Wacken 2015 – Hurra, der Buchhalter ist da

Wacken 2015. Es hat letzte Nacht noch mehr geregnet. Wacken wird zum Sumpfgebiet. Ich habe aufgegeben und beschlossen, nicht nur die Schuhe, sondern auch die Hose und den Hoodie nicht mehr zu wechseln. Es ist gut so wie es ist. Das hat was von Loslassen. Hinnehmen. Zen. Ich bleibe jetzt mutwillig dreckig. Vielleicht höre ich sogar mit dem Duschen auf. Das macht viel zu sauber.

Um einmal eine Lanze für die Menschheit zu brechen: Je schlimmer die Situation, desto mehr helfen sich die Leute offenbar gegenseitig. Da wird gestützt, hochgeholfen, lauter Hände greifen Hände, ziehen über Gräben, heben aus dem Modder, helfen einfach. Vereinzelung und Egozentrik sind damit wohl eine reine Dekadenzerscheinung, während wir in Extremsituationen zusammenrücken. Zumindest hier. Ein Fall für Soziologen. Ideale Forschungsbedingungen heute hier. Fahren Soziologen eigentlich nach Wacken? Passt das? Geht das? Es gibt alles, oder? Gibt doch alles…

Hier in Wacken können Sie problemlos arm werden. Kaufen Sie. Kaufen Sie hier. Kaufen Sie dort. Schmiedeeisernes. Armreifen. Trinkhörner. Ringchen. Nieten. Pailetten. Wikingerkopfschmuck.

Sauerstoff.

Sauerstoff?

Sauerstoff:

Und Felle:

Fellkragen. Fellmützen. Umhänge. Harnische. Wikingerzeug. Wenn das Peta sieht, ist der Fuchsschwanz aber ab.

Huh? Was will der denn? Der nächste Schwabe spricht mich an: „Gibsch mo was von deim Bartwuchs ab? Mir wächst nix.“ Wer hat Angst vorm bösen Wortspiel? Es ist kein Backenbart, es ist ein Wack… nein, ich kann’s nicht, es ist zu billig. Arbeit, Schwabe, das Ding ist Arbeit. Und Geduld. Shampoo. Bürste. Den Bart habe ich mir nun vier Monate wachsen lassen und wurde im Borgwürfel schon ironisch mit „Allahu Akbar“ begrüßt während man mir freundlich den Weg gen Mekka wies. Arschlöcher. Wer solche Kollegen hat, braucht unbedingt Freunde im Schutzgeldmilieu. Die die Kollegen mit einer Schrotflinte wegblasen.

Sie können hier in Wacken auch fressen bis Sie arm sind. Oder bis Sie platzen. Oder platzen und arm sind. Flammkuchen. Fleischspieße. Ziegenkäseröllchen. Chinapfanne. Stockbrot. Pommes. Burger. Spanferkel. Wenn Sie ein Monatsgehalt auf den Kopf hauen wollen (und können), brauchen Sie gar nicht vorher einkaufen zu gehen. Es gibt hier alles. Taschenlampen. Batterien. Mützen. Isomatten. Rasierzeugs. Jack Daniels. Cola dazu. Alles da. Für teuer natürlich. Billig wär ja … nun ja … billig.

Wer auch da ist, ist der Buchhalter aus dem Borgwürfel. Wie kann das sein? Was will der hier? Er hat einen Fellumhang an. So wie der aussieht, war der gestern bei Vroudenspil. Wer Vroudenspil hört, hört auch Schandmaul und wer Schandmaul hört, hört auch In Extremo. Mittelaltergedudel. Dudel. Sack. Auf den. Kennen Sie ja. In Extremo kommt auch noch die Tage. Natürlich kommt In Extremo. Ich bin ja auch hier. Das ist wie mit den Radfahrern. In Extremo sind überall wo ich bin. Ich warte auf den Tag, an dem ich die Haustüre aufmache, um einkaufen zu gehen, und da stehen dann In Extremo im Treppenhaus. Mit Dudelsack. Und zimbeln Volksweisen.

