reihe Männer im Schlafzimmer ihrer Jurastudentinnenbutze durchgenudelt hat. Darunter mich. Ich war eine Weile davon überzeugt, dass mir wegen solcher Aktionen irgendwann mal der Schwanz abfault. Doch das ist nicht passiert.

Im Billy Wilders habe ich mich gerne mit einer Friseurin getroffen. Sie hieß tatsächlich Mandy, war sonnenblumenblond und kam aus einem deprimierenden Potsdamer Ortsteil mit dem euphemistischen Namen „Am Stern“, dessen einzige Attraktion ein riesiges Einkaufszentrum ist, in dem sie gemeinsam mit ihren Freundinnen als Höhepunkt eines weiteren ereignislosen Tages abhing und über Dinge kicherte. Sie war nicht sehr hübsch, ungebildet in einem vorher nie so aus der Nähe erlebten Ausmaß und beherbergte ein so schlichtes Gemüt, dass es mir nüchtern große Schmerzen bereitete, wenn unsere Dialoge über mehr als zwei Sätze hinausgingen. Dafür war sie sehr nett zu mir. Es gibt Zeiten, da reicht das schon. Wenn mein Gesicht zwischen ihren obszön riesigen Brüsten verschwand, war mein Leben für eine kurze Zeit kein Desaster mehr. Mandy war das, was heute nur noch ein fernes Klischee ist, das Ihnen keiner mehr glaubt. Über ihre fiese Narbe an der Oberlippe hat sie nie geredet. Und ich habe nie gefragt.

Im Billy Wilders habe ich den Tod meiner Großmutter, dem einzigen Menschen meiner Familie, der was taugte, begossen. Und begossen. Bis Mitternacht begossen. Besinnungslos begossen. Geschlafen habe ich im nahen Mendelsson-Bartholdy-Park. Am nächsten Morgen war meine Oma immer noch tot und die U-Bahn laut. Ich stank.

Im Billy Wilders habe ich zum ersten Mal einen Mann geküsst. Ich fand es gut. Und kratzig. Die meisten Männer, die meine Wege kreuzten, küssten gut. Und waren kratzig. Männer küssen im Allgemeinen leidenschaftlicher. Nicht so passiv. Dieses heiße Verlangen, dieses unbedingte Wollen, das gut küssende Männer auszeichnet, kriegen die meisten Frauen nicht hin. Natürlich ist das nur meine Meinung. Es ist alles immer nur meine Meinung.

Im Billy Wilders hat mich die 50-jährige Direktorin meines Ausbildungsbetriebs erst abgefüllt, dann in ein billiges Hotelzimmer irgendwo an der Potse gebracht und erfolglos versucht, mir einen runter zu holen. Es ging gar nichts. Vermutlich war ich zu besoffen. Oder es war der Käse, nach dem sie roch. Sie hat mich erst beschimpft. Dann verhöhnt. Zuletzt sich wortreich entschuldigt. Ich habe nichts gesagt, sondern nur meine Sachen zusammen gesucht und bin an den Nutten der Kurfürstenstraße vorbei zur U2 gelaufen. Später gab sie mir vor lauter schlechtem Gewissen legendär gute Praxisnoten. Und persönliche Empfehlungen, die dazu geeignet waren, Türen zu öffnen. Türen, durch die ich gegangen bin. Es war das zweite Mal, dass ich mit jemandem ins Bett gehen musste, von dem ich beruflich abhing. Und es waren beide Male ältere Frauen, die mich ausbilden und benoten sollten, beide mit dieser Leere in ihren Leben, die sie für einen Abend mit jemandem vergessen machen wollten, der im Weg herumstand und sich in Duldungsstarre mitnehmen ließ.

Jahre später habe ich die Direktorin mit dem Smartphone gegoogelt, als ich im Billy Wilders auf dem selben Platz wie in jener furchtbaren Nacht gesessen und mich an ihren burgunderrot geschminkten Mund erinnert habe, der die Bestandteile eines Käsetellers mit schwerem Rotwein und einer Schüssel Oliven in einer Unappetitlichkeit durchwalkte, die auf perverse Art faszinierend war. Ich fand Artikel in einigen Brandenburger Lokalzeitungen über sie. Mit Fotos, auf denen sie Hände schüttelt. Man hat sie sogar interviewt. Sie verkauft jetzt innovative Dinge, die die Umwelt schonen und lanciert ihre Produkte sehr geschickt.

Ich komme gut klar. Ich komme sehr gut klar.

Servus, Billy. Leise Servus.