Versteh ick nich (6)

Zu den Dingen, mit denen Sie sich im Rahmen einer Privatisierung abfinden müssen, gehört, dass die Dinge teurer und die Dienstleistungen schlechter werden.

Teurer wird die Deutsche Post inzwischen im Jahresrhythmus. Und die Warteschlangen in den Filialen sind Legion. Darüber hinaus kommen Dinge weg. Sachen verschwinden. Versuchen Sie doch mal, einen USB-Stick zu verschicken. Ich habe im Borgwürfel manchmal Kundschaft, die die Dateien, die im Rahmen der Zusammenarbeit entstehen, nicht via Cloud übersandt haben möchte – wegen NSA, die alles abschnorchelnden Amerikaner, Chinesen, Russen, Taiwanesen, Finanzamt, der BND, Herr Rossi sucht das Glück. Und wenn diese Kunden für PGP zu blöd sind, bleibt eben nur der Stick.

Da ich mich nicht mit meinem Kontakt um Mitternacht unter der Glienicker Brücke treffen möchte, um im Schutze der Büsche den Stick in einer fremden Manteltasche verschwinden zu lassen, verschicke ich das Ding mit der Post. Damit hat nie ein Kunde ein Problem, egal wie paranoid auch immer er ist. Weil jeder aus irgendeinem Grund immer noch glaubt, dass die Post vertrauenswürdig ist. Beamte. Postbeamte. Der freundliche Briefträger. Die Vertrauensperson. Der die Fracht notfalls mit seinem Leben schützen würde, eine Fracht, so sicher wie in Bundesposts Schoß.

Haha.

Die letzten Dateien habe ich via USB-Stick ganze drei Mal verschicken müssen. Denn sie kamen zwei Mal nicht an. Nix. Weg. Und immer wieder folgt nur die übliche Verlustanzeige, der nie jemand nachgeht in diesem Moloch von privatisierter Dienstleistungswüste eines Briefzustellers. Erstattet bekommen habe ich auch nichts, aber das ist mir egal. Es ist sowieso nur das Portogeld vom Borgwürfel, nicht meines. Soll der Buchhalter das verbuchen wo er will. Juckt mich nicht. Ich werde für dumme Powerpointvorträge vor einem Publikum aus Pinguinen und das Verausgaben von Spesen in mittelmäßigen Frankfurter Pizzerien bezahlt, nicht für kreative Buchführungsideen.

Haben Sie schon einmal ein Ladekabel bestellt? Ich schon. Fünf Mal. Drei Mal davon kam es weg. Eine arme Sau aus Gießen, die aufgrund ihres Wohnorts schon gestraft genug ist, musste mir drei Mal ein Ladekabel schicken und die restlichen beiden Sendungen als Verlust verbuchen. Denn so ein Ladekabel für Vierfuffzig versichert doch keiner, der seinen Verstand noch nicht wie ein durchschnittlicher S-Bahn-Druffi ins Hirnzellennirwana zersoffen hat.

Da so viel konzentriertes Unvermögen selbst bei der Post schwer vorstellbar ist, dürfte eines recht klar sein: Irgendwer greift das ganze Zeug ab. Oder besser: Viele Leute greifen viele Dinge ab. Kleinteile natürlich, die sich ertasten lassen. Nix teures. Massenware. Die keiner versichert, nach der keiner forscht, die nicht getrackt wird. Die jeder als Verlust einpreist. Sowas kommt weg. Das macht jemand auf und eignet es sich an. Das perfekte Verbrechen. Und die Post ist inzwischen so vertrauenswürdig wie mein letzter auf Speed hängen gebliebener Assikumpel von früher, wenn er sich noch mehr von dem Geld leihen will, das er nie zurückzahlt. Nicht mal meine Oma selig würde heute noch einen 10 Mark-Schein von Hamburg nach Berlin zum chronisch notleidenden Enkel schicken. Das kommt doch weg. Alles kommt weg. Die riechen das.

Wie verrückt muss einer noch sein, auf dieser wackeligen Basis ein semiprofessionelles Business hoch zu ziehen? Subverticker bei Amazon. Ebay. Webshop für Kleinscheiß. Startupbutze, die ihren knapp kalkulierten Kram bundesweit per Post vertickert. Wer macht das ernsthaft noch? Wer tut sich das an? Wer ist so verrückt? Wer soll das bezahlen? Das ist nicht nur ein Verlustgeschäft, es ist ökonomischer Unsinn.

Und Sie? Vermissen Sie die alten schlurfigen Beamten? Die Respektspersonen? Die mit Seele bei der Sache waren? Liegt es überhaupt an deren Verschwinden? Oder eher daran, dass heute in dieser Zeit, in der jeder Kleinfurz im Netz bestellt wird, mehr Zeug versandt wird, das sich abzugreifen lohnt, weil wegen des geringen Marktwerts keiner dahinter nachforscht, wenn es weg kommt?

Wie auch immer. Erstaunlich viele Menschen vertrauen immer noch dieser gelben Post. Nicht ich. Nix für mich. Ick versteh’s nich.

 


nix versteh

 


 

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