Wacken 2015 – Matsch, Helga und ein Mettbrötchen

Wacken 2015. Es hat die ganze Nacht geregnet. Das ist gut. Ich schlafe immer sehr gut, wenn es regnet. Das hat was von weißem Rauschen. Die Schwaben nebenan hören Dimmu Borgir. Das harmoniert gut mit dem Regen.

Wenn Sie unbedingt Stille zum Schlafen brauchen, sollten Sie nicht auf dem Zeltplatz in Wacken übernachten. Es ist nie ruhig. Nicht eine Minute. 1 Uhr. 2 Uhr. 5 Uhr. Immer passiert irgendwas. Mucke. Klirren. Würgen. Gegröhle. Einer brüllt „Wackööööööööön!“ oder natürlich „Helgaaaaaa!“ Some things never change. Einer lief mit dem Kopf gegen meinen Bulli. Ding Dong.

Mich stört das nicht. Ich habe in Berlin nachts besoffene Irre vor der Haustüre, die Helene Fischer singen. Ich habe das durchgeknallte Arschlochkind nebenan, das seinen Hausrat gegen meine Schlafzimmerwand wirft. Die Technoschlampe von oben. Irgendwelche Schnepfen, die unter meinem Schlafzimmerfenster in nöligem Tonfall die Probleme mit ihren immer fürchterlichen Kerlen wälzen. Nur die Bullen kommen nicht mehr so oft wie früher. Zumindest kommen sie ohne Martinshorn. Das war zu Zeiten der vietnamesischen Zigarettenkriege noch anders (die 90er. Erinnert sich noch wer?)

Hey. Schauen Sie mal das da:

Sie können hier in Wacken hoffnungslos verschnöseln. Kein Bock auf bis zum Bersten zugeschissene Dixiklos? Darf es morgens eine Dusche sein? Schön warm? Ja? Ich mache das. Natürlich mache ich das. Ich kaufe mich ein. Was? Der Geist von Wacken? Geht kaputt? Was für ein Geist? Und was geht er mich an, wenn ich eine echte saubere Kloschüssel haben kann, die eine Zierde für meine Arschbacken sein möchte?

Aber – keine Sorge – es geht immer noch ein Stück schnöseliger:

Was ist das? Ein getarnter Goldbarren? Ein Nacktscanner? Irgendwelches NASA-Equipment? BND-Überwachungstechnik? Nein, eine Powerbank mit 52800 mAh. Die lädt Akkus auf. Immer wieder. Tage- vielleicht sogar wochenlang. Was ist das bequem. Ich habe immer Strom am Start für die chronisch schwachbrüstigen Geräte, die sie uns verkaufen.

Parallel zu meiner Verschnöselung schreitet die Verprenzelbergisierung von Wacken voran:

Sie bekommen jetzt auch Caramel Macchiato. Yolo. Das Erscheinen der Sojamilch ist nur noch eine Frage der Zeit. Wann. Nicht ob.

Ich halte mich lieber an ein Bauarbeiterfrühstück:

Festzuhalten ist: Wacken kann nicht nur Kaffee, sondern auch amtliche Mettbrötchen. Ich habe mir übrigens eine Karotte aus meinem Kühlschrank zuhause eingepackt, bevor sie vergammelt. Und sie wird das einzige Gesunde sein, das ich im Rahmen meines meines Aufenthalts hier zu mir nehmen werde.

Um die Frage aller Fragen zu beantworten: Warum bin ich eigentlich schon seit Dienstag hier? Hier, deswegen:

Die Schlange für die Bändchen. Ein feuchter Traum für jeden Schlangensteher (gibt es solche? Gibt es bestimmt, es gibt alles). Genau jetzt bricht das System Wacken zusammen. Die Leute warten Stunden für das Bändchen. Ich derweil, der ich schon gestern eingecheckt habe, kann jetzt rein, denn sie öffnen Wacken offiziell:

Huhu. Gibt es denn auch Musik am offiziellen ersten Tag? Gibt es. Traditionell spielt heute überwiegend die siebte beziehungsweise die achte und neunte Garde. Schülerbandmucke. Minderheitenzeug. Selten mal jemand, der außerhalb seines Abwasserzweckverbands respektive Samtgemeinde bekannt ist.

