Lass uns tanzen oder ficken oder beides

Besoffen Dinge ausmachen ist blöd.

Wir sollten mal zu Scooter geh’n.

Wat?

Zu Scooter geh’n.

Wat?

Scooter.

Döp Döp Döp Dö Dö Döp Döp Döp.

Warum?

Um zu sehen was die da machen. Wie die ticken. Was das soll. Wer da hingeht. Lass ma Kadde kauf’n.

Du hassn Arsch offen.

Arsch offen ist gut. Wir haben die Karten gekauft. Walz und ich. Döp Döp. Tanzen Tanzen. Doch nix is. Kackwurst. Mein Verticker hat mich versetzt. Bin ganz umsonst ins Märkische Viertel gefahren. Alle auf Tauchstation seit sie den Beck gefickt haben. Hier in Prenzlauer Berg ist ja nicht mehr viel zu holen. Eigentlich gar nichts mehr seit sie die Videothek an der Schönhauser Ecke Stargarder, in deren Hinterzimmer Sie alles bekommen haben, durch einen schweineteuren Hipsterstall ersetzt haben, in dem es nur noch verdammten Kuchen mit Kaffee gibt. Prenzlauer Berg ist nur noch Trockenobst. Und Mate. Und so Zeug. Da bleiben nicht mehr viele Optionen, wenn das Märkische Viertel die Hosen voll hat. Crap. Und ich habe eine Scooter-Karte. Ich habe 45 Euro dafür bezahlt. Ich gehe da hin. Dann eben auf Alkohol. Irgendwas muss ja.

Habe ich verstrahlte Menschen erwartet? Habe ich. Die sind durch. Alle. Horden von Marzahn-Hellersdorf-Fressen mit drei verschiedenen Farben in den Haaren und darin eingeflochtenen Leuchstäbchen hüpfen Döp-döp-döp-brüllend die Treppe runter. Das geht so nicht. Ich muss mehr trinken. Ich muss mich zulöten. Ich muss mich abschießen. So wie alle hier. Eins werden mit den Assis. Dummsaufen. Dann eben Alkohol. Rein damit. Eins. Zwei. Fünf. Vier cl Bacardi oder zwei fragen sie mich. Was für eine Frage. Vier. Natürlich vier. Ich würde acht nehmen, hätten sie acht im Angebot.

Sie nehmen hier sieben Euro für den Bacardi-Cola. Nach oben sind offenbar keine Grenzen mehr gesetzt. Um mich zuzulöten, brauche ich locker acht davon. Eher zehn. Das bedeutet 70 Euro, um endlich voll zu werden. Na klar. Lutsch mich aus. Zeck mich weg. Zock mich ab. Hurenköpfe, ich zahl‘ ja. Ja! Verdammt, ich zahl‘ ja. Was soll’s. Scooter ertrage ich nicht nüchtern. Scheiß Suff-Verabredungen. Scheiß Suff-Wetten. Scheiß Suff-Gelaber. Wir gehen zu Scooter. Ja sicher. Tolle Idee. Döp döp döp. The fuck.

Schnell wird klar, dass ich die meiste Zeit an der prekären Theke in der Gesellschaft Bacardi-Cola-ausschenkender studentinnen verbringen werde, die das, was sie hier machen, später, wenn sie dann endlich Taxi fahren, verleugnen werden, weil es peinlich ist, jemals an einem solchen Ort gearbeitet zu haben, an dem sie billigen Alkohol für viel zu teuer an dumme besoffene Idioten ohne Hirn ausschenken, die schon kurze Zeit später keinen einzigen Satz ohne Til Schweiger-Genuschel mehr zum Besten geben können. Egal. Ich wende meinen alten Trick an. Ich gebe bei der ersten Bestellung ein gutes Trinkgeld, grinse jovial und raune „Bacardi Cola, gute Mischung.“ Das geht klar. Trinkgeld geht immer klar. Bei Germanistikstudentinnen sowieso. Ich bekomme was ich will. Die ersten paar Drinks sind locker stärker als die avisierten vier cl. Danke. Klappt ja. Wieder.

