Cyprus Chill: Taubstumme, Titten, Tumore

Ich muss mal raus. Ich muss mal weg. Ganz weit weg. Am besten auf eine Insel. Am besten nach Zypern.

Während ich bei diesen fast schon deutschen Untemperaturen sinnlos herumliege und meinen zukünftigen Hautkrebs aussäe, wird mir klar, dass ich hier gerade einmal 250 Kilometer vom syrischen Bürgerkrieg entfernt bin. Von hier einfach mit dem Kutter nach Osten, dann auf einen Esel und ich bin in Homs. Und noch einmal 50 Kilometer weiter schneidet der Islamische Staat Köpfe ab.

Hier in Zypern ist davon noch nichts zu bemerken, aber das heißt nichts. Letzten Juni haben sie in Luxor am Karnak Tempel eine Bombe gezündet. Ein paar Jahre vorher stand ich genau dort in dieser jetzt hochgejagten Basargasse, in der sie an mir zupften, mich in Tücher einwickelten, mir „Deutscher! Deutscher! Bayern München! Bayern München!“ zuriefen, um mir Dinge zu verkaufen, die ich nicht brauche.

Hier wollen auch wieder alle möglichen Leute offensiv Geld für Dinge. Mediterraner Lokalkolorit. Ich bin die Geldbörse auf Beinen in einem Urlaubsgebiet. Einer legt mir einen potthässlichen Lilifee-Schlüsselanhänger aus rosa Plastik auf die Liege, kuckt mich an und will dafür fünf Euro. Auf dem Zettel, der dabei liegt, schwört er Stein auf Bein, dass das Geld einer Einrichtung für Bedürftige zugute kommt und er selber sei darüber hinaus taubstumm und außerdem sehbeeinträchtigt. Klar, sicher, und auf einer Pritsche im immerfeuchten Keller liegt die crackabhängige Großmutter, die stirbt, wenn sie nicht ausgerechnet von meinen fünf Euro ein lebenswichtiges Medikament bekommt. Lalala. Überweisen Sie jetzt fünf Euro oder dieses Jack Russell-Baby krepiert an Magenkrebs sagt der nigerianische Prinz, der seine Millionen in Sicherheit bringen will und mich als Strohmann braucht.

Jaja, sicher, ja doch, ich bin wundgenudelt, zynisch bis ins Mark, abgebrüht und in Single Malt gebadet, ich glaube nichts mehr. Es gab Zeiten, da haben sie mich alle verarscht, ausgelutscht und ausgenommen bis ich endlich die Zugbrücke hochgefahren habe: Italienische Espressobars an Autobahnen mit ihrem minderwertigen Kaffee, südfranzösische Fakemarkenshirtverkäufer an überfüllten Stränden, ägyptische Parfummischer, ein Idiot in Potsdam auf einem Pritschenwagen mit vorgeblich originalen Standboxen hintendrauf, die schließlich kaputt waren, vorgebliche Ex-Knackis mit von behindeten Kindern gemalten Weihnachtskarten an meiner Haustüre. Ich bin so oft beschissen worden, das reicht für sieben Leben. Nein. Aus. Ende. Geht alle weg. Ich glaube in Urlaubsgebieten grundsätzlich nichts mehr und der hinkende Typ da ist weder taub noch stumm und schon gar nicht blind und ich habe nichts und gebe nichts und bin überhaupt gar nicht da.

Ich praktiziere die Dinge schon nach zwei Tagen wie in Ägypten auf dem Basar, wenn fünf fliegende Händler in zehn Sprachen auf mich einreden und mir Stoffe, Flüssigkeiten und Steinchen verkaufen wollen. Ich mache zu. Ich schotte ab. Ich fahre die Feuerschutztore hoch. Denn es gilt die Regel: Sind Sie freundlich, gehen Sie drauf. Sie fressen Sie auf. Und lassen nichts übrig. Keine Chance. Sie müssen zwingend zur Drecksau mutieren, sondern nagen die Sie ab. Werden Sie zumindest temporär ein Arschloch. Behandeln Sie die Drücker wie Scheiße, ich weiß, ja, ich weiß, das verstößt gegen alle Ideale, die Sie haben mögen und die ich immer noch mit Ihnen teile, doch es geht manchmal nicht anders. Es ist wie mit den Trollen auf den Blogs, die Sie betreiben. Die gehen erst, wenn Sie sie ausräuchern, wegstoßen, sich den Weg freischießen. Und sonst natürlich komplett ignorieren.

