Wacken 2015 – Der Jacky-Cola-Kniff

Wacken geht in den Freitag. Mein Morgenritual (Kaffee-Mettbrötchen-Kacken-Duschen) kommt ins Stocken. Denn der Kaffee wird zunehmend dünner und das frische Mett wurde durch Zwiebelmettwurst aus der Tube ersetzt. Dazu wird ein trauriger Zwiebelviertelmond gereicht, wo sie vorher eine halbe Zwiebel auf das Ding gehauen haben. Wacken. Erste Kratzer im Lack. Mettwurst. Dünner Kaffee. Zwiebelknauserei. Was kommt als nächstes? Tiroler statt Parma zum Ziegenkäse?

Außerdem ist mein Whisky im Bulli alle, Onkel Jack hat die Hufe hochgelegt, ich muss auf den Not-Rum umsteigen. Es ist ein Don Papa. Von den Philippinen. Nicht das Schlechteste, aber eben nur Rum. Mit Cola kommt er gut.

Dafür kommt hier noch ein wenig liegengebliebener Technikcontent vom Dienstag, als das Gras noch grün (und überhaupt noch da) war, rausgehauen ohne dass ich irgendeine Ahnung von Technik habe. Aber das Ding macht Krach. Und sorgt für kurze Aussetzer in der Herzfrequenz. Bombe. Hammerteil. Rockin‘ Baby. Ich brauche das Ding. In meinem Wohnzimmer. DMX rein und ich basse die Technoschlampe aus der Wohnung über mir ins All.

Und das hier …

… ist in der Tat das Perverseste, das mir hier bisher zwischen die Zähne gekommen ist. Kartoffelringe mit Käse, wobei das Machwerk weder irgendwas mit Kartoffeln noch mit Käse zu tun hat geschweige denn je mit ihnen in Berührung gekommen ist. Es heißt nur so. Nehmen Sie diese Tatsache als die Konsumkritik, die sie ist. Wenn Sie die Dinger essen, kommen Sie sich verarscht vor. Kein Kartoffelgeschmack und auch kein Käse. Verarsche in Reinkultur. Ungefiltert und nackt. Hässlich und fies.

Und was da aussieht wie eine bösartige radioaktive Mutation, ist nur ein Brot mit Scheiblettenkäse. Lecker. Kleiner Zwischensnack. Proteine müssen immerhin sein und so eine Magenwand ist ja auch nichts für die Ewigkeit.

Nach wie vor trinke ich dazu Jacky Cola. Eigentlich trinke ich den ganzen Tag Jacky Cola. Deswegen ist er ja jetzt alle. Zwei Flaschen. Weg. Die Schweine von heute sind die Schnitzel von morgen und der Jacky von heute ist der Glasmüll von morgen. Vergänglichkeit ist der Weg alles Irdischen. Ein Jammer.

Doch ich bin nicht ganz verloren, denn an der Wackentheke bekomme ich annähernd meine 50/50-Mischung. Hälfte Jacky. Hälfte Cola. Diese und nicht die Schlumpfmischung für alle anderen zu bekommen, ist mit ein wenig Aufwand verbunden. Ich sage Ihnen wie das geht:

Haben Sie einen Mann als Barkeeper, nicken Sie ihm kurz zu, raunen „Mischung für Männer, oder?“ und grinsen dann jovial und unerschütterlich selbstbewusst in einer Weise, die sagt „Wir verstehen uns, ich brauche eine richtige Mischung für echte Kerle, nicht das, was du den ganzen Butterweichkeksen hier neben mir einschenkst. Etwas, das du auch trinken würdest. Das wir beide trinken würden. Zwischen uns passt nämlich trinkermäßig kein Blatt.“ Probieren Sie den Drink und nicken kurz anerkennend. Geben Sie kein Trinkgeld. Ehrensachen bezahlt man nicht. Es wäre eine Beleidigung.

Bei Frauen müssen Sie das Spiel variieren. Etwas mehr Aufwand betreiben. Lächeln Sie erst Ihr sympathischstes Lächeln. Strahlen Sie. Es muss ein Lächeln sein, mit dem Sie bei uns im Borgwürfel Karriere machen würden. Ein „Ich bin okay, du bist okay, niemand will heute was Böses“-Lächeln. Gewinner lachen so. Raunen Sie auch hier wieder „Gute Mischung bitte“, mit dem Zusatz „wenn möglich.“ Das „wenn möglich“ ist wichtig. Geben Sie keine Anweisungen, sondern bitten Sie freundlich. Begeben Sie sich in die Hände Ihres Gegenübers, liefern Sie sich aus. Und wenn die Mischung stimmt, geben Sie beim ersten Mal ein obszönes Trinkgeld. Zwei Euro. Drei, wenn Sie können. Dadurch erinnert sich die Barkeeperin an Sie. Wichtig: Kehren Sie immer wieder zu ihr zurück, nur zu ihr, und ergänzen Sie das Lächeln ganz leicht mit einer Note Komplizenhaftigkeit. Schaffen Sie Gemeinsamkeit. Heben Sie sich aus der Masse der anonymen Säufer hervor. Und reduzieren Sie um Gottes Willen das Trinkgeld auf Normalmaß, sonst denkt sie, Sie wollen sie kaufen. Was Sie ja tun, nur darf das nicht auffallen.

