Cyprus Chill: Kulturpenetration

Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, auf Zypern einen Guide zu buchen, der Sie mit der Hauptstadt Nikosia bekannt macht, dann achten Sie darauf, dass es kein verkrachter Historiker ist.

Verkrachte und gescheiterte Akademiker sind schlimm. In jeder Disziplin. Denn sie müssen ums Verrecken beweisen, dass sie es können, dass sie es besser können als alle anderen, dass sie zu Unrecht gescheitert sind. Dass es die äußeren Umstände waren, die sie haben scheitern lassen, und nicht eigenes Unvermögen. Und die damit einhergehende Selbstgerechtigkeit kann schnell sehr unangenehm für die werden, die dann, wenn das Klagelied herausbricht, zufällig in der Gegend herumstehen.

In der Teeküche vom Borgwürfel sehe ich ab und zu mal einen verkrachten und gescheiterten Akademiker stehen, ranzigen Automatenkaffee saufen und lamentieren. Meist ein Befriedigend-Jurist aus der Juristenschwemme bundesdeutscher Drittklasseunis, der es nicht mal in den Öffentlichen Dienst, sondern nur zu uns geschafft hat. Und dann steht er da und jammert, dass er hier und nicht in einer Premiumkanzlei am Kurfürstendamm arbeiten muss, wo er seiner Ansicht nach hingehört, wenn nicht dieser härteste Professor Europas und ausgerechnet dieses verdammte Wohneigentumsrecht im Staatsexamen gewesen wäre, mit dem sie ihm vorsätzlich das Genick gebrochen haben. Dieser willkürliche Unbill des Schicksals hat ihn hierher gebracht, in einen mies bezahlten Zeitvertrag, aus dem nie eine Festanstellung wird. Weil aus Zeitverträgen bei uns nie eine Festanstellung wird. Weil immer ein neuer Befriedigend-Jurist in einem schlecht sitzenden Anzug auf dem abgeschabten Teppich in der Lobby steht und rein will.

Diese Leidenschaft, unverschuldet Opfer zu sein, findet sich inzwischen immer weniger bei denen, die wirklich Opfer sind, sondern umso ausgeprägter in jenen mittleren bis gehobenen Schichten, mit denen ich es zu tun habe. Niemand ist mehr für etwas verantwortlich. Am allerwenigsten für sich selbst. Immer sind es die Umstände. Katastrophen. Unvorhergesehenes. Böser Wille anderer. Nie eigenes Unvermögen. Bequemlichkeit. Der selbstgewählte einfache Weg. Das fängt schon bei den Azubis an, die sich bei uns bewerben. Fünf in Mathe? Wie kommt das? Na klar: „Der Lehrer konnte mich nicht leiden.“ Ach so, na wenn es nur der Lehrer war, sind Sie auf jeden Fall prädestiniert für eine kaufmännische Ausbildung. Das hat mich überzeugt. Ich stelle Sie sofort ein. Hier ist Ihr Ausbildungsvertrag.“

Mein verkrachter Historiker hier in Nikosia ist ein wandelndes Zahlen- und Faktenlexikon. Er dekliniert wahllos irgendwelche Ereignisse der europäischen, orientalischen und amerikanischen Geschichte anhand der Nummern der Autokennzeichen, die zufällig den Weg der bunten Gruppe kreuzen, die sich heute hier zusammengefunden hat, um in diesem Hitzesmog von Nikosia nicht orientierungslos unterzugehen. Schweizer. Österreicher. Kölner. Bayern. Alles dabei. Nur keine Ossis. Außer mir, dem Berliner.

Der Historiker gibt seine Vita zum besten. Schnell wird klar, dass das Leben ihn beschissen hat. Als Akademiker gestartet, dann türkische Besatzung, gefolgt von einer korrupten griechisch-zypriotischen Oligarchie, die ihn nicht einließ, weil er niemanden mit gutem Leumund als Bürgen benennen konnte, den man hier – so sagt er – für den Zugang zur öffentlichen Verwaltung zwingend benötigt. Und jetzt, zuletzt: Fremdenführer. Weit unter seiner Würde. Manche, die weniger können als er, sitzen jetzt in der wuchernden Verwaltung Nikosias und werden langsam durch Nichtstun reich, während er als Guide durch die Gluthitze laufen und von den Brosamen der Touristen leben muss. Das sagt er. Genau so. Nur um hinterher zu schieben, es nicht persönlich zu meinen. Die Einzelheiten seiner Lebensniederlage zu vermitteln ist ihm so wichtig, dass er sie vier Mal in unterschiedlichen Situationen aufwärmt. Wobei mein Bedauern bereits nach dem zweiten Mal versiegt. Zu viel Lamentieren macht mieses Karma. Ob berechtigt oder nicht ist nach der dritten Elegie egal. Auch mir. Empathie erschöpft sich nur, wenn sie strapaziert wird.

Hannibal. Sokrates. Moses. Platon. Alexander. Christoph Kolumbus. 620 vor Christi. 234 nach Christi. 252. 118. 720. 1618. Ich habe schon nach wenigen Minuten den Faden verloren und dämmere vor mich hin wie im Sozialkundeunterricht, wenn die Theorie einer Gewaltenteilung durchgesprochen wurde, von der ich als Teenager schon wusste, dass sie in der Praxis keine Rolle spielt.

