Unsere große, dicke, peinliche Verwaltung

Failed Stadt Berlin

Berlin – Hauptstadt des Versagens

Als so ziemlich die Letzten haben es die Edeljournalisten der etablierten Portale rausgefunden: Berlins Verwaltung ist eine Katastrophe. Die Grundfunktionen der Stadt funktionieren nicht mehr. Sie geht den Bach runter.

Jemandem, der hier schon länger wohnt und mit offenen Augen durch die Stadt geht oder – möge es Ihnen erspart bleiben – öfter mal mit irgendwelchen Stellen der Berliner Verwaltung zu tun hat, kann diese Aussage nur ein müdes Arschrunzeln abringen, denn langsamer, umständlicher, planloser, unmotivierter und teurer geht nicht mehr, wenn Sie nicht gerade in eine zentralasiatische Diktatur reisen.

Nichts neues also hier kurz vor Polen. Das wissen wir doch alles. Das kennen wir doch alles. Wir wohnen hier und leben damit seit Jahren: Hier klappt nichts. Flüchtlingsunterkünfte. Wohnungsbau. Straßenbau. Verkehrsplanung. Winterdienst. S-Bahn. Flughafen. Meldeämter. Jugendämter. Standesämter. Alles platt. Runtergerockt. Durchgenudelt. Versiebt. Verramscht. Versifft. Das Einzige, das hier zuverlässig funktioniert, ist die Schichteinteilung für die Parkraumbewirtschaftung aka die herumstreunenden Kontrollettis, die hier im Kiez sogar bis Samstag 20 Uhr auf Streife gehen, um dukatenscheißenden Falschparkern Zettel an die Windschutzscheibe zu pinnen. In Zweier-Kolonnen. Mehreren. Mehrfach. Rasterahndung des Kavaliersdelikts. Das funktioniert. Denn es bringt ja viel Geld ein. Was noch funktioniert sind die EC-Karten-Slots für die rekordverdächtig horrenden Gebühren für jeden Handgriff der Verwaltung, falls Sie es doch mal schaffen, eine Dienstleistung, für die Sie eigentlich schon Steuern gezahlt haben, abzurufen. Funktioniert tadellos. Bezahlen flutscht. Da stecken sie Energie rein. Immerhin.

Der selbsternannte Qualitätsjournalismus reitet also im Moment das Berliner Verwaltungsdesaster als neue Sau durch das Kuhdorf, die wie jede Sau nächste Woche schon wieder von einer anderen Sau abgelöst und vergessen sein wird. Was sie bei der Gelegenheit jedoch wieder einmal nicht anpacken, sind die Ursachen. Das machen sie nicht mehr. Sie stellen keine Fragen mehr, sondern nur noch fest. Unumstößlich. Berlins Verwaltung ist am Arsch. Tada. Warum das weiß der Himmel, mögen Sie denken, wenn Sie den gängigen Onlineportalen glauben. Denn in den Redaktionen erheben sie nicht mehr, warum die Dinge sind wie sie sind. Sie nehmen sie hin. Als Gegebenheit.

Für den Blick auf die Wurzel der Wucherung brauchen Sie einen Insider. Einen von der Basis. Einen, der die Abläufe kennt. Die Leichen in den Kellern. Den abgefuckten Typen von der Front. Einen richtigen Insider. Der dort arbeitet, worüber sie überall so oberflächlich wie folgenlos berichten. Einen Whistleblower wenn Sie so wollen. Doch wer als Journalist bis zum Torso in der Rosette der Regierung steckt, der fragt zum einen nicht mehr nach Ursachen, weil das ja unbequem wäre und unbequem will niemand mehr sein, und kennt zum anderen schon gar keine Whistleblower, die nicht morgens mit dem Fahrer zuhause für die Ausschusssitzung abgeholt werden.

