Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (37)

Auch wenn Sie grundsätzlich ein Menschenfreund sind, werden Sie diese Eigenschaft in der Regel etwa drei Jahre nach Ihrem Zuzug in diese Hauptstadt der sozialen Verwahrlosung ablegen. Assis. Es sind einfach zu viele. Der große Vorteil der fehlenden sozialen Kontrolle, die gewährleistet, dass Sie weitgehend so aussehen dürfen wie Sie wollen ohne dass es jemanden interessiert, führt mit sich, dass Sie niemandem trauen können. Zu viele versuchen Sie zu linken oder raffen ohne Rücksichten zusammen, was sie kriegen können. Die Assis vom Planeten Nimm. Gekommen um zu raffen. Da wird mit gefakten Bescheinigungen versucht, Zugang zur Armenküche der Heilsarmee zu bekommen, irgendwer steht vor Ihrer Türe und erzählt Geschichten, die nicht stimmen, damit Sie ihm Dinge abkaufen, die Sie nicht brauchen, oder irgendeiner der zahllosen Assis klaut einfach nur Ihr Kinderfahrrad vom Spielplatz, wenn Sie einen Moment nicht hinschauen, weil Ihr Kind gerade von dem Drehkarussell gefallen ist, das eines der sozial verwahrlosten Psychopathenkinder aus der Nachbarschaft zu schnell gedreht hat, um andere Kinder kotzen zu sehen.

Mein Berlin. Sie haben Dinge? Seien Sie sich sicher: Irgendwer will sie haben. Sie haben Geld? Verwetten Sie Ihren Arsch: Irgendwer will Ihnen das abnehmen. Berlin Berlin. Sie können hier gut leben, vorausgesetzt Sie haben die Fähigkeit zu umfassendem Misstrauen. Haben Sie die nicht, gehen Sie hier auf lange Sicht unter und landen mit Anfang 30 vollkommen aufgelöst ob der ganzen Bösartigkeit Ihrer Umwelt beim Therapeuten, werden ein durchgeknallter Irrer, der sich mit Erdnussbutter einschmiert und lebenden Mäusen in rot beleuchteten Zimmern die Haut abzieht, oder man kratzt Sie vom Asphalt vor dem Eingang des Plattenbaus, von dessen Dach Sie gesprungen sind.

Oder Sie fangen einfach an zu bloggen, das geht natürlich auch.

Ganz vorne beim Abgreifen von Dingen sind die internationalen Partyschlümpfe aus den easyjet-Saufbombern, die inzwischen eine Linie von Kreuz … uargh … kölln über die Warschauer Straße bis in die Reste des Nachtlebens von Prenzlauer Berg verseuchen. Kippen. Kleingeld. Drink an der Bar. Minipizza. Mobiler Hotspot. Die mit Wegbier bewaffneten Schnorrer ziehen Sie ab, wenn Sie sich nicht auskennen. Mit Armut hat das nichts zu tun, eher mit Zu-wenig-Geld-für-die-Pub-Crawl-Kotzorgie-im-Simon-Dach-Kiez-eingesteckt oder Den-Fuffi-beim-Billard-gegen-ein-professionelles-Arschloch-verloren. Und jetzt ist das Geld weg. Was Ihnen egal sein kann. Völlig egal. Nicht Ihr Problem. Sie können den Simon-Dach-Kiez nicht retten. Und nicht jeden spanischen Hipster (mit Dutt), den die Stadt nackig gemacht hat, durch die Nacht bringen. Geht nicht. Gehen Sie weiter. Es hat keinen Sinn. Auf einen Bärtigen (mit Dutt), der sein Geld verzockt hat und zwei Euro für irgendwas braucht, folgt der nächste (auch mit Dutt). Und dann wieder einer. Minipizza hier. Späticroissant da. Ein Becks Ice, Digger, gibste mir’n Becks Ice aus, und vielleicht noch ’ne Kippe. Digger? Digger, ich brauch noch zwei Euro für ’nen Döner. Komm aus’m Club. Hab Hunger. Digger. Digger? Und wenn Sie den Hotspot spendieren, werden Sie sich wundern, wie schnell so ein räudiges überteuertes deutsches Datenvolumen mit dämlichen Selfie-Videoclips von der Warschauer Brücke leergesaugt und ausgelutscht werden kann. Bitte? Sie sind zugezogen und glauben an das Gute? There will be blood.

