Beengt revolutionär: Das Mehringhoftheater

Das auf Kleinkunst spezialisierte Theater im alternativen Mehringhof ist klein. Wie die Kunst. Kleinkunst. Haha. Deckung. Wortspielficker im Haus.

Hier treten die auf, die auf dem Sprung ins Fernsehen sind, da schon mal kurz den Sidekick gemimt oder auch schon eine eigene Einlage gebracht haben oder die, die es seit vielen Jahren versuchen und nicht schaffen.

Ich schätze, dass das Theater etwa 200 Besucher fasst. Ist die Veranstaltung ausverkauft, wird es eng, weil die Stuhlreihen eng sind. Haben Sie einen adipösen Sitznachbarn, wird es unerträglich. Meiner hat geschwitzt und den Ärmel meines Hemds durchgenässt. Dicht hinter mir saß ein Biersäufer, der im Zwei-Minuten-Takt eine modrige Hopfenböe zu mir nach vorne aufstoß. Nach zwanzig Minuten war der Sauerstoff weg, die Augen wurden trocken, tränten, Ungemütlichkeit machte sich breit, auch weil die Sitze alles nur nicht rückenfreundlich sind.

Wer ganz hinten in diesem Schlauch von Saal sitzt, sitzt zwar ein wenig höher, hat aber dafür noch schlechtere Luft, weil der Dunst nach oben steigt. Ein komischer Ort. Zu eng. Zu voll. Zu stickig.

Darüber hinaus fördert die freie Platzwahl Verhaltensmutationen wie mit den Liegen in Mallotze am Hotelpool. Bereits eine Stunde vor Beginn stürmen die Reservierer den Laden und schmeißen ihre Jacken über die besten Plätze. Wer fünf Minuten später kommt, der bekommt, was übrig ist. Wer das Pech hat, dann mit einer größeren Gruppe anzukommen, der sitzt verteilt von denen, mit denen er die Veranstaltung besuchen wollte. Mir ist es lieber, wenn ich meine Plätze im Voraus buchen kann, das entzieht den Jackenreservierern und ihrem Ellbogensport den Boden.

Dennoch, ich mag solchen kleinen Orte, hier entsteht Kultur: Grundsympathisch. Ehrlich. Hilfreich. Und gut. Manchmal jedoch kann man einen solchen Ort ein bisschen besser machen. Mit ein paar Stellschrauben: Stuhlreihen auflockern. Plätze nummerieren. Oder anbauen wegen mir.

Das ist zwar dann nicht mehr alternativ, aber besser.


Mehringhoftheater
Gneisenaustraße 2a
Kreuzberg
http://www.mehringhoftheater.de


Alter Text, den ich 2012 auf dem untergegangenen Bewertungsportal Qype geschrieben habe. Da ich kürzlich mal wieder da war, bot es sich an, den zu recyceln, denn geändert hat sich seitdem nichts. Freie Platzwahl ist eine Pest. Und mein Physiotherapeut freut sich auch wieder.