Ich bin der Alien

City West. Ich folge Menschenmassen folgen Menschenmassen folgen Menschenmassen folgen mir. Das ist ein Tag, an dem mir das hier zu viel wird. Zu viele Einkaufstüten. Zu viele Kreditkarten. Zu viele Pumps. Zu viele Budapester. Zu viele Käufer. An Tagen wie diesen kommt mir das alles fremd vor. Es wird Herbst. Ich wollte nur eine Jacke. Die City West ist eine gute Adresse für Jacken. Doch diese Masse an Menschen ist unmenschlich. Rein. Raus. Rechts. Links. Sie müssten den Bürgersteig eigentlich breiter machen. Oder die Tauentzienstraße für den Verkehr sperren und für die Käufer freigeben. Wie das in Kiew an Samstagen mit dem Boulevard Chreschtschatyk gemacht wird. Oder gemacht wurde. Ich weiß nicht, ob sie das noch machen. Ich war lange nicht mehr in Kiew.

Jacke. Jacken. Mehr Jacken. Ich habe gar keine Lust mehr zu kaufen, das zu tun, was alle machen, irgendwo reingehen, kaufen, woanders reingehen, noch was kaufen, rempeln, zusammenraffen, Karte raus, Karte rein, zahlt die Bank. Mir ist es vergangen. Je mehr sie mir für die Dinge geben, die ich für sie tue, desto weniger habe ich Lust, dafür Dinge zu kaufen und verschenke zunehmend mehr von dem, was ich habe. Pennern, die ich mag, gebe ich inzwischen lieber einen Schein statt Münzen und bin dabei immer wieder aufs Neue irritiert über die Blicke und das Kopfschütteln meiner einkaufstütentragenden Mitpassanten, die gequält mitansehen müssen wie so ein ganzer Schein ohne Gegenleistung einen seiner Besitzer wechselt, was ein fast schon komischer Kontrast ist zur fassungslosen Freude des anderen über das bedruckte Papier, das ich ihm gebe.

Leute. Die Leute. Diese ganzen Leute. Berlin ist jetzt Nummer 3 der meistbesuchten touristischen Städte Europas. Die Länder der Welt schicken ihre versammelten Pflegefälle als Rache für die Gestalten auf Socken in Sandalen, mit denen Deutschland sich in der Welt blamiert. Voll. Voller. Kein Platz mehr. Mitte ist quasi unbetretbar geworden. Die Reichen flanieren durch meine alten Straßen und begaffen mich wie einen Affen im Zoo, wenn ich mich wie früher auf den Bordstein setze, mir Musik in die Ohren stecke und eine Büchse Jacky Cola aufmache. Aber was sage ich denn da. Sich darüber zu beklagen ist unschicklich geworden. Sei still, sagen sie, wenn ich sage, dass ich den Ausverkauf der Stadt nicht mag. Sei still, die Touristen bringen Geld in die arme Stadt. Ja. So ist das. Halt still, sagt der schwitzende Sack zur Hure während er sie in den Arsch fickt. Ich bezahle dich gut dafür.

Schönhauser Tor. Friedrichstraße. Kurfürstendamm. Wann ist mir das alles so fremd geworden? Kaufen. Kaufen Sie jetzt! Sale! Saaale!!! schreien sie mir zu. Doch ich brauche nicht noch mehr Waren. Nur um die zu haben. Zu erwerben. Oder zu jagen. Zu sammeln. Je weniger Scheißdreck bei mir zuhause rumliegt, desto besser finde ich es inzwischen. Weg damit. Wer braucht das alles? Wer braucht noch mehr davon? Wir haben alle so viel Scheiße angesammelt, dass die Flüchtlingsinitiativen gar nicht mehr wissen wo sie die ganzen Sachen lagern sollen, die jeder loswerden will. Das Zimmer von meinem Kind ist vollgeschissen mit Unrat, von dem ich nicht ein Plastikding selbst gekauft habe, sondern geschenkt bekam von welchen, die gerne Dinge kaufen. Blinkender, schellender, scheppernder Unrat. In Mengen, die kein Mensch dauerhaft bespielen kann. Kisten voller Scheiße ohne Sinn. Und nicht nur dort. Ich habe immer mehr Lust, den ganzen Mist, der in meiner restlichen Wohnung seit Jahren ungenutzt Schubladen und Regalfächer kontaminiert, zur Walpurgisnacht auf einen großen Haufen zu schmeißen, mit Brandbeschleuniger zu übergießen, anzuzünden und mich daran zu erfreuen, wie das alles einfach nur schmilzt. So viele Waren. So viel Kram, der sich ansammelt. Haben. Besitzen. Vergammeln lassen. Wer braucht das alles? Wofür ist das gut?

