Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (39) – Taxifahrer-Edition Parte Dos

Es herrscht extreme Honkdichte momentan bei Berliner Taxifahrern. Und der größte Honk aller Zeiten hat mich heute an Bord.

Diese Nacht habe ich in Staaken gefeiert. Das ist fast in Brandenburg. 30 Meter davon weg. Ich kann sogar schon einen Acker sehen. Mit Furchen. Die Leute sagen, an dem Ort, an dem ich gerade bin, sei Berlin zu Ende und da hinten kommt nicht mehr viel. Ein Outlet. Möbelhaus. Küchenstudio. Und vor allem kommt von diesem Ort nachts besoffen niemand mehr weg – außer mit Taxi. Dessen Fahrer man schon bei der Bestellung das Ziel mitteilen muss, sonst kommt er nicht.

Ich habe zu viel getrunken. Und zu viel gekifft. Und was sonst noch da rumlag habe ich auch genommen. Weil alles gestimmt hat. Denn wenn alles stimmt, greife ich zu. Haue mir alles rein. Und je mehr davon rumliegt, desto maßloser werde ich. Denn ich Hund will gar nicht ewig leben. Vor allem ist es einer dieser magischen Abende, an denen alles stimmt. Die richtigen Leute. Vollkommen harmonierende Leute. Alle mit dem Vorsatz, sich heute gemeinsam komplett abzuschießen. Der Wodka steht flaschenweise auf dem Tisch, Wein, Bier, Single Malt, Tüten liegen fertig gedreht in Kreisform auf einem silbernen Tablett, der Rest neben Visitenkarten in einer Schublade. Einer hat sogar Cookies gebacken. Das Einzige, von dem ich die Finger lasse, sind die Pilze. Scheiß Bio. Vertrage ich nicht.

Doch es reicht auch. Ich bin drauf. Ich bin drauf wie schon seit Jahren nicht mehr. Irgendwann habe ich eine lila Perücke auf dem Kopf und irgendwer hält mir den Ausguss einer großen Gießkanne ans Ohr und behauptet, von dort aus würde einer zu uns sprechen. Ein Prophet. Ein Weissager. Gott. Und ob ich das hören könne. Ja. Ja. Und ja. Es ist wie immer. Zuerst kommt die Manie. Immer zuerst die Manie. Zu Danko Jones gründen wir einen Moshpit über Sofas, Sessel und den alten Steintisch, der aussieht als hätte er den Russlandfeldzug noch erlebt. Und zwar den von Napoleon. Leute liegen sich im Arm, um den Hals, es wird angestoßen, umarmt, ewige Freundschaft geschworen. So dicht habe sie alle lange nicht mehr gesehen. Das ist Vorsatz heute. Heute stimmt alles. Die perfekte Nacht mit den perfekten Menschen.

Dabei sind wir nur fünf. Mehr braucht es manchmal nicht.

Der Manie folgt die Erschöpfung. Ich kann irgendwann nicht mehr stehen. Die Einzige, die den Überblick behält, ist zufällig die einzige Frau. Die Männer sind schon lange am Ende aller Kräfte, einer liegt auf dem Sofa rum, der nächste unterhält sich mit der Wodkaflasche in seiner Hand und der letzte sitzt grinsend in einer Ecke und sieht aus wie Buddha. Nur mit Vollbart. Und meiner lila Perücke. Ich bin durch. Ich will nach Hause.

Und da ist auch schon das Taxi. Wer das gerufen hat, kann ich mir denken, doch ich weiß es nicht, weil ich nichts mehr weiß, inklusive meiner Adresse für den Taxifahrer, wofür aber auch jemand gesorgt hat, wahrscheinlich die, die dafür sorgt, dass alle irgendwie unterkommen, auf dem Sofa mit Decke verstaut werden. Oder auf einer Matratze. Schuhe aus. Kissen zurecht gerückt. Eimer daneben. Oder wie ich in ein Taxi gesetzt werden. Richtung Hause.