Sowieso habe ich hier ein Problem mit mir selber. Ständig wuseln Menschen um mich herum und wollen irgendwas für mich oder – noch schlimmer – mit mir tun. Fußmassage. Yoga. Haare schneiden. Jetski-Polo (Was zum… Polo? Auf Jetskiern? Warum?). Oder sie bieten eine traurige Schar Fische feil, die Ihnen den Grind von den Käsemauken frisst. Natürlich gibt es auch Aquagymnastik im Pool mit alten dicken Frauen zu hochgepitchtem Kirmes-Pop aus dem Ghettoblaster. Wahnsinn. Jede Hoffnung auf eine Weiterentwicklung der Menschheit stirbt sofort und umfassend nach einem Blick auf den Pool voller hüpfender Leiber in Badeanzügen. Aktivitäten. Aktivitäten. Alles haben sie hier. Alles. Nur eine Laufgruppe nicht. Dafür Nordic Walking, was so viel mit Sport zu tun hat wie meine heilpraktizierende Nachbarin mit Schulmedizin und Rostbratwurst.

Die allgegenwärtige Servilität macht mich fertig. Ich bin nicht zum Herrenmensch geboren. Ich will eigentlich nur in Ruhe älter werden, doch sich aus diesem durchchoreographierten Spiel einer Hotelanlage zu nehmen ist fast nicht möglich. Sie können hier im Resort problemlos innerhalb von zwei Wochen Ihre gesamte Fähigkeit zur Selbstversorgung und Selbstorganisation verlieren, wenn Sie sich treiben lassen. Wahrscheinlich können Sie auch jemanden bezahlen, der für Sie nach dem Kacken auf den Knopf fürs Bidet drückt. Mich macht dieser Umstand völlig fertig, also liege ich bewegungslos am Pool herum und immer wenn jemand schon von weitem so aussieht als könnte er mir gleich eine Dienstleistung anbieten, tue ich so als würde ich schlafen. Oder ich springe in Panik in den Pool. Meine Güte. Das schlaucht.

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Die Leute hier behandeln Sie nicht wie einen König und lächeln Sie so unfassbar freundlich an, weil Sie so ein geiler Typ sind (das sind Sie nicht und ich bin das auch nicht) oder weil sie es so inspirierend finden, wie Ihnen die Butter vom Frühstückscroissant das Kinn runter läuft und auf die Reste des Mokkas trifft, der seit gestern in Ihrem ungepflegten Bart verwest, sondern sie tun das weil sie davon leben, Menschen mit mehr Geld auf dem Konto als der Durchschnittszypriot das Gefühl zu geben als wäre das so.

Und eines ist definitiv klar: Wenn Sie als Musiker in einem Resort landen, in dem Sie gelangweilte Urlauber während des abendlichen Massenvollstopfens am Buffet mit öden Gassenhauern wie „Let it be“, „Yesterday“ und „Mrs. Robinson“ unterhalten müssen, für den Sie lediglich ab und zu mal einen kleinen Mitleidsapplaus bekommen, damit Sie sich nicht gleich mit einem Felsbrocken um den Hals im Mittelmeer versenken, dann haben Sie es als Musiker nicht geschafft. Ich wiederhole: Nicht geschafft. Legen Sie die Klampfe nieder und machen Sie was anderes. Jura. BWL. Schreibwaren. Geranien züchten. Autoverleih. Currywurst. Nur bitte nicht mehr singen. Denn die Chance tendiert jetzt genau hier in der zypriotischen Abendsonne gegen Minus Unendlich, dass Sie jemals irgendeinen Durchbruch schaffen werden.

Ich wollte hier in Zypern eigentlich mein Englisch wieder ölen. Doch die Leute sind so nett, dass sie unentwegt deutsch mit mir sprechen. Der Taxifahrer – deutsch. Der Guide – deutsch. Die Thekenfrau – deutsch. Die Putzkraft – aber hallo, deutsch. Ich bin zwar ein Fuchs und eröffne jede Konversation sofort auf englisch, weil diese Deutschen im Ausland regelmäßig so peinlich sind, dass es ein Teil der Selbstachtung ist, sich nicht mit ihnen gemein zu machen, aber trotzdem kippt alles in kürzester Zeit ins Deutsche. Erkannt. Ertappt. Enttarnt. Ich habe keine Chance. Dafür, dass das hier eine Russenhochburg sein soll, ist von Russisch über weite Strecken nichts zu hören. Sie kommen mit deutsch und ein paar Brocken marzahn-hellersdorfer Klippschulenglisch problemlos durch. Wahrscheinlich teilt der Personaldisponent die angestellten Dienstleister den Reisenden nach Sprache zu. Wer deutsch kann, kriegt die Deutschen. Und wer russisch kann, die Russen. Ja. So wird es sein. Geheimnisse sind dafür da, sie zu lüften. Es ist abgekartet. Der Abbau der Sprachbarrieren gehört zur Wellnessphilosophie hier im Resort. Damit ich mich auch verbal nicht anstrengen muss.