So wie hier. Irgendwelche Inder röhren und grunzen. Name vergessen, aber ziemlich cool. Keine Wall of death. Kein Circle. Kein Moshpit. Schwach.

Und hier. Ding Dong Dengel. Zi Za Zimbel. Vroudenspil. Dudelsackgedudel. Musik für Alleingebliebene. Niemals-Sex-Habende. Für Außenseiter, die Zöpfe tragen und sich vom Junge Union-Klassensprecher demütigen lassen. Wer Vroudenspil hört, geht auch als Ork verkleidet in den Wald und kämpft gegen lauter Frodo Beutlins. Oder lernt gar klingonisch.

Dann plötzlich Musik von Zuhause:

Ich habe polnische Wurzeln. Habe ich das mal erwähnt? Habe ich doch, oder? Habe ich? Habe ich nicht? Weiß ich nicht mehr. Ich bin gar nicht so wirklich einer von euch. Irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Eigentlich habe ich gar keine Heimat, ich bin ein heimatloser Bastard aus einer bis zur Atomisierung zerstörten Familie, aber immer wenn etwas aus Polen meinen Weg kreuzt, freue ich mich. Komisch, oder? Sehr komisch. Materia. Nein, nicht der Typ mit den lila Wolken und mit den zwei Fingern am Kopf. Der heißt Marteria. Hier spielt Materia. Minus ein r. Guter alter Metalcore. Klingt wie Heaven Shall Burn. Gut. Geil. Kann man machen. Ich bin guter Dinge.

Ach, leck doch. Fuck Musik, interessiert keine Sau. Ich bin eigentlich nur wegen des Wrestlings hier in Wacken. Rahmenprogramm rockz.

Crap.

Ick raste aus.

Typ mit Maske. Und übelster Wampe. Anderer Typ mit weniger Bauch, dafür mit Zöpfen und rothaariger Eule, die so tun muss als könne sie sich nicht zwischen beiden entscheiden. Es ist so herrlich absurd.

Und das hier ist der Nazi. Zumindest nenne ich ihn so. Sein Alias heißt Eckstein. Ein Drecksack, der zu den Klängen von Falcos „Egoist“ in eine Schlandfahne gehüllt den Ring betritt. Wacken hasst ihn schon jetzt. Klar. Muss auch so sein. Sein Gegner heißt irgendwie, entert aber zum Song „Das Schlimmste ist wenn das Bier alle ist“ von den Kassierern die Bühne, womit er gleich alle Sympathien einsackt. Wacken liebt den nichtssagenden Wampentyp mit dem Kassierersong.

Einfacher geht das Positionieren nicht und alle gröhlen gegen den Nazi. Ich. Der Typ neben mir. Ganz Wacken. Wir sind so verfickt ironisch und gehen voll mit bei der Show. Natürlich soll der Nazi der Unsympath sein und der Biersäufer unser Held. Mir ist gleich klar, dass der Nazi verlieren, weil der Säufer ihn plattmachen wird. Wrestling. Alles ist Fake. Sie erzählen eine Geschichte und mehr nicht. Und wir sind so cool, weil wir alles durchschauen.

Leider gewinnt der Nazi und alle sind irritiert. Sie buhen. Der Nazi tut so als verstünde er die Welt nicht, er hat doch gewonnen, was haben sie denn? Wir sind empört und buhen uns die Kehle aus dem Hals. Ich schütte noch mehr Jacky Cola nach, damit ich besser buhen kann. Besoffen Wrestling kucken macht die Sache noch absurder. Ich bin sehr begeistert.

So ist das hier.

So sind wir.

