Lecker Song

Das Blog Drei Farben Berlin ist meine Bank für gutes Essen. Ich fresse diesem Blog quasi alles nach. Jede Empfehlung ein Treffer. Wenn ein Laden dort positiv besprochen wurde, dann gehe ich hin. Es nimmt immer ein gutes Ende.

Ich habe keine Ahnung, wer das Blog betreibt, es liest sich wie jemand, der mal bei Qype oder Yelp Restaurants bewertet hat und das nun, nachdem die eine halbwegs annehmbare Bewertungsplattform von der anderen, ziemlich abstoßenden, geschluckt wurde, sein Ding auf einem Blog durchzieht. Ein reines Restaurantkritikblog. Wollte ich eigentlich auch. Habe ich nicht geschafft. Ich zerfasere immer thematisch.

Beim Hinterherfressen habe ich nun das Lecker Song erreicht, bei Drei Farben Berlin letztes Jahr angenehm positiv besprochen. Lecker Song. Ein selten blöder Name, aber nicht zu ändern. Müller ist ja auch ein blöder Name und so einer regiert die Stadt.

Dumplings. Jiaozi. Dim Sum. Shaolin. Hong Kong Phooey. Chinesische Maultaschen. Nennen Sie das Zeug wie Sie wollen – es marschiert gerade als neuer Hype durch die Hauptstadt, meistens schlecht, aus dem Eimer, oder der Tiefkühltruhe, in der U-Bahn-Butze von Nichtskönnern ins kochende Wasser oder ins Fett geworfen und dann serviert, gemeinsam mit einer toxischen Chemie-Süß-Sauer-Soße oder der unvermeidlichen Kikkoman-Sojazumutung mit ein wenig Alibi-Korianderkraut. Der Eimer, der Eimer, der ewige Eimer. Sodbrennen olé.

Sie glauben, Ihr Chinese stellt die Dinger selbst her? Tut er nicht. Meistens zumindest nicht. Die Teile können Sie in verschiedenen Ausführungen im Großhandel kaufen. Industriell hergestellt. Eingeschweißt. Im 100er-Beutel. Natürlich. Das wussten Sie doch, oder? Bitte, das wussten Sie doch. Sowas muss man wissen.

Und meistens sind die sogar schlecht warmgemacht. Fettig. Übersalzen. Angebrannt. Innen manchmal noch kalt. Und immer dieser Koriander.

Hier sitze ich nun in der Schliemannstraße herum und den Anfang machen Krabbenchips. Na klar. Die gibt es fast überall und keiner weiß warum. Mein Mittagspausen-Vietcong-Dealer schmeißt die Dinger sogar in seine Enten-Reis-Pampe. Krabbenchips, die Rache der Hochseefischer. Ich möchte nicht wissen, welche Proteinreste sie dafür zermahlen, mit Geschmacksverstärker zuballern und in Fett backen, ich möchte manchmal Dinge wirklich nicht wissen. Es muss auch Geheimnisse geben.

Gegessen werden sie trotzdem. Von mir. Und zwar mit Stäbchen. Sie essen hier alles mit Stäbchen in Prenzlauer Berg. Aus falsch verstandener Metrokulturalität. Anbiederung. Wichtigtuerei. Kein Wunder, wir sind hier mitten im zweiten plakativen Schnöselkiez des Bezirks, Nähe Helmholtzplatz. Das LSD-Viertel. Früher ein renitentes Widerstandsnest, heute eine erdrückende Idylle. Hier sind sie nur noch renitent, wenn die Klangschalen-Privatschule vor lauter Refugees, die aus dem staatlichen Schulsystem flüchten, einen Aufnahmestopp verhängt.

Hach, schön. Kuck mal. Mein Prenzlauer Berg. Unsere Insel der glücklichen Reichen. Begrünte Fassaden. Begrünte Politik. Begrünte Seelen. Als wäre der Frieden ausgebrochen und läge wie eine dünne Dinkelmehlschicht über einem Bezirk, in dem außer mir nur noch wenige gegen irgendwelche Gesetze verstoßen.

Als ich über den untauglichen Konjunktiv nachdenke, der eigentlich gar keiner ist, fällt mir ein, dass ich mal wieder kiffen sollte. Am Besten mitten auf ihrem Helmholtzplatz, den sie im Bezirk auch im Jahr 15 nach den wilden 90ern als letzte Pennerinsel außerhalb des Mühlenkiez‘ nicht so ganz befriedet bekommen. Immer noch ein paar Assis vor Ort. Immer noch Alkohol. Immer noch diese verdammten Rumtreiber. Ohne Schnürsenkel. Dafür mit Pfeffi. Sie kriegen sie immer noch nicht weg. Jetzt ist schon der soziale Frieden gefährdet. Buhu.

Es sind gute Dumplings, die sie hier servieren. Handmade, natürlich, mit der Chemie-Eimer-Scheiße aus Weddings U-Bahnhöfen kommen Sie in Bionadeland nicht weit. Das was sie hier servieren ist ausgezeichnet, wobei die vegetarischen Dumplings tatsächlich deutlich gewinnen und die Fleischvarianten geschmacklich hinter sich lassen. Manche Fleischtasche schmeckt ein wenig … naja … muffig.

Das Essen dauert so lange, dass ich wirklich fast vermuten mag, dass sie die Dinger frisch rollen (wahrscheinlich tun sie das gar nicht, sondern ich wünsche mir nur, dass sie es tun, um die Wartezeit vor mir selbst zu rechtfertigen). Und da Handmade immer auch seinen Preis hat, müssen Sie hierfür ein wenig tiefer in den Filzbeutel greifen. Für das, was Sie oben auf dem Bild sehen, legen Sie um die 25 Euro hin. 4-5 Teigtäschchen kosten zwischen 3,50 und 4,50 € – das ist stolz, aber eben auch gut.

Und wenn Sie satt werden wollen, was Sie nur werden, wenn Sie doppelt so viel von dem Zeug essen als ich, dann holen Sie sich hinterher drüben in der Pappelallee einen dieser ausgezeichneten japanischen Crêpes hinterher.

Guter Laden.


Lecker Song
Schliemannstraße 19
Prenzlauer Berg
Telefon 26374447
Mo-Sa: 12:00-22:00 Uhr
So: 16:00-22:00 Uhr
Keine Webseite
Reservieren wäre zu Stoßzeiten nicht die blödeste Idee, denn der Laden ist winzig.