Cyprus Chill: Grenzgänger

Ich kann Ihnen empfehlen, auf Zypern ein Fahrzeug zu mieten, um die Insel zu erfahren. Bleiben Sie nicht in der Hotelanlage. Wenn Sie sich jeden Tag die internationalen Vollhonks reinziehen, die hier am Pool ihre soziale Inadäquatheit zelebrieren, werden Sie unweigerlich debil.

Die Insel lebt in einer militärischen Zwischenwelt. Ein komischer Zustand. Ein Waffenstillstandszustand. Das merken Sie schon am Duktus der Schilder.

Auf meinem Weg begegnen mir verschiedene Player im Konflikt. Türkisches Militär. Britisches Militär. Vereinte Nationen. Und nirgendwo darf ich fotografieren. Ständig kommt irgendein UN-Philippinier/Rumäne/Costa Ricaner daher und kackt mich an, dass ich nicht fotografieren darf. Kann ich doch nix dafür, dass ich die vergilbten Schilder nicht verstehe.

Ich kann nämlich leider kein Englisch, zumindest nicht wenn es auf Schildern steht, und dass da ein altertümlicher Fotoapparillo, der aussieht wie ein umgekippter Pylone, durchgestrichen ist, kann ja auch bedeuten, dass die Farbfilme für die Rentnerbusse, die auch hier sinnlos um die Sehenswürdigkeiten rumkurven und immer mal wieder ihre fürchterliche Socken in Sandalen tragende Fracht auskotzen, ausverkauft sind. Oder es bedeutet, dass Pylonen einfach verboten sind. Wegen Verletzungsgefahr. Oder EU-Richtlinien.

Ich bin ja manchmal so schwer von Begriff, ich Tourist. Und deshalb habe ich mir eine Gehirnamputiertenfloskel zurecht gelegt, wenn die Blauhelme doch mal etwas ungemütlicher werden: „Oh sorry, I’m just a tourist, I have no idea of all that political stuff. Thank you for the advice, Sir. Have a nice day.“ Und sobald er sich umdreht, schieß ich noch ein Ding. Und dann noch eins. Ugga Ugga. Die Vereinten Nationen trollen. Die Welt schickt nämlich auch hierher die Besten der Besten der Besten. Sir. Überbezahlte Frühstückssoldaten. Partykrieger. Gartenzwerge. Aufgeblasene Ordnungshüterdarsteller, die sich gegenüber Zivilisten gerne wichtig tun, aber im Ernstfall die ersten sein dürften, die auf einen Baum klettern. Es fällt mir schwer, nicht zu lachen, wenn einer der Lamettafreaks in weißem Ornat auf mich zugewackelt kommt und in seiner zu groß geratenen Kapitänstracht versucht, böse zu wirken. Mir fehlt es da automatisch an Respekt. Hier, bitte, knips as knips can:

„Stop! No photo!“

„Oh, sorry, Sir, I’m just a tourist, I have no idea…blabla.“

Aber natürlich fotografiere ich immer weiter. Ich bin EU-Bürger, im Zweifel bezahle ich den Popanz hier mit meinem Soli, den sie nach Brüssel überweisen, wo er dann über Umwege via irgendwelche UN-Sicherheitsetats hier landet, oder einfach direkt aus dem Bundeshaushalt überwiesen wird, egal, was weiß denn ich. Spielt auch gar keine Rolle, denn im Knast lande ich für die illegale Knipserei sowieso nicht. Offenbar ist Situation inzwischen so entspannt, dass es nicht nicht lohnt, sich für einen Honk mit Spongebobkäppi und vergammelten Chucks auf einem Buggy mit der Bundesrepublik Deutschland anzulegen. Hier, noch mehr Fotos, trollolo, bitte:

Zypern zeigt mir schmerzhaft plastisch, wie scheiße Nationalismus ist und wohin er führt. In den blauen und roten Ecken dieses Boxrings von Insel kauern zwei Volksgruppen, die seit Jahrzehnten auf diesem völlig zerrissenen Landstrich nicht in der Lage sind, gleichberechtigt zusammen zu leben, weil immer einer versucht, den anderen zu übervorteilen, wenn er Oberwasser hat. Es ist armselig.

