Somuncu, Potsdam und die Cracknutten

Mittwoch ist kein Tag, dessen Abend man ausgerechnet in Potsdam verbringen möchte
Serdar Somuncu

Immer wenn ich Serdar Somuncu sehe, bekomme ich Bock, mich in der Kimme zu kratzen und danach an meinem Finger zu riechen. Außerdem will ich popeln, den rausgepulten Knetgummi zu einem Ball formen und auf einen Sattel eines dieser scheiß Fahrräder meiner strunzdummen Nachbarschaft schmieren. Ich möchte furzen bis die Fliegen von der Wand fallen. Rülpsen bis der Nachbar gegen die Wand klopft. Saufen und kotzen. Am besten in die peinlichen Blumenrabatte, mit denen sie meinen Hof seit Jahren Quadratmeter um Quadratmeter verspießern als wäre das hier unser schöneres Dorf. Ich will mich daneben benehmen. Rasten. Zerstören. So lange bis sie mich abführen.

Also wie früher quasi. Ende der 90er. Da war ich schon einmal hier im Waschhaus. In Potsdam. Es spielte irgendeine zugedröhnte jamaikanische Dub-Combo und ich war dicht wie zehn Eimer. Da ging es mir wie dem Rest des Saals. Alle drauf. Und an den Augen erkannten Sie immer, wer was nahm. Ein ganzer Saal voller verstrahlter Druffis. Das kriegen Sie heute an keinem Türsteher mehr vorbei, so eine Horde weggetretener Zombies. Wo sind die eigentlich alle hin? Tot wahrscheinlich. Und das was nachwächst, nimmt immer weniger Zeug zu sich. Die Jugend lebt asketisch wie nie zuvor, muss ich lesen. Furchtbar. Welchen Sinn hat die Jugend als den, sich runter zu rocken? Wie haben sie es geschafft, dass die jetzt alle so zahm sind? Wahrscheinlich ist es ganz einfach: Sie haben sie diszipliniert. Die Knute geschwungen. Agenda. Peter Hartz. Fordern und Fördern. Sanktionieren. Und jetzt sind die so. So langweilig. Und optimiert.

Da an diesem Ufer hab‘ ich schon mal gepennt. Komatös. In meiner Blutbahn einen guten Teil aller Gifte, die Sie zu der Zeit am Havelufer kaufen konnten. Und irgendwann lag ich da, neben mir irgendeine Claudia aus irgendeinem Krefeld, die in diesem üblen Witz von Landeshauptstadt spielender Vorstadt irgendwas studiert hat. Jura. BWL. Sozialscheiß. Keine Ahnung. Das Prägnanteste, was mir von dieser Frau in Erinnerung blieb, ist ihr ausufernder Monolog, dass Krefeld viel mehr als nur Uerdingen ist, was zugegebenermaßen das Einzige war, das mir zu Krefeld einfiel. Sie ging mir auf die Nerven, also schlief ich ein. Ich habe ausufernde Monologe schon damals gehasst. Und diese Claudia gehörte zu den viel zu vielen Menschen, die irrigerweise annehmen, dass ihr Leben interessant für andere ist. Dem ist nicht so. Andere Leben sind uninteressant. Meines auch. Außer für mich.

Übrig von der wilden Prä-Millennium-Zeit ist außer den glorreichen Namen der in den 90ern zerfickten Backsteinmauern natürlich nichts. Heute ist Potsdam durchgentrifiziert bis in die letzte Fahrbahnschwelle. Nobel ist gar kein Ausdruck. Noble Schlitten. Noble Schnepfen. Jaguar. Benz. Die dickeren Audis. Mein billiger asiatischer Kleinwagen, den ich hier ins Parkhaus lenke, ist der Bimbo unter lauter verdammten Ariern. Der Ort geleckt. Sauber. Rein. Und auf keinen Fall können Sie am Havelufer noch Drogen kaufen. Dafür Proviant-Limonade. Fair gehandelt. Und natürlich fritz kola. Und auf einem Poller vor einem glasverspiegelten Frauenkulturzentrum steht eine ausgetrunkene Flasche Club Mate. Megakorrekt stehengelassen für Pfandsammler, die es hier gar nicht mehr gibt. Potsdam ist zu reich dafür geworden.

Dingelingeling. Kontrast bitte. Pöbeln. Rülpsen. Furzen. Somuncu kann auch anders. Heute macht er Musik. Singen kann er zwar nicht wirklich gut, doch darum geht es nicht. Denn die Botschaft ist es, es geht immer um die Botschaft. Die Haltung. Sie müssen gar nicht singen können, sondern nur Dinge rüberbringen. Gut rüberbringen. Die Leute mitreißen können. Und das kann er gut. Hitler. AfD. Petry. Die Zustände. Jedes Ding sitzt. Das kann er. Und die Band beherrscht ihre Instrumente dazu. Das passt.