Lange geht es jedoch nicht gut. Die Studentin wird durch einen Skinhead ersetzt, der keinen Spaß versteht. Bei dem auch jovial nicht wirkt. Shit. Wahrscheinlich hat sie zu gute Mischungen gemacht, das drückt den Profit und deshalb muss sie jetzt an der Garderobe Maulaffen feilbieten. Oder das vollgekotzte Klo schrubben, was weiß ich. Und für sie ist jetzt der Skinhead da. Und der Skinhead macht Scheißmischungen. Ich drücke ihm sieben verfickte Euro ab und habe das Gefühl, dass ich pure Cola trinke. Fuck Marzahn-Hellersdorf. Drecks Skinhead. Longdrinkfascho. In welchem Keller haben sie die Politikstudentin verklappt? Ich hätte gerne eine Mischung, die mich meine Umwelt ausblenden lässt.

Es ist völlig klar, dass das alles hier nüchtern nicht zu ertragen ist. Ich hätte mir gerne tanzbare Dinge eingeworfen, irgendwas, das wirkt, zappelig macht, einen Scheißegalwirkstoff, ich würde in meinem jetzigen Zustand sogar zwei Packungen Hipsterscheiße-Cola Rebell hinterwerfen, die mir den Parkinson machen, Hauptsache ich fange an zu zappeln. Döp Döp Döp. Ist das geil, ist das geil! brüllt irgendeine Sekretärinnenkarikatur ihrem adipösen Begleiter ins Mondgesicht und springt wie ein Flummi durch die Menge. Dabei fällt ihr die Brille runter, die sie daraufhin panisch sucht. Ich will Drogen. Ich muss unbedingt Drogen nehmen. Egal was. Ich bin soweit, ich nehme alles. Ketamin. Thomapyrin. Ritalin. Her damit.

Haben Sie eigentlich je geglaubt, dass die Menschheit sich stets weiterentwickelt? Besser wird? Intelligenter? Eine höhere Stufe der Evolution erreicht? Die Dinge sich zum Guten wenden? Ja? Gehen Sie doch einfach mal auf ein Scooter-Konzert und Sie werden nie wieder einen Gedanken an solch einen Unsinn vergeuden. Menschen sind bescheuert. Und es wird nicht besser. Schauen Sie hier. Im Velodrom. Hier sind die Philips. Die Schakelynes. Die Scheyennes. Sekretärinnen auf Red Bull. Die Lösung ist nur ein Asteroid. Von der Größe des Jupiters. Alles andere ist keine Option.

Ich habe sowieso das Gefühl, dass das hier ein Klassentreffen ist, ein Klassentreffen der Ausgestoßenen und Verlachten, der Pleppos und Kloppis, der Honks und Spackos, der Verstrahlten und Behämmerten. Und sie alle rächen sich mit Scooter. Döp döp döp. Früher mit dem Kopf im Schulklo oder mit dem Arsch im Mülleimer, jetzt im Velodrom. Den Ringelpulli an. Smartphone auf Anschlag, mit dem der wilde Abend festgehalten wird. The revenge of the nerd. How much is the fish? Döp döp. Meine Hirnrinde schmerzt.

Einer der Idioten, einer, der aussieht wie Borat und einen grünen Jogginganzug mit einem Oberlippenbart kombiniert, nimmt mich zärtlich in den Arm und fragt mich, was ich für ein Fußballfan bin. Wie immer wenn mich Idioten anlabern, erzähle ich ihnen hanebüchenen Unsinn. Heute behaupte ich, dass ich glühender Anhänger von Union Berlin bin. Kööööööpenick! brüllt er. Is geil! fügt er hinzu. Ich doziere vom Stadion an der alten Försterei, der schönen Wuhlheide, den einzigartigen Fans und vor allem von dem fantastischen Maskottchen. Ein Olm. Ein fantastischer Olm sei das. Der Idiot nickt debil und stimmt mir zu, dass es Zeit wird, dass Union aufsteigt. Wohin? Na in die nächsthöhere Liga. Oder? Ist doch klar. Um das zu unterstreichen, brülle ich Olé und Schalala. Borat stimmt ein und tut kund, dass er aus Sachsen kommt und Dynamo Dresden mag. Sehr cool, sage ich. Na klar, denke ich. Sachsen und Schwaben. Einer muss immer. Dynamo. Ich gebe wieder Weisheiten zum Besten. Wird Zeit, dass die endlich aufsteigen. Und das Maskottchen sei auch sehr hübsch. Aber der Trainer geht ja mal gar nicht. Borat stimmt mir zu. Ich habe gar keine Ahnung von Fußball. Was für ein Spaß. Es ist auf eine komische Art tragisch: Solchen Typen können Sie alles erzählen, weil sie sowieso nicht zuhören.

