Der König der Schlümpfe


Michael Müller: Berlin ist nicht in katastrophalem Zustand

Jetzt hat er auch mal zum Zustand seiner Stadt gesprochen, der Große Steuermann, der auf dem Papier die Verantwortung für die Stadt trägt. Alles gar nicht so schlimm, sagt er. Übertrieben. Probleme ja, aber bitte, Kirche, Dorf, lassen, doch mal, müsse doch, bla.

Ich möchte einmal erleben, dass jemand, nachdem sein Laden als Karren meterhoch selbstverschuldet, vorsätzlich und mit Anlauf im Dreck steckt, sich hinstellt und sagt: „Ja. Sie haben Recht. Alle, die sich über meinen Saftladen beschweren, haben Recht. Wir haben es verbockt. Alles ist schief gelaufen. Es war Versagen auf ganzer Linie. Das tut mir leid, ich entschuldige mich dafür und jetzt werden wir alles daran setzen, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Deshalb hier und vor Zeugen: Messen Sie mich an meinen Worten, ich bringe das in Ordnung.“

Haha. Ha. Brmpft. Vergessen Sie es. Niemand übernimmt mehr Verantwortung. Das zieht sich durch von der ganz großen Politik bis runter in die kleinste Klitsche, in der der Azubi im Zweifel jeden denkbaren Ärger abkriegt, aber nie derjenige, der den Saustall in verantwortlicher Position lenkt.

Im Borgwürfel, meinem Arbeitsplatz, ist das nicht anders. Wenn dort Ärger am Horizont auftaucht, tauchen die Führungskräfte reflexartig ab wie Guppys, wenn sich der Kescher ins Aquarium senkt, gerne indem sie im Vorbeihuschen den Druck potenzierend weiter nach unten geben, während sie nach oben vorschützen, von keinen Dingen irgendwas gewusst zu haben, so dass am Schluss die ärmste kleine Wurst im ganzen Affenstall den Arschtritt für einen versauten Auftrag, einen verärgerten Kunden oder den stinksauren Vorstand abkriegt – im Zweifel der Praktikant. Oder irgendein Kofferträger. Gerne auch die untere Führungsebene, irgendein koksender BWLer oder Dreierjurist, wenn es dann doch mal jemand mit Funktion sein soll. Egal. Ein Backpfeifengesicht findet sich immer, Hauptsache es verdient weniger als Vier netto im Monat. In den Gehaltsklassen drüber wissen sie nichts, wahrscheinlich nicht mal was der Laden eigentlich herstellt oder wer sie überhaupt in dieses Büro gesetzt hat. Dass sie ohne GPS vom Dienstwagen mit Fahrer zur Toilette finden ist ein Wunder.

Ich habe mal Scheiße gebaut. Ein Ding verbockt. Ich stand vor 50 blasierten höchstrangigen Anzugträgern, in der Hand ein Eckpunktepapier und habe Blödsinn erzählt. Eine falsche Information, herausgekramt und powerpointisiert von einem Zuarbeiter. Das war peinlich, gab Anlass zum Spott, sprach sich rum und war natürlich meine Schuld. Ich hätte die Dinge ja verifizieren können, die ich so erzähle. Habe ich aber nicht. Mache ich fast nie. Ich lese am Vorabend im Hotelzimmer maximal die Überschriften und merke mir die Reihenfolge. Exzessive Faulheit, die ich mir gegenüber als Effizienz verkaufe. Buhu. Gnarf Gnarf. Falsche Zahlen. Ein dicker Fauxpas. Ein faules Ei, das Sie dem Betrieb nicht allzu oft unterschieben sollten, wenn nicht nächsten Monat schon wieder Bewerbungen schreiben wollen. Puh.

Okay. Ein Ding verbockt. Was ist denn nun der Regelfall? Wie reagiert die normale inkompetente Führungskraft in einem deutschen Büro auf heraufziehenden Ärger durch eigenes Verschulden? Na klar, abwiegeln. Erklären, dass es gar nicht so schlimm ist. Eine Lappalie. Und außerdem sei sie gar nicht schuld, auch wenn sie, die Führungskraft, auf dem Papier die Verantwortung für die Dinge trägt. Schuld. Die haben auf jeden Fall immer andere. Vorgänger. Zuträger. Untergeordnete. Der Mondzyklus. Karl Dall. Die Gesamtsituation. Alle. Nur der mit der Verantwortung nicht.