Manchmal jedoch finde ich das zur Karikatur seiner selbst mutierte Partypack richtig witzig. Geradezu honkesk. Heute früh zum Beispiel. Urban, fresh und abgefuckt kreuzt ein völlig untauglicher Abstaubversuch meinen Weg, dessen Methodik so alt ist, dass sie in den wilden 90ern schon keine Wanderratte mehr aus meiner Restmülltonne hervorgelockt hat.

Neben einem kleinen Non-Franchise-Bäcker, bei dem ich mir manchmal auf dem Weg in den Borgwürfel einen Kaffee hole, ist eine Bar mit angeschlossenem Darkroom. Für die müssen Sie ein vergleichsweise dickes Eintrittsgeld abdrücken und auch die Bierpreise sind nicht volksnah. Woher ich das weiß? Keine Ahnung. Ich weiß einfach viele Dinge.

Aus diesem Darkroom schwankt früh um halb sechs, als ich mich gerade charakterlich häutend auf einen weiteren Tag im großartigsten aller Borgwürfel vorbereite (joviales Grinsen üben, heuchlerische Sätze zurechtlegen, ansteckende Laune vortäuschen, Leute gut finden, die keiner gut finden kann), ein furchtbar derangiert wirkender Mittvierziger in Budapestern und Sakko, der mir in den Bäcker folgt und als ich auf meinen Kaffee warte zu sprechen beginnt:

„Ich möchte zwei Franzbrötchen und eine Tomatentasche. Problem: Ich hab‘ kein Geld dabei, aber ich wohne nebenan und habe oben meine Geldkarte. Ich bringe Ihnen morgen das Geld vorbei.“

Für den Eintritt und – so wie er riecht – eine nicht unerhebliche Anzahl von Drinks an der Bar des Darkrooms hat es gereicht und jetzt ist wahrscheinlich das Geld alle, also prellen wir doch mal den kleinen Bäcker hier. Har har. Was hat das Ding für einen Bart. Und überhaupt: Was zur Hölle ist eine Geldkarte?

Na mal sehen. Die Bäckerin wird doch nicht…?

Wird sie nicht, sie ist ein Profi: „Kann ick nich mach’n. Ick bin nur anjestellt, der Chef reißt mir’n Arsch auf, wenn er abrechnet.“

Was wir beide wissen, nur der Ficker aus dem Darkroom nicht, ist: Sie ist der Chef. Und der Depp wohnt nicht hier, sonst würde er das wissen.

Er setzt noch einmal an: „Büdde. Ealich. Ich wohn echt nebenan. Ich bring das Geld morgen vorbei.“

„Kann ick nich machen. Sorry.“

Und dann folgt das patentierte Berliner Rückzugsgefecht von jemandem, der mit seiner Agenda nicht durchgekommen ist und jetzt begossen vor Publikum den Rückzug antreten muss: Verbrannte Erde.

„ICH KAUF HIER NIE WIEDER! NIE WIEDER KAUF ICH HIER! SCHEISSLADEN! DRECKSSCHEISSLADEN! KEIN WUNDER GEHT IHR ALLE PLEITE! FICKT EUCH DOCH ALLE!“

Und ab. Insgesamt ein schwacher Auftritt. Ich finde, er hätte mindestens noch brüllen können, dass er allen Nachbarn abraten wird, hier künftig zu kaufen. Oder dass man Stammkunden so nicht behandelt. Oder dass er irgendwo im Internet eine schlechte Bewertung hinterlässt. 1 Stern bei Klickmickweg.de oder 1 Punkt bei Ratemyfuckingbäcker.com.

Ich grinse. Die Chefin grinst. Die Sonne hinterm Fenster läutet meinen Aufbruch ein. So geht der Tag hier manchmal los. Hässlich und laut. Guten Morgen Berlin.

 


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