Versteh ick nich (3) – Deutsche Bahn Edition

Der Borgwürfel schickt mich wieder einmal nach Frankfurt. Ich muss Dinge erzählen und bekomme Dinge erzählt. Dann muss ich einen Tag später mit diesen Dingen im Kopf wieder nach Berlin. Um sie dort jemand anderem zu erzählen, der sie wiederum jemandem erzählen wird. Sie legen hier großen Wert auf die persönliche Nähe ab einer bestimmten Stufe der Unfähigkeit. Dafür gibt es Konzepte einen Action plan bei uns. Social skills development. Team player cooperative. Capacity building. Brand strengh. Value synergy. Associates empowerment. We need to establish a level playing field to maximise our synergies across all paradigms. Fart fuck. Fist crap. Buttplugs. Finger im Po. Mexiko. Und Spesen ohne Ende.

So eine Reise mit der Deutschen Bahn bringt mit sich, dass ich einiges nicht verstehe. Das fängt schon am Ostbahnhof an. Hier, das da, diese Werbung am Bahnsteig:

Wortspielknast. Wortspielficker. Wortspielwahnsinnige. Der Praktikant der Hinterhofwerbebutze, die schon Antonia aus Prenzlauer Berg in die Welt kotete, hat nachgelegt. Sie adaptieren Star Wars. Imbeerator, verstehen Sie? Imbeerator wie Imperator. Hahaha. Möge die Macht mit dir sein. Die Macht? Nein! Der Saft! Ich scheiß mich ein, was ist das geil, der Saft! Statt Macht! Möge der Saft mit dir sein. Mein Hirn! Der Saft! Ist denn das zu fassen? Meine Güte, das ist so unglaublich komisch, dass ich jetzt gleich hier vor den ICE springen möchte. Welcher völlig kaputte Werbetroll ballert solche unfassbar schlechten Dinger in den öffentlichen Raum? Und wer zahlt dafür auch noch Geld, wem bringt das was abseits von Hohn und Spott?

Oh.

Moment.

Ich weiß. Das machen die absichtlich. Sie werben inzwischen mit vollem Vorsatz so schlecht wie möglich. Damit Leute wie ich das knipsen. Und verbreiten. Leute, die ein Blog haben. Das ein paar Leute lesen. Die sich darüber beömmeln. Und irgendwer findet sich immer, der den Müll dann weiter teilt. Twitter. Facebook. Telegram. Snapchat. Und dann verbreitet sich die Gülle im viral wundgescheuerten Internet wie Krebsmetastasen. Im Idealfall schnappt das einer der Aasfresser von diesen neuen furchtbaren Online-Jugendmagazinen (Bento, Bunga, Bingo, kein Plan) auf, mit denen die Holzpresse versucht, den komplett verblödeten Nachwuchs, der die Taste für RTL 2 auf der Fernbedienung nicht findet, zu ködern. Das sorgt dann für noch mehr Klicks. Labeling. Branding. Guerilla-Virality. Klickeliklick. Klickelifuck. Der Wahnsinn. Kuck mal hier, Mareike, so scheiße kann Werbung sein. Das schick ich mal an Birte weiter. Die kann das Georg zeigen.

Und so merke: Schlechte Presse gibt es nicht, denn egal welche Presse – Hauptsache Presse. Doch halt. Im Ernst? Lohnt sich das? Der Aufwand? Bringt das was? So ein grottenschlechtes Ding? Ick wees nich. Wenn ick ehrlich bin: Versteh ick nich.

