Sächsische Fragmente

In Sachsen kombinieren sie immer noch Ohrtunnel mit Vollbart. Und Pickelknopfpiercings mit Backen. Zu quietschroten Haaren.

Im Hotel. Es ist halb zwei am frühen Nachmittag. Der Kretin am Empfang brüllt mich an: „Wüso sünn’n heudö ollä so früh? Einschäggn is ab Fötzn Uhr! Stetto druff! Müssensä läsn’n. Wollnsän Frühstück ham?“ „Nein danke.“ „Worum nä?“ „Ich frühstücke nicht.“ „Solltense aber.“ (So siehst du aus, du Fotzenbart). „Will ich aber nicht.“ „No güt. Is jo ihre Gesundheit.“

(Affe)

Für das WLAN wollen sie acht Euro haben. Und für den Parkplatz nochmal sieben.

„Basswort fürs Indernett gost acht Eurö.“

„Nein, danke.“

(Fickt euch)

An der Tankstelle. „Nummer 11. Und einen Kaffee und ein Schokoladenbrötchen nehm ich noch.“ „Schoggogrossö?“ „Schokoladenbrötchen.“ „Geen Grossö?“ „Nein. Kein Croissant. Brötchen. Pain au chocolat. Schokoladenbrötchen. Das da. Haben Sie Milch zum Kaffee?“ „Dö! Goffäsohne.“. „Richtige Milch auch?“ „Nä. Hättense Mülschgoffä nähm müssn.“ „Stimmt. Mein Fehler.“

Kein Tschüss.

(Fotze)

Der Kaffee ist beschissen. Und das Schokoladenbrötchen gefroren. Das Sodbrennen setzt nur Minuten später ein.

Beim Döner. „Soßä?“ „Scharf.“ „Mit alles?“ „Keine Zwiebeln bitte.“ „Mit alles.“ „Ohne Zwiebeln bitte.“ „Also mit alles.“

(I kill you)

Es kräht über einen Vorplatz in Lindenau: „Baulö! Nimmes XXL-Menüüü! Dö is nö Gölö müt drünnö.“

(Nur einen Euro für jeden Umlaut und wir könnten alle Probleme der Welt lösen.)Im DM. „Hom se nö Beibäckgordö?“ „Nein.“ „Geene Beibäckgordö?“ „Nein!“ „Warum nö?“

(Ich hasse nicht nur Rabattscheiße, sondern vor allem Fragen nach Rabattscheiße. War das früher schön ruhig beim Einkaufen.)

Straßenbahn. „Entschuldigen Sie, wissen Sie wie das mit den Tarifzonen funktioniert? Reicht eine für Leipzig?“ „Wesch nö.“ „Wissen Sie dann vielleicht ob ich die Tageskarte entwerten muss? Und wenn dann wo?“ „Wesch onö.“

(RTL 2. Eine Schneise der Verwüstung durch die Resthirne der Nachwachsenden.)

Auf einer Straße irgendwo in Plagwitz. Die Staatsmacht zeigt Präsenz. Übt durchgreifen. Und beginnt bei mir. „Stöpp! Bersöngondrollö. Ihrö Babierö.“ „Was liegt gegen mich vor?“ „Ihrö Babierö.“ „Was liegt gegen mich vor?“ „Ihrö Babierö.“ „Was liegt gegen mich vor?“ „Ihrö Babierö.“

(Wenn ich noch einen Sohn bekomme, werde ich ihn Acab nennen. Klingt so schön arabisch.)

Sachsens Straßen haben noch mehr Schlaglöcher als die in Berlin. Die durchgeknallten Terrorradler rasen hier nicht auf dem Bürgersteig. Aber nur weil die Bürgersteige in einem noch schlechteren Zustand als die Straßen sind.

Leipzig hat die rote Welle an den Ampeln perfektioniert. Ich dachte, wenigstens das kann Berlin besser. Wedding. Seestraße. Richtung Autobahn. Aber nein. Die rote Welle auf Leipzigs Straßen zeugt von ausgeprägtem Sadismus. Das kann nur jemand in dieser Form schalten, der Menschen inständig hasst. Sie wollen mich zermürben. Zermürben. Wollen. Sie mich.

Steigen zwei Nazis in die Straßenbahn und haben jeder eine Bionade in der Hand. Einer Litschi und der andere Holunder. Das glaubt mir wieder kein Mensch.

Ein Schild auf der Autobahn. Auf dem steht tatsächlich „Rechtsfahrgebot einhalten“.Ich muss über so etwas so sehr lachen, dass ich fast in die Leitplanke rase. Rechts.Um die zahllosen Flixbusse auf der A9 herum bilden sich immer öfter Trauben aus Caravans und Wohnanhängern. Vermutlich des WLANs wegen. Wahrscheinlich laden die alle gerade den neuen Til Schweiger-Tatort illegal von irgendeinem kasachischen Streaminganbieter runter. Oder das neue Album von Rihanna. Fast wirkt es als wärmten sich Schutzsuchende an einem Lagerfeuer. Oder wie Putzerfische, die nach Hautresten geiern. Oh Deutschland, dein Internet, oh Deutschland, deine Volumenbegrenzung.

Berlins OHV ist Sachsens MTL. Sie können es nicht.

Das Werk 2, das sich völlig zu Unrecht in seinem Ruf als Hort der Alternativszene suhlt, veranstaltet jetzt Karneval. Und es kommen genau die, die immer zu Karneval kommen. Junge Union-Gesichter. Siegelringträger. Jägermeistersäufer. Hilfigerhemdenborg. Und eine unüberhörbare Anzahl dummer grellbunter Schnepfen, deren Lachen Glas zerspringen lassen könnte, gäbe es hier nicht nur diese keimigen Plastikbecher.

Sobald sie lachen, wünsche ich mir jemanden, der mit seinen Fingernägeln über Dachpappe kratzt. Oder einen Laubbläser. Doch der Herbst ist vorbei. Wie schade.

Die Jackie Cola-Mischung im Werk 2 ist auch eine Zumutung. Kaum Jacky, dafür die Cola abgestanden. Sie wollen 4,50 dafür. Nepp mich. Schlepp mich. Fang den Bauern.

Dafür, dass Connewitz das neue Prenzlauer Berg sein möchte, ist hier entschieden zu wenig Sri Chinmoy. Ich kann mich nur schwer bremsen, besoffen „Mehr Gurus! Es braucht mehr Gurus!“ über das Connewitzer Kreuz zu rufen.

Connewitz ist Samstags so langweilig, dass ich schon zu Mitternacht müde werde und mir einen Whisky Sour aufs Zimmer bringen lasse. Der hingegen ist gut.

Karl-Liebknecht-Straße.

Autobahnzubringer.

Blinkende Schlote.

Windräder.

Willkommen im Land der Frühaufsteher.