Der böse Onkel vom Huxleys

Endlich allein
Nicht mal mein Schwanz will bei dir sein
Stephan Weidner


Oh nein. Schon wieder ein böser Onkel. Und ein Wort darüber zu verlieren, dürfte wieder böse Wutpost und auf jeden Fall diese vergrämten Abokündigungen irgendwelcher Menschen („Jetzt reicht’s endgültig, ich les‘ dich nicht mehr weil…“) nach sich ziehen. Wiederholt sich alles. War alles schon mal da. Die Nazikeule sitzt locker in diesen Tagen, ebenso wie die Lügenpressebrüllerei. Im Internet sowieso. Da reicht es schon, Magdeburg fad und öde zu finden oder einen dieser hängengebliebenen Hipsterställe aus dem faden Norden meines öden Bezirks nicht zu kennen.

Es ist Sonntag. Stephan Weidner spielt im Huxleys. Weidner ist der Bassist jener Band, die für diese ganzen peinlichen Böhse Onkelz-Partys aller Dustins, Justins und Enricoronnys aus dem Osten Pate stehen muss, dieser Bassist, der machen kann was er will ohne eine Chance zu haben, seinen alten hässlichen Makel jemals los zu werden.

Zu Besuch an diesem Abend ist der Querschnitt der Jugend aus dem Osten der Republik. Ein Blick auf die Pärchen reicht aus und die Dinge sind klar. Ich sehe viele junge selig blickende Frauen, die ihren Kopf an die Schulter des Hünens an ihrer Seite lehnen, der seine Pranke wiederum einnehmend auf dem Arsch der Seligen platziert hat. Hier hat Gender keine Chance, hier herrscht Biologie. Der Mann steht wie ein Baum, die Frau lehnt sich an. Bestimmt nennt er sie ‚Schnecke‘. Und sie ihn ‚Spatzi‘. Oder irgendsowas. Ich habe von derlei nicht viel Ahnung, dafür weiß ich, was für Autos sie fahren. Irgendwas kleines Aufgemotztes in Neonfarben. Einen Corsa. Honda Civic. Seat Ibiza. Golf 3. Tiefergelegt. Bassrolle. Heckspoiler. Sportgurte. Breitreifen. Und sie haben einen Rammstein-Aufkleber auf der Heckscheibe. Oder Frei.Wild für die Verwegeneren. Mit Hirschgeweih. Und einen stinkenden Wunderbaum am Rückspiegel. Vanille. Aus irgendeinem Grund ist es immer Vanille.

Bei denen, die im Moment erwachsen werden, ist der Mainstream ein anderer geworden als wir ihn noch vor 10, 15 Jahren hatten. Die Positionen sind nicht nur konservativ, sondern rücken zum Teil deutlich und vollkommen unverbrämt nach rechts. Spürbar. Sichtbar. Und vor allem hörbar: Ich bin gar kein Nazi, aber ich will hier keine Ausländer. Werd‘ ich doch wohl noch sagen dürfen. Meinungsfreiheit, hallo?

Mein Borgwürfel, dieser bürogewordene Seelenfresser, ist wie immer der Indikator für die Lage und gibt mir einen Einblick in die Welt außerhalb meines Weltbilds. Gerade läuft durch den Ticker, dass wieder mehrere hundert Flüchtlinge im Mittelmeer ersoffen sind, und ein paar Wohlstandskinder in der Borgwürfelteeküche freuen sich, dass wenigstens die jetzt kein Asyl mehr beantragen können. Eine junge Frau haut raus, dass sie gerne beim Abschieben helfen würde, würde die Polizei denn Freiwillige suchen. „Ich würd‘ ja gern mit anpacken.“ O-Ton. Es ist ein Zitat. Unverfälscht. Genau so gefallen. Eine andere junge Frau, seit kurzem hier in der Ausbildung, prostet beim Prosecco-Geburtstagsumtrunk tatsächlich mit „Ex oder Flüchtling“, erntet hierfür aber zugegebenermaßen schiefe Blicke, weil das durchscheinende Weltbild nun doch etwas arg plump daherkommt als dass es sozial derzeit allzu akzeptabel wäre.

Und dann diese hanebüchenen Geschichten. Jeder hat eine. Ein junger Mann kommt tatsächlich mit der Theorie daher, dass seine kürzlich geklauten Nummernschilder ihre Ursache nicht in der organisierten Kriminalität in Form der Verschiebung geklauter und mit fremden Nummernschildern versehener Wagen über Polen nach Weißrussland finden, sondern in der Turnhalle, die sie gerade mit Bürgerkriegsflüchtlingen vollgemacht haben. Was Flüchtlinge aus einem Kriegsgebiet mit einem Nummernschild sollen, kann er mir auf Nachfrage nicht erklären, doch das ist auch schon wieder egal, denn da kommt schon die nächste Legende: Die Supermärkte in der Nähe der Containerdörfer haben jetzt Securitys, weil die Ausländer die Waren mit vollen Händen in die Unterkünfte tragen ohne zu bezahlen. Und sowieso bekommen die alles in den Arsch geschoben. Die neuesten Tablets, Prepaidkarten, Lederjacken, überhaupt Lederjacken. Wie kann es sein, dass der Flüchtling eine Lederjacke hat. Und niegelnagelneue Turnschuhe. Sogar Chucks. Du wirst dich wundern. Fabrikneue Kinderfahrräder stehen da rum. Vor der Turnhalle. Puky. Vom Feinsten sage ich euch. Vom Feinsten. Und dann lachen sie hämisch über die Teddybärchenwerfer und meinen die vielen freiwilligen Helfer, ohne die der ganze Betrieb in dieser Stadt zusammenbrechen würde.