Ich habe in meinem Beispiel mit dem verkorksten Vortrag den großen taktischen Fehler gemacht, den Gürtel zu öffnen und die Hose langsam auf Knöchelhöhe runterzulassen während ich die Handflächen nach vorne gedreht und den Kopf gesenkt habe. Ich habe mir ein Stahlbad eingelassen und jeden der 50 betroffenen Borgkunden angeschrieben, um Entschuldigung für die falsche Information gebeten und die richtige Information nachgesteuert. Den Fehler eingeräumt. Mir zugewiesen. Transparent gemacht. Keinen außer mich hingehangen. Das war für die Kunden zum überwiegenden Teil kein Problem, denn wenn Sie klar und offen kommunizieren, sind Kunden gerne mal recht entspannt, doch hausintern scheint das so ein ungewöhnlicher Vorgang gewesen zu sein, dass sie ihn mir heute noch bei den jährlichen Zielvereinbarungsgesprächen als Grund dafür um die Ohren scheuern, warum es wieder nicht für eine Spitzenposition beim Jahresbonus gereicht hat. So banal wie es klingt ist es auch. Das Einräumen eines Fehlers hat mich auf absehbare Zeit unmöglich gemacht. Das Einräumen eines Fehlers macht Sie an den meisten Orten, an denen es um Karrieren geht, unmöglich.

Oder hier. Der da. Ein offenbar nicht ganz so beliebter Bloggerjournalist / Journalistenblogger, der eigentlich alles richtig macht. Er baut Scheiße. Und räumt sie weg*. Vorbildlich. Er behauptet eine deutliche Spur zu hysterisch, dass er anonym bedroht würde und als sich das Ganze als absoluter Unsinn herausstellt, macht er den selbstgebauten Bullshit transparent. Besser kann einer seinen Fehler nicht ausbügeln, oder?

Was glauben Sie denn, was passiert ist? Na klar, sie haben ihn einmal an den Ohren durch Twitter und Facebook gezogen, verhöhnt, verlacht, verspottet, endlich mal einen mitgegeben. Doch wofür eigentlich? Für die Eier, einen Fehler einzugestehen und das auch noch transparent, offen, angreifbar und das auch noch am selben Ort des Bullshits? Pech gehabt, denn aus der Nummer kommt er nicht mehr raus. Sie werden ihm die Sache noch viele Jahre später aufs Brot schmieren wie mir meinen misslungenen Vortrag. Sie tragen jedem seine eingestandenen Fehler nach. Durch alle denkbaren Hierarchien. Horror buerocrati. Eingestandene Fehler hängen noch Jahre später als Bleiblock an Ihrem Bein während die jungen dynamischen aalglatten Schnösel, die nie einen Fehler freiwillig einräumen würden, an Ihnen vorbeiziehen.

Das Fazit kann daher nur lauten: Machen Sie es wie alle. Übernehmen Sie keine Verantwortung, wenn Ihnen Ihre Karriere lieb ist. Bagatellisieren Sie. Vertuschen Sie, wenn möglich. Oder tauchen Sie gleich ganz ab. Genau das ist der Grund, warum alle Führungskräfte jeden Fehler routinemäßig abstreiten, negieren, Nebelkerzen werfen, „Haltet den Dieb!“ rufen, Pirouetten drehen und sich wegducken. Es ist das Klima einer Gesellschaft, die eine ehrliche Bestandsaufnahme sanktioniert, Wegducker jedoch hofiert und mit Karriere belohnt. Verantwortung taugt nix mehr, deswegen übernimmt sie keiner mehr, nicht mal der regierende Oberschlumpf dieser verwahrlosten Stadt mit ihren unterbezahlten und marginalisierten Angestellten, die nur noch einen Kaiser mimt, dessen Nacktheit ein schaler Running Gag an jedem Tresen von Spandau bis Köpenick geworden ist, wenn dem Wirt gerade kein Witz mit Furz als Pointe einfällt.

Noch einmal die Lage fürs Gemüt, weil da wahrscheinlich jeder mit Wohnsitz in dieser Stadt mitreden kann: Sie bekommen in den nächsten zwei Monaten keinen Termin für die wohnungsmäßige Anmeldung, obwohl Sie sich rein melderechtlich innerhalb von zwei Wochen registrieren lassen müssen, um keine Ordnungswidrigkeit zu begehen. Sie müssen Ihr Auto ummelden und der nächste freie Termin ist erst übernächsten Monat. Ihr Kind braucht einen Kitagutschein und der Warteraum des Jugendamts quillt über vor Menschen, von denen 397 eine Wartenummer vor Ihnen haben. Oder Ihr Pass läuft genau in der Woche ab, in der Ihr Borgwürfel Sie nach Peking schicken will und Sie haben keine Überstunden mehr, um sie tageweise im Bürgeramt abzubummeln. Ohne Garantie, dass Sie überhaupt drankommen. Vielleicht sind Sie auch Flüchtling und wollen kein Illegaler sein, sondern sich ordentlich registrieren. Bei der zuständigen Behörde. Dann sitzen Sie hier im Winter in einem Zelt vor einer aus Personalmangel und Inflexibilität komplett implodierten Behörde, vor der die öffentliche Ordnung schon lange zusammengebrochen wäre, wenn sich nicht zahllose Initiativen ehrenamtlich darum kümmern würden, dass sie aufrecht erhalten wird. Oder machen wir es profan: Sie sind gar so verrückt und wollen heiraten? In dieser Stadt? Naja, 2017 ist auch ein schönes Jahr. Warten Sie doch einfach. Was wollen Sie auch hier? Gehen Sie doch nach München. Da funktioniert Verwaltung.

Und dabei ist in der Aufzählung noch gar nicht mal das Wort „Flughafen“ gefallen.

Es ist Berlin. Hier funktioniert Verwaltung nicht. Hier sind die Stellen, an denen Sie als Bürger leider nicht vorbeikommen, überaltert, verfilzt, in allen Schlüsselaufgaben mit Außenwirkung kaputtgespart und ohne ausreichend qualifizierten Nachwuchs. Und der König der Schlümpfe, der Regierende Comical Ali ohne funktionierende Armee, macht das was alle machen. Er beschönigt und schiebt die Schuld jemand anderem zu. Seinem Vorgänger. Den Sparrunden von Wowereit. Kein Wort davon, dass er während dessen gesamter Regierungszeit seit 2001 sein Fraktionsvorsitzender war. Der auch immer Zuchtmeister der Regierungspolitik ist. Der die Grausamkeiten der Regierungsbank durch die Riege störrischer Abgeordneter peitschen muss. Grausamkeiten wie die Sarrazinsche Sparpolitik zu Lasten der ganz kleinen Verwaltungsangestellten, deren späte Auswirkungen Sie heute auf jedem Bürgeramt, dessen Dienstleistungen Sie nicht mehr ohne Bluthochdruck abrufen können, erleiden müssen – ein Kahlschlag, den er in verantwortlicher Position nicht nur mitgetragen, sondern aktiv durchgesetzt hat.

Das sagt er aber nicht. Und niemand schreibt drüber.

So weit, so normal. So machen sie es alle. Sie tragen die Verantwortung, doch übernehmen keine mehr. Sie schieben sie ab. Vorzugsweise auf Vorgänger. Denen das egal sein kann. Oder Untergebene. Die sich nicht wehren werden, wenn ihnen ihre Haut lieb ist.

Ich möchte einmal sehen, dass sie diese ganzen überflüssigen Führungskräfte aus den wasserkopfigen Senatsverwaltungen, diese ganze Armee von überflüssigen Parteibuchzombies in ihren verrammelten Einzelbüros, mal runter an die Tresen der Bürgerämter stellen. Zum Stempeln. Formulareheften. Scheiße in uralte Computer, die wahrscheinlich noch mit Windows 95 laufen, eingeben. All diese überflüssigen Führungskräfte, die sie trotz Sparrunden immer munter weiter eingestellt haben, während sie ihr Fußvolk bis runter zu den mittleren Verwaltungsangestellten ausgeblutet und kaputtgerockt haben. Da würde ich sie gerne sehen. Zum Vorgangshalden abbauen. Termine für die Bürger gewährleisten. Meinen Pass verlängern. Einfach mal anpacken.

Was? Höre ich dazu was von dem, der da regiert? Masterplan in Sicht? Eine Idee? Eine Entschuldigung eventuell? Naa, bitte, alles nicht so schlimm, die Lage ist unter Kontrolle, ehrlich, glauben Sie doch, glauben Sie.

* via wirres