Osmans Töchter

Osman seine Töchter. Frau Modeste war schon da. Ich auch. Mehrmals schon. Ich bin oft in dieser Gegend, denn die Pappelallee in Prenzlauer Berg ist eine Bank für einen gelungenen Abend, zumindest wenn Sie es schaffen, das piefige Publikum Prenzlauer Bergs auszublenden, dessen Omnipräsenz Sie inzwischen in keiner Nische mehr entkommen können. Wenn Sie graue Filzschuhe, biedere Blümchenkleider, kotzefarbene Batikhemden und diese ewigen Jack Wolfskin-Jacken nicht mehr sehen können, müssen Sie rüber nach Wedding. Da essen Sie weniger exklusiv, aber das Publikum ist erträglicher. Eine der vielen simplen Wahrheiten des Restaurantgängers ist: Exklusiv sein und kein schnöseliges Publikum neben sich ertragen müssen geht eben nicht. Geht nie. Egal. Gehen mir wenigstens die Abziehbilder für meine vielschichtigen Abneigungen nicht aus. Positive Thinking. Mal was ganz Neues.

Osmans Töchter. Ein türkisches Restaurant. Ja. Jaja. Ja doch. Ich weiß, was Sie sagen wollen. Wenn Sie irgendwem von einem türkischen Restaurant berichten, können Sie mit einem abgegriffenen Running Gag rechnen, einem Klassiker aus der Gruft der Fips-Asmussen-Idiotenschule für verhaltensgestörte Bommelslipperträger (mit Minipli und nikotingelbem Schnauzbart), ja, bitte, gerne, hier ist er nun, so blöd wie unvermeidlich: „Türkisch. Hahaha. Döner, was? Mit Zwiebel und Schaaf. Oder mit alles? Lan?“

Hahaha. Gnarf Gnarf. Du humoristischer Totengräber. Karnevalesker Blindgänger. Schweinsgesichtiger Nackensteakfresser. Genau. Döner. Mit Schaaf. Und wenn du wills‘ mit lecker Lanmacun. Du Wurst.

Was die türkische Küche so alles drauf hat, haben die meisten Eisbeingesichter hierzulande vergessen. Oder eher nie gelernt. Türkische Küche ist für diese Gestalten U-Bahnhof. Nachts um 2. Im Biersuff. Dose Becks und Döner. Mit doppelt verbranntem Fleisch aus den letzten verkümmerten Resten der gammligen Warmhalteplatte zusammengekratzt. Und Schaaf. Hauptsache Schaaf. Imma Schaaf.

Go fuck yourself. You’d better eat this:

Halten wir fest: Sie essen hier nicht nur gut, Sie essen hier überdurchschnittlich gut. Außergewöhnlich. Leicht gehoben. Auch preislich. Aber sicher. Prenzlauer Berg. Zu zweit satt werden für 80 Euro. Ohne Wein. Das geht hier schnell.

Genauso schnell sollten Sie mit dem Reservieren sein. Am Wochenende ist die Butze voll. Durchreserviert bis spät. Das Lokal hat sich herumgesprochen, Sie finden spontan keinen Platz und wenn Sie nicht eine Woche vorher den Tisch klarmachen, war es das auch. Dann werden Sie hier nicht essen. Weil Sie zu langsam sind. Fool.

So selten wie erfreulich ist der Service. Ich bin das gar nicht mehr gewohnt, dass mir jemand das Wasser nachschenkt. Mich fragt, ob alles in Ordnung ist. Ob es noch ein Raki sein darf. Und dann schnell Nachschub auf den Tisch stellt. Der dem Kind zuwinkt. Der in der Lage ist, Dinge zu empfehlen. Dinge wie den überraschend guten türkischen Rotwein. Haben Sie schon einmal türkischen Rotwein getrunken? Ich bis dato nicht. Alles am Start was es braucht: Dunkle Johannisbeere. Kirsche. Schokolade. Die verdammten Tannine. Sehr schön. Überhaupt ein gutes Lokal. Wenn das erfrischend gute Personal für das ambitionierte Preisniveau auch noch so gut bezahlt wird wie es das wert ist, dann habe ich außer den Tellern nichts zu mokieren.

Außer den Tellern?

Den Tellern?

Die Teller? Watch this:

Schalala! Das Millennium ruft Prenzlauer Berg. Es will seine Teller zurück. Hip Hip Hornbrillenträgernest. Wir sind hier zwar weit weg von billig, machen aber auf vintage, damit nicht auffällt wie gehoben wir sind. Teller mit Macken. Fast jeder verdammte Teller. Ernsthaft. So gehäuft, dass es kein Zufall sein kann. Ja klar. Gewollt. Mit dem Holzhammer. Das ist wie die Irish Pubs in Mitte, die mit dem Bunsenbrenner Löcher in die Blümchentapete brennen und die Ecken der Holztische abbrechen, auf dass das Abziehbild so verwanzt aussieht wie das Vorbild in Killarney, wobei es doch nur furchtbar bemüht wirkt. Für jeden, der mal in Killarney war. Oh diese Schmerzen. Ich bekomme schon seit der zweiten Jahreshälfte 2002 Lepra an der Hirnhaut von vorsätzlich auf alt getrimmtem Inventar. Und Hirnrindenaids. Hypothalamus-PMS. Ich mag einfach zerdeppertes Geschirr nicht mehr sehen. Sonst kommt gleich Dr. Alban um die Ecke und singt Halleluja. Und irgendwer mit klumpigen Buffalos an den Füßen drückt mir eine Vanilla Coke in die Hand und fragt „Was geht’n Alder?“

Doch egal. Verziehen, alles verziehen. Pfeif auf die Hipsterteller. Ein gutes Lokal. Ein sehr gutes. Ich sitze immer wieder hier drin. Und wieder. Und wieder. Wenn ich mit dem Reservieren schnell genug bin. Fool.


Osmans Töchter
Pappelallee 15
Prenzlauer Berg
http://osmanstoechter.de/