Der Hannes

All die nüchternen Rechner, die coolen Gewinner
Die Durchblicker, kommen und geh’n
Und ich werde wohl wieder auf Seiten der Spinner
Der Narren und Traumtänzer steh’n
Hannes Wader


Konzertreigen momentan. Vom Nazionkel zum Kommunistenbarden. Zu den Dingen, die ich immer mal machen wolle, so lange es noch geht, ist ein Hannes Wader-Konzert. Ich habe viel gehört vom Unbeugsamen, von dem mit der Haltung, vom Charakterkopf, vom Streitbaren, dem, der sich nun wirklich nicht kaufen ließ.

Ich mag Charakterköpfe. Ich mag Menschen, die nicht so sind wie alle. Typen mit Haltung. Leider sind von denen mit Haltung in der Öffentlichkeit nur noch wenige da und die sind schon sehr alt. So wie Hannes Wader. Er war ja mal Mitglied der DKP, einer von der DDR subventionierten westdeutschen Betonkopfpartei, die es sogar immer noch gibt, zumindest hängen hier kurz vor dem 1. Mai immer mal wieder ein paar Plakate von ihnen in der Gegend herum und auf jeder Demo für oder gegen irgendwas stehen ergraute Krieger mit roten Nelken am Revers an den neuralgischen Orten Spalier, an denen jeder vorbei muss, und verteilen ihre altertümlichen Papierpamphlete gegen Imperialismus, die nie einer liest, sondern immer nur milde lächelnd mitnimmt wie Opas blöde alte 68er-Geschichten, die keiner mehr hören kann.

Waders Austritt aus diesem Club ist über zwanzig Jahre her, doch sie schmieren ihm das immer noch als immer wiederkehrenden Vorwurf aufs Brot. Dieser Umstand zumindest verbindet ihn mit Onkel Weidner, nur andersherum. Es läuft das übliche Ding, das mit allen läuft: Einen Irrtum begangen = ewige Scheiße am Hacken. Es ist wohl so, dass Sie als Mensch immer Ihr gesamtes Päckchen mitsamt Ihren gesammelten Peinlichkeiten bis zum Ende tragen müssen, auch wenn Sie dessen Inhalt schon lange nicht mehr mögen. Denn nicht nur das Internet vergisst nie.

Wir haben nicht mehr wirklich viele dieser … nun ja, stumpfes Wort, aber muss ja … Vorbilder, dieser Unbeugsamen, jener Menschen, denen ich mit Respekt gegenübertreten würde, würden sie meinen Weg kreuzen. Roger Willemsen ist tot. Klaus Bednarz auch. Degenhardt sowieso. Und Friedrich Küppersbusch funkt im gebührensubventionierten Radio fast publikumslos vor sich hin. Sogar Reinhard Mey hat aufgehört (den hätte ich auch gerne noch einmal gesehen), was ihn mit Georg Schramm verbindet, dessen schmerzende Lücke auch kein Uthoff füllen kann.

Viel mehr fallen mir nicht mehr ein, denen ich auch nur den Inhalt ihrer Einkaufsliste glauben würde. In der Politik sowieso nicht. Heute ist nur noch Gabriel. Solche Typen. Einer wie der ganze andere Rest nur ein trauriger satter Haufen charakterloser käuflicher Opportunisten, nicht glaubwürdiger als ein abgerissener Verchecker vor einem kahlgepinkelten Busch in der Hasenheide, der mit Scheuerpulver versetztes Backtriebmittel als Koks verkauft. Das oder – und das ist das andere fürchterliche Angebot, das sie machen – wir haben von Ideologie besessene Furien mit Missionierungsdrang, so charismatisch wie Dörrobst in einem Jutebeutel und so emanzipatorisch wie ein Zentralkommitee voller greiser Mumien. Menschenfreunde sind das alles nicht. Die Menschenfreunde sterben gerade aus.

