Das Land im Herbst

Das Land im Herbst.

Jemand mit Koks am Mundwinkel, von dem er sich gerade eine ungesunde Menge ins Zahnfleisch geschmiert hat, erzählt mir etwas von Kriminalität, die zwangsläufig ansteigen wird.

Eine adipöse Vorzimmerdame hingegen hat an gleicher Stelle einen Krümel Russischen Zupfkuchen hängen, während sie pikiert zu Protokoll gibt, dass die Flüchtlinge in den Lagern ihr Essen halal wünschen.

Unser DHL-Mann, der unseren Block beliefert, trägt einen Vollbart. Der Nachbar grüßt ihn mit „Allahu Akbar, mein Bruder.“ Und grinst. Das findet der DHL-Mann nicht witzig. Der Nachbar schon.

Ironie trifft auf Galgenhumor. Hipster meets Al-Baghdadi. Der Running Gag hier im Kiez. Nur lacht kaum noch einer.

Drüben in Wedding eine Schulklasse. Nur ein Mädchen trägt kein Kopftuch. Kopftuchgeschwader. Sagt der Vorübergehende.

Und zwischen den Bahnhöfen Prenzlauer Allee und Greifswalder Straße verkauft ein älterer Migrant Obdachlosenzeitschriften, die niemand haben will. Die Flüchtlinge sind im Stadtbild angekommen. Sie gehören jetzt dazu. Eben noch in den Nachrichtensendungen, jetzt auf unseren Straßen. Auch hier wo ich wohne. In Prenzlauer Berg. Wo die einzigen Ausländer bisher französisch sprachen. Spanisch. Quakendes After-Eight-English, weil sie immer unbedingt authentisch wirken wollen. Maximal hören Sie hier hebräisch, wenn es mal exotischer sein darf. Auf den Spielplätzen. Beim Organic Food Store. Beim Lichterfest der Privatkita.

Flüchtlinge. Die jetzt „Geflüchtete“ heißen. Und morgen „Menschen mit Fluchthintergrund“. Stilübungen. Sprachübungen, die niemandem weiterhelfen. Menschen aus dem Internet kämpfen ihre Scheingefechte, weil das so schön einfach ist. Tastaturkrieg. Gesinnungsonanie.

Die hiesigen Mütter scheuen den Kontakt zu den Flüchtlingen abseits der vollbelegten Turnhallen des Bezirks, an deren Eingangstüren sie Babykleidung abgeben, die keiner mehr braucht, weil jeder immer zu viele Babysachen übrig hat. Ich habe auch zu viel altes Zeug. Die Gelegenheit ist günstig. Wir haben von allem zu viel. Das Kinderzimmer ersäuft in Spielzeug, von dem ich nicht ein Plastikstück selbst gekauft habe. Raus damit. Prenzlauer Berg entrümpelt. Und ich entrümpele mit.

Die Flüchtlinge hier im Kiez sind zwar allgegenwärtig, mischen sich aber noch nicht ohne weiteres unter die anderen, die schon länger als sie hier wohnen. Nicht beim Bäcker. Nicht auf dem Spielplatz. Das ist gar nicht mal böse gemeint. Es ist Unsicherheit. Bei mir ja auch. Ich will mich nicht anbiedern, aber trotzdem zeigen, dass ich es gut finde, dass sie hier sind. Es begrüße, dass sie in Sicherheit sind. Und dass ich keine Angst habe.

Schwer ist das hier auf dem Spielplatz. Wir beäugen uns neugierig, aber vorsichtig. Abwartend. Sie könnten mich ja ansprechen, wenn sie was brauchen und ich würde es ihnen geben, wenn ich kann. Oder ihnen was erklären. Aber sie sprechen mich nicht an. Und ich sie nicht. Alles was ich hinbekomme ist ein freundliches Lächeln, irgendwas von dem ich hoffe, dass es Zuversicht transportiert.

Die Kinder sind da weiter.

Meines spielt mit einem aus Syrien. Irak. Libanon. Keine Ahnung woher. Das geht ohne Sprache. Meines spricht deutsch. Die Antwort folgt auf arabisch. Dann ein Lachen. Sie tauschen Förmchen. Irgendwas wird gebuddelt. Dann hüpfen sie zusammen auf einem dieser im Boden eingelassenen Trampolins, die sie hier im Bezirk auf fast jedem Spielplatz verbauen. Ein schönes Bild. Das könnte ich jetzt filmen und als Material für eines dieser Gutmenschenstatements nehmen, über das die Besorgten, denen im Moment alle Entwicklungen in die Hände spielen, höhnisch lachen würden.

