Pappnasen und Wachsfiguren

Und schon ist es passiert. Ich sitze in der Touristenfliegenfalle, ich hänge bei Madame Tussauds unter den Linden fest. Teuer ist das Ding, meine Güte, irgendwas um die 20 Euro für einen Besucher, ihr seid doch verrückt, nur für ein paar Puppen. Ich für meinen Teil kam wenigstens mit irgendeinem „2 für 1“-Ding rein, immerhin. Doch es ginge wohl auch ohne, denn die Touristen stehen trotzdem Schlange bis raus auf den Boulevard. So gesehen könnten die auch 30 nehmen oder 50, die zahlen das trotzdem.

Manchmal fühlte ich mich ein wenig verarscht. Nicht alle Prominenten vermochte ich zu erkennen, sie sind zu sehr verfremdet, bestimmt nicht mit Absicht, sondern es hat halt nicht für mehr gereicht.

Wer soll das sein? Franz Beckenbauer? Jetzt hört doch auf, der sieht eher aus wie ein nach Brüssel abgeschobener Politiker, der sich gerade über sein Sitzungsgeld freut, aber doch nicht wie Beckenbauer. Ehrlich mal.

Und das hier? Marlene Dietrich? Ute Lemper? Eine Puffmutter von der Reeperbahn? Wegen mir eher eine Gummipuppe von Beate Uhse. Meine Güte.

Ja, JFK. Schon klar. Mit viel Fantasie. Oder ein Liftboy im Hyatt, was weiß ich denn?

Für Birne braucht man auch viel Vorstellungsvermögen. Der war viel gebirgsmassiver, viel dicker und viel birniger. Au mann…

Oder hier:

Nina Hagen? Cindy Lauper? Die Eule vom Punkertreff am Alexanderplatz?

Manche hingegen sind ganz gut getroffen, der geile Depp zum Beispiel.

Auch den Brüller hätte man nicht besser porträtieren können.

Doch der Lustigste ist mal wieder Adolf. Den haben sie hinter Mauern in einer Art Kerker versteckt, damit auch ja jeder Tourist mitschneidet, dass die Deutschen den heute nicht mehr gut finden. Man darf ihn auch nicht fotografieren, weil man das Böse nicht fotografieren darf (wahrscheinlich wird es sonst wieder lebendig). Das ist so furchtbar arm, so unsouverän, so klein, dass mir dafür sogar der Sinn nach Spott abhanden kommt. Klar ist der böse. Doch das weiß inzwischen auch jeder als dass derlei plakativer Mist heute noch so lustlos in heiliger Abgrenzungsroutine zelebriert werden muss.

Nach 40 Minuten war ich dann durch. Ich hab‘ Henry Maske mit einem Boxhandschuh symbolisch auf die Fresse gehauen, meinem Kumpel, dem King, gönnerhaft den Arm um die Schulter gelegt, mir zusammen mit Bismarck eine Pickelhaube aufgesetzt und mit Angelina Jolie gekuschelt, was ganz gut lief, weil Brad Pitt nicht ansatzweise so aussieht wie Brad Pitt in echt und ich mich somit nicht ganz so schlecht fühlen muss, mit Wachspuppen-Angelina rumzumachen. Er war ja nicht da.

Später habe ich mich dann für die Klischeefotos geschämt. Da kann ich mich ja gleich mit den silbern angemalten Armee-Pappkameraden vom Brandenburger Tor fotografieren lassen oder eine nachgemachte Sowjetmütze aufsetzen und mich dort gleich auch noch zur Bratwurst machen. Au mann, so schnell geht Hirn flöten und ich werde wie sie alle, die ganze Herde…

Ja, prima, viel Spaß damit, am besten ohne mich, das nächste Mal lade ich die Verwandtschaft nur vor dem Eingang ab, gehe einen überteuerten Kaffee im Einstein trinken und hole die ganzen Verzückten eine halbe Stunde später wieder ab.

Berlin-Mitte. Touristentand. Für mich ist das Ausland hier. Nur ohne Grenzkontrolle.


Ein alter bebildeter Text von mir, den ich auf dem Bewertungsportal Qype gepostet habe, das es schon lange nicht mehr gibt. Ich kleb‘ mir das mal aus Nostalgiegründen hier rein. 2010 war das. Auch schon wieder sechs Jahre her. Ich musste den Text ein paar Mal umschreiben, bis die Zensur ihn zuletzt stehenließ. Es sei nämlich eine unzulässige Tatsachenbehauptung, zu behaupten, die Puppen sähen nicht aus wie ihre Vorbilder. Soso.

An dem ganzen üblen Wachsfigurenmist dürfte sich nichts geändert haben, bis auf die Puppen, da gibt’s bestimmt öfter mal neue, keine Ahnung, ich war seitdem nicht mehr da und ich will da auch nicht mehr hin. Da kann die bucklige Verwandtschaft in Zukunft gerne alleine hingehen.