An meinem Bahnticket verstehe ich auch etwas nicht. Denn es ist ein Online-Ticket. Mit einem dicken fetten Gekrissel QR Egal-Code. Trotzdem muss ich das Ding ausdrucken, sagen mir die grauen Gestalten aus der Buchhaltung, damit einer der Bahnschlümpfe einen Zangenabdruck darauf hinterlassen kann. Da isser:

Gnihihi. Gnihihi. Gnarf Gnarf. Hören Sie das? Das ist Kaiser Wilhelm. Er feixt. Über die Tatsache, dass seine 150 Jahre alten Innovationen aus Zeiten der dicken dampfenden Berta, mit der er immer mit großem Tusch in Königsberg eingefahren ist, immer noch Anwendung finden. Was stimmt mit der Bahn nicht? Warum wollen sie nicht von dieser seltsamen Gewohnheit lassen, mit einer lächerlichen Zange ein noch lächerlicheres Stück Papier zu entwerten? Versteh ick nich. Damit entpuppt sich der Begriff Onlineticket doch nur als übler Euphemismus, wenn ich trotzdem immer noch Papier in der Innentasche meines Mantels zerknödelt mit mir rumtragen muss. Zangenabdruck. Der Gruß aus der Gruft.

Des Nichtverstehens nicht genug, denn in Braunschweig, vom Bahnhof aus gesehen nach Kassel-Wilhelmshöhe der hässlichste Ort der Welt, steigen die Sabbeltanten zu, auf die ich schon gewartet habe, denn es war bisher eindeutig zu ruhig hier drin. Sie setzen sich natürlich direkt zu mir und legen auch sofort los.

2.000 Worte die Viertelstunde. Maschinengewehrsalven voller Nichtigkeiten. Eine Suada der Belanglosigkeit. Studentinnen vermutlich. Soziologie ziemlich sicher. So sehen die aus. Und sie waterboarden mich mit sinnlosen Informationen. Ein Typ namens Kaspar hat in Göttingen ein Antiquariat in irgendeinem Institut der Uni eröffnet. Läuft nicht. Nische. Jaja. War ja klar. Das hat die eine gleich gesagt, dass das nichts werden wird. In Göttingen gibt es genug Antiquariate. Manche mit angeschlossenem Café. Jaja, das will Kaspar jetzt auch machen. Was machen? Na Kaffee. Kaffeeecke. So mit Zuckerstreuer auf dem Tisch. Dazu Foucault. Habermas. De Beauvoir sicherlich. Als Lesekreis. Baststühle. Hauptsache Kaffee. Jaja. Der ist der Knackpunkt. Man muss ja schauen, wo man einkauft. Auf die Bohnen kommt es an. Immer auf die Bohnen. Man kann ganz schön auf die Schnauze fallen mit den Bohnen. Zu viel Säure. Zu saurer Kaffee. Oft auch leider das Problem von fair gehandeltem Kaffee. Dann die Maschine. Muss man investieren. Du, aber Filterkaffee ist ja wieder im Kommen. So wie Vinyl. Und Birkenstock. Hey, nichts gegen Birkenstock. Ich mache seit Jahren gute Erfahrungen damit. Hahaha.

Na? Schwirrt Ihnen schon der Kopf? Ja? Meiner hat schon nach zwei Minuten mit einem Tinnitus beide Ohren geflutet. Ich hoffe, der geht nie wieder weg, dann muss ich nie wieder anderen Menschen zuhören. Was stimmt mit diesen Eulen nicht? Was wollen die ausgerechnet hier? Der Borgwürfel bucht mich extra auf erste Klasse, damit ich möglichst entspannt in Frankfurt ankomme, weil dort normalerweise niemand die Leute ins Koma sabbelt. So der Plan. Das klappt auch in der Regel, außer wenn ich fahre. Denn auch wenn ich in der ersten Klasse sitze, finden sie mich. Sie finden mich immer, die Sabbler. Entweder bucht eine überforderte Ökomutter mit zu viel Geld für sich und ihre Brut alle Sitze um mich herum, so dass ich mich den Rest der Fahrt mit dem Tablet auf dem Zugklo einschließe, oder ich gerate zwischen eine Horde Frankfurter Hedgefondswichser, die sich und ihre Wichtigkeit mit der Fakephonecall-App am Smartphone zelebrieren, so dass ich damit beschäftigt bin, mich davon abzuhalten, sie am nächsten Bahnhof mit ihren Krawatten ans Fahrwerk zu knoten. Meine Güte. Menschen sind furchtbar. Alle. Warum müssen sie überall sabbeln? Wirklich überall. Versteh ick nich. Ich bin mir sicher, ich könnte in den Kaukasus auf einen Berg in einen Wald in eine Holzhütte flüchten und sie würden mich finden. Maximal zwanzig Minuten, dann hätten sie mich, die Sabbler. Stünden vor der vermoosten Holzhüttentür und ejakulierten ohne Pause Banalitäten in meine Ohren, bis die Wortwichse alle Gehörgänge verklebt. Um mich zu quälen. Versteh ick nich. Wem nützt das? Und warum wollen sie mich?

