Lost in Neubrandenburg

Willkommen in Neubrandenburg. Mit Kind ist hier nicht viel los. Ohne auch nicht. McDonalds ist hier. Ein Matratzenlager. Pfennigland. Lidl über Lidl über Netto. Tankstellen. Natürlich. Damit Sie Benzin kaufen können, um von hier weg zu fahren.

Sie haben hier auch eine Altstadt mit Lokalen, in denen Sie ab 14 Uhr nichts mehr zu essen bekommen. Sie ist unbeschreiblich öde. Topsaniert bis in den letzten Pflasterstein – wahrscheinlich gab es gerade mal wieder EU-Mittel -, aber nichts los. Ein Dornenbusch, der durch die Altstadt weht, wäre ein Gimmick, das dem ganzen Ensemble den richtigen Rahmen geben würde. Dazu ein als Cowboy verkleideter minijobbender Student mit Mundharmonika und sie hätten eine astreine selbstironische Inszenierung. Wäre ich Bürgermeister, würde ich genau das tun, bevor ich auf dem dem Balkon des Rathauses die Anarchie, das bedingungslose Grundeinkommen und Jägerschnitzel für alle ausrufe und mich danach zurück in eine richtige Stadt verpisse.

Heute sitze ich in einem Gewerbegebiet voller alter und neuer Plattenbauten in einem Indoorspielplatz und wundere mich über die Dinge. Die Umwelt. Die Leute um mich herum. Sie sehen wirklich so aus, sie sind wirklich alle da, der ganze RTL2-Cast: Von den billigen Pommes fettgefressene Leiber in grauweiß-schwammiger Hautkombination fläzen auf den billigen Stühlen herum, blicken wie Kühe in die Endstation, die ihr Leben ist, und wissen nicht, was sie mit ihren Kindern anfangen sollen, die anstatt zu spielen vollkommen debil neben ihren Eltern sitzen und gemeinsam mit ihnen älter werden. Die Abwechslung besteht aus einer Pommes, die sie in die Mayo tunken. Und aus Cola. Hier trinken Vierjährige schon Cola.

Einer der Debilen leckt und kaut ohne Unterlass an seinem zerfaserten Oberlippenbart herum, die Frau, mit der er sich gepaart hat, fummelt derweil die Fussel aus ihrem Bauchnabel, die sie auf den Boden schnippt. Skurril: Die Frauen haben alle immer noch die alte Brandenburger Trikolore in den Haaren, auch wenn hier Mecklenburg-Vorpommern ist. Und selbst die Alten haben diese obszönen bunten Plastikschaufeln auf den Fingernägeln kleben.

Sie leiden hier sichtbar keinen Hunger, keiner von denen, wobei: Geistigen Hunger eventuell schon. Denn sie reden ja nicht einmal mehr, sondern sitzen stundenlang auf den ranzigen Plastikstühlen am Tisch herum, nippen ab und zu mal am Köstritzer oder an dieser toxischen Mischung Cola Weinbrand, die sie hier ausschenken, und schauen ins Leere, während sie ihre Kinder – wenn die Pommes mal alle sind – über Stunden sich selbst überlassen ohne zu wissen, was die gerade tun. Die Lage ist offenbar: Hier haben welche abgeschlossen. Mit allem. Und auf jeden Fall mit sich selbst.

Und dann kommt auch noch der Neger.

Jetzt werden sie wach.

Der Neger, zischen sie plötzlich. Kuck mal. Der Neger, da ist er und ist mit mir der einzige, der weiß wo sein Kind ist. Der sogar mit ihm spielt. Die haben Spaß, die beiden. Sein Kind ist kein Neger. Das empört die Plastiksitzer. So tief, dass sie mit dem Finger auf ihn zeigen, sind sie noch nicht gesunken, aber sie glotzen, sie tuscheln, sie missbilligen. Schütteln Köpfe. Und sie sagen Neger. Immer wieder Neger. Der Neger. Kuck mal der Neger. Und dann zeigt doch einer mit dem Finger. Es ist der mit dem zerfressenen Oberlippenbart.

Der Neger sieht gut aus, durchtrainiert, sportlich, aktiv, und ich frage mich, was er hier macht. Ist ihm auch langweilig hier im Dreieck zwischen Matratzen Concord, HEM-Tankstelle und den sage und schreibe drei (!) McDonalds im Ort? Was auch immer er hier will, er kümmert sich um seinen Sohn, sie spielen zusammen ohne dass es gleich wieder so aufgesetzt wirkt wie in Prenzlauer Berg, wenn zehn Elternteile um drei Kinder schwirren und sich gegenseitig im Sandkuchenbacken überbieten. Hier dagegen ist eine Menge Action drin, Trampolin, Labyrinth, Kicker, Hüpfburg. Und die Pommesgesichter äugen herüber und nehmen übel. Und tuscheln. Für sie ist er eine Beleidigung. Sie nehmen ihn sehr persönlich. Wenn der Neger nicht weiß, dass er Indoorhallengespräch ist, ist er blind.

Es ist ein seltsames Land hier, es sind seltsame Leute. Mir begegnet hier immer entweder diese seltsame Mischung aus grenzenloser Apathie und eruptivem Ressentiment, mit der ich nichts anfangen mag.

Seit ein paar Jahren ziehen nebenan in die Uckermark immer mehr Städter aus dem Westen herüber. Moderne Aussteiger quasi. Einer, mit dem ich mich über die Entwicklung der Gegend unterhalten habe, sprach sogar von der Toscana des Nordens. Und dass jetzt zu viele aus der Erbengeneration hierher kommen und folgerichtig die Preise für Immobilien steigen. Seegrundstücke, auf denen man bauen darf, könne man jetzt schon nicht mehr bezahlen. Irgendwelche Katen in irgendwelchen Dörfern bekomme man jedoch immer noch nachgeworfen. Interessieren Sie sich denn für eine? werde ich gefragt. Nein, bitte nicht.

Was für eine seltsame Entwicklung, was für ein seltsames Land. Rätselhafter Osten.

Dann ruft mein Kind. Ich soll mit in die Kletteranlage kommen. Ich nicke meinem Counterpart zu, er lächelt zurück. Dass wir beide hier fremd sind, spürt er wohl auch.

Das dörfliche Mecklenburg, durch das ich später fahren werde, spendet noch weniger Trost als die Neubrandenburger Indoorhalle. Kaum ein Mensch zu sehen. Verlassen wirkende Häuser, in denen aber doch jemand leben muss, weil Autos davor rumstehen. Schlaglöcher. Schlechtes Wetter. Keine Kneipe. Kein Bäcker. Nicht mal Lidl.

Impressionen: