Es geht dann mal los

„Ich habe lange überlegt ob ich dazu was schreiben soll.“ Blogger, die einen Text so beginnen, sollten Sie am besten gleich aus dem Feedreader werfen. Danach kommt nix mehr außer halbgare Luft aus abgestandenen Versatzstücken, jedoch nur selten ein frischer Gedanke und schon gar nichts Kontroverses, eher gut Abgehangenes, Ausgewogenes, Breiiges, Abgeschriebenes, Allgemeinplätze. Pürierte Astronautenkost für Zahnlose. Bloggerflausch aus der Filterblasenhölle.

Ich mag nicht um die Dinge herumschreiben, die in ihrer Hässlichkeit so sichtbar auf dem Tisch liegen: Köln war der Knockout. Köln hätte nicht passieren dürfen. Köln macht alles kaputt. Köln trifft mich da wo es mir weh tut.

Ich stecke nun in einer sehr blöden Situation. Wenn Sie hier schon eine Weile mitlesen, dann wissen Sie, dass mein Umfeld zu einem wesentlichen Teil aus Liberalen im klassischen Sinne und gemäßigten Konservativen besteht. Das macht die Diskussionen beim Bier sehr lebendig und jeder findet das gut.

Ich teile die Auffassungen meines Umfelds meistens nicht, komme aber sehr gut damit klar, dass mein Umfeld diese hat. Ich muss mir oft sagen lassen, dass das selten geworden ist. Sie werden das vielleicht nachvollziehen können, wenn Sie im Internet Kommentarspalten lesen oder sogar bei Twitter sind. Ich kann mit Meinungsmobben oder gar Tugendfuror nichts anfangen und vertrage andere Sichtweisen sehr gut. Vielleicht sollte ich mal zum Arzt gehen. Oder mir einen Twitter-Account zulegen, damit das aufhört.

So ein Ding wie Köln hätten sie nie vorausgesagt, meine liberalen und konservativen Freunde. Dafür hetzen sie zu ungern. Das Problem mit der Zuwanderung war bis jetzt eher so ein Bauchgrummeln. So ein ungutes Gefühl. Naja. Ob das gut geht. So viele Menschen aus dieser doch sehr andersartigen Kultur. Mmmh. Wird wohl Konflikte geben. Ohne Reibereien wird das nicht abgehen. Ob wir das hinkriegen weiß ich nicht.

Für mich waren sie Bedenkenträger. Kann keiner ernst nehmen. Angsthasen. Kein Staat zu machen, keine Schlacht zu gewinnen mit denen.

Köln hat das geändert. Ich kann das Bauchgrummeln jetzt nicht mehr lachend als Panikmache verspotten, ich kann nicht mehr den Holzhammer „Haha ihr besorgten Bürger“ um mich werfen, sie nicht mehr mit ihren Dresdner Wahlverwandten nerven, mit denen sie nicht in einen Topf geworfen werden wollen. Geht nicht mehr. Das Spiel ist kein Spiel mehr. Die Sache kippt. Irgendwas ist kaputt gegangen.

Wenn es Ihnen anders geht seien Sie froh, doch die Sorge über das, was dieses Jahr noch bringen wird, ist in meinem Umfeld spürbar geworden. Hat jetzt ein Gesicht. Die Stimmung ist nicht gut. Nur noch wenige haben ein gutes Gefühl bei der Lage der Dinge. Oder gar irgendsowas absurdes wie Optimismus. Ich schätze den Anteil derer um mich herum, die inzwischen unverzüglich die Grenzen dicht machen wollen, auf 80%. Der Rest sind ein paar wackere Linke, die Flüchtlinge nach wie vor und immer noch aus tief verinnerlichten humanitären Gründen willkommen heißen, das alte liberale offene Europa zurück haben wollen und ausnahmslos paralysiert dem Kippen der Stimmung im Land und im ganzen Kontinent gegenüber stehen.

Falls Sie unbedingt auf einer Positionierung bestehen, weil es ohne schon wieder nicht geht: Zu diesen tapferen 20% gehöre ich. Refugees welcome. Ich habe immer noch keine Angst. Da müssen Sie durch.