Ich kenne einen. Der sitzt im Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Labo genannt, einem Amt, von dem keiner weiß, was es eigentlich tut. Das Internet sagt, dass dieses Amt beispielsweise zuständig ist für die Kfz-Zulassung, einer üblen Notwendigkeit mithin, für die Sie wie bei den Bürgerämtern inzwischen monatelang auf einen Termin warten müssen, was zur Folge hat, dass der Schwarzhandel mit Terminen blüht. Mittendrin in dem Chaos sitzt der. Und hat schon lange abgeschlossen. Mit Beförderung, Anerkennung und mit guter Bezahlung sowieso. Und Nachwuchs gibt es auch keinen. Zumindest keinen, der was kann.

Wenn Sie ihn fragen, worin die Ursache für die unterirdische Performance dieser Dilettantenbude von öffentlicher Verwaltung liegt, dann kann er das detailliert, schlüssig und kenntnisreich darlegen. Kennen Sie auch eine arme Sau aus der Berliner Verwaltung? Fragen Sie doch mal nach abends beim Bier. Sie werden staunen.

Wussten Sie zum Beispiel, dass der schielende Bestsellerautor mit der Rotzbremse, der hier vor über zehn Jahren den städtischen Finanzsenator gab, kurz nach dem Millennium über mehrere Jahrgänge hinweg nahezu alle angehenden Verwaltungsangestellten und Beamtenanwärter der Stadt trotz Übernahmezusage entlassen hat? Eine hohe dreistellige Zahl. Er hat also diejenigen Spezialisten, die er bedarfsgerecht für eine Tätigkeit ausgebildet hat, die sonst fast nirgendwo in der Stadt abgefragt wird, einfach nicht übernommen. Prüfung machen lassen und danach raus, Bedarf hin oder her – tschüß. Damals hat sich Bayern bedankt. Und Baden-Württemberg. NRW. Und was weiß ich denn wer sonst noch. Gut ausgebildete motivierte junge Leute. Weg. Und weil das nicht reicht, haben sie die früher vergleichsweise gut vergütete Verwaltungsausbildung in einen gebührenpflichtigen Bachelor-Studiengang an irgendeiner nachrangigen Fachhochschule privatisiert, womit der Beruf endgültig so attraktiv wie metastasierender Hodenkrebs geworden ist.

Ist doch auch klar. Jetzt soll also jemand Semestergebühren für eine Ausbildung abdrücken, nur damit er später nach dem Abschluss in dieser legendär maroden Berliner Verwaltung landet, die ihre Mitarbeiter mit Kettenzeitverträgen, unterirdischen Eingruppierungen, Beförderungsstopp und der mit Abstand miesesten Bezahlung im Bundesgebiet drangsaliert. Ehrlich. Wer soll so einen Scheiß studieren? Und wofür? Niemand, der seine Sinne beisammen hat, tut sich das an, außer er will gerne nach Bayern. Die freuen sich. Ansonsten ist jeder andere Fachbereich erfüllender, sogar BWL. Kann man danach immer noch gut bezahlt in einem Borgwürfel anheuern. Oder in einer Bank. Oder in einem Bankborgwürfel.

Durch diesen personalpolitischen Overkill dieses empathielosen Menschenfeinds, der in dieser üblen Ausprägung nur in der SPD sein konnte, um einen derart erfolgreichen Feldzug gegen ein Gemeinwesen widerstandlos durchzuziehen, haben sie also jahrelang keine mittleren Beamten mehr für die Verwaltung dieser Stadt eingestellt. Und bevor Sie fragen: Führungskräfte natürlich schon. Die haben sie weiter angeheuert. Gut bezahlt. Das lief einfach weiter. Logo. An den Dienstposten für die Führung sparen sie nie.

In der Berliner Verwaltung nennen sie diese unkündbar verbeamteten Führungskräfte „höherer Dienst“ und rekrutieren sie aus denen, die über ein Parteibuch und gute Verbindungen verfügen. Und zufällig einen Job brauchen. Sie finden dort studierte Philosophen, Soziologen, Germanisten, Anglisten, Historiker, sogar Sportwissenschaftler, und Juristen natürlich auch, jedoch nur die dritte Garde, diese Befriedigend-im-Staatsexamen-Schlümpfe, die keine Kanzlei von Rang haben wollte oder die zu ängstlich für eine Kanzlei auf eigene Rechnung waren, was aber keine Rolle spielt, wenn man mal Schatzmeister eines Ortsvereins war. Oder einen Schatzmeister kennt. Der wieder einen kennt, der einen Führungsposten in der verfilzten Berliner Verwaltung zu vergeben hat.