Von Nikosia sehen wir nicht viel. Zuerst stehen wir eine Stunde in einer prunk-protzigen orthodoxen Kirche herum, während der Historiker eine Freske nach der anderen durchnimmt. Abendmahl. Judas. Petrus. Auferstehung. Kreuzweg. Es sind 16 Fresken. Die alle erklärt werden müssen. Denn der Historiker ist nicht nur Historiker, sondern auch noch streng religiös. Hier sehen Sie Jesus beim Füßewaschen. Hier segnet Jesus die Geldwechsler. Und hier. Jesus isst. Und zwar Brot. Bibelzitate folgen Bibelzitaten. Bereits nach zehn Minuten Bibelstunde läuft mir ein Sabberfaden aus dem Maul, nach 15 Minuten dämmert mir das Hirn. Würde man mir jetzt die Hirnströme messen, müsste ein Arzt mich für klinisch tot erklären.

Da wusste ich noch nicht, dass satte zwei Stunden in Zyperns Nationalmuseum folgen würden, sonst hätte ich mich heimlich durch das Klofenster irgendeiner Souflakibutze in eine der engen Altstadtgassen abgesetzt und hätte die Stadt verlassen. Verkleidet. Auf einem Esel.

Im Museum sehe ich nun auch die ehemals hoffnungsfrohen Gesichter der anderen Touristen langsam einschlafen. Denn der Historiker kaut jede Figur durch, jeden antiken Teller, jede Maske, jeden Tonkrug. Und ich sterbe hier. Es ist die Kulturhölle. Armageddon. Ein Inferno aus Zahlen und Fakten, eine erbarmungslose Stalinorgel aus zähestem Fachwissen. Wussten Sie, dass Alexander der Große eine Schwester hatte, die Thessaloniki hieß? So wie die Stadt. Und Zypern hat eine Terrakottaarmee. Wie China. Und jeder war schon hier. Römer. Karthago. Syrer. Türken. Vor Wien. Seitdem gibt es dort Kaffeehäuser. Und Butterhörnchen. Was zur Hölle erzählt der da?

Wir haben ein Arschloch in der Gruppe. Es ist der Kölner. Der ist so pervers und gibt ihm immer wieder Stichworte. Stachelt ihn an. Hinterfragt. Ergänzt. Weiß auch viel. Sie liefern sich Diskussionen. Mit Sicherheit ist der Typ Lehrer. Geschichte und Deutsch. Oder noch besser: Sozialkunde. Persien. Hannibal. Gewaltenteilung. Bla bla. Ich habe keine Ahnung, worum sich ihre Dispute drehen und ich sehe, dass es allen anderen auch so geht. Mein Hirn wird zu Brei. Klinisch tot. Ich sag’s ja.

Wenigstens gibt es Sonnenräder. Die holen mich aus dem Wachkoma.

„Jetzt was, was Ihr Deutsche kennt. Kuckt hier.“ haut er raus. Na klar. Deutsche. Hitler. Jaja. Mumpf Mumpf. Lecker Hakenkreuze. Kenn‘ ich schon. Especially for you Germans.

Viel besser ist das hier …

… hihihi Penis! Ich verliere langsam den Verstand. Nicht mehr lange und ich unterhalte mich mit irgendeiner Büste über das letzte Metallica-Konzert.

Mit der hier zum Beispiel. Ein Hipster. Mit Dutt! Dafür ohne Bart.

Oh mein Hirn. Unwillkürlich haben wir anderen, die seit über einer Stunde flakfeuerartige Kulturpenetration erleiden, die keine Gefangenen nimmt, ein Agreement getroffen: Wir wechseln uns beim Zuhören ab, damit jeder mal eine Auszeit nehmen kann. Zum um die Ecke gehen. Mit dem Smartphone daddeln. Facebookstatus aktualisieren. Hirn wieder zusammensetzen. Oder einfach nur um aus einem Fenster den Straßenverkehr Nikosias zu betrachten. Weil das spannender ist als der unglaubliche Monolog des Wissensmonsters.

Als ich den schweizer Teenager ablöse, der gerade für zehn Minuten die Schicht von der mit toten Augen in eine antike Münzsammlung stierenden Bayerin übernommen hat, grinst der mir dankend zu und murmelt was von „Isch dr Wohnsinn.“, was ich mit „Ick jeh kaputt.“ kontere und dann klatschen wir tatsächlich ab. Leidende in Geiselhaft. Not schweißt zusammen. Nach zwei Stunden sind alle außer dem Lehrer zu nichts mehr zu gebrauchen. Es fällt kein Wort mehr. Apathie. Boredom. Geistige Windstille. Pure Depression.

Das Interessanteste in diesen zwei Stunden Museum neben Swastikas, Hipsterdutts und unbeschnittenen Penissen habe ich bei einer Auszeit auf dem Scheißhaus entdeckt:

Eine Scream-Maske als Pissbecken. Hammer. Ich könnte ausrasten. Das ist Kunst!

Im Angesicht einer weiteren Kirche, vor der der Guide damit beginnt, die 30 verschiedenen Statuen an der Fassade durchzunehmen, setze ich mich tatsächlich ab. Ich habe noch was vor. Ich muss den Autoverkehr von Nikosia beobachten. Brumm. Brumm. Wache auf, Hirn, wache auf. Ich möchte dich auslöffeln.