An meinem Arbeitsplatz ist die Stimmung dagegen komplett gekippt. Da stehe ich inzwischen ganz alleine. Es herrscht Sorge wohin Sie schauen bis hin zu Panik und Hysterie. Vor einem halben Jahr hätte niemand offen gesagt, dass er es erwägt, die AfD zu wählen. Oder die Grenzen dicht haben will. Gegen die weitere Aufnahme von Kriegsflüchtlingen ist. Oder sich wegen der Muselmanen im Containerdorf nebenan Pfefferspray kauft. War verpönt. Sagte niemand. Die meisten waren sogar überraschend aufgeschlossen, trotz der enormen Flüchtlingszahlen, die wöchentlich stiegen. Man muss doch helfen. Einige haben gespendet. Die alten Kinderspielsachen ausgemistet. Verständnis für beschlagnahmte Turnhallen gehabt. Windeln vorbeigebracht. Wir schaffen das. Das war Konsens. Ich war sehr überrascht kürzlich noch. Letzten Spätsommer. August. September. Eine offene Gesellschaft. Mit nichts brachte ich dieses Land bis dahin weniger in Verbindung.

Das hat sich geändert. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit ins Gegenteil verkehrt. Schotten dicht ist jetzt Mainstream. Zaun hoch. Aufnahmestopp. Vollüberwachung aller öffentlichen Orte. Konsens. Allein die Wahl der AfD gibt auf Arbeit nur einer zu. So weit geht die Masse noch nicht. Immerhin.

Und ich? Ich bin jetzt nur noch der Merkelversteher, weil ich der Meinung bin, dass dieses Land nicht untergehen wird, nur weil es 1-2% mehr Bürger bekommt. Dass dieses reiche Land was abgeben kann. Weil ich selber was abgebe von dem was ich habe. Das finden sie jetzt naiv. Köln hätte doch gezeigt wohin das führt.

Dass der Umschwung so rasch kam, hat mich kalt erwischt. Aufgeschlossene Weltbürger, die so ziemlich jeden entlegenen Winkel der Welt bereist haben, werden plötzlich zu Freunden der Abschottung. Gestandene Festivalgänger faseln an der Theke vom Wild at heart in Kreuzberg unvermittelt was von Boot voll. Und der verdammte Mob ist auch wieder da. In Leipzig terrorisieren Nazihools den alternativen Stadtteil Connewitz, die Zahl der Brandanschläge auf Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte kratzte 2015 an der Vierstelligkeit und Pegida hat das letzte Jahr locker ohne Einbußen bei der Teilnehmerzahl überlebt. Und jetzt grätscht uns Köln auch noch die Beine weg. Wasser auf die Mühlen der Rechten. Futter für die Bürgerwehr. Ein Totschlagargument für den Mob. Und mein Umfeld hat Angst.

Was tun?

Nix.

Was nix?

Nix. Dagegen hilft im Moment überhaupt nichts, machen wir uns nichts vor. Es ist scheißegal was wir schreiben, es ist die Zeit der irrationalen Angst und jeder Versuch, die Meinungshoheit kurzfristig zurück zu gewinnen, ist kontraproduktiv. Die bewährten Waffen sind stumpf geworden. Für Fakten hat in einer derart hochemotionalen aufgeheizten Stimmung sowieso keiner ein Ohr, mit jedem noch so gutgemeinten humanistischen Statement erreichen wir im Moment doch nur die eigene inzestuöse Blase, der sonst so wirksame Roundhousekick aus Ironie, Hohn und Spott verpufft wirkungslos in der Luft und diese hilflosen Versuche, die Vorgänge in Köln in ganz normales männliches Verhalten ohne Bezug zur Herkunft der mutmaßlichen Täter umzudeuten oder gar ein Lieblingswort unserer Gegner zum Jahresunwort zu küren, um sie so zu zwingen, es nicht mehr zu sagen, ist in seiner Absurdität nicht nur ein Eigentor, sondern noch mehr Wasser auf die Mühlen derer, die von einem linken Meinungskartell faseln, das die Nachrichtenlage nach Belieben manipuliert.

ISIS hat heute in Istanbul acht Deutsche in die ewigen Jagdgründe gebombt. Erst Köln, jetzt das. Noch mehr Wasser für noch mehr Mühlen. Es wird nicht das letzte Wasser sein. Das Jahr beginnt nicht gut und es bleiben noch 354 Tage. Actio – Reactio. Dann wieder Actio. Es geht dann mal los.