Und so kommt es dazu, dass Sie im höheren Dienst des Landes Berlin alle denkbaren Studierten der vielfältigen Orchideenfächern vorfinden, die ohne Parteibuch normalerweise direkt auf den Fahrersitz eines Taxis führen. Was Sie auf den gut dotierten Posten jedoch nur selten finden, sind echte Verwaltungsexperten. Und keiner weiß, was diese ganzen eingeschleusten Tagediebe da während der vorgeschriebenen Regelarbeitszeit hinter ihren Bürotüren eigentlich machen. Wahrscheinlich networken sie. Bei Facebook.

Kennen Sie eigentlich das Gefühl, wenn Ihr Chef bei weitem weniger Ahnung hat als Sie, aber deutlich mehr verdient? Wenn ja, dann können Sie in Zukunft getrost von „Berliner Verhältnissen“ sprechen, denn so systematisch, flächendeckend und auf Lebenszeit durchdringend bis in die letzte dröge Referatsleitungsfunktion eines Bezirksamts gibt es diese unheilige Konstellation aus Filz, Ignoranz und gnadenloser Unfähigkeit wohl nirgends. Nicht mal in Köln.

Bitte sehr, das ist sie, das ist die Ursache für den jämmerlichen Zustand der Verwaltung dieser Stadt, es fiel nicht einfach als Unbill vom Himmel wie Graupel, sondern ist ganz simpel selbst verschuldetes Elend: Jede Menge Häuptlinge, die Dinge tun, wovon niemand erfährt, aber kaum noch Indianer, die an den für die Bürger wichtigen Schnittstellen eingesetzt werden können, kaum noch Fußvolk, kaum noch Leute, die den Dreck wegmachen, und gleichzeitig tun die Verantwortlichen alles dafür, um den Job ganz unten bei den Menschen an der Front, die ihnen jetzt gerade um die Ohren fliegt, für den Nachwuchs mit Zumutungen bei Bezahlung und Anerkennung möglichst unattraktiv zu machen.

Hierin finden sich dann auch die Parallelen zur ebenso hausgemachten Berliner Lehrermisere an den nicht minder heruntergewirtschafteten Schulen dieser Stadt, für die genau die gleichen Rahmenbedingungen wie beim Verwaltungsnachwuchs zur Erklärung herangezogen werden können: Wer was kann, geht nach Süddeutschland. Verbeamtung. Gute Bezahlung. Aufstiegsperspektiven. Anerkennung. Ein guter Ruf. Und keine maroden Liegenschaften, von denen der Putz nur dann von den Wänden bröckelt, wenn überhaupt noch welcher da ist.

Nur wer nix kann (oder aus irgendeinem Grund an dieser Stadt hängt), der bleibt halt da und bildet das überschaubare Reservoir an Nachwuchs für die öffentlichen Aufgaben einer aus allen Nähten platzenden weil seit Jahren ohne Vision und Weitblick vor sich hin wachsenden Stadt, von der keiner weiß, warum die Bevölkerung die für diesen haltlosen Zustand verantwortlichen Großmäuler und Nichtskönner nicht schon vor Jahren geteert und gefedert auf Balken sitzend aus der Stadt getragen und im Spreewald zum Torfstechen in einem Sumpf abgeladen hat.

So ist das mit Berlin. So haben sie es gemacht. Lesen Sie also solche wohlfeilen Nichtanalysen der journalistisch bankrotten Onlinepresse über die miserable Berliner Verwaltung künftig besser mit dem Wissen um die Ursachen. Denn darüber, dass die Verantwortlichen die Lage in dieser Stadt mit vollem Vorsatz herbeigeführt haben, schreiben sie nicht. Denn das wäre ja unbequem.