Am Pool herrscht derweil geschlechterpolitisches Paläozän. Schmerbäuchige alte Wichser mit Vokuhila auf den verbrannten Köpfen und Haaren auf den Rücken pfeifen jungen dicken Titten hinterher, deren Besitzerinnen sich umdrehen und verschämt kichern. Hallo? Sonst geht’s noch? Wo sind wir hier? Es wird höchste Zeit, dass wir ein paar genderbewegte Aktivisten aus den geisteswissenschaftlichen Fakultäten unserer Universitäten auf dem Ticket irgendeines Förderprogramms dieses dekadenten brüsseler EU-Subventionszombies hierher schicken, die für Zucht und Disziplin sorgen. Es ekelt mich an.

Ekel ist auch ein Begriff, den ich auf die Reaktion der Allgemeinheit auf die Wucherung anwenden würde, die im Gesicht von dem wächst, den ich den Tumormann nenne. Das warzige Ding, das vielleicht gar kein Tumor ist, sondern nur so aussieht wie ich mir einen vorstelle, pulsiert von hinter den Ohren bis unters Kinn und wabert blau bis schwarz, so dass es niemand übersehen kann, was auch keiner tut, denn alle schauen ganz unauffällig hin während sie gleichzeitig so tun als schauen sie nicht unauffällig hin. Ein verhaltenspsychologischer Balanceakt. Auffällig ignorieren oder mit den Augen bemitleiden?

Bis auf mich, einem vernachlässigten Kind in einem Schwimmreifen und einem anderen Gleichmütigen (der jedoch wenn ich mich nicht täusche sehbehindert ist) verlassen alle anderen Urlauber ungelungen unauffällig den Pool, wenn der Tumormann ihn betritt. Also könnte sich das schwarze Ding übers Wasser auf andere Menschen übertragen oder sich gar auflösen und ihren Mündern landen. Er kennt das Gehabe wohl und trägt die Bürde seiner furchtbaren Optik mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der die Plautzenmänner auf der Liege ihre obszöne Abendbuffetwampe tragen, in die immer noch ein rosa gebratenes halbes Schwein auf Toast mehr passt. Oder ein Eimer Schokoladenpudding.

Überhaupt fressen hier wieder einmal alle als gäbe es morgen schon nichts mehr, weil dann der Islamische Staat die Scharia einführt und den ganzjährigen Ramadan verkündet. Ein nie versiegendes riesiges Füllhorn schüttet den Raum voll mit Nahrung. Wir könnten hier ganze Ozeanriesen voller Flüchtlinge versorgen. Wenn denn welche kämen.

„All Inclusive“ ist sowieso eine Seuche, es ist obszön, denn sie kennen alle kein Maß und fressen viel mehr als sie zur Lebenserhaltung müssen, weil es ja nichts kostet, weil es ja immer nachgefüllt wird, weil die Lawine an Schnitzeln und diesen perversen kleinen panierten Tintenfischringen nie zuende geht, weil sie erst aufhören können, wenn das letzte Stück Marmorkuchen nicht mehr geschluckt werden kann, weil es in der Speiseröhre auf den Krabbencocktail trifft, der vor lauter Fleisch den Weg in den Magen nicht mehr findet.

Und das bei 35 Grad. Wie machen die das? Und was soll das?

Natürlich sind die Honks auch wieder da. Ich treffe sie bereits um 6:30 Uhr am Pool als ich zu meiner morgendlichen Laufrunde am Meer unterwegs bin. Sie staksen wie Geheimagenten mit dem Handtuch in der Hand durch das Liegenarrangement, um sich schon zu dieser Zeit die besten Plätze zu reservieren. Es sind fünf, sechs Leute verschiedener Nationen, die hier herumgeiern und die Standorte und Ausrichtungen taxieren, um dann schließlich das Handtuch auf der Wunschliege fallen zu lassen. Für später. 11 Uhr. 12 Uhr. Ich grinse sie an. Liegenreservierer sind keine Urban Legend. Sie sind Fakt. Überall. Und sie schauen mich so wunderschön irritiert an, weil ich nicht aufhören kann zu grinsen. Am liebsten würde ich laut loslachen. Ich mag Realität werdende Klischees. Sie bieten mir einen Halt in diesen unsicheren Zeiten. Menschen sind wirklich schlimm. Alle. Ohne Ausnahme.