Der Taxifahrer registriert, dass ich durch bin. Ich kann kaum noch stehen. Reden auch nicht mehr. Ich bin so durch, dass ich eine Gefahr für jedes Polster darstelle, doch er nimmt mich mit.

Was er dann tut, entbehrt jeder Logik. Er rast. Er zieht in die Spandauer Kurven als wäre das hier die verdammte DTM. Und ich sitze auch noch hinten, was in dem Zustand, in dem ich bin, keine besonders gute Idee ist. Mir wird schlecht, doch ich kann immer noch nicht klar denken und somit schon gar nicht reden. Arscharsch. Superhonk. Ich werde diesem Flachwichser das Auto vollkotzen. Was stimmt mit dem nicht? Warum macht der das? Ich verstehe die Dinge nicht. Wenn ich so einen hackedichten Junktypen im Taxi habe, dann fahre ich doch als hätte ich zehn Paletten rohe Eier hinten drin. Oder eine Sprengstoffmischung wie bei Stirb langsam 3, die bei jeder kleinen Erschütterung hochgehen kann.

Ich gehe auch gleich hoch. Ich kotze wirklich gleich. Der Typ hat doch ein Ding laufen. Der ist nicht ganz dicht. Rechts. Links. Kurve hier. Schwenk dort. Ralley-o-rama. Das ist doch abartig. Der will wohl heute unbedingt noch das Auto putzen, Alter, chill die verfickte Basis, es gab die ganze Nacht durch Muscheln in Tomatensoße, Pizza, Kekse, Pringles Sour Cream und Storck Riesen, diese Scheißmischung kriegt der nie wieder aus den Polstern, das frisst sich da rein und sorgt dafür, dass jeder potenzielle Kunde noch Wochen später rückwärts aus dem Taxi hechtet. Oder gleich extra noch was auf die Polster kotzt. Gulp. Ah, da ist schon das erste Würgen.

Ich mache das Fenster auf. Luft. Frische Luft hilft immer. Inzwischen sind wir in Siemensstadt. Keine Kurven mehr. Ich halte die Hand raus. Vielleicht ist das wie beim suffbedingten Karussellfahren im Bett. Fuß raus hilft. Und Hand raus hilft vielleicht auch. Oder gleich Kopf raus. Was ist mir schwindelig. Mir geht es nicht gut … Rooooooosh … Kurve. Zur Autobahn. Alter, der Typ ist krank, ich kotz‘ dem in den Nacken, kann er mal sehen, was er davon hat. Elender Freak.

Ich muss was sagen, sonst überleb‘ in den Wedding nicht. Ich muss mit ihm reden. Das geht so nicht. Seestraße. Osloer. Die scheiß gesperrte Bösebrücke. Rechts in die Jülicher, dann links via Behmstraße nach Prenzlauer Berg. Zwei Hammerkurven. Spätestens da kann ich für nichts mehr garantieren, wenn der Vollspacko das Tempo nicht drosselt und die Kurven menschenwürdiger nimmt.

„A… Alter …“

Ich sammle die wenigen Kräfte, die ich in meinem heruntergewirtschafteten Körper noch finde.

Keine Reaktion.

„Alter…“

Er dreht sich kurz um. Kein Wort. Der Typ sieht aus wie Putin.

„Alter … bissken langsamer … ick bin durch … ick kotz dir sonst dit Taxi voll.“

Das wäre geschafft. Fast ein unfallfreier Satz. Und Putin sieht aus als wenn er es rafft. Tut er auch, denn er wird langsamer. Fährt die wenigen Kurven, selbst die 90 Grad in die Prenzlauer Allee so als würde er einer Frau die Brüste streicheln. Sanft. Mit Gefühl. Rohes Ei. Ich. Das rohe Ei bin ich. Zuhause. Bezahlen bekomme ich auch wieder hin. Treppen steigen auch. Denn meinen erbärmlichen Anblick, wenn ich im Treppenhaus einschlafe, gönne ich den Nachbarn nicht. Gönne ich ihnen nie.

Eine magische Nacht. Und ein Honk. Im Taxi. Ich bin trotzdem zuhause. Glückwunsch.

 


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