Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (36)

Dieser Sommer bekommt der Stadt nicht. Zu heiß. Zu schwül. Zu drückend. Überall drehen sie frei. Nerven. Stressen. Labern. Stänkern. Reduzieren Distanz.

Ich stehe in der S-Bahn und führe Krieg. Auf dem Smartphone. Age of Civilizations. Ich bin Polen und überrenne gerade die Sowjetunion, nachdem ich das Deutsche Reich und danach ganz Westeuropa zermalmt habe. Jetzt stehe ich kurz vor Moskau und sammle die Kräfte für den finalen Zangengriff, der Stalin hoffentlich aus dem Kreml pusten wird. Wenn ich seine Hauptstadt danach für drei Runden halte, ist die Sowjetunion gefallen und ich kann mich Skandinavien zuwenden. Was für armer Irrer, dieser Stalin, dass er sich von meinem Nichtangriffspakt hat einlullen lassen und sich gegen Finnland verausgabt hat bis ich ganz Westeuropa inklusive England besetzt habe. Ich bin offenbar klüger als Hitler, denn ich habe den mörderischen Zweifrontenkrieg mit geschickter Diplomatie und ganz viel Geduld vermieden. Und nun blase ich Stalin das Licht aus. So. Jetzt. Ein Klick. Zwei Klicks. Ein Angriff von Norden. Dann der von Süden, an dem ich die Truppen aus dem Kaukasus gesammelt habe, die vorher schon den gesamten Balkan und die Türkei überrannt ha …

„Was habt ihr früher nur ohne die Dinger gemacht?“

Wie? Was? Wer? Oh ein wildfremder Honk. Und er spricht mit mir. Das war ja klar, da sind einmal meine Kopfhörer kaputt, mit deren Hilfe ich mich sonst im akustikverseuchten Berliner Nahverkehr von dieser Zumutung namens Mitmenschen abschotte, und schon zünden die Honks eine Kommunikationsoffensive.

„Geht ja gar nicht mehr ohne. Jeder glotzt nur noch in die Dinger.“

Ich schaue ihn an. Grauer Bart. Klugscheißerbrille. Ganz klar: SozPäd. Oder Deutsch-Leistungskurs mit Literatur als Wahlfach. Ein Freund der Dreigroschenoper. Als Reclamheftchen. Oder einfach nur ein ausgebrochener Irrer. Der erst mich volllabert und später dann gemeinsam mit einem Hydranten Schopenhauers dritten Aphorismus zur Lebensweisheit dekliniert.

Zu dieser Situation müssen Sie wissen: Ich ziehe Menschen an, die nicht das Maul halten und sich um ihren eigenen Scheiß kümmern können. Das geht schon mein ganzes Leben so. Menschen sagen mir – ohne dass ich sie je um Rat frage – was ich tun soll und das war sogar schon vor dem Bloggen so.

Ich wehre mich nicht mehr dagegen. Ich nehme die Dinge normalerweise hin. Und ich diskutiere schon gar nicht. Es bringt nix. Meistens sage ich gar nichts, sondern schaue nur ausdruckslos. Stecke ein. Nehme auf. Schmeiße weg. Sicher, ich würde ihnen zu gerne meine alten Laufsocken ins Maul stopfen, aber das ist nicht erlaubt. Und Diskussionen haben noch nie zu irgendeiner Besserung der Situation geführt. Noch nie. Diskutieren bringt nix. Diskutieren ist nur Sport ohne Ergebnis. Onanie mit mehreren Leuten wenn Sie so wollen.

Doch manchmal treibe ich, wenn ich Laune habe und des Hinnehmens müde bin, die Dinge auf die Spitze. Überzeichne. Stresse zurück. Mache die Situation vorsätzlich zur Farce.

Im Borgwürfel habe ich mal im Tonfall eines Gefängniswärters einen bebriefkopften Anschiss von Jabba der Frauenbeauftragten bekommen, weil eines meiner Gutachten nicht gegendert war. Darauf achten sie inzwischen mehr als auf den Inhalt, dessen Details sowieso keiner mehr versteht. Und weil sich keiner traut, gegen diesen aufgeblasenen Popanz von heiliger Kriegerin vorzugehen, die umso mehr Konflikte eröffnet je mehr sie gewinnt, muss ich jetzt gendern. Und das tue ich natürlich. Ich ziehe das durch. Was ich schreibe, ist jetzt komplett unleserlich. Ich gendere alles, was sich zum Gendern auch nur entfernt eignet. Seitdem liebe ich Aufzählungen, denn sie machen meine Texte zu unvergleichlichen Bleiwüsten. Unlesbar. Jeder Deutsch-Leistungskurs-Vertretungslehrer würde davon Depressionen bekommen und sich im Fahrradkeller mit einem Gartenschlauch aufknüpfen. Oder sich im Chemiesaal mit einer selber angerührten Mischung in die Luft sprengen. Zyankali spritzen. Flusssäure schlucken. Sich eine Kettensäge in den Leib rammen.