Natürlich werde ich von irgendwelchen Leuten angesprochen. Ich werde immer angesprochen. Die ganze Menschheit existiert nur, damit mich alle im Laufe meines Lebens irgendwann mal ansprechen können. Was sie heute von mir wollen? Sie tragen ein Begehr vor: Könnten Sie nach da hinten durchrutschen, dann könnten wir alle hier zusammen sitzen? Soso. Eine Gruppe Hackfressen in biostudentischen Leinenklamotten steht vor mir und will, dass ich meinen geilen Platz räume, den ich mir vor einer halben Stunde in einem nahezu leeren Saal ausgesucht habe. Freie Platzwahl ist die Pest. Sie müssen früh kommen und dann müssen Sie Ihre Stellung verteidigen. Bier holen – Platz weg. Pissen gehen – Platz weg. Oder Sie sitzen seit einer halben Stunde mit Absicht ohne Bier hier rum und plötzlich will jemand, dass Sie sich woanders hin setzen, damit er dort sitzen kann.
Der Durchrutschplatz, auf dem sie mich gerne sehen wollen, ist scheiße. Zu viele Leute davor, die alle zu groß sind. Und sowieso ganz in der Ecke. Es ist ein lupenreiner Idiotenplatz, auf dem nur der sitzt, der es wieder nicht rechtzeitig geschafft hat und nehmen muss was übrig bleibt.

Nein.Ein einfaches Nein.

Sage ich charmant und strahle wie die Frühlingssonne. Das ruft allgemeines Unverständnis hervor. Besonders die Frauen der Studentengruppe beherrschen einen ausgesprochen entrüsteten Gesichtsausdruck und können sehr lustig empört Kopfschütteln, während die Männer die Dinge still leidend hinnehmen. Sicherlich, das war nicht nett. Ich weiß das. Aber die Netten bekommen immer die Scheißplätze im Leben. Das ist eine alte Borgwürfelweisheit. Wenn Sie nett sind, nehmen Ihnen andere mit einem Lächeln im Gesicht das weg, was Sie haben, um es selbst zu besitzen. Hey, bitte, ich habe das Spiel nicht erfunden, ich spiele es nur. Don’t blame the player, blame the game.

Sie ziehen angesäuert ab und fragen einen anderen. Der setzt sich ganz nach rechts an den Rand. Der Anfänger.

Ick will nicht ganz vorne sitzen. Sagt derweil ne Olle. Ebenfalls auf der Suche nach einem Platz. Da holt der mich noch auf die Bühne. Ergänzt sie. Ja, dafür ist Somuncu bekannt. Da sind Sie als Publikum nie sicher. Auch in der Mitte nicht. Der steigt einfach über die Stuhlreihen und labert Sie voll. Disst Sie. Zieht Ihnen die Buxe runter und feixt sich einen.

Hassen Sie das auch? Wenn ein Künstler zu Ihnen runter kommt und Sie mit in sein Programm einbezieht? Oder Sie gar auf die Bühne holt? Ich bin ein Kandidat dafür. Mich nehmen sie gerne. Offenbar strahle ich die Bereitschaft aus, mich gerne vor Publikum zum Klops machen zu lassen. Kein Problem. Ich spiele alles mit. Ich lächle mein unverbindliches polnisches Idiotenlächeln und dann nimmt mir jeder den unbedarften Publikumsjoker ab. Alleine Jan Becker, der Gedankenleser mit Mundgulli (ich weiß das, ich war nah dran) hat mich beide Male, zu denen ich in seinem Programm saß, auf die Bühne geholt. Ich will bald nochmal hin. Die drei vollmachen. Ich weiß, dass er mich dran nehmen wird. Ich habe nämlich das Gesicht dazu. Ein Drannehmergesicht.

Dass Somuncu so gerne mit dem Publikum interagiert, dürfte übrigens der Grund sein, warum hier kein einziges Smartphone in die Luft gehalten wird. Und kein einziger Blitz flackert durch den Raum. Warum? Na klar, das wäre eine Steilvorlage für einen Diss. Und das will keiner. Deshalb herrscht hier Disziplin. Weil einer vorne steht, der sie einfordert, einer, der asoziales Verhalten mit massiven Nachteilen sanktioniert. So funktioniert Disziplin nun mal. Das alte Leid.Trotzdem fällt eine Flasche um. Glasflaschen. Die Pest bestuhlter Säle. Irgendwelche Honks stellen ihre Flaschen neben den Sitz und schmeißen sie dann um. Bong. Klirr. Und nochmal. Bong. Klirr. Den ganzen Abend. Bong. Klirr. Ein Depp nach dem anderen. Bong. Klirr. Heute ist es nur einer und der bekommt auch gleich von der Bühne aus das verbale Fett um die Ohren gehauen. Danach fällt keine Flasche mehr um. Jo. Disziplin. Was ich sage.

Ein Guter ist er, der Herr Somuncu. Glasklar in der Position. Rhetorisch brilliant und der Spiegel, den er seinem Publikum vorhält, der sitzt, der trifft. FOTZE! Höhöhö. FISCHFRESSEN! Höhöhö. ARSCHFICKERSCHWUCHTELN! Höhöhö. So ist das immer bei Somuncu. Es gibt immer Honks im Saal, die nur wegen der Pöbelei hingehen und die für Zwischentöne gar keinen Sensor haben. Das sind die mit dem Höhöhö. Ich hab‘ die – wenn auch in weit kleinerem Ausmaß – auch am Arsch kleben. Nur machen sie bei mir nicht Höhöhö, sondern schreiben Kommentare und kommen immer dann aus den Löchern, wenn hier irgendwo was gegen dumme Veganer, dumme Fahrradfahrer oder dumme vegane Fahrradfahrer steht. Oder gegen Hunde. Oder Hundehalter. Hipster. Touristen. Gendergaga. Höhöhö. Lol. Roflmao. Recht hatta! Hatta Recht! So isset! Isso! Diese Typen sind fast so schlimm wie die ritualisierten Empörer und ihr dummes Facebook.

Somuncu. Als ich in Richtung Parkhaus laufe, denke ich, dass eigentlich alles in Ordnung ist. Wir haben starke Vertreter der Zivilgesellschaft, eine ganze Reihe guter Leute, die einen guten Einfluss haben und rhetorisch brilliant sind. Das bisschen AfD und die ihnen folgenden diederichstolzen Stümper sind im Lichte dessen doch nicht mehr als eine Episode. Wir sitzen das aus. Sie sind so dermaßen debil, daraus kann nichts werden. Nicht mehr. Nicht nochmal. Nein, eigentlich ist doch alles in Ordnung. Gleich fahre ich wieder nach Prenzlauer Berg in mein Bioparadies, in dem mein größtes Problem die geistesgestörten veganen Fahrradfahrer sind, die zwischen den dümmlich geparkten Autos irgendwelcher hundehaltenden Hipster in eindeutig suizidaler Absicht vor mir auf die Straße hechten und die der Abdecker irgendwann vom Asphalt kratzt, wenn die gegenderte Tiefladerin mit den Stahlträgern für das nächste scheiß Touristentownhaus wieder nicht rechtzeitig bremsen konnte.Mir macht der Gedanke, dass es um die Dinge gar nicht so schlimm steht, so lange Typen wie Somuncu die Hütten vollkriegen, zu gute Laune. Das ist das Problem mit Filterblasen. Sie bilden nur einen kleinen Teil der Realität und Prenzlauer Berg ist sicher nicht die Welt. Somuncu auch nicht. Also fahre ich, fast wie um mich zu erden, auf meinem Weg ein paar Runden um die Kurfürstenstraße. Hier steht der Prekariatsstrich. Die Cracknutten. Wenn es mir zu gut geht, fahr‘ ich da durch. Die Gesünderen ohne diese üblen Löcher in den Armbeugen stehen auf der Bülowstraße. Die Kranken bevölkern die Nebenstraßen bei Möbel Hübner. Genthiner. Lützow. Eine fiese dunkle Ecke. Fahren Sie auch nur einen Moment langsamer, werfen sie sich Ihnen auf die Motorhaube. Das Gesicht verzerrt. Mit 20 schon vollkommen verbraucht. Von der Straße aufgefressen, verdaut und ausgekotzt. Drogenverpickelt. Aufgedunsen. Zu viel zu schnell genommen, abgerutscht und nie mehr aufgestanden. Hier steht das Elend. Hier steht ganz unten. Und wenn Sie anhalten, klopft das Elend an Ihr Fenster und will rein. 30 Euro Französisch. 50 ein Fick. Ohne Gummi mehr. Oder auch nicht. Je nach Verzweiflungsgrad. Weniger geht immer. Gerade hier.

Ich gebe Gas. Die Potse hoch. Vorbei am Leipziger Platz. Hier strahlt Berlin wieder. Alexanderplatz. Es verändert sich alles so schnell. Doch egal was sie noch bauen werden, das Elend bleibt immer da, auch wenn die Fassaden noch so verblendet sind.


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