Connewitzer Spaziergang

Auswärtsspiel. Leipzig-Connewitz. Hübsch hier. Sie malen jetzt auch hier die schicken Altbaufassaden an. Das steigert die Werte. Würg.

Natürlich ist auch fritz kola nicht weit. Es weht eine sanfte Brise der Verspießerung. Kaffeekultur. Sojakeim. Tofu. Birkenstock. Und es gibt Apps für die Nachbarschaft.

Wahrscheinlich kann man da melden, wenn jemand gegen die Mülltrennung verstößt. Oder nach 22 Uhr rülpst. Trau. Schau. Kuck. Alles da. Feldenkrais. Psychotherapeuten. Keramikkurse. Heilsteine. Und Fremdsprachenunterricht für 3-jährige.

Yoga und Chi Gong finden Sie hier auch an jeder Ecke. Genauso wie veganes Essen. Hallo Prenzlauer Berg. Trapp Trapp. Schleich Schleich.

Wobei letzterer Expressdude hier ein Scherz ist. Es handelt sich um eine ganz normale Glutamatbutze, in der ich zur Stoßzeit der einzige Kunde bin. Nix vegan, zumindest nicht durchgängig. Es gibt auch hier dieses altbekannte Eimerhuhn zum öligen Reis. Und diese misshandelten Enten, die wie obszöne dicke Spinnen von den Decken der Abstellkammern aller prekären Chinabutzen dieses Landes hängen. Aber das macht nix. Hauptsache wir schreiben groß vegan drauf. Hier in Connewitz. Das zieht. Buzz Buzz olé. Yoga. Thai Chi. Vegan. Chia Samen. Trockenobstschnitze. Ich fühle mich tatsächlich fast so bräsig wie in Prenzlauer Berg, nur noch nicht ganz so etabliert. Hier ist immer noch ein wenig Antifaland. Kein Straßenschild ohne Klarstellung:

Doch die Haie stehen schon parat.

Du suchst Immobilien zum Kauf? I bet you do. Und was ist das da:

In Connewitz verwirklicht man sich jetzt auch architektonisch selbst. Nyce. Und man saniert auch gleich die ehemaligen Widerstandsnester mit:

Das Conne Island. Meine Güte. Was haben wir da um das Millennium herum gesoffen. Sieht das schon lange so aus? Kann mich gar nicht erinnern, dass es inzwischen wirkt als könne es so auch in Herne stehen. Oder noch schlimmer: In Gießen.

Immerhin sind die Sprüche an den Hauswänden noch gut:

Schade dass ich Oberst Kübel und die Klabusterbären verpassen werde.

Eine Schande. Genau wie die Schneise der Verwüstung, die der Mob, die neue SA, vor ein paar Wochen durch Connewitz gezogen hat:

Das hätten sie sich vor 15 Jahren noch nicht getraut. Da fuhr nicht mal die Polizei alleine nach Connewitz rein. Hagelschauergefahr. Heute geht das. Doch wohl nicht überall. Die Stockartstraße ist immer noch ein Mythos. Ich laufe durch und werde beäugt. Wer bin ich? Was will ich? Argwohn liegt in der Luft. Die Leute schauen. Fotos mache ich keine. Das war schon früher so. In der Stockartstraße macht man keine Fotos. Oder zumindest nur einmal. Dann liegt der Apparat im Gulli. Trotzdem: Früher war alles offener hier. Netter. Ich hab‘ hier ein paarmal übernachtet. Eine Matratze war immer frei. Heute ist dicht. Ich kenne ja auch niemanden mehr. Und mich kennt auch keiner. Ich versteh’s ja.

So. Keine Zeit mehr. Ich muss los. Es ist kurz nach acht. Das Konzert geht gleich los. 

Einen Bonustrack habe ich noch. Hier. Gesehen in Lindenau. Was ist das? Kunst? Hab ich keine Ahnung von. Sieht scheiße aus.