Friss deine Medizin, Post

Deutsche Post: Streik kostet Post 100 Millionen Euro

Und ich kann eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Nicht nur das, ich freue mich sogar ganz offen. Ich strahle sogar. So weit ist es gekommen, dass jede negative Nachricht für die Gewinnoptimierer irgendeiner Belétage in mir Glücksgefühle auslöst. Das Verhältnis ist auch zu lange schon einseitig. Immer verlieren die da unten eine Schlacht mehr. Immer dieser Gürtel. Enger. Enger. Aufschwung. Zartes Pflänzchen. Börse. Scheues Reh. Anleger. In Angst. Und Privatisierung, Privatisierung haben sie gerufen, alles wollten sie haben, die ganzen Filets, die ganzen trägen Staatsbetriebe, um die Löhne zu drücken, die Abläufe zu optimieren, zu flexibilisieren, die Lebensqualität zu schleifen, das ganze neoliberale Arsenal durchzusetzen, das eine Gesellschaft auf das schnöde Funktionieren ausrichtet, deren Nutznießer immer noch eine Mark mehr Gewinn aus den Dingen ziehen. Auslutschen, Auspressen, Ausschlachten. Ausweiden.

Ich habe früher viel mit meiner Oma selig über solche Dinge gesprochen. Sie war der einzige Mensch in meiner Familie, der was taugt und sie interessierte sich für derlei. Und als sie die Post privatisiert haben, hat sie die Welt nicht mehr verstanden. „Es funktioniert doch alles. Es läuft doch. Wieso machen die das?“ Das war die Zeit, in der Leute wie meine Oma ihren Postboten noch kannten. Der bekam zu Weihnachten selbstgebackene Kekse. Oder mal einen Kaffee. Seinen Geburtstag kannte sie auch. Es war auch immer derselbe Mensch, der da kam. Außer er starb oder ging in Pension, aber das passierte selten. Kleine Verlässlichkeiten wie diese hielten die Gesellschaft zusammen. In diese Reihe gehören auch längst vergangene Einrichtungen wie Hausmeister. Kennen Sie so etwas noch? Den guten alten Hausmeister, der morgens um sieben schnapsstinkend mit der Schneeschippe auf dem Bürgersteig stand, sobald sich die ersten Flocken zeigten?

Verlässlich ist heute nichts mehr. Auch die Hausmeister haben sie abgeschafft. Unseren Block verwaltet jetzt eine anonyme Firma aus einem Glaskasten in Mitte, die noch anonymere Subunternehmer beschäftigt. Niemand kennt die mehr und wenn etwas kaputt ist, müssen Sie Telefonnummern anrufen, in deren Warteschleifen die ewigen Vier Jahreszeiten von Vivaldi dudeln, bevor irgendein Schlumpf in gelangweiltem Tonfall Ihr Anliegen entgegen nimmt. Und nach drei Wochen kommt jemand und wechselt die Glühbirne im Treppenhaus aus. Der alte Hausmeister hat früher die kaputte Glühbirne gesehen und ausgetauscht bevor sie kaputt ging. Na gut, kurz danach, zugegeben, aber trotzdem: Beim Hausmeister saß ich noch auf dem Sofa und trank Selbstgebrannten. Man kannte sich. Kurze Wege. Versoffen, aber immer effizient. Typen wie der wussten alles über den Block. Wer mit wem. Wer macht was. Wer braucht was, das ein anderer hat. Typen wie der haben früher die Dinge am Laufen gehalten.

Den Schnee betreut heute irgendeine Firma. Keine Ahnung welche. Die kommt nachmittags. Wenn alles zu einer Eisfläche getrampelt wurde. Dann fahren sie mit der Bürste drüber und polieren das Ganze nochmal. Und der Scheiß kostet mehr Geld als die Mietminderung für den Hausmeister, ist dafür aber ineffektiv. Hurra. Wem nützt das?

Glaubt man meiner Oma, dann hat die Post früher auch sehr gut funktioniert. Mit ihren Beamten. Ein wenig schnarchig manchmal, maximal unsexy, aber maximal zuverlässig. Genau wie die Bahn. Die soll wohl auch mal bei jedem Wetter zuverlässig gefahren sein. Das klingt aus heutiger Sicht irrwitzig, wenn nicht sogar komplett unglaubwürdig, soll sich aber tatsächlich zugetragen haben. Sagen die Alten. Ich für meinen Teil kann nur bezeugen, dass mein Hausmeister früher perfekt funktioniert hat und jetzt der ganze Puff, in dem seit Jahren keiner mehr Verantwortung für irgendwas trägt, aber irgendwer im Jahrestakt mehr Gebühren kassiert, stetig vor die Hunde geht.