Wenn Sie hier schon ein paar Jahre mitlesen, dann wissen Sie wahrscheinlich, dass ich mal Gerhard Schröder gewählt habe. 1998. Das war das erste Mal, dass ich gewählt habe und ich habe es genutzt, mit zu helfen, diesen unerträglich ewigen Kohl los zu werden, der fast so lange regiert hat wie ich auf der Welt war. Ich hätte auch einen geschlechtskranken Affen mit Zimbeln in den Händen gewählt, wenn er eine Chance gehabt hätte, diesen verfluchten Kohl zu ersetzen. Doch das war gar nicht nötig, denn Schröder erschien mir fresh, links, frech, ein toller Typ. Und auch noch in der richtigen Partei, dieser SPD, die ich wählen soll, sagte mein Großvater, der letzte ehrliche Malocher meiner intellektuell und moralisch restlos heruntergewirtschafteten Familie. In der SPD waren die Guten und zusammen mit dem alten Straßenkämpfer der genauso integer wirkenden grünen Partei konnte nun wirklich nichts schief gehen. Da wehte frischer Wind, da ging was los, da war was im Busch. Jetzt wusste ich wie das war mit dem Muff und den Talaren. Ich wollte nichts lieber als ausfegen, diesen vermockerten Stall. 1000 Jahre Kohl. Vorbei.

Ich hielt das, was ich da erlebte, tatsächlich für einen Aufbruch.

Was dann kam, ist zu sattsam und erschöpfend bekannt, um es hier noch einmal breit zu treten: Senkung des Steuersatzes für Spitzenverdiener. Deregulierung der Banken. Blüms krisensichere Rente durch nutzloses Riestern ersetzt. Hartz IV. Der erste Kriegseinsatz der Bundeswehr. Dosenpfand. Und Gender. Nicht mal das Kiffen haben sie legalisiert.

Warum die SPD heute immer noch auf 20% in den seriösen Umfragen kommt, wundert mich sehr. Sie müssten sehr viel mehr Leute als die übrigen 80% verraten und verkauft haben. Es müsste daher deutlich weniger als 20% sein. Ich kann mir nur schwer erklären, wer die eigentlich noch wählt. Schranzen. Günstlinge. Profitanten. Sicherlich. Aber damit kommt man doch nicht auf 20%.

Ich habe nach 1998 noch einmal meinen Arsch in mein Wahllokal in dieser fiesen heruntergekommenen Scheißschule geschleppt, in dem ein paar krank aussehende wahlhelferverpflichtete Beamte mürrisch herumsaßen und nicht mal so taten als würde diese Veranstaltung hier irgendeine Rolle für irgendwas spielen. 2001. Da trat Wowereit an. Ein Schwuler. Auch SPD. Er regierte dann mit der PDS. Und ich war wieder enthusiastisch. Da kann doch nix schief gehen.

Okay, außer dem Ausverkauf der städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Der Abwicklung des sozialen Wohnungsbaus. Dem Versilbern der Filetgrundstücke an die Heuschrecken. Dem Kahlschlag in der Verwaltung, der dazu geführt hat, dass Berlins Bürgerämter personell und ablauforganisatorisch inzwischen komplett zusammengebrochen sind. Nein, es konnte nix schief gehen. Außer diesem Unmenschen Sarrazin. Der obszönen Aufwertungsförderung, die aus Prenzlauer Berg diesen monokulturellen Stall voller blasierter Schnösel gemacht hat, der mir vor Langeweile die Füße abfaulen lässt. Nicht zu vergessen dieser Flughafen, diese Essenz an Lächerlichkeit und bauruinengewordenes Mahnmal der geballten Inkompetenz dieser Stadt, über die die ganze Republik lacht. Die Schlaglöcher. Die kaputten Schulen. Die vergraulten Lehrer. Diese beschissene Zumutung von S-Bahn, in der ich jeden Morgen zwischen Greifswalder und Frankfurter mit anderen Bekloppten zu Pendlerwurst zusammengepresst werde als wären wir gesalzene Sardellen im Glas. Nur nicht so lecker. Gut jetzt. Machen Sie weiter, ich mag nicht mehr.

Wir sehen also: Wieder nix. Wieder verarscht. Und wieder war es die SPD, die alle feuchten Träume der Neoliberalen durchgesetzt hat, für die der CDU das ganze Land um die Ohren geflogen wäre. Eine andere Partei hätte diese ganzen Sauereien gar nicht bringen können, denn dann hätte die Stadt gebrannt. Stattdessen herrscht überall die berühmte erste Bürgerpflicht wie am bräsig befriedeten 1. Mai. Vegane Falafel jemand? Das Pide ist bio. Und die Sesamsoße glutenfrei.

Und jetzt wundern sie sich bei der SPD tatsächlich über einen Rückhalt von nur noch 20%, dabei dürfte niemand, der sich nicht völlig von der Realität entkoppelt hat, überrascht sein, denn es gibt keine Partei in der Geschichte dieses Landes, die ihre Klientel (hier: die weniger Privilegierten, jene ohne einflussreiche Lobby) derart wirkungsvoll, nachhaltig und auf jeden Fall schmerzhaft in den Arsch gefickt hat als die SPD. Ich habe nie verstanden, warum sie das tut. Was das soll. Jede Partei umsorgt ihre Klientel, nur die SPD fickt sie wund und hofiert lieber die Kernwähler der Konkurrenz. Es ergibt keinen Sinn.

Ich habe seitdem nie wieder gewählt und werde auch vermutlich nicht mehr damit anfangen. Sie können mich alle mal. Zu den Dingen, die ich mir nicht mehr vorstellen kann, gehört, einem von ihnen wieder irgendwann irgendwas zu glauben. Das ist nicht weniger als ein sehr fest sitzendes Wahltrauma, das die SPD da angerichtet hat. Ich würde mir lieber mit meinen eigenen Zähnen das Fleisch meiner Hand bis auf die Knochen abkauen, als dass ich mit dieser Hand noch einmal einen Zettel für sie ankreuzen würde und es ist mir dabei vollkommen egal, ob dadurch ein AfD-Stümper mehr im Parament sitzt oder ein anderer Schlumpf, der sich von meinen Abgaben seine ersessenen Privilegien auszahlen lässt. Ist mir egal. Juckt mich nicht. Zahl‘ ich eben einen mehr von der Sorte, es macht inzwischen keinen Unterschied mehr, ob auf den Sesseln eine Horde dressierter Schimpansen mit Babyrasseln in der Hand sitzt, die sich gegenseitig Calendulacreme in die Rosette schmieren oder irgendwer sonst. Es interessiert mich schon sehr lange nicht mehr. Sie sind austauschbar wie Cyborgs. Selbst die Piraten, die die Einzigen waren, die mich vor ein paar Jahren fast aus der Agonie geholt haben, haben es nicht nur genauso gemacht, sondern das Genausomachen geradezu genüsslich zelebriert. Intrigen. Machtkämpfe. Verrat. Pöstchen. Unerträgliche Eitelkeit. Nur als Gimmick mit ganz viel geschwätzigem Twitter.

Diesem Land fehlen die Köpfe. Köpfe, die ausnahmsweise nicht an sich selbst und ihre angeschlossenen Satelliten denken. Es fehlt jemand, der glaubwürdig ist. Integer. Kein Bernie Sanders in Sicht. Kein Varoufakis. Pablo Iglesias. Wir müssen hierzulande schon froh sein, dass wir keinen Trump haben. Keinen Strache. Marine Le Pen. Oder gar einen Orban. Jemanden, der die ganze Sache professionell von rechts aufrollt. Das ganze Schlechte aus den Kleingeistern hervorholt. Anfällig wäre dieses Land dafür. Es wählt sogar drittklassige Politdarsteller vom schmuddeligen rechten Rand an die Pfründe, die nicht einmal die Sprache fehlerfrei sprechen, auf die sie so stolz sind.

Da oben auf der Bühne steht einer von der letzte Garde. Der letzte Gruß aus den bewegten 70ern. Als es noch echte Charakterköpfe gab. Die für was einstanden. Eine Idee hatten. Die Dinge besser machen wollten. Viel kommt nicht mehr. Es gibt so Typen wie Böhmermann, sicher, ja doch. Aber der ist wieder zu komplettironisch, um als Orientierung zu dienen. Das ist jemand, den ich gut finde, der gute Kunst macht, nicht verkehrt ist, aber keinesfalls als Vorbild taugt, auch weil Vorbilder nicht abtauchen dürfen, wenn eine Sache heiß wird. Hannes Wader wäre nicht vor Erdogans Anwälten abgetaucht, Hannes Wader hätte sich vermutlich lieber verhaften lassen als das Maul zu halten.

Ich finde, das Land ist samt seiner Protagonisten eine öde Wüstenei geworden, in der sogar eine Merkel lange Schatten werfen kann. Überall weichgespültes Allgemeinplatzgeseier. Wohlfeiles Mehrheitsgeschwurbel. Ausgefeilt. Wohltemperiert. Eine üble Versammlung von farblosen Halbmasken, so spannend wie ein Papablog aus Mitte. Das ist das, was da ist. Und viel kommt nicht mehr nach. Keiner in Sicht. Kein Kopf. Kein Charakter. Nicht mal die Opposition bringt nach Gysi irgendjemanden mit Charisma hervor. Nichts. Nichts. Da ist einfach nichts.


sunflower