Kanaan

Und wieder was Neues. Hier bei uns in Prenzlauer Berg herrscht ein Auf und ein Zu. Weg. Hin. Dann wieder weg. Träume geplatzt. Ein, zwei schlechte Bewertungen auf einem Bewertungsportal und dann kommt schon keiner mehr. Mag sein, dass sie es danach noch einmal versuchen, wenn ihnen tatsächlich noch jemand eine Runde Risikokapital spendiert, mit dem wieder irgendwo ein Popup aufgemacht wird, in so einem Vintageding, das aussieht wie alle anderen Vintagedinger, die hier seit fünfzehn Jahren auf und wieder zu machen und hinter deren Theken sich die abgebrochenen Studenten der Stadt, der Nationen dieser Welt Glücksritter und sich selbst verwirklichende Mütter, deren Lebensinhalt aus dem Haus ist, sammeln.

Jetzt also was Neues hier in der Kohlenquelle an der Kopenhagener Ecke Sonnenburger. Seien Sie schnell. Wer weiß wie lange das hier zu Gast sein wird. Kein Hinweis an der Fassade, nur ein kleiner Aufsteller, ohne klassische Webseite, nur Facebook, dass das Ding Kanaan heißt, habe ich von diesem Fressblog hier, sonst wüsste ich gar nicht wie ich es nennen soll und könnte es daher niemandem empfehlen. Kanaan – ein israelisch-palästinensisches Joint Venture, Frieden geht durch den Magen, niemand muss hier eine Mauer bauen, niemand Raketen werfen, geht doch, ja sicher, huh, oh weh, vermintes Gelände, werfen Sie doch mal die Begriffe Palästina oder Israel ins Internet und warten Sie, was passiert. In den meisten Fällen eskaliert das, was Sie geworfen haben und die heiligen Krieger der Wahrheit kommen aus ihren Filterblasen und suchen Sie heim. Nein, bleiben Sie gelassen, ich leiste mir hierzu keine Position, von mir nur ein Restaurantbesuch, denn Fressen verbindet, gutes Fressen zumal. Ist immer so. Brechen Sie das Brot miteinander und alles ist gut.

Oh. Na endlich. Ommas alte Lampe aus der Zeit der Regierung Ulbricht hat Verwendung gefunden. Das geht fix, denn der Recyclinghof der BSR ist nicht weit weg. Das Ganze hier sieht aus wie einmal ruff, kopfüber rin in den Container und mit vollem Bulli wieder weg. Ranzige Stühle, kippelige Bänke, fiese 70er-DDR-rissige-Linoleum-Tische, Oppa Kowalkes Blumenvasen aus der Laubenpieperkolonie „Deutsch-Sansibar“ in Schmargendorf-West. Und immer diese Lampen. Cafeteriacharme. TU-Mensa-Style. Vor 70 Jahren. Als Christiane F. noch den Grind aus den Mauerfugen mit den Fingernägeln abgekratzt hat. Ich mag solche Läden nicht.

Und – ballyho – …

… die dummen Hipster mit den dummen Hüten sind auch schon da. Das passt ja.

Eines übrigens ist inzwischen obligatorisch in den Hipsterbuden: Sie sprechen auch hier wieder mal nur Englisch. Natürlich tun sie das. In solchen Läden sprechen sie nur Englisch, wobei es hier ausnahmsweise nicht aufgesetzte Wannabe-Attitüde in Mitte rumkeimender Anglistikstudentinnen aus Gießen mit einem Auslandssemester in den Pubs von Southampton ist, sondern die beiden Jungs, die hier ihr Essen servieren, können wirklich kaum Deutsch, insofern geht das für mich okay, auch wenn es natürliche Barrieren schafft für welche, die das Pech hatten, in den letzten zwanzig Jahren das marode Berliner Schulsystem erleiden zu müssen ohne die zwangsläufigen Bildungsdefizite mit Mut, Fleiß, Schnöselpapas Geld und, was das Englische betrifft, jede Menge Hip Hop-Clips ausgleichen zu können.

