Nudo

Es ist ein Elend. Sind Sie zu jung, haben Sie meist kein Geld, um halbwegs gut zu essen. Sind Sie zu alt, haben Sie zwar vielleicht das Geld, aber dürfen nicht mehr allzu häufig zu gut essen. Der Blutdruck. Der Blutzucker. Das Gewicht! Tofu olé. Her mit den Blättern, zum Teufel mit dem Öl.

Und die Zwischenzeit, naja, die besteht zumindest bei mir aus hektischen Lunchs in irgendwelchen Mittagspausen mit irgendwelchen Leuten, die ich gar nicht mag, immer viel zu schnell reingestopft, weil der nächste Termin wartet und das größte Problem darin besteht, die Unterlagen, die ich gerade für die nächste langweilige Präsentation auswendig lerne, nicht mit der Sojasoße des miesen Bahnhofsushis vollzukleckern.

Ich nehme mir deswegen die Zeit, gut zu essen. Das geht meist nur abends am Wochenende und dann auch nur, wenn der Babysitter Zeit hat. Dann ist Ruhe, dann ist die Hektik weg, keiner will was, niemand stresst, das Smartphone liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem Tisch, dann fahre ich runter, dann gehe ich essen.

Heute im Nudo. Lausitzer Platz. Kreuzberg. Nähe Görli. Da wo der Grind noch direkt auf Gentrifizierung trifft und jeder mit Augen im Kopf jetzt schon weiß, wer gewinnen wird.

Sie kriegen mich ja mit Menus. Bieten Sie ein Menu an und ich komme vorbei. Drei Gänge. Lieber vier. Am besten fünf. Oder gleich acht. Und bitte mit Amuse Gueule. Ich möchte vom Koch gegrüßt werden.

Zu Essen gibt es heute das hier:

Vier Gänge. 28 Euro. Und sie senden ein Amuse Gueule als Vorhut:

Sie sehen nix? Ja, leider schon weggegessen. Es war eine Krokette. Ziemlich gut. Es ist zwar schade, dass Sie sie nicht mehr sehen können, aber eigentlich mag ich eh keine Bilder mit vollen Tellern, da bekommen Sie nur unnötig Hunger und es wäre einigermaßen sadistisch, Ihnen wunderbar ausgeleuchtete Bilder von feinem Essen an Ihren Arbeitsplatz oder nach Hause ins muffelige Wohnzimmer zu ballern, wenn Sie da in Ihrem Kühlschrank nur noch eine gammlige Tomate und eine schon vor Jahren abgelaufene Thai Curry Paste vom letzten Wok-Desaster haben, weil Sie wieder vergessen haben einzukaufen. Wäre nicht nett. Deswegen bekommen Sie von mir nur schlechte Smartphonebilder von leergefressenen Tellern und einen übersichtlichen Kommentar, wie das war. Würde ich vorher Fotos schießen, würde ja auch das Essen kalt. Und das will ja auch keiner.

Das hier war das Kalbscarpaccio mit Trüffeln und Parmesansplittern. Das Grüne da ist Feldsalat. Für ein Foto der Reste der Auberginen-Caponata, dem ersten Gang, war ich zu langsam. Aus der Übung quasi. Zack war der Teller weg. Schnell sind sie hier.

Und hier das, was von dem Ricotta-Spinat-Malfatti in Butter-Salbei-Soße übrig ist.

Zuletzt der lausige Rest des Kalbssteaks mit Trüffel und Gemüse. Fehlt nur noch ein Espresso, ein Grappa und eine Dessertvariation, was jedoch nicht beim Menu dabei ist und im Fall der Desserts mit vernünftigen sechs Euro zu Buche schlägt.

Mehr als ein verzagtes „Ganz okay“ würde mir dazu nicht einfallen, würde ich immer noch auf irgendeinem Bewertungsportal über Restaurants schreiben. Das Steak war zwar ganz hervorragend gebraten, wobei das nun wirklich nicht schwer ist (Achtung Rezept): Auf jeder Seite eine Minute scharf anbraten, dann gepfeffert, mit Fleur de sel gesalzt und mit Alufolie umwickelt noch ein paar Minuten in den Ofen werfen. Miraculi ist fertig. Yeeeeeh.

Festgehalten werden muss: Sie nehmen sehr gutes Fleisch hier im Nudo. Außergewöhnlich gut. Es zerfällt bereits, wenn Sie nur mit dem Messer drohen, ohne dass sie es eingelegt oder geschmort haben. Sehr schön.

Allein, gewürzt haben sie es nicht, ebenso wie das ganze Gemüse der Beilage, was nicht schlimm gewesen wäre, hätten sie Salz und Pfeffer zur Verfügung gestellt, was sie nicht haben, denn auf dem Tisch haben sie keines, ebenso wenig wie jemanden, den Sie spontan herbeiwinken können, denn inzwischen herrscht Hektik im Nudo. Viele Menufreunde und kein Tisch mehr frei. So bleibt: Fleisch und Beilagen sind: Nicht gewürzt. Okay. Purismus ist ja wieder im Kommen. Den Espresso bekomme ich in den umliegenden Cafés ja auch nur noch selten mit Zucker. Immer nur der reine Stoff. Kein Pimpen. Vielleicht muss das in Kreuzberg so.

Es bleibt ein durchwachsener Eindruck. Die Trüffel waren zu belangslos und wenig, um Akzente zu setzen, die Auberginen kamen – wenn Sie die Meisterwerke der kantonesischen Küche gewohnt sind – irritierend nichtssagend daher und von der Desertvariation konnte nur eines von drei – das Mousse überraschenderweise – überzeugen. Die Kollegin Panna Cotta war fad, dafür deutlich zu sahnig und für Freundchen Tiramisu haben sie ungefähr einen Becher Mascarpone zu wenig verarbeitet. Dadurch kam es zu sehr kaffeelastig daher. Bei Tiramisu bin ich sehr zickig. Zu viel Kaffee macht schlechte Laune.

Zuletzt hat der Zuständige für den Wein keine Ahnung. Ich werde gefragt, wie ich meinen Rotwein mag, antworte mit „Kräftig, erdig, schokoladig, männlich derb, schwer wie ein Amboss“ und was ich bekomme ist ein Chianti. Na gut. Ich sollte meinen Wein in Lokalen, die ich nicht kenne, wieder selbst aussuchen. Mein Fehler.Immerhin waren Espresso und Grappa gut. Nochmal? Aber nein.

FF*


Nudo
Lausitzer Platz 10
Kreuzberg

* Frohes Fest (oder Fistfuck, je nachdem was Sie mehr mögen).