Ausgekauft. Ausverkauft. Leergeshoppt. Je mehr City West ich heute erlebe desto deutlicher dreht die Erkenntnis Pirouetten in meinem überreizten Hirn: Ich bin ein Paradoxon, ich gehöre nicht zu ihnen. Ich bin ein Alien, ein untauglicher Konsument, geldmäßig unproduktiv, uninteressant, unerreichbar, ich laufe ferngesteuert an den anderen Ferngesteuerten vorbei, bei denen ein anderes Programm als bei mir läuft. Ich bin alleine. Keiner ist wie ich. Alle kaufen wie blöd. Be stupid – go shopping. Ich bin nicht wie sie. Ich fühle mich einsam in ihrer Gesellschaft. Entfremdung wird das wohl genannt. Fremd trifft es. Fremd ist mir das. Mein Programm hat einen kapitalen Bug, es funktioniert nicht mehr, es mag nicht mehr funktionieren. Ich selber mag nicht mehr. Ich will gar nichts mehr kaufen, nur um einfach was zu kaufen. Weil alle irgendwelche Dinge kaufen. Welchen Sinn hat das alles? Das soll es sein worum es ging? Was das alles sollte? Der ganze Aufwand? Die Karriere? Dafür habe ich das gemacht? Das ist alles? Mehr kommt da nicht?

Liebe Friederike. Ich war nie fremd irgendwo auf der Welt. Das ist der Vorteil eines ungeliebten Kindes. Überall wo ich hingehe, kann ich mich schnell zuhause fühlen. Je weniger mich kennen desto wohler fühle ich mich. Ich kann mich so richtig gut selbst ertragen ohne mich von mir ablenken zu müssen. Es ist ein Privileg, dass ich alleine oft glücklicher bin als in Gesellschaft, so dass Fremdheit bisher nie ein Problem war. Bisher. Denn es hat sich geändert. Sie schleicht sich jetzt an. Die Fremdheit. Sie ist etwas, das ich nun zum ersten Mal in meinem Leben näher kommen spüre. Hier an diesem Ort. Berlin. Die Mitte. Das ausgeweidete Innere. Der verkaufte Schoß. Diese verzogene, verbonzte, völlig verkommerzte City. Ich will da nicht mehr hin, ich will da weg. Ich bin da fremd. Ich bin der Alien.

Die Momente, an denen ich die Stadt satt habe, häufen sich inzwischen, diese Momente, in denen ich keine Irren mehr sehen mag, keine Konsumenten, keine dummen Shopper, keine hysterischen Teenager, keine aufgeregten Verkäufer, kein Gebimmel, kein Geschepper, keine blinkenden Billboards, keine lauten Huper, keine Klingler, keine Straßenzeitungsverkäufer, deren Leben vor die Hunde gegangen ist und die es vor mir ausbreiten, keine aufheulenden Motoren viel zu unreifer Großmäuler, keine Touristen, die diese Stadt entweder ehrfürchtig begehen wie einen Majatempel oder sie im Rausch bekotzen und bekoten. Ich kann sie nicht mehr sehen, die Radfahrer, die Autofahrer, die Fußgänger, die Bierbikes, die Pub Crawls, die Wichtigtuer, die Aufschneider, die Schnepfen, die Wichser. An diesem Tag, an so einem Tag, hier an diesem sinnleeren Ort, kommt mir das ganze Schauspiel, das wir aufführen, um andere Schauspieler zu beeindrucken, die uns für gutes Schauspiel gut bezahlen, noch einmal ein Stück seelenloser als sowieso schon vor, das ganze Tauschen von Plastikkarten gegen öden Tand noch viel sinnloser und dann sehne ich mich nach einer Bucht, weit weg von irgendwelchen Häusern. Und dem nächsten Menschen, den ich am Horizont sehen kann und der sich umdreht und in eine andere Richtung geht, weil auch er seine Ruhe haben will.

Ruhe.

Ich, die Wellen und vielleicht eine Möwe, mit der ich einen Kanten Brot teile.

Dieser Text ist Teil der Blogparade „Ich war fremd“ der freundlichen Friederike aus dem Odenwald.