Ganz vorne mit dabei ist zu meiner Verwunderung der superintegrierte Deutschtürke in zweiter Generation. Nennen wir ihn Murat. Murat trägt einen legeren Zweireiher und ist deutscher als sich die meisten Deutschen zu sein trauen. Tirade ist gar kein Ausdruck. Die kommen nur hierher, um Stütze abzugreifen. Drei, vier Kinder und ausgesorgt. Zweieinhalbtausend Flocken locker. Plus Wohnung. Und Klamottengeld. Kein Wunder kommen die alle. Keiner von denen wird je arbeiten. Murat mit seinen gut Viertausend netto im Monat fühlt sich abgehängt.

Doch keine Sorge. Die andere Seite beunruhigt mich nicht weniger. Ein nicht mehr ausblendbarer Fundamentalismus fasst Fuß, es bringt niemandem etwas, das, was jeder sieht, unter die Teppiche der etablierten Sprachregelungen zu fegen. Die Anzahl der Burkas hat zugenommen. Früher sah ich hier gar keine, jetzt kommen sie im Stadtbild an, vereinzelt sicherlich, aber doch zunehmend. Die erste Live-Burka meines Lebens außerhalb von Ägypten sah ich letzten Sommer in der Ringbahn zwischen Schönhauser und Prenzlauer. Inzwischen sind einige dazu gekommen. Ganzkörperverschleierung. Mit Sehschlitz. Streng verhüllte Frauen. Und streng blickende Bärtige, denen sie in einem Meter Abstand folgen. Da hat sich was verändert, womit ich nur schwer umgehen kann und so stehe ich inzwischen perplex vor Dönerbuden mit Koransuren über den Türen, bei denen Sie kein Bier mehr bekommen. Und auf der Hinfahrt zum Huxleys brüllten zwei junge Leute auf der Höhe vom Kotti plötzlich enthusiastisch immer wieder Allahu Akbar in die U-Bahn, eine Situation, in der ich nicht sagen könnte, ob mich meine eigene Anspannung oder der entsetzte Gesichtsausdruck der anderen Fahrgäste mehr verstört hat. Der Islam ist Pop. Der Islam ist Protest. Der Islam ist Provokation. Der Islam ist jung. Und vor allem spendet der Islam Identität in einer Umwelt, die denen, die nicht dazugehören, immer schon ihre Identität verweigerte.

Ich mag weder Religionen noch Nationalismus. Religionen waren immer schon der Spaltpilz jeder Gesellschaft. Und der Nationalismus ist es nicht weniger. Das gilt sowieso für jeden Ismus, unter welchen Farben er auch immer antritt, um das öffentliche Leben nach seinen Grundsätzen zu gestalten und der genau an dem Punkt, an dem er damit beginnt, auf meinen unbedingten Widerwillen trifft. Und dabei gehen mir in die U-Bahn gebrüllte Glaubensbekenntnisse nicht einen Jota weniger auf den Sack als die gesellschaftlichen Ambitionen von Katholiken, Zeugen Jehovas, Sri Chinmoys Jüngern oder den Veganern. Ich vermute mal, das wird nicht nur bei mir so sein. Deswegen funktionieren geschlossene Weltbilder ja auch nie ohne Druck und Gewalt.

So ist meine Stadt im Jahr 2016. Das Stadtbild zeigt mir, dass die Zahl der Fundamentalisten gestiegen ist und mein Arbeitsplatz zeigt mir, dass dies für die national gesinnten jungen Erwachsenen genauso gilt. Was derzeit passiert, ist ganz offenbar ein Aufschaukeln der Ränder und weil wir die Hauptstadt sind, spüren wir es hier zuerst. Die Religiösen schaukeln die Nationalen auf, die wiederum die Religiösen aufschaukeln, die wieder die Nationalen aufschaukeln. Und so fort. Die Folge ist ein Riss durchs Gefüge. Und zu viele progressive Menschen stehen in der Gegend herum und sind erschreckend ratlos.

Vernunft und Großzügigkeit haben momentan keine Konjunktur. Die Zeiten sind schrill und lassen wenig Gutes erwarten. Ich irre mich öfter mal. Wäre gut, wenn jetzt auch.

Wie Weidner gespielt hat? Er macht halt das was er kann. Böhse Onkelz-Duktus. Böhse Onkelz-Takt. Böhse Onkelz-Riffs. Das ist solide. Das ist technisch gut. Das ist eingängig. Nur nicht neu.