Heute ist alles privatisiert. Auch die Post. Der Paketbote bekommt einen Witz von Lohn, fährt aber dafür täglich eine zweistellige Stundenschicht durch Berlins Straßen. Und es ist immer ein anderer. Und immer ein neuer Billiglöhner, den sie verheizen. Von Jobsicherheit keine Spur und die Höhe des Lohns führt mit gelegentlichen Umwegen über die Aufstockung via Hartz direkt in die Altersarmut.

Verlässlichkeit ist in so einem Umfeld natürlich nur noch ein Wert, der keinen mehr besitzt. Ich habe Pakete mit Lebensmitteln, ohne dass ein Streik in Sicht war, mehrmals Wochen später verschimmelt und vergammelt geliefert bekommen, die Warteschlangen in den letzten verbliebenen Filialen sind eine Groteske, über die sie früher Theaterstücke aufgeführt hätten, und jeder kennt Geschichten von Abholzetteln im Briefkasten obwohl man doch zuhause war.

Dafür steigen die Tarife in einer Regelmäßigkeit, die genau das System vermuten lässt, das dahinter steckt. Leistungen runterfahren. Und Tarife hoch. Und das ist Absicht. Ja, Absicht. Das soll so sein.

Bei der Bahn sieht es wenig anders aus. Züge bleiben liegen, weil die Klimaanlage die Hitze nicht verträgt, die sie bekämpfen soll, im Winter bricht der Bahnverkehr wegen einer lächerlichen Menge Pulverschnee regelmäßig zusammen und die privatisierte S-Bahn, die laut Oma zu Zeiten, als die BVG sie betrieb, ebenso rund lief wie die Post, ist in der Absurdität ihrer Zugbetrieb genannten Zumutung nicht zu überbieten.

Dafür ist Bahnfahren so teuer, dass der Buchhalter aus dem Borgwürfel inzwischen einen Flug statt einer Bahnfahrt von Berlin nach Frankfurt vorschreibt. Wie kann das eigentlich sein und wem nützt das?

Privatisierung wirkt. Glückwunsch. Die Löhne sind im Keller. Der Service auch. Ebenso die Funktionalität. Dafür bekommen Gestalten wie Ex-Post-Chef Zumwinkel die Gelegenheit, ihr absurd hohes Einkommen gleich säckeweise ins Ausland zu schaffen und ein Bahnchef steht einem heruntergewirtschafteten Moloch vor, dessen Marktmacht in keinem Verhältnis mehr zu seiner Verlässlichkeit steht. Dieser Bahnchef geht mit mehreren Millionen jährlich nach Hause, was aber niemand thematisiert, denn im Gegenteil fahren sie quer durch ihre angeschlossenen Pressehäuser eine massive Kampagne gegen des Bahnchefs Lokführer, die mit etwa 1/25 des Salärs ihres großen Steuermanns nach Hause gehen. So muss das. So sollte das. So wollten sie das. Nochmal: Das ist Absicht. Unterstellen Sie nichts anderes wie etwa Fahrlässigkeit oder einfach nur unbeabsichtigten Kollateralschaden einer grundsätzlich guten Sache. Nein. Absicht ist es. Schnöde Absicht.

Zu den Dingen, die ich mir nie ausgemalt hätte, gehört, dass ich den alten Beamtenapparat zurück möchte. Und zwar für alles. Post. Bahn. ÖPNV. Strom. Gas. Wasserversorgung. Wohnungsbau. Die ganze Daseinsvorsorge für das Gemeinwesen. Das war billiger für den Endkunden und vor allem zuverlässiger. Wegen mir können die millionenschweren Vorstände wieder dorthin verschwinden wo sie herkommen oder wo die Kresse wächst oder wo irgendjemand für Minderleistung viel Geld abdrücken mag.

Allein passieren wird das nicht. Sie sind da, sie sitzen an den Hebeln und ich bin mir sicher, sie bleiben auch. Mitsamt ihren Schadzügen, Weichenstörungen, Warteschlangen, Extragebühren, Tariferhöhungen. Und den Boni für die ganz oben, die sie mich bezahlen lassen. Und Sie auch.

Wenigstens tun ihnen die Streiks jetzt weh. Und ich freue mich. Denn während solch eines Streiks müssen sie auf die letzten alten gutbezahlten Beamten zurückgreifen, die ihnen geblieben sind. Was freue ich mich. Was ist das schön. Das ist so absurd, das kann sich keiner ausdenken. Ich wünsche mir, dass ihnen noch mehr Streiks das Genick brechen. Ihren Gewinn eindampfen. Auf 0 fahren. Das haben sie verdient. Ihre Medizin haben sie verdient. Redlich. Los doch. Runter damit.