Wrangelpain

Farbe runter. Kontrast rauf. Das ist mein alter Supermarkt im Wrangelkiez. Es gibt ihn immer noch. Life Action Role Pain. Am Eingang lungern immer noch die Trinker, daneben … bittääääääää bittäääääää … die effizienter als mein Straßenfegerverkäufer in Prenzlauer Berg Organisierten, immer mit Baby im Arm. Ich drehe mich weg. Auch wenn ich gerne gebe, oft gebe, mag ich es nicht, wenn sie Kinder instrumentalisieren, egal für was. Drinnen wanken derweil besoffene Russen, mittags schon dicht, Arm in Arm neben einer Obstauslage, von der offenbar nie jemand was nimmt, außer mir. Äpfel. Es ist Mittagspause. Willkommen im Wrangelkiez. Ein paar Vitamine wären nicht schlecht.

Drinnen ist es eng, schlauchdünne Gänge, zugestellt mit Paletten, hinten, wo ich noch Kakao kaufen will, geht gar nichts mehr, wenn mehr als zwei Leute anstehen herrscht Festivalfeeling, nur ohne Musik, dafür mit Schweiß. Mundgulli. White Trash wohin man schaut, Trinker, Dealer, Stinker, stinkende Trinkdealer, dealende Stinktrinker, trinkende … jaja.

Und Spanier.

Die Alkohol kaufen.

Den sie später in die Hauseingänge der Schlesischen Straße erbrechen werden.

Wie immer ist hier nur eine Kasse auf, an der eine sitzt, die schaut als sei sie hierher strafversetzt worden, hat sich was zuschulden kommen lassen, eine Eierdiebin, Pfandbon eingesteckt oder so, mit einem Gesicht wie sieben Jahre schlechtes Regenwetter, was auch so sein muss, denn niemand arbeitet hier freiwillig auf dem Catwalk von Wrangelhausen, hier wo selbst das Obst mies gelaunt aussieht, hier wo der 5-Euro-Wein Staub ansetzt, weil der 1-Euro-Tetrapak zum Mischen mit Cola reicht und der Schnapsschrank abgeschlossen wird als lagerten sie dort Goldbarren.

Weit hinten stehe ich in einer von zwei Schlangen aus zwei Gängen, aus denen kurz vor der Kasse eine Schlange werden muss, doch das Reißverschlusssystem funktioniert nicht nur auf der Autobahn nicht, sondern hier erst recht nicht und es gibt ein Hauen und Stechen dort, wo beide Schlangen zu einer zusammenkommen. Ellenbogen raus. Durchsetzen. Survival. Fit sein. Aaaaschloch. Mannverpissdichalter. Sollnditte? Ick stech da ab! Fafatzda.

Wahrscheinlich bin ich heute wieder der Einzige, der nicht nur nicht schimpft, sondern auch noch seinen ganzen Einkauf bezahlt, während die Kassenkraft mit ihrer ganz eigenen üblen Laune alle meine Äpfel aus der Plastiktüte rausholt und einzeln abwiegt, weil es verschiedene Sorten sind, die zwar gleich viel kosten, jedoch aus irgendeinem Grund separiert erfasst werden müssen. Regeln um der Regeln Willen. Ich verstehe diese Welt manchmal nicht mehr. Sie macht mich müde.

Und weil das nicht reicht, schaut sie mich bei Auspacken und Einzelwiegen an als habe ich das zu verantworten, ich mir das ausgedacht. Der Vorwurf schwebt im Raum. Mit Absicht verschiedene Apfelsorten in die Tüte gepackt. Überhaupt Äpfel eingepackt. Wo doch sonst niemand … Kretin! Um zu ärgern. Um ihr noch einen mitzugeben. Immer drauf. Ich habe ja sonst nichts zu tun, nie was anderes zu tun.

Später wird sich herausstellen, dass der ganze nonverbale Groll dieser Irrenanstalt von Supermarkt völlig egal war, ich mir den hätte sparen können, denn die Äpfel schmecken alt, mehlig, schlecht, überlagert. Das war klar. Deswegen nimmt die auch keiner außer mir. Mehlige Äpfel. Ich hasse mehlige Äpfel. Äpfel, die ich kaufe, sind in 8 von 10 Fällen mehlig. Vom letzten Jahr. Mir können sie solches Zeug verkaufen, denn ich lerne nicht dazu.

Dafür stellt mir heute niemand eine Frage nach Treueherzen. Dass ich das noch erleben darf: Ruhe an der Kasse. Sie halten hier die Backen. Keine Konversation. Herrlich. Muss am Klientel liegen. Die sammeln keine Herzen. Außer zerbrochene vielleicht.

Ich blicke nach gegenüber. Dort ist Euro Gida. Die Türken können’s besser, vor allem Obst. Ich sollte dort kaufen. Sowieso: Den Gammelkaisers hier gibt es nur noch, weil Gida nicht nur kein Schweinefleisch, sondern auch keinen Alkohol verkauft. Nebenan der Döner verkauft auch keinen und klärt am Eingangstürrahmen auf, dass Alkohol nicht gottgefällig ist. 2015. Religiosität feiert ihre Renaissance.

Ich packe meinen Scheiß zusammen, drücke am Ausgang meinen üblichen Beitrag zur Schmerzlinderung ab, der auch heute nicht dazu beitragen wird, die Welt besser zu machen. Ich will einen Joint. Manchmal bekomme ich diese kompromisslose Lust, bereits tagsüber zu kiffen. Die Dinge auszublenden. Dann ist die Welt so schön einfach. Der Wrangelkiez wird jetzt hip. Zuerst kommen die Touristen, dann die Hostel, dann die Ferienwohnungen, zuletzt Eigentum. Der vierte Bioladen im Kiez macht auf und mobbt eine Wäscherei. Wer ist hier gut, wer ist hier böse? Meine Werteskala geht mir flöten. Bettelgeschwader mit Kind. Brüllende Trinker. Missmutige Kasseuse. Koransuren an Dönerläden. Biomarkt. Das erste verdammte Lattecafé der Straße. Die Spanier. Die Ferienwohnungsvermieter. Die Dealer vom Görli. Ich. Wer ist hier böse? Wer ist hier gut? Weiß das jemand noch? Hat jemand den Kompass?

Der nächste Kundentermin ruft schon. Ich nehme einen neutralen Gesichtsausdruck ein, gehe zur Oberbaumbrücke und verlasse den Wrangelkiez – ein Ort im Umbruch. Von schäbig zu schick. Zehn Jahre, vielleicht auch nur fünf, dann verkauft auch dieser Supermarkt Biogemüse an Dachgeschosseigentümer. Und die Trinker trinken woanders. Und ich werde nicht mehr hierher kommen, weil es auch hier am Ende des Flaggenmastes so aussehen wird wie bei mir zuhause.