Inzwischen bin ich sehr durch. Ich tanze. Bacardi. Scheiß Bacardi. Die Seuche. Keinen Whisky haben sie hier. Keinen Jacky. Nicht mal Jim Beam. Auch keinen Havanna Club. Nur Bacardi. Die Brühe. Und irgendeinen Discounterwodka, den sie für obszön viel Geld als Shot feilbieten. Und natürlich haben sie auch Jägermeister. Die Rotze. Wo Dummheit ist, ist auch Jägermeister. Den sie mit Cola mischen und für sieben Euro auch noch loswerden. Döp döp. Was mache ich hier? Ich zahle knapp 70 Euro, um so besoffen zu werden, dass ich eine Band ertrage, die ich bescheuert finde, von der ich aber eine Karte für 45 Euro gekauft habe. Wegen einer Suff-Abmachung. Leck mich doch. Wir sind hier. Wir sind alle hier. Wir geben uns das Ding. Wir ziehen das durch. Komplett. Mit Bacardi. Für sieben Euro die Plörre. Ich muss verrückt sein. Und am Monatsende lacht der Dispo.

Dann kommt Marian. Haha. H.P. Baxter spielt Marian mit Minimalbeat. Marian. Wie geil. Den Gassenhauser der 80er-Gruftis, den sie bei uns noch in den 90ern im Uni Club in der Friedrichstraße als Rausschmeißer gespielt haben, bevor um 3 das Licht anging. Ganz cooler Song, enorm depressiv und hier wirkt er so mal gar nicht. Die Leuchtstäbchenhackfressen schauen vollkommen konsterniert und können gar nicht fassen was hier abgeht. Was hier gespielt wird. Fast schon zauberhaft wie irritiert sie sind. Marian, die Hymne der Ritzer, der Friedhofübernachter, der Patchouliduftkerzenanzünder, hier, auf einem Scooter-Konzert. Und die ganzen Döp Döp-Schlümpfe kommen gleich mal gar nicht drauf klar. Großartig. Ich mag H.P. Baxter, den Freak, diesen Botoxzombie, der mit irgendwas um die 50 immer noch auf der Bühne rumhüpft als wäre er Anfang 20 und mit seiner schieren Existenz jede Ironie auf die Spitze treibt. Döp Döp. So ist das eben. Forever young. Wenn der mal stirbt, sorgt das Restamphetamin dafür, dass der noch monatelang mit Händen und Füßen unter der Erde gegen den Sarg bollert, so dass sich die Nachbarn über den Lärm beschweren – zumindest wenn er sich in Prenzlauer Berg beisetzen lässt.

Rempel Rempel. Bum. Bum. Die schlimmsten Rempler sind übrigens Frauen. Sie scheinen zu erwarten, dass jeder automatisch zur Seite geht, weil er intuitiv ihre Nähe und die ungefähre Route durch die Menge ahnt. Das ist jedoch nicht der Fall, also stoßen sie völlig breitgesoffen und in jeder Hinsicht unkoordiniert gegen meine Seite und überschütten mich mit ihrem toxischen Red Bull-Wodka. Männer sind da anders. Die überschütten mich mit Bier.

Oha, jetzt kommt was ganz originelles. Tanzende Titten. Na klar, das auch noch. Johlende Jungesellenabschiedscheiße. Tittööööööön! gröhlt es sogleich neben mir. Es ist die Sekretärin. Mit ihrem Phillip. Der gröhlt mit. Du bist Deutschland. Du bist Schlumpf. Nur zwei Stücke später treten die Titten in einem Latexkostüm auf. Mit schwarzen Katzenohren. Und Peitsche in der Hand. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Na klar. Da gehen sie ab. Die haben alle 50 Shades of grey gelesen. Philip knutscht jetzt die Sekretärin ab. Und dreht an ihrer Brustwarze. Nachher zuhause in Marzahn-Hellersdorf werden sie sich die Salatgurke aus dem Gemüsefach wechselweise in den Darm stecken. Und danach aufessen. Nachdem sie sich in der Badewanne mit Schokosirup und Sprühsahne eingerieben haben. Ich weiß das. Es muss so sein.

Döp. Wie niveaulos.

Ach was ich bin raus. Kurz vor der Zugabe verlasse ich den Ort. In der betongewordenen Neonlichthölle von Unterführung verkaufen sie die Bierpulle zu drei Euro. Es könnte im Augenblick keinen trostloseren Ort als diesen geben.