Doch der Nationalismus hat nicht nur hier überwintert. Er ist woanders auch wieder da. Schleichend. Quer durch Europa. In den meisten Ländern sind es Parteien, die ihn vorantreiben. In Deutschland sind Parteien verpönt, die die Nationalkarte ziehen, also übernimmt das die Presse. Sie trommelt für die Regentin und gegen alle, die die Regentin nicht mag, Russen, Griechen, jede Opposition, die sich noch nicht in die Meinungsfront eingereiht hat, und alle machen mit, vom Boulevard („Pleitegriechen, verkauft doch eure Inseln“) bis zu den Bürgerlichen („Hausaufgaben nicht gemacht“). Und der Mob saugt den chauvinistischen Subtext auf, fühlt sich bestätigt und zündet gleich wieder die Gebäude der Allerschwächsten an, die in der irrigen Annahme, Hilfe zu finden, mit nichts in der Hand an Europas Küsten landen. Ekelhaft. Das ganze Klima ist ekelhaft. Dass die Nationalkarte, die wieder Konjunktur bis weit in die Mitte hat, gar kein Trumpf ist, sondern nur zu verfahrenen Situationen und ganz vielen Verletzungen führt, die über Generationen alles vergiften, was eine Gesellschaft zusammenhält und zuletzt sowieso auf den zurückfällt, der sich für erlesener hält als andere, können Sie hier in Zypern live, direkt und ungeschönt erfahren. Nationalismus ist scheiße und er führt zu nix. Immer.

Zyperns bekannteste Geisterstadt, die untergegangene Bettenburg von Varosha, kann ich nur von weitem sehen, weil uns mehrere Lagen Natodraht und ein viel zu weit entfernter Checkpoint trennen und ich außerdem nicht glaube, dass das türkische Militär so viel Spaß versteht wie die Zipfelmützen von der UN. Mitten in den Bau von Teilen dieser Bettenburg fiel die Invasion der Türkei, so dass die ganzen Rohbauten so stehen blieben wie sie in dem Moment dastanden als keiner mehr weiterbauen konnte. Inklusive eines Baukrans. Da hat einfach jemand die Zeit angehalten. Ich wäre gerne hingefahren. Ging nicht.

Habe ich eigentlich wirklich jemals über das mobile Internet in Brandenburg geäfft? Zypern ist die digitale Hölle, sobald Sie das kostenpflichtige Hotel-WiFi verlassen. Mit Glück haben Sie ab und zu in kleinen Zivilisationskorridoren 3G oder H und können irgendwas im Browser aufmachen (oder Kommentare freigeben, wenn Sie bloggen). Nutzen Sie das. Halten Sie an. Holen Sie die Informationen, die Sie brauchen, denn bald haben Sie wieder G. Ja, G. Das Letzte vom Letzten vom Letzten. E wie in Brandenburg kennen die hier gar nicht. Und G ist sogar noch Gold, denn meistens haben Sie hier gar kein mobiles Internet. Null, Nix, Njente, weil die Mobilfunkwaben vor lauter Touristen einen Burn out haben. Nix. Über weite Landstriche. Kein Internet. Hölle gefriere zu.

Dann betrete ich in Nikosia über einen der wenigen Checkpoints den türkisch-zypriotischen Teil der Insel, der mir bisher nur durch offensiv beflaggte Militärposten auf irgendwelchen Hügeln mitten im Nichts auffiel.

Die Gesellschaft jenseits der Fenceline ist sichtbar ärmer im Vergleich zum griechisch-zypriotischen Teil, deren Fußgängerzone mit McDonalds, Subway, KFC und – kuckuck Prenzlauer Berg – einem Laden für Birkenstockschuhe daherkommt wie die einer normalen westlichen Großstadt. Sie können hier den ganzen Shit kaufen, den Sie überall und vor allem auch zuhause bekommen. Langweilig.

Die Pufferzone zwischen dem griechischen und dem türkischen Landesteil heißt hier in Nikosia drastischer als auf dem Land „Verbotene Zone“ und die Warnungen vor ihr kommen ungleich bedrohlicher daher, was mich jedoch auch nicht davon abhält, Fotos zu machen. Dennoch: So narrenfrei und sicher wie auf der anderen Seite fühle ich mich instinktiv nicht mehr.