Wenn ich mag, kann ich sehr hässliche Foltertexte schreiben. Schachtel über Schachteln, Komma- und Bindestrichapokalypse und wenn der Sadismus mit mir durchgeht sogar ein Binnen-I. Und geradezu begeistert bin ich von penetranten Wiederholungen ihres Lieblingsgenderterminus „beziehungsweise“, den ich natürlich ausschreibe und nicht abkürze:

Die Europäische Union ist ein wichtiger Teilnehmer beziehungsweise eine wichtige Teilnehmerin im Kreis der Global Player beziehungsweise Global Playerinnen, der/die jede Förderempfängerin beziehungsweise Förderempfänger gezielt in ihrem beziehungsweise seinem Vorhaben unterstützt, so lange es mit den Policies der Akteurinnen beziehungsweise Akteuren in den Mitgliedsstaaten im Einklang steht.“

Na? Schon hirntot? Läuft Ihnen die Brühe, die vor kurzem noch Gehirnmasse war, zum Ohr raus? Ja? Geil.

Alle, die den Scheiß lesen müssen, hassen mich für solche bleiernen Satzungetüme, von denen ich eines an das andere reihe bis sie alle ihre Galle auskotzen. Doch sie können nix tun. Denn ich gendere konsequent. Korrekt. Kompromisslos. Ohne Gefangene. Selbst Global Playerin ist inzwischen ein anerkannter Terminus in unseren Kreisen, den ich wahnsinnig gerne heranziehe, weil er die Pervertierung von Sprache durch Ideologie so richtig schön auf die Spitze treibt. Und sie hassen es. Sie hassen es so sehr. Aber sie müssen alles lesen. Weil ich der Gutachter bin. Und der Gutachter sagt: Schluck die Medizin, Genderkrieger, schluck sie. Hier, bitte, noch ein Löffel.

Noch haben sie die Gutachtenscheiße keinem anderen aufgedrückt, aber es kann nicht mehr lange dauern. Niemand hält so ein verschriftlichtes Waterboarding längere Zeit aus. Ich übrigens auch nicht.

Zuhause in meinem lilalaune Biowohnblock voller pausbäckiger Schnösel mit zu viel Geld und Tagesfreizeit trolle ich gerne mal die Hausgemeinschaft, wenn sie es mit der Missionierung wieder übertreiben. Der wohnraumvernichtende Obergentrifizierer aus der sozial verwahrlosten Erbengeneration, der drei ehemalige Mietwohnungen zu seiner zusammengelegt hat und jetzt auf irgendwas um die 8 Zimmer lebt, hat vor kurzem eine seiner berühmten Ich-beglücke-meine-Nachbarschaft-mit-dummen-Innovationen-Kampagnen gestartet: Er möchte, dass außen an der Haustüre ein Schild angebracht wird, auf dem stehen soll, dass das ganze Haus keine Werbung haben möchte, so dass die billiglöhnernden Zettelknechte gar nicht erst ins Objekt reinkommen. Seitdem mag ich Zettelwerbung in meinem Briefkasten. Aus Prinzip. Weil der Obergentrifizierer keine mag. Und sein Dilemma ist, dass er so ein Schild draußen gar nicht anbringen darf, wenn ich nicht als Letzter zustimme, denn die Menschenrechtscarta sagt, dass man niemanden vom Zugang zur Werbung abschneiden darf, wenn er welche haben will.

Und natürlich stimme ich nicht zu. Das ist doch klar.

Wieder in der S-Bahn. Der smartphonephobe Honk schaut mich an. Schüttelt den Kopf und haut noch ein Ding raus: „Für Gespräche habt ihr ja keine Muße mehr. Immer nur diese Dinger.“

Okay. Es ist soweit. Das ist zu geil. Ich bin angefixt. Ich kommuniziere zurück:

„Sie haben Recht. Ich stecke das Ding weg. Hier, schauen Sie, weg. In der Tasche. Das Ding. Los. Ich bin für Sie da. Bitte. Ich möchte unbedingt mehr reden. Vor allem in der S-Bahn. Und am liebsten mit Leuten, die ich nicht kenne. Bitte. Worüber wollen wir reden? Die Griechenland-Krise? Den allgemeinen Verfall der Werte? Was von Harry Rowohlt übrig blieb?“

„So war das nicht gemeint.“

„Wie denn dann? Ich bin ganz offen. Ganz Ohr. Das Ding ist weg. Reden Sie. Sagen Sie Dinge. Sprechen Sie alles aus. Ich bin für Sie da. Was ist Ihr Anliegen? Was wollen Sie?“

Er will nicht. Natürlich will er nicht. Wollen sie nie. Sie wollen immer nur Ersatzbefriedigung. Einen Prellbock, der still hält. Ein Ventil auf Beinen für ihren ganzen Seelenschrott. Ihre Unzufriedenheit. Jemand, der mal kurz hinhält, damit sie sich erleichtern können. Mehr ist da nicht.Dann ist Frankfurter Allee. Die S-Bahn hält. Er steigt aus. Schüttelt immer noch den Kopf. Dann ist er weg. Und ich bin wieder allein.

Da stand ein Honk in der Bahn. Glückwunsch.

 


 


 

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