Der irre Händler des Jahres

Ach Lidl. Du bist ja nun wirklich der Bad Guy des Einzelhandels und hast dir im Laufe der Jahre locker so einen desaströsen Ruf erarbeitet wie Banken, Stromkonzerne und die Berliner S-Bahn. Was war da nicht alles? Bespitzelung der Mitarbeiter, Verhinderung von Betriebsräten, Dumpinglöhne, Denunziantentum, alles wie aus der Vorhölle des vorletzten Jahrhunderts gekoppelt mit der Big Brother-Technik von heute. Gratuliere, das ist echt weit vorne auf der Unsympathenskala.

Ich habe daher nur eine Frage: Welcher auf einem LSD-Trip hängengebliebene Wahnsinnige hat Dir eigentlich die Plakette „Händler des Jahres 2015-2016“ ans Revers geheftet? Das ist an Absurdität nicht zu überbieten und hat für mich die Qualität als würde der Regierende Oberdilettant die nächstbeste Puffmutter aus dem Wedding zur Berliner Jugendschutzbeauftragten berufen oder einen dieser fiesen Arbeitgeberpräsidenten mit dem Orden für soziale Gerechtigkeit behängen.

Ach egal, ich bin ein guter Konsument und schmeiße wie immer meine Moral in hohem Bogen über Bord. Was? Zu billige Milch? Massentierhaltung? Mir doch völlig wumpe, ob die verdammten Kühe stehend in ihren Massenmastanlagen verrecken, ihre Euter eiternd verfaulen und sie sich auf den Moment freuen, an dem sie im hohen Alter gebolzenschusst werden und als Rindergulasch im Sonderangebot zu 3,99 das halbe Kilo im Lidl-Kühlfach landen.

Häh? Zu billige Schokolade? Mir doch egal, ob sie mit Großabnehmermargen die Produzenten zu Dumpingpreisen dergestalt zwingen, dass sie nur über Dumpinglöhne für die hochprekären Beschäftigten zu erwirtschaften sind. Pfeif ein Pfund drauf, Hauptsache ich krieg‘ die Tafel Alpia Schokolade für 29 Cent in meinen Gierschlund geschmissen.

Was? Zu billiges Obst? Ach scheiß doch auf den Klimaschutz und die CO2-Bilanz. Natürlich müssen Braeburn-Äpfel aus Neuseeland kommen, woher denn sonst? Würden sie auf dem Saturn oder auf dem Kometen Hyakutake wachsen, würde ich fordern, dass sie von dort importiert werden.

Nein, ich bin ein guter Konsument, ich kaufe alles: Gurken aus Tunesien, australischen Wein, Birnen aus Südafrika, südkoreanische Pampelmusen, Kondome vom Nordpol, Tomaten aus Tadschikistan, Kakis aus Chisibubikaio, Hauptsache billig und mit viel Energieaufwand von möglichst weit weg hierher nach Prenzlauer Berg gebracht.

Und diese ganze Überwachung der Mitarbeiter, über die sich hauptsächlich Leute aufregen, die bei Facebook und Google ohne irgendwelche Vorbehalte all ihre sozialen Beziehungen, ihren Tagesablauf, Einkaufszettel, Schuhgröße, Suffbilder, sexuellen Vorlieben und den Durchmesser ihres linken Hodens posten oder auf irgendeinem sinnlosen Blog furchtbar fade Texte über ihr belangloses Leben führen, für das sich außer ihrer eigenen Eitelkeit keine Sau interessiert – scheiß drauf, diese ganze Überwachung juckt mich auch nicht. Moral ist wenn man trotzdem kauft.

Ich habe eigentlich nur ein Problem mit Lidl und es ist eines, das viel wichtiger ist als der ganze Ausbeuter- und Überwachungsscheiß: Ich bin zu langsam für Lidls Scanvorgang. Ja. Schaff‘ ich nicht, schaff‘ ich schon anderswo nicht.

Die sind einfach zu schnell. In der Zeit, in der Wasserflaschen, Puddings, Nutella, Kohlköpfe, Klopapier, Buttplugs, Damenbinden, Babynahrung und Milchkartons gescannt werden, habe ich gerade eine popelige Salami in den Wagen gelegt, worauf es auf der extrem kleinen Warensammelfläche zu einem massiven Warenstau kommt, ich immer hektischer Eier, Weinflaschen und wabbelige Mozzarellatüten wie Basketbälle in den Einkaufswagen schmeiße, beobachtet von mitleidig dreinschauenden Prenzlmüttern hinter mir, die mich fixieren wie die berühmte Oma beim Centzählen und ich mich schlecht fühle wie sich die Schlumpfmützen des Bezirksamts Pankow fühlen sollten, wenn sie einen meiner Vorgänge zwischen irgendwelchen prekären Büros hin und her schieben, bis sich nach Stunden endlich die Zuständigkeit geklärt hat.

Es wird Zeit für eine Offensive der Langsamkeit. Auch beim Discounter. Ich empfehle hierzu ein Volontariat beim Bezirksamt Pankow, dort ist Langsamkeit nicht nur Gesetz sondern Fetisch. Ja gut, es muss ja nicht gleich so werden wie bei Kaisers, bei dem irgendwelche studentischen Hilfsschlümpfe die Waren wie wertvolle Gegenstände in der Hand wiegen, liebevoll beäugen und ganz zart, als würden sie die Brüste einer Frau streicheln, über den Scanner schieben, der dazu noch in Zeitlupe zu piepen scheint, aber ein wenig Entspannung an diesen wie immer unangemessen klein gehaltenen Ladeflächen der Discounterkassen wäre ein großer Schritt in Richtung Menschlichkeit.

Ob ich keine anderen Probleme habe?

Nein. Ich bin ein guter Konsument.