Der Buchhalter. Was soll das? Was will er hier? Den letzten Menschen auf Erden, den ich hier sehen möchte, ist der Buchhalter. Nach dem Chef natürlich. Klar, der Chef. In Wacken. Das fehlt noch. Wenn der nach Wacken kommt, geh ich zu Costa Cordalis. Des Wahnsinns fette Beute. Der Buchhalter ist hier, der Ausgestoßene, der Paria, mit dem keiner zusammen gesehen werden will und zu dem man nur geht, wenn wieder was mit der Spesenabrechnung nicht stimmt. Der erkennt bestimmt vor lauter Einsamkeit absichtlich Quittungen nicht an, so dass jemand vorbeikommen und reklamieren muss. Niemand mag Buchhalter. Wahrscheinlich nicht mal ihre Mütter.

Pilgern eigentlich alle Ausgestoßenen nach Wacken? Sieht fast so aus. Mainstream ist hier wenig, die Mehrheitsgesellschaft beäugt das hier entweder argwöhnisch oder heranwanzend tolerant, aber sie versteht es nicht. Ausgestoßene. Picklige. Blasse rothaarige Elfenlookalikes. Typen, die von ihren Eltern gehasst werden. Und von ihrer Schulklasse. Von der Welt. So sehen viele von ihnen aus. Nur hier hasst sie niemand. Hier sind fast alle so wie sie. Komisch. Freaky. Irgendwie schräg. Ich bin ja auch hier. Örks.

Zum Glück für mich ist der Buchhalter nicht alleine da, was es mir recht einfach macht, ihn abzuhängen, wobei es mich wundert, dass der Buchhalter andere Menschen kennt, die ihre Freizeit mit ihm verbringen. Ich dachte immer, der pendelt hin und her zwischen dem Borgwürfel und einem Zuhause, in dem er abends bei Kerzenlicht lebendigen Mäusen die Haut abzieht und den Rest bei Vollmond zu einer Paste mörsert, mit der er sich einschmiert, weil das gegen die Strahlung aus der Steckdose hilft.

So weit zum Buchhalter. Weg ist er. Verlorengegangen zwischen Rob Zombie und Dark Tranquillity. Sagen Sie, ist Ihnen das eigentlich auch zu viel Niveau? Oder zu wenig? Hier, kommen Sie, lockern Sie sich ein, ein wenig Scheißhausparolen für zwischendurch, Scheißhausparolen gehen immer:

Hat eigentlich irgendein Blogger mal ein Wackener Dixiklo von innen fotografiert? Hat das mal einer gebracht? Nein? Kommen Sie, ich mach‘ das. So schlimm ist es nicht. Hier:

Yummi. Kot-o-rama. Binden-o-mat. Im Internet steht, dass es Menschen gibt, die Kot sexuell erregend finden. Hier in diesem nach den Ausscheidungen aller Nationen stinkenden Dixiklo fällt es mir schwer, hierfür Empathie zu entwickeln. Wirklich, es gibt krasse Dinge im Internet. Menschen, die Kot mögen. Urin. Und sie können sogar die abgeschnittenen Fußnägel anderer Menschen im Internet kaufen. Und Nasensekret. Benutzte Tampons. Kein Scheiß. Es gibt einen Markt dafür. Echt. Googeln Sie mal. Sie werden überrascht sein.

Um möglichst hoffnungsfroh an dieses unappetitliche Nischenthema anzuschließen, gebe ich – auch wenn es zugegebenermaßen schwer ist, jetzt noch irgendwie die Kurve zu kriegen – zu Protokoll, dass ich eigentlich gar keinen Alkohol hätte kaufen müssen, denn ständig kommt irgendwer an und möchte anstoßen und wenn ich nix mehr im Becher habe, gießt er mir was rein. Also saufe ich wechselweise Wodka-Cola, Johnnie-Cola, Bier, Bier, immer mehr Bier und irgendeine Mischung, die ich nicht identifizieren kann, aber trotzdem trinke. Hoffentlich war kein Urin drin.