Ich bin von griechischer Seite mehrmals gewarnt worden. Auf der türkischen Seite werden sie mich über den Tisch ziehen. Neppen. Schleppen. Bauernfangen. Meine Euro nehmen und mir Türkische Lira andrehen. Nass machen. Ausplündern. Entführen. Und außerdem operiert hier ISIS ungestört. Es bestehe Gefahr. Die ganze türkische Seite bedeute Gefahr. Niemand sollte dort hingehen. Man rät mir ab. Insistiert. No good. No good. You should not go there.

Die türkische Seite sieht vergleichweise abbruchartig aus, aber ich mag das ja. Berlin sah ja vor der Goldgräberstimmung auch mal so aus. Toll. Und sie sind auch auf dieser Seite der Insel alle nett zu mir. Klar, denn ich bin ja auch nett und habe extra, so wie ich das immer mache, wenn ich im Ausland bin, einige Brocken Smalltalkscheiße in der jeweiligen Landessprache (hier: türkisch) auswendig gelernt, was bis auf die sowjetesk-mürrischen aber unverschämt schönen türkischen Grenzerinnen alle, mit denen ich zu tun habe, sichtbar freut. Kioskbesitzer. Falafelverkäufer. Mokka. Hummus. Coca-Cola. Alles gut. Keiner neppt mich. Keiner nimmt meine Euro und gibt mir dafür türkische Lira Retour. Keine Entführung und ISIS hat sich auch versteckt. Wie man in den Wald reinruft und so vielleicht, keine Ahnung. Nett hier, ich glaube, ich muss mal in die Türkei. Da war ich nämlich noch nie. Als ehemaligem Neuköllner erschien mir das nie fremd genug.

Und dass ich das einzige feministische Statement der Insel ausgerechnet auf der türkischen Seite zu Gesicht bekommen würde, hat mich ebenso kalt erwischt wie der ganze entgegen der Unkereien erfreulich gemütliche türkische Teil der Insel. 

Vorurteile? Propaganda? Gibt es hier auf der Insel eine Menge. Es gilt wie immer: Machen Sie sich frei davon. Es lohnt nicht.

Und für den Fall, dass Sie sich fragen, wo denn die ganzen Polenmärkte abgeblieben sind, die bis in die Nullerjahre die Enricos und Scheyennes im deutschen Osten glücklich gemacht haben: Die sind jetzt in Nord-Nikosia.

Hilfiger. Porsche. D&G. Armani. Rolex. Und wenn sie fragen, haben sie bestimmt auch noch Böhse Onkelz-Bootlegs. Und Landser oder so. Wie früher in Słubice hinter der Stadtbrücke Frankfurt/Oder.Soweit bis hier. Raus aus dem Resort. Fahrtwind wehen lassen. Ein wenig Freiheit atmen. Ich kann nicht ohne. Wenn Sie hier die tausendste Abhandlung über den inseleigenen Nationalitätenkonflikt oder gar eine Positionierung erwartet haben, dann tut mir das nicht leid. Lesen Sie Wikipedia. Da steht das alles. Ich will das nicht abschreiben. Und positionieren können Sie sich selber, wenn es unbedingt sein muss.

So. Jetzt noch Bonusmaterial:

Der Verkehr auf Zypern ist erschütternd entspannt. Auch wenn Sie nicht allzu oft im Linksverkehr fahren, bereitet Ihnen das hier keine Probleme. Die Leute rasen hier nicht, sie drängeln hier nicht, sie hupen nicht einmal. Ich bin hier der Hooligan. Ich quäle den Buggy auf 90 km/h und überhole alles, was von meiner Warte aus über die Insel kriecht, darunter mehrere Kleinlaster, einen UN-Konvoi und einige jugendliche Mopedfahrer. Ich bin so deutsch, dass es quietscht. Gib mir PS und ich terrorisiere die Überholspur. Furchtbar.

In Zyperns Bussen feiern die grauenhaften Teppichmuster der 80er ihre Auferstehung. Dort sind die also hin, hab‘ mich schon gewundert.

Es folgt Romantikcontent. Für ein erfolgreiches Date kommt ja wohl nur das hier in Frage:

Säufercontent. Sie verkaufen hier Bowmore. Die Freude ist groß.

Streetartcontent.

Und weil es immer so gut ankommt, zuletzt noch etwas Antifa-Content aus dem griechischen Teil von Nikosia: