Bei den Lakaien

Zu dieser Jahreszeit kann ich keine gute Laune ertragen. Sie gehen mir auf den Sack, die ganzen „Lach doch mal“-Frohnaturen und diese „Kuck doch nicht so böse“-Schwachköpfe. Weihnachten erhebt wieder sein hässliches Haupt und das ist kein Grund für gute Laune, es ist vielmehr ein Grund, den kläffenden Nachbarshund zu treten, die hässlichen Eiskönigin-Fahrräder der ADHS-Kinder von nebenan in die Biotonne zu schmeißen, sich mit einem Korb voller Jacky Cola-Dosen mitten auf das Klettergerüst vom örtlichen Biospielplatz zu setzen oder sich gleich für den Rest des Jahres krank zu melden, mit Playstation, Call of Duty und jeder Menge Single Malt – sponsored by Doc Holiday, meinem Arzt, der gerne in Wochen, nicht in Tagen, denkt. Guter Mann.

Ich möchte zu dieser Jahreszeit auch ausschließlich Musik hören, die der guten alten Depression einen neuen Schub gibt, Musik, bei der ich Lust bekomme, mich zu ritzen, Runterzieher, Elendsfanfaren, todtraurige Choräle der ewigen Verdammnis, eine fiese Parade der Düsternis und schlechten Laune. Wo ist eigentlich das nächste Fenster?

Dabei war ich gar nicht so lange Emo. Ein halbes Jahr maximal. Bis ich herausgefunden habe, dass Zurückschlagen ein besseres Mittel gegen eine feindliche Umwelt ist als nachts traurig neben Grabsteinen zu sitzen. Da muss ich 14 gewesen sein. In dem Alter gibt es kein besseres Mittel, um sich im selbstgewählten Sozialexil zu suhlen, als „Ich klau‘ Mamas Kajal, schließ mich ein und ritz mir mit dem Zwiebelschälmesser ein Pentagramm in den Unterarm, damit jeder sieht wie schwer ich es im Leben habe“-Musik. Goethes Erben. Lacrimosa. ASP. Vor 15 Jahren noch konnten Sie damit Ihre Umwelt halbwegs schocken, heute sind 14-jährige Borderliner mit den ernsten Gesichtern von 60-jährigen der Mainstream und die Therapeuten auf Monate ausgebucht. Tipp: Studieren Sie Psychologie und sorgen Sie aus. Denn ich kann Ihnen sagen: Halb Prenzlauer Berg liegt auf der Couch und zum Glück für alle Kassenpatienten gibt es heute mehr Bloghoster als Therapieplätze. Hier im Internet können Sie Ihr Elend voller Inbrunst und Leidenschaft vor einem andächtigen Publikum ausbreiten und sogar Likes sammeln, mit denen Sie Ihr wackeliges Ego aufpolieren können. Es sind großartige Zeiten.

Ich höre heute nicht mehr übermäßig viel von dieser Musik, denn irgendwann wird klar, dass das wie alles andere auch wieder nur Attitüde (und mehr nicht) ist. Neben Bands wie Fliehende Stürme sind eigentlich nur die Lakaien übrig geblieben. Und ein bisschen Neo Folk wie Rome oder Of the wand and the moon. Gute alte Herbstmusik. Handwerklich sehr gut gemacht. Ich mag das zu dieser Jahreszeit.

Groß sind die Lakaien geworden. Sie spielen jetzt nicht mehr in irgendwelchen Spelunken, sondern im Großen Sendesaal des rbb, diesem satten Moloch von öffentlich-rechtlichem Geldgrab, in dem sie nicht vorzeigbare Laiendarsteller, die kein anderer haben wollte, für die langsam wegsterbenden Besitzer von Röhrenfernsehern verklappen und der munter weiter sendet, auch wenn sich bis auf die Verwandtschaft der Mimen die ganze Stadt schon lange von dieser Fernsehen genannten Karikatur eines schlechten Provinzsenders abgewandt hat.

Die Lakaien im Großen Sendesaal des Subventionsmonsters. Und wie so oft bin ich alleine unterwegs. Zu so einer Musik kommt niemand mit. Klar. Meine Leute hören Scooter. Die Orsons. Manche Helene Fischer. Andreas Bourani. Marteria oder Deichkind, wenn sie mal ihren rebellischen Tag haben. Ich bin die Minderheit, ich bin immer die Minderheit, ich kannte noch nie jemanden, der diese Sorte Musik mochte. Also hörte ich sie schon immer alleine und es gehört zu den vielen Prüfungen meines Lebens, dass ich nie Leute wie mich, sondern immer nur meine Gegenteile anziehe. Frohgemüter. Schlagerbootgänger. Bleigießer. Tischfeuerwerkabbrenner. Furchtbar. Aber ich mag sie.

Wie immer sind die Menschen um mich herum auch heute die Pest. Ich wette für alle Orte, von denen ich nur schwer fliehen kann, mit mir selbst, dass entweder Sachsen oder Schwaben neben mir sind und über Stunden an meinen Nerven sägen. Ich gewinne fast immer. Heute auch. Denn es sind Sachsen und sie machen tatsächlich Selfies während des Konzerts. Und sie gackern. Sie sind gut gelaunt. Das war ja klar. Ich gehe mit vollem Vorsatz auf ein depressives Konzert und dann gackern sie neben mir als wär‘ das hier eine Ballerbierbar auf Mallotze. In Ruhe schlechte Laune zu haben ist schwer geworden heutzutage. Selbst hier freuen sie sich.

Alle anderen Menschen sind auch nicht besser. Hinter mir sitzt eine ältliche Schabrake, die weder vor noch während und schon gar nicht nach dem Konzert die Backen halten kann. Sie sabbelt sich das Maul in Fetzen. Sie schneidet auf wie diese Prenzlauer Berg-Mütter mit ihren handgebrannten peruanischen Küchenfliesen auf Spielplätzen und erzählt, sie sei mal im Regionalexpress nach Königs Wusterhausen gefahren und fast jeder im Zug kannte sie und hat sie gegrüßt, wonach irgendwer bewundernd bemerkte „Na dü gennst ja viele Leude.“ Ja, richtig erkannt, auch hinter mir: Sachsen. Ich kann ja auch nix dafür. Heute ist einfach Idiotenlotterie und ich hab‘ zwei Richtige. Und jede Pause zwischen den Musikstücken wird mit ihren unvermeidlichen Gesprächen gefüllt.

Geht noch eine? Eine Geschichte von hundert? Ja? Bitte sehr: Ich erfahre, dass sie Sommerleserin ist. Verstehen Sie? Sie liest im Sommer. Nicht im Winter. Auch nicht im Herbst. Also momentan liest sie nicht. Interessant, oder? Nein, nicht interessant, sondern zum Ausrasten grässlich und zwar genauso grässlich wie das Eau de parfum von ihr und ihren zwei ergriffen zuhörenden Satelliten, das sich zu einer toxischen Mischung vermengt, die mich kurz atmen und denken lässt, dass es kaum einen schlimmeren Geruch geben kann.

Da furzt der Sachse rechts neben mir und ich verwerfe diesen Gedanken. Es geht immer schlimmer. Ich weiß doch, dass es immer schlimmer geht. Alter. Das muss verdautes Mett sein. Halbvergorenes. Abgelaufenes. Auf Knoblauchbrot. Dazu altes Bier. Ich überlege ob ich ihm auf den pissgelben Pulli kotze, den er trägt.

Ich bekomme im sächsischen Furzdelirium kaum noch mit, dass die Eule hinter mir im Takt der Musik mit ihren Stiefeln gegen meine Rückenlehne bollert. Boller Boller Ballyho. Ehrlich. Da wo ich bin, ist Hölle. Und das stets. Versprochen.

Der Rest des Saals fotografiert als würde der örtliche Imam morgen schon alle Bildnisse verbieten wollen. Mit Blitz. Ich meine, hey, das hier ist eine Art Kammerkonzert. Acoustic. Klavier und Gesang. Dunkel. Ruhig. Gediegen. Und der Saal blitzt wie blöd alle Akkus leer. Was stimmt mit den Menschen nicht? Wirklich, ich bin ein großer Freund der Smartphones, sie lassen mich dröge Meetings überleben, stundenlange Wartezimmersitzungen durchstehen und die verdammte Berliner S-Bahn und ihre fürchterliche Fracht ausblenden, aber bitte, es gibt Orte, an denen sind die Blinkeleuchtedisplays nicht angebracht. Fehl am Platz. Für den Arsch. Ihr Wichser. Kammerkonzert, bitches. Was stimmt mit euch nicht?

Was kommen muss, kommt auch: Die Arschgeigen blitzen so lange bis Herr Veljanov sich bei den ersten Takten von „Without your words“ komplett versingt und den Song noch einmal beginnen muss. Er entschuldigt sich dafür, warum eigentlich, strenggenommen müssten sich die Smartphonezombies für ihr Dasein entschuldigen, diese Spackos, die keine fünf Minuten durchstehen ohne mit ihren Wichsgriffeln ihr Display zu penetrieren.

Als eine Stunde des Konzerts vorüber ist, denke ich, dass die Hirntoten nun langsam genug Fotos vom immergleichen Motiv (Klavier, Klavierspieler, Sänger, mal sitzend, mal stehend) geschossen haben müssten, aber weit gefehlt. Sie knipsen immer neue Bilder, die genau so aussehen wie die 5.000, die sie in der letzten halben Stunde geschossen haben. Mit Blitz. Immer dieser Blitz. Nochmal: Was stimmt mit den Menschen nicht? Der Saal ist dunkel, es gibt atmosphärische Musik und sie blitzen. Das ist wie bei einer Beerdigung auf den Sarg scheißen. Das tut man einfach nicht und das weiß normalerweise auch jeder. Nur in Berlin wieder nicht, hier wissen sie nichts.

Als auch der Sachse neben mir sein Smartphone auspackt, entwickle ich mal wieder Gewaltfantasien. Ich möchte ihnen ihr Smartphone ins Maul stecken und Fotos von ihren scheiß Porzellanfüllungen in den Zähnen machen. Und wenn ich damit fertig bin, stopfe ich das Ladegerät samt Schnur hinterher und schiebe den ganzen Mist mit einem Selfiestick die Speiseröhre runter bis knapp in den Darm. Und dann rufe ich sie so lange an, bis das Vibrieren ihres Scheißtelefons sie zum Würgen bringt und sie das ganze Zeug wieder auskotzen. Und dann fange ich von vorne an, so lange bis sie schwören, dass sie nie wieder auf Konzerten blitzen werden. Was für Wichser. Diese Stadt besteht selbst hier nur aus Vollidioten und sie kriegen Sie immer, egal wo Sie glauben sie mal für ein paar Minuten abgehängt zu haben.

So. Ich habe nicht ein Foto während des Konzerts gemacht. Nix. Keines. Ich mag mich einfach nicht mit den Konzertblitzern in ihrer eigenen sozialen Inadäquatheit suhlen. Es gibt kein Foto von den Künstlern. Denken Sie sich ihren Teil. Ist doch egal. Wer braucht schon Fotos von einem Konzert, wenn er welche von der hässlichsten Unterführung der Stadt hat. Messe/ICC. Hier, eat this:

Was? Das Konzert? Wie es war? Großartig. Natürlich. Aber nur mit geschlossenen Augen.