Und ja, natürlich ist das alles mindestens sexistisch, frauen- sowie männerfeindlich. Überhaupt feindlich. Ist mir aber egal. Es geht um eine 50/50-Mischung. Da nutze ich jedes Geschlechterklischee, das ich bekommen kann. Denn wenn es um Whisky-Cola geht, bin ich so menschenfreundlich wie eine Hafennutte. Und mindestens genauso abgefuckt.

Natürlich klappt das nicht immer und überall. Nichts im Leben klappt immer und überall. Bei dem depressiven Finnen mit Fusselbart neben mir klappt zum Beispiel überhaupt nichts. Der kann schief grinsen wie er will. Voller Preis für eine Kindermischung. Ich hab’s genau gesehen. Und als er davon probiert, schaut er gleich noch eine Nuance depressiver. Eigentlich hätte er auch eine normale Cola bestellen können.

Doch Obacht: Manchmal müssen Sie die Taktiken umkehren. Frau-Taktik für den Mann und Mann-Taktik für die Frau. Zum Beispiel kommen Sie bei diesem süßen androgynen Hipster mit der „Ich bin okay, du bist okay“-Gemeinsamkeitsnummer und ein wenig Geld weiter als mit der Ehrensachenkiste, während Sie genau damit bei der Dicken mit den blauen Haaren und dem „Kampftrinker Leistungsklasse“-Shirt punkten. Genderswapping. Alles fließt. Was wo zieht, sind Erfahrungswerte. Sie entwickeln da ein Fingerspitzengefühl mit der Zeit, bei wem Sie mit welcher Taktik zur unbedingt notwendigen 50/50-Mischung kommen. Denn alles andere ist Geldverschwendung und macht nur den Veranstalter reich.

Ob wohl irgendeine Uni das Thema für eine Masterarbeit akzeptiert? Das wäre mal Forschung mit unmittelbarem Nutzen.

Meinem Forscherdrang sind hier sowieso keine Grenzen gesetzt. Ich habe einen Altar für gestorbene Schuhe entdeckt, die in Wacken bleiben werden:

Oder es ist moderne Kunst, das kann natürlich auch sein. Heute für Sie in der Vernissage: Schuhe in Morast. Jutta Häberle. Galerie am Kollwitzplatz. 1.500 Euro.

Dafür muss ich eine Suchmeldung rausgeben: Ich habe gestern eine Gurke, die ich offenbar zusammen mit der Karotte zuhause aus dem Kühlschrank eingepackt habe und die eindeutig und ziemlich derbe angeschimmelt war, aus dem Bulli gepfeffert. Zwei Stunden später war sie weg. Nicht zertreten oder auseinander gebrochen, sondern schlicht weg. Jemand muss sie aufgehoben und mitgenommen haben. Wer tut das? Veganer? Und unter was läuft das? Rettet die Gurke? Verdammt, die war nicht mal bio!

Ich bin noch besserer Dinge als gestern, denn gute Nachrichten werfen ihre Strahlen voraus. Das Wetter ist besser geworden. Die Sonne fickt die Wolken weg. Wir haben genug gelitten. Marschland Wacken ade. Jetzt kann die Scheiße trocknen.

Und das tut sie. Man kann fast dabei zukucken. Wenn das so weitergeht, kann ich morgens bald auf Socken pissen gehen und muss nicht mehr die morgentaunassen Schuhe anziehen. Ach was Socken, barfuß.

Eine Auswahl der Musik von heute. Der Reißer des Tages sind natürlich Sepultura.

Herrlich gealtert. In Würde quasi. Der Sänger (der wievielte ist das jetzt eigentlich, seit die Cavalera-Brüder aus der Nummer raus sind?) hat jetzt Plautze und Krampfadern. Und der Bassist sieht aus wie mein alter schlumpfiger Chemielehrer. So läuft das. Life is a bitch.

Was läuft sonst so?

Queensrÿche. Und es bewahrheitet sich wieder, dass alles, was zwei Punkte über irgendwelchen Buchstaben oder gleich ein ganzes „ü“ im Namen hat, nicht mehr als Altmännerbumsrock aus der Bierwampenhölle der Vorstadtmotorradclubs ist, die gerne die Hells Angels wären, aber nicht sind. Entsetzlich. Mötley Crüe. Queensrÿche. Eine Suppe. Def Leppard. Bonfire. Auf irgendeinem schrägen Film hängengebliebene alte Männer, deren Musik die Leute nur noch aus Mitleid hören und die nur noch gebucht werden, weil sie immer gebucht wurden. Irgendwer hat in den 80ern ein Abo abgeschlossen und es einfach verkackt, das Ding zu kündigen und jetzt läuft der Scheiß so lange bis die tot umfallen, ganz einfach. Deswegen spielen Bands wie Queensrÿche, Mötley Crüe und dieser bescheuerte Slash immer noch auf Festivals und die Leute schütteln den Kopf und wundern sich, warum das so ist.

Interlude:

(Lustig, während ich mit dem Tablet in den Händen auf der Matratze fläze und das hier schreibe, steht der erste Troll von Wacken an der Seitentür von meinem Bulli: „Das hat mit Campen nix zu tun!“ rülpst er. Ich schaue ihn nur ausdruckslos an. Dann nochmal: „Mit Campen hat das nix zu tun!“ Ich schaue immer noch. Komplett ohne Regung. Meine Paradenummer. Ich kann das gut. „Echt mal…“ schiebt er hinterher und dann trollt er sich. Es gilt wie immer: Nicht füttern. Nie. Auch hier nicht.)

Weil es Zeit wird für Abwechslung und für eine Runde Sich-selber-nicht-so-ganz-ernstnehmen, gehe ich zu Oomph.

Rammstein-Pop für Teenies, für die es zum Emo nicht ganz gereicht hat. Depri ohne Ritzen quasi. Als ich klein war, habe ich die auch gehört. Muss 1996 gewesen sein. Was Scooter für Techno ist, ist Oomph für Industrial: Der geleckte Kommerzarsch, der mit seichter Scheiße Kapital aus der ganzen Idee schlägt und dabei noch so dreist ist, das Ganze als ironisch zu verkaufen. Ich sehe die ganzen ASP-Hörer die Wände hochgehen. Oomph, der Wichser geht zu Oomph. Kindergeburtstag oder was? Ist es so weit? Kann man den noch ernstnehmen? Nein, kann man nicht. Konnte man nie.

Oomph sind lächerlich. Na klar. Hören Sie selbst. Von der Bühne kommen die Platitüden geflogen: „SEID IHR GUT DRAUF?“ (jaaaaa) „WACKEEEEEEEEEEN!“ (eeeeeoooo) „ICH WILL EURE HÄNDE SEHEN!“ (yeeeeh).

Boar, stinkt das hier. Nein, nicht Oomph, sondern das minderjährige Halbemo-Mondgesicht neben mir, das aussieht als hätte man es zu oft mit dem Kopf voran ins Schulklo gesteckt. Der koffert ein Ding nach dem anderen in die Welt. Die jungen Frauen, die gerade noch vor mir standen, sind schon weggekoffert. Wahrscheinlich denken die jetzt, dass ich das bin, der hier nach vergorenem Bier-Kraut-Suffschiss stinkt und sein Arschloch nicht dichthalten kann. Mann, der Typ ist toxisch. Seine Darmflora muss völlig ruiniert sein. Oder irgendwas ist in seinem Arsch gestorben. Ein Hamster oder so. Den er sich eingeführt hat. Und der Leichnam modert da schon seit Wochen vor sich hin. Zumindest stinkt es als wäre das so. Was zur Hölle hat der gegessen? Und wieso hat die EU sowas noch nicht verboten?

So. Es ist Freitag. Der vorletzte Wacken-Tag. Zeit, das Pfandgut zu entsorgen, das sich in meinem Bulli türmt. Denn ich finde mein Bett kaum noch vor lauter Plastikflaschen.

Ich schmeiße es raus. Morgen wird es weg sein. Morgen ist das Pfandgut immer weg. Hier läuft nämlich die Armut herum. Mit Müllsäcken in der Hand. Und bringt das weg. Die Armut. Sehen Sie nicht? Ja schade. Sie sehen bestimmt auch nicht diese Leute in Berlin, die auf der Suche nach Pfand mit der bloßen Hand in den öffentlichen Mülleimern rumkramen. Oder morgens früh in den Mülltonnen in Ihrem Innenhof nach irgendwas Verwertbarem graben. Armut. Ich sehe die. Ich sehe die immer. Es werden immer mehr. Hier in Wacken sind sie auch. Mehrere. Mit Müllsäcken. Die machen das nicht, um Ihnen das Leben einfacher zu machen, sondern die leben davon. Machen Sie die Augen auf. Ich mache meine jetzt zu. Gute Nacht.


Bonustrack: Na? Schlechte Laune jetzt? Hier. Stimmung. Die letzten Titten von Bethlehm:

Ich finde, sie hängen ein bisschen. Aber gut, ich bin kein Maßstab.