Lass mal netzwerken – Links vom 22. November 2015

Scheiß auf Terrorangst. Ich lese Bücher.

Ich bekam, nachdem ich gefragt habe wo ich es kaufen kann, ein Buch per E-Mail zugeschickt. Es ist das Buch Wattenstadt von Oliver Driesen, der das Blog Zeilensturm betreibt, das ich meistens lese und gelegentlich verlinke.

Was? Sie können das Buch nicht auf Amazon bestellen? Auch nicht direkt beim Autor? Natürlich nicht, denn der Autor hat noch gar keinen Verlag. Und aus irgendeinem Grund will er einen Verlag haben anstatt ein eBook im Eigenverlag zu promoten wie es andere erfolgreich vorgemacht haben. Wahrscheinlich ist es wegen des Papiers. Der Haptik. Des Raschelns. Und dann dieser Geruch nach Bibliothek. Herr Driesen ist aus den 60ern. Haben Sie bitte Verständnis.

Es fällt mir vor dem Hintergrund der absoluten und nicht verhandelbaren Unkommerzialität dieses tränenschwarzen Blogs hier schwer, ein Buch zu besprechen, das mir kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Das spielt in einer Liga mit Foodbloggern, die sich irgendwelche Küchengeräte schenken lassen, über die sie dann lobpreisend in oft immer ziemlich peinlichen Blogposts berichten. Oder Muttiblogs und ihre blöden Täschchen mit Penatenpröbchen, über die sie begeistert schreiben.

Um das Besprechen eines Buchs, das mir jemand kostenlos zur Verfügung gestellt hat, vor mir selbst zu legalisieren, habe ich gerade fünf Euro in einem Umschlag nach Hamburg geschickt. So. Damit habe ich das Recht erworben, das Buch wenn es sein muss verreißen zu dürfen.

Herr Driesen hat für seinen Roman den klassischen Kampf Böse gegen Gut, Oben gegen Unten, feister Industriemagnat mit schnöseliger Frau gegen tapfere kleine Halligbewohner gewählt. So eine Konstellation zieht immer, vor allem bei mir. Wenn Sie mir die Möglichkeit geben, mich zumindest geistig bei denen da unten einzureihen, um gegen die da oben anzustänkern, dann bin ich Ihr Freund. Ich mag das. Sie punkten damit bei mir. Ich habe was gegen die da oben. Das hat prinzipielle Gründe.

Da stören mich auch die Holzschnittcharaktere nicht, die Herr Driesen in seinem Roman gegeneinander antreten lässt. Vielschichtigkeit ist anderswo, das lese ich oft bei Debütanten, die Widersprüchlichkeit, die Untiefen, die Kanten, ja, nochmal, die Vielschichtigkeit kommt mit den Jahren. Keine Grautöne in Sicht, Skipper. Hier haben wir den lauten, dicken, dröhnenden Bonzen und sein Gefolge aus nörgeliger Ehefrau nebst blasiertem Sohn auf der bösen Seite, dort den Bürgermeister in x-ter Generation, die Hofladentante, die robottende Hotelunternehmerin mit Schuldenlast und die 99-jährige Weise aus dem Wattenland bei den Guten. Wenn Sie jetzt sagen, dass Sie diese Aufstellung schon hundertmal anderswo gelesen haben, dann haben Sie Recht. Ich habe das auch.

Dennoch hat das Buch Charme. Es ist sehr gut zu lesen. Es ist witzig, kurzweilig, alles andere als dumm und verzichtet sogar auf die lästigen sprachlichen Stilübungen und eitlen Schachtelsatzwortgetümejakulationen, mit denen Debütanten gerne nerven, weil sie wie ein dahergelaufener Praktikant in einer Werbeagentur unbedingt zeigen wollen was sie können.

Dass Herr Driesen was kann, zeigt er nebenbei. Ein gutes Buch. Gut geschrieben. So gut, dass ich ihm sogar die Berlinbashingversuche und die nur semioriginellen Karikaturen seiner Suffpunks durchgehen lasse, die er sich im Roman zum Abziehbild machen lässt. Schmerzt mich, aber lasse ich ihm durchgehen. Gerade so.

Ich habe Herrn Driesen geschrieben, dass ich nicht glaube, dass hier jemand mitliest, der irgendeinen Einfluss auf das Erscheinen des Buchs in einem Verlagsumfeld nehmen kann, aber vielleicht irre ich mich ja. Kennen Sie jemanden, der Bücher rausbringen kann? Bringen Sie selber Bücher raus? Hier, versuchen Sie es mal mit Wattenstadt. Sie werden damit sicher keinen Buchpreis abräumen, aber es ist gut. Guter Blogger, gutes Buch.

So. Hier noch ein paar Links, die festzuhalten waren. Read this:

[aʊχ das nɔχ]Selbstbefriedigung
Eine Lanze für das Wichsen.

stille revolutionDas Recht Schnaps zu trinken – Obdachlose
Es braucht sehr viel Lebensweisheit, um zu so einem Schluss zu kommen. Geben Sie Geld, Sirs. Bevormunden Sie nicht. Lassen Sie die Leute doch trinken. Viel mehr Freude haben die im Leben sonst nicht mehr. Ich kenne einen der Obdachlosen, der vor einem Supermarkt sitzt, in dem ich einkaufe, seit Jahren. Ich weiß, was er gerne trinkt: Jacky Cola. Aus der Dose. Wie ich. Seitdem kaufe ich immer zwei. Sie können mich mal mit ihrer Moral.

BrinisFashionBookDer Niedergang der Blogger Szene – so darf es nicht weiter gehen
Wollen Sie sich mal so richtig schön gruseln? Es sind Fashionblogger. Und sie zicken. (via Severin)

BlütenStaubDer Mann, der nicht mehr sprach
Es ist doch schon alles gesagt.

pieces of berlinberlin – die marion und der thomas
Be Berlin. Die letzten Dinosaurier packen die Koffer.

Leise TöneDer Schied: Unter-
Porst!

Studio GlummDie Maßnahme
Bitterstoffe. Im Endlager.

Alles EvolutionRosa Brotdosen und geschlechterabweichende Erziehung
Über diese rosa Brotdose wird in 20 Jahren mit einem beliebigen Therapeuten noch zu reden sein.

gnaddrig ad libitumMorgensonne im Wald
Dieser eine kurze Moment, zu dem einer den Auslöser drückt. Tolles Bild.

JaellekatzInterview mit einer Gans
Ich hab‘ auch Hunger. Auf Gans.