Als ich eine Stunde später wieder am Pool vorbei komme und mich schweißdurchnässt auf meine Dusche freue, sind bis auf die unbeliebten Liegen bei den Scheißhäusern alle besetzt. Merke: Es gibt immer zu wenig Liegen. Immer. Zu. Wenig. Liegen.

Heute macht mir das alles nichts aus. Denn ich habe den Flieger hierher überstanden. Wenn Sie so einen Urlaubshöllenbomber in die Mittelmeerregion überleben, bringt Sie nichts mehr aus der Fassung, denn die Fluggesellschaften sind so arschig klug, alle Eltern mit Kindern im hinteren Teil des Fliegers zu konzentrieren, was mich auch traf, denn ich reise mit Kind. Und so hüpfte hinter mir ein Zwerg herum, der an meiner Lehne riss und die vollen drei Stunden gegen sie trat, vor mir gefiel sich ein anderer Zwerg darin, seine Lehne immer wieder vor und zurück zu stellen und der Rest der unerzogenen Blase rannte kreischend und Dinge werfend den Gang hoch und runter. Wenn Sie dieses Inferno ertragen ohne dass Sie sich einen Selbstmörder als Copiloten wünschen, der das Ding möglichst im 90 Grad-Winkel gegen die nächste alpine Felswand knallt, dann haben Sie es geschafft. Dann kann kommen was will. Auch eine vollbesetzte Liegenlandschaft morgens um halb acht. Egal. Alles egal. Ich habe Urlaub.

Fun Facts:

In Zypern herrscht Linksverkehr. Doch den begreifen die Touristen nicht einmal auf den Fußwegen meiner morgendlichen Laufstrecke.

Die Zyprioten sind zu freundlich, um Ihnen Angela Merkel vorzuwerfen wie sonst gerne mal im vorsätzlich heruntergewirtschafteten Mittelmeerraum. Die Frau scheint hier nicht zu existieren.

Sie bekommen hier für jeden Scheiß eine Quittung. Wirklich für alles. Auch wenn Sie keine wollen. Was ist da los? Ist hier die Troika einmal durch und gängelt die Leute? Oder wieso lässt man sie nicht in Ruhe die Regierung bescheißen?

Moskitos können dicke Beulen binterlassen, die Sie nachts zusätzlich zu den Temperaturen, die eine ausgefallene Klimaanlage nicht mehr regulieren kann, in den Wahnsinn treiben. Kein Malaria.

Zypriotische Nationalgerichte sehen gerne mal aus wie Reispampe mit allem was weg muss, schmecken aber geil. Leichte arabische Einflüsse. Jüdisch zum Teil. Ein wenig griechisch, türkisch auch. Klassische Fusionküche. Sehr gut.

Bestellen Sie im griechischen Teil Zyperns nie Raki. Raki ist böse. Bestellen Sie Ouzo. Immer Ouzo. Kellner tun nämlich so als würde Raki nicht existieren. Moneyquote: „Raki? What is this? You mean Brandy?“

Was noch?

Ein dummer Russe wirft seine Zigarette in einen Mülleimer, der daraufhin in Flammen aufgeht. Ein dummer Schweizer macht Arschbomben direkt neben meinem Kleinkind, das schwimmen übt, wonach ich ihn am liebsten in einer Regentonne voll mit Fonduefett ertränken möchte. Ein dummer Deutscher versucht, eine Kugel Vanilleeis aus dem Buffet-Eisfach zu kriegen, reißt dabei das Behältnis aus der Verankerung, wonach sich das ganze Eis im Raum verteilt, er sich in Lichtgeschwindigkeit zum Kuchenbuffet verpisst und furchtbar bemüht so tut als sei er völlig unbeteiligt. Und ein dummer Mir-doch-egal-wo-der-herkommt steht erst angestrengt bis zum Hals im Wasser im Pool herum und als sich seine Gesichtszüge entspannen und er fast lächelt, weiß ich, dass er gerade erfolgreich in den Pool gepullert hat.

Und zack. Promiflash. E.T. ist da.

Er ist ganz schön alt geworden. Und rot steht ihm gar nicht.

Alles normal. Alles ist gut. Abends am Pool spucken Feuerspucker Feuer. Tänzerinnen tanzen. Ein Zypriot zimbelt zypriotische Zimbeln. Animateure animieren. Sie fordern das Publikum auf, mitzutanzen und ich fühle mich wieder wie in einer Parallelwelt. Ein Hugo wäre gut. Es muss ja nicht immer Single Malt sein.