Ganz ehrlich: Ich bin ganz schön dicht. Den ganzen Tag schon. Die Welt ist ziemlich bunt obwohl der Himmel chronisch grau ist. Doch Wacken nüchtern ist kacke. Das passt nicht.

Ich muss nämlich betrunken sein. Denn wichtige Dinge stehen an: Wrestling!

Der Nazi von gestern ist noch im Rennen. Ecki Eckstein. Und er hat die Abneigung gegen sich so gesteigert, dass jemand sogar ein Plakat gegen ihn hochhält.

Klostein. Eckstein. Okay, das Wortspiel ist ein wenig holprig, aber für den Anfang nicht schlecht. Immerhin gibt es ein Plakat. Es bleibt das Einzige. Wahrscheinlich hat es Ecksteins Manager gebastelt.

Zur Einstimmung tanzen Frauen. Wie obszön ist das denn? Kann mal jemand Twitter anwerfen? Ekelhaft. Unanständig. Es schüttelt mich.

Und da ist er auch schon wieder. Der Unsympath. Nur original mit Schlandfahne. Ich buhe als gäbe es kein Morgen. So. Und? Wollen Sie wissen, ob er endlich verloren hat? Ja? Na klar hat er verloren. Nazis verlieren immer irgendwann. Ein Finne und ein Ami haben ihn besiegt. Im Tag Team.

Musik gibt es auch. Eine Menge sogar. Hier eine Auswahl. Hey, sag mir noch mal einer, dass Frauen nicht growlen können. Hier ist eine, die kann das. Und wie:

For I am King. Aus den Niederlanden. Astreiner Deathcore. Frau an der Front. Sieht aus wie eine Germanistikstudentin, aber growlt euch weg. Alle. Geht kacken, Chauvis, diese Frau hat Eier. Und Charisma. Gefeiert wird sie hier in Wacken zu Recht. Ick raste aus.

Ungewöhnlich geht es weiter:

Dream Spirit. Metal aus China. Mit chinesischen Texten. Und als Beiwerk zu den Riffs traditionelles chinesisches Gezimbel (also das, was Sie aus dem Chinarestaurant kennen). Fresse, sind die gut. Diese verdammten Chinesen können aber auch wirklich alles. Alles können die. Verdammt nochmal sind die gut.

Skurril geht es weiter. Die Bundeswehr spielt auf. Das Musikcorps. Zusammen mit Udo Dirkschneider, diesem Fossil, diesem Klops mit der grässlichen Stimme, der mich immer wieder überrascht, weil ich immer denke, dass er es nicht schaffen wird, noch klopsiger zu werden, doch er schafft es immer wieder.

Udo Dirkschneider. Kennen Sie nicht? Accept? Balls to the wall? 80er? Der Typ mit dieser Kreissägenstimme. Bei der sich jedem, der kein Trommelfell aus Granit hat, die Fußnägel hochrollen.

Nein, das ist nicht Kongo-Müller, sondern Udo Dirkschneider. Ernsthaft. Kongo-Müller ist tot. Udo lebt noch. Und wie.

Und überhaupt die Bundeswehr. Man muss ja inzwischen froh sein, wenn sie niemanden erschießen, sondern einfach nur Musik machen. Auch eine Form der Resozialisierung. Musik macht sie fast wieder zu anerkannten Mitgliedern der Gesellschaft. Ich finde das gut. Und es klingt auch gut. Ehrlich, es ist eine recht gute Kombination. Metal und Blasmusik geht sowieso gut zusammen, das machen sie hier in Wacken öfter.

Wacken. Die Sonne lugt. Das Wetter droht damit, besser zu werden. Ich bin guter Dinge.