Doch ich bin wieder klug und habe, weil der Tinnitus leider nachließ, nach zehn Minuten Dauergeseier damit begonnen, mir die In Ear-Kopfhörer tief in die Ohren zu stopfen und Ministry auf Anschlag zu drehen. Nach einer Viertelstunde dreht sich eine der Eulen um und blickt einen Blick nach hinten, was ich nur im Augenwinkel sehe, weil ich nicht hinschaue. Dann blickt sie noch einmal. Ich glaube, sie sagt auch irgendwas zu mir. Vermutlich stört das Rauschen. Leider höre ich nichts.

Als würde sie mich dafür bestrafen wollen, dass ich nichts höre, packt eine der Eulen eine Stulle mit unfassbar stinkendem Käse aus. Eine Mischung aus gedünstetem Kohlrabi, Umkleidekabine des SG Rotation Prenzlauer Berg und einem Eimer seit Wochen abgelaufener Eier mockert durch den Raum. Übel. Die Fürze meines Kindes stinken auch so. Hat das Kleine von mir. Ich versuche ein Fenster zu öffnen, um mich hinaus zu werfen, doch die Fenster eines ICEs lassen sich nicht öffnen. Bedauerlich. Dreckseulen. Einen setzen sie immer drauf. Wer frisst solch einen Käse freiwillig? Versteh ick nich.

Sie sehen: Erste Klasse zu buchen klappt bei mir nicht. Ich könnte mich gleich mitten in eine Kita setzen und mich mit Knetgummi bewerfen lassen. Doch das passt zu dem großmäulig angekündigten kostenlosen Wlan in der ersten Klasse. Das klappt nämlich auch nicht.

Ich wollte einen von El Flojos fiesen Splatter-Animes schauen. Oder irgendeinen anderen seiner famosen Kurzfilme, die er von weiß der Henker wo ausgräbt.

Geht nicht. Versteh ick nicht. Sie können keinen Film im Zug kucken. Es ruckelt und zuckelt wie ISDN mit Kanalbündelung anno 1997. Hier, kiek ma:

Das hinter den bakterienverseuchten Fettfingerabdrücken auf dem Display ist ein Standbild. Das kann im ICE mehrere Minuten so aussehen. Hier wird noch Byte für Byte in liebevoller Handarbeit in den Buffer gelegt. Und gestreichelt. Besungen. Geliebkost. Ach, die Bahn, in meiner Hand verhöhnt mich ein Stück Papier mit der großmäuligen Verkündung: Neu! Free Mumia Willy Wlan in der ersten Klasse – in proudly Kooperation mit der Deutschen Telekom. Haha. Pat und Patachon. Dick und Doof. Sancha und Pansen. Großmäuler Arm in Arm. Und ich kann keinen Film schauen. Deutschlands Internet 2016. Schlechte Verbindung exklusiv für die erste Klasse. Und der Pöbel aus der Holzklasse bekommt sowieso nix. Verstehen Sie das? Ick nich.

Dann ist Frankfurt Hauptbahnhof. Thank you for choosing Deutsche Bahn. Mein Ohr fühlt sich pelzig an. Die Nase ist entzündet. Das Zangenabdruckticket fliegt in den Glasmüll. Bankfurt. Der Himmel grau, der Kaffee schlecht. Und aus meinem Hotelzimmer schaue ich auf einen Puff, vor dem für den Saft geworben wird, der mit mir sein möge.

 


 

1559195772991929555331264679774-11796574242704199293