Ich mag keinen Kitsch. Er ist im Kampf um die Meinungshoheit untauglich und dient nur als Folklore für die, die gar nicht mehr überzeugt werden müssen. Nasale Gutmenschenstatements bringen nichts. Sie atmen nur den schmierigen Duft von Marketing. Mit einer Reputation wie ein Käseblättchen. Vom Drehständer am Bahnhof. Arztroman. Liebesroman. Kinder mit Kulleraugen auf den Armen von Müttern. Und im Hintergrund ein Alpenpanorama. Lebt Sascha Hehn eigentlich noch?

Ich fahre meine wenigen kleinen Kurzzeiterfolge gegen die seelischen Nöte der bürgerlichen Sorgenkinder ausschließlich mit Nüchternheit ein. Mit demonstrativer Gelassenheit. Ich habe gar keine Angst. Sie machen mir auch keine. Niemand kann das. Das sage ich ruhig und überzeugend. Und weil es tatsächlich so ist, glaubt es mir auch jeder. Zumindest für einen überschaubaren Zeitraum. Bis der nächste wieder die Apokalypse beschwört.

Paris wird die Tonlage noch einmal verändern. Paris wird die Sirenen in den einschlägigen Blättchen und Blogs noch einmal ein wenig schriller werden lassen, wenn die Kondolenzzeit um ist. Ich hörte das Unken bereits gestern schon eindringlicher als noch vor ein paar Wochen. Abends beim Bier. Im Gruppenchat des Messengers. Paris ist Wasser auf die Mühlen derer, die es immer schon gewusst haben so wie sie jetzt schon wissen, dass Berlin als nächstes dran ist. Boom. Eine der heillos überfüllten S-Bahnen zur Stoßzeit. Ein Touristenpulk am Brandenburger Tor. Im Lustgarten. Die Humboldtbox. Es war viel zu lange zu ruhig hierzulande, da rollt was an, da bahnt sich etwas seinen Weg, das die Stimmung endgültig kippen lassen wird. Da muss doch jetzt mal was kommen. Und wenn sie hier zuschlagen, gibt es Krieg. Bürgerkrieg. Fast klingt es als warten sie darauf, dass endlich mal was passiert. Irgendetwas, das diese Spannung löst.

Boom. Paris. Jetzt geht das wieder los. Das Geplärre. Der Deutschen unbändige Wolllust an der Apokalypse. Untergangsszenarien überbieten sich gegenseitig. Jetzt kommt es. Das Ende. Das Ganze wird mindestens in der Vernichtung münden. Wessen auch immer. Der Deutschen. Der Steuerzahler. Der Eigenheimbesitzer. Mein Vorgarten. Lalü. Lala. Und allen voran der Syrer.

Die anderen sind auch nicht besser. Sie salbadern wieder. Wie sie immer salbadern. Und sie posten wie entfesselt. Wie sie immer posten. Eine Kakophonie der Glückskekssprüche, mit denen eitel jede Timeline geflutet wird, um sich in der Abwärme des Attentats im eigenen Tollsein zu sonnen (danke, Hokey). #PrayForParis. #NousSommesBla. Hektisch zusammengeklebte Bildchen mit Sinnsprüchen als Ersatzbefriedigung und Betroffenheitsventil. Irgendwer hat sogar schon wieder ein Symbolbild gebastelt, mit dem sich jeder seine noble Gesinnung ans Revers tackern kann. Je suis Charlie war gestern. Jetzt ist es ein Eiffelturm als Friedenssymbol. Copy. Paste. Wir sind die Guten. Schau doch mal da. Mein neues Profilbild.

Und während das Internet an sich selbst rumspielt, faseln Menschen, die von Filterblasen noch nie etwas gehört haben und Twitter lächerlich finden, in den Kneipen dieser Stadt was von Bürgerwehr. Wenn jetzt was passiert, dann in Berlin. Dann holen sie Mistgabel und Seile aus der Garage. Und ziehen los. Salafisten aufknüpfen. I don’t do it for myself, I do it for my country.

Das Land im Herbst. Es ist noch schwerer geworden, mäßigend zu wirken. Eingeklemmt zwischen selig lächelnden Teddybärenwerfern und zündelnden Grenzenhochziehern. Grautöne gehen wie immer in Zeiten der Polarisierung als erste vor die Hunde und mein Umfeld sortiert sich rechts und links der Front. Der Terror hat vorgelegt. Wir sind jetzt am Vorabend. Der berühmte Scheideweg. George W. Bush oder Jens Stoltenberg. Falke oder Taube. Hysterie oder demonstrative Offenheit. Die meisten derjenigen, in deren Mitte ich sitze, haben sich bereits entschieden.


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