Der Staudamm

Sie sehen einen Staudamm auf irgendeinem der vielen Spielplätze Prenzlauer Bergs, auf denen die einfallsreichen Bezirksplaner eine Wasserpumpe installiert haben, um die herum die Eltern wie aufgescheuchte Gänse flattern, weil Kinder solch gefährliche Dinge wie Wasser nicht mehr ohne Aufsicht benutzen können. Das Spielen ohne Aufsicht war mal, ebenso wie auf Bäume klettern oder mit der Taschenlampe in den baufälligen Keller gehen. Gibt’s aber nicht mehr. Das was da um die Kinder herumfliegt, sind schon keine Helikopter mehr, das sind Moskitoschwärme, Putzerfische, Nervensägen. Raushalten ist 80er. Und selbst die Keller haben wir saniert.

Die Sache mit der Wasserpumpe läuft folgendermaßen: Die Kinder können Wasser an die Oberfläche pumpen und das plätschert dann von oben über eine Rinne in den Sandkasten. Es können Flüsse gegraben, Wälle gebaut, Seen erschaffen werden. Wasser ist cool. Sand auch. Wasser mit Sand ist doppelt cool. Ich verstehe das. Und meine Waschmaschine auch.

Ich tue das, was Eltern früher mal gemacht haben, aber die wenigsten heute noch können: Ich beobachte das Geschehen vom Rand, anstatt mich in die Mitte zu setzen und mein Kind zu nerven. Schnell wird klar: Die Infrastrukturprojekte im Dunstkreis der Wasserpumpe des Sandkastens sind fest in männlicher Hand. Die Jungs bauen was das Zeug hält. Unter anderem diesen Staudamm, dessen benachbartes Flussbett mangels Nachschub ausgetrocknet ist und auf dem sich eine eklige Schaumschicht gebildet hat. Kurz darauf baggert einer der Jungs das Flussbett aus, damit neues Wasser nachfließen kann und danach einen Tunnel durch den Staudamm, damit eine Brücke daraus wird.

Die Mädchen dekorieren derweil. Irgendwelche Hügel werden mit Steinen, Blättern und Ästen geschmückt. Die Spitze eines Bergs erhält einen dicken Stock als Antenne, der ein rundes Blatt durchbohrt. Um den Stock herum wurde eine Kette aus gleichfarbenen Steinen drapiert. Schick. Echt schick.

Manche Mädchen holen mit Eimern Wasser von der Pumpe – aus Fürsorge um den See. Damit der nicht austrocknet. Andere stehen nur daneben und beobachten die Jungs beim Graben, Mauern, Aufschütten. Dinge bauen.

Direkt vor mir versucht sich ein Vater darin, diese zumindest hier noch so altmodisch zementierten Geschlechterrollen aufzubrechen und redet in einem nicht enden wollenden Wortschwall auf seine Tochter ein, wie toll es wäre, auch einen Staudamm zu bauen, anstatt – so wie sie es die ganze Zeit schon tut – Wasser für den See der Jungs zu holen.

„Jetzt schau doch mal, was die Jungs da machen. Kuck mal ein Tunnel. Das kannst du auch. Komm versuch mal. Wasser holen ist doch blöd.“

„Ich will nicht“ kontert das Mädchen und rennt zurück zur Pumpe.

Der Vater lässt nicht locker: „Kuck mal, ich zeig‘ dir wie es geht“ und beginnt damit, auf allen Vieren im Sand einen Sandwall nebst Loch zu errichten, doch seine Tochter ist schon wieder bei der Pumpe und kehrt mit einem vollen Eimer Wasser zurück.

Jetzt wechselt er die Taktik, hält seine Tochter am Arm fest und spricht die Jungs an: „Sagt mal, Jungs, würdet ihr sie mitspielen lassen? Kommt, zeigt ihr mal wie’s geht.“

„Nein, ich will nicht!“ brüllt es vom Arm.

„Na komm.“

„Nein.“

„Komm, einmal.“

Und so bricht ein Armageddon los. Das Mädchen wirft sich in den Sand, schreit wie abgestochen und reißt beim Wutwälzen im Sand mit dem Fuß die Brücke ein. Die Jungs schauen irritiert.

Es folgt der unvermeidliche Abgang des Vaters mit einem um sich tretenden Brüllwürfel auf dem Arm und Matsch auf der Hose. Die Jungs reparieren die Brücke.

Was lernen wir denn heute? Na klar: Gender Mainstreaming zieht nicht. Zumindest nicht hier. Zumindest nicht heute. Festgemauert in der Erde stehen die Formen aus Lehm gebrannt. Und wer sie dekonstruieren möchte, braucht einen langen Atem und mit Sicherheit sehr viel Frustrationstoleranz. Und verliert wahrscheinlich doch am Ende. Wir können wetten. Die nächste Generation wird erzkonservativ werden. Die Anzeichen sind jetzt schon da. Der Biedermeier. Das Einrichten. Hübsch machen. Die Ruhe bewahren. Und die Religion erhebt ihr hässliches Haupt. Der Ghul lebt. In Prenzlauer Berg sind jetzt schon die Kirchen voll. Und die Tauftermine ausgebucht. Sie werden es machen wie vor 60 Jahren. Alles kommt wieder. Sie werden wieder mehr heiraten. Kirchlich natürlich. Es wird wohl wieder mehr Heimchen am Herd geben. Oder wie in Prenzlauer Berg noch mehr Heimchen in den Cafés. Die Blumengedecke basteln. Und stricken. Vorgärten anlegen. Der Sonntagsbraten wird seine Wiederauferstehung feiern. Und Dinge bauen werden wohl weiterhin zum Großteil Männer. Woran wohl auch 10.000 Frauenbeauftragte und Gender Studies-Lehrstühle nichts Wesentliches ändern werden können.

Finde ich das gut? Nein, ich finde gar nichts gut. Grundsätzlich nicht. Ich stelle nur fest.