Doch die Sprachbarriere ist letztlich auch egal, denn diese überwinden die beiden Jungs mit ausgesucht einnehmenden Charme, ach was Charme, es ist überschäumender Enthusiasmus, der Ihnen hier am Tisch entgegenspringt, wenn da einer steht und die Karte (die es gar nicht gibt, sie haben nur eine Kreidetafel umme Ecke, die Sie erst entdecken, wenn Sie aufgegessen haben) runterrasselt. Hier regiert überschäumende Begeisterung. Alles ist amazing. Fantastic. You MUST try this. Woah! It’s absolutely amazing! A! Ma! Zing! Män…

Nicht ganz durchdacht ist das mit den Getränken. Die macht die Kohlenquelle. Und jeder kassiert separat ab. Bei jeder Bestellung. Sie haben hier also zwei Kassen. Ob das vor dem Hintergrund, dass jede Gastronomie den kümmerlichen Gewinn beim Essen durch die Getränke wettmacht, so richtig klug von dem israelisch-palästinensischen Joint Venture ist, zweifle ich ausdrücklich an. Und jedes Getränk einzeln an der Theke zu bestellen und zu bezahlen ist … unpraktikabel, ja, das trifft es, unpraktikabel, unbequem auch. Eben nicht durchdacht.

So. Salbader. Salbeier. Was gibt es denn zu essen? Viel. Außer Fleisch. Wie das alles heißt? Keine Ahnung, weiß ich nicht. Hummus hab‘ ich mir gemerkt. Den Rest nicht. Oh. Doch. Eins noch. Falafel. Um Lichtjahre besser als bei jedem dahergelaufenen Dönermann von Marzahn-Hellersdorf bis Tempelhof-Schöneberg. Ich habe zwei Mal nachbestellt, so gut war das. Schönes Zeug haben sie da. Das Kind fand die Dinge auch gut. Warmes Brot. Hummus. Titsch. Mund, Finger, Shirt, Haare, überall Hummus. Doch sie haben hier auch ein Waschbecken auf dem Klo.

Im Ergebnis eine prima Sache. Schönes Ding. Enthusiastische Inhaber, die mich beim zweiten Besuch nach mehreren Wochen mit „Hey! Here you are again. Welcome!“ anstrahlen als wäre ich jahrelanger Stammgast und denen ich sogar vergebe, dass sie beide Male meine Reservierung verschlumpft haben.

Auch dass sie mir ein Gericht aufquatschen – „We’ve got something new. You MUST try this. Wait, I’ll bring you a little bit to try. You will like it.“ – und das Gericht dann später auf der Rechnung auftaucht, okay, das ist unsauber, es klang in meinen polnischen Ohren nach „Hier, probier‘ mal, geht auf’s Haus“, aber egal. Ich mag das hier. Schlumpf hin oder her. Wenn Sie es gerne aufgeräumt und eher nicht so chaotisch haben, dann ist das hier gar nichts für Sie. Denn hier herrscht Chaos. Blankes Chaos. Absolute Unübersichtlichkeit. Doch es klappt immer irgendwie. Naher Osten halt. Was will man machen…

Wenn Sie wie ich Leute mögen, die für ihr Ding brennen und denen ich am liebsten die Vollbärte kraulen würde, so knuffig sind die, dann ist das was für Sie. Dann gehen Sie besser hin, bevor es zu und woanders (womöglich noch gleich ganz in Kreuzberg) aufmacht. Und grüßen Sie recht schön. Die wissen dort bestimmt noch wer ich bin. Und wer Sie sind, wissen sie vielleicht bald auch.


Kanaan
Kopenhagener Straße 16 – in der Kohlenquelle
Prenzlauer Berg
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Reservieren könnense knicken. Essen Sie außerhalb der Stoßzeit.