Und ich, ich gröhle mit wie ich kann, weil ich das hier mag. Jetzt hört doch bitte mal auf mit eurer miesepetrigen Ernsthaftigkeit. Ist doch alles egal. Sie erzählen eine Geschichte und wir gröhlen. Mehr ist da nicht. Ich finde vorsätzlich dumm sein wirklich gut. Es macht dieses Ding, was zu viele gar nicht kennen, wie hieß das noch, ja klar: Spaß. Manchmal sind die Dinge sehr einfach. Alkohol. Wrestling. Lustig. Wrestling ist der Schlag in die Fresse aller Intellelel… Intellellen…. Intellektuellen, die es nicht ertragen, profan zu sein, diese mausgrauen Korinthenpuler, die es sich in ihrer spinnwebenbehangenen Nische bequem gemacht haben, weil sie nie was reißen werden, weil sie nie irgendwen begeistern werden können, weil sie nicht einfach mal irgendwas brüllen können, sondern Bedenken pflegen, immer Bedenken pflegen. Das ist manchmal echt fade. Dauerhaft genossen zumindest.

Und fuck. Was ist das denn? Der Nazi hat gewonnen. Die Sau. Wo gibt’s denn sowas? Normalerweise verlieren die immer. Ah. Okay. Spannung. Morgen kommt er wieder, hat er angekündigt. Dann wird er gegen diesen irren Mexikaner mit der Maske antreten, den sie alle hier so feiern. Weil er eine Maske hat. Wie Slipknot. Und dann wird er verlieren. Der Nazi muss verlieren. Der Nazi verliert immer. Wait for it.

Später gibt es noch einmal Musik. Es sind die Wacken Firefighters.

Sie spielen die größten Hits. Tanze Samba mit mir. Mendocino. Und Pillemann Fotze Arsch. Wir sind so geil ironisch, dass wir mitgröhlen. Stagediving machen. Wenn es Ironie nicht gäbe, wären wir ihre Pioniere.

Der Himmel hat derweil seine Harnröhre direkt auf uns gerichtet und es pisst aus allen Löchern. Schon völlig durchnässt gehe ich zu New Model Army.

Immer noch groß. Immer noch kraftvoll. Immer noch mitreißend. Die Band, die mich durch ganz harte Zeiten begleitet hat. Haltung. Das ist New Model Army. Um nicht alles noch einmal schreiben zu müssen, zitiere ich mich selbst:

Nach „Frightened“ und „Purity“ merke ich, dass mir die Tränen laufen. Ich weine. 20 Jahre sind vorbei gegangen. So schnell. Wie lange das plötzlich her ist. Schule. Ein Punk unter Junge-Union-Gesichtern, ein Fremdkörper unter diesen Draco Malfoys. Der Typ am Rand. Der nicht dazu gehört. Von dem sie sich nicht erklären können wie er dort hingekommen ist in ihren Klassenraum. Er ist der, der komische Musik hört. Der immer schwarz trägt. Der immer ganz hinten sitzt. Er ist der, über den sie lachen, weil er auf den Klassenfotos missmutig an der Kamera vorbei schaut als ginge ihn das alles nichts an. Sie hören Scooter. Westbam. Und Dr. Alban. Die Fantastischen Vier oder die Cranberries nur, wenn sie sich heute frech fühlen. Erasure eher nicht, weil das ist ja schwul. „Ach ich weiß nicht, meine Lieblingsmusik ist alles aus den Charts.“ Lalala.

Nur der Typ von der hinteren Bank ist der, der nicht dazu gehört. Er ist ihnen suspekt. Er hört Slime. Chaos Z. Rage against the machine. New Model Army. Und Schlimmeres. Sie mögen ihn nicht. Er ist anders als sie. Er weiß das auch und gibt sich keine Mühe, zu ihnen zu gehören. Er steht alleine, er sitzt alleine. Das war immer schon so. Und wenn andere schlafen, sitzt er auf dem Friedhof und trinkt.

Auch Justin Sullivan ist mächtig gealtert.

So ist das wohl mit Helden. Sie sterben jung oder werden langsam alt, kahl und … naja … zahnlos. Justin Sullivan fehlt nämlich immer noch einer. Ein Zahn. Vorne. Nix zu machen. Jetzt sieht er endgültig aus wie eine Waliser Kräuterhexe. Aber eine Waliser Kräuterhexe mit Haltung. Immerhin.

Und nach New Model Army ist dann auch der Zeitpunkt gekommen, an dem ich überhaupt keinen Bock mehr habe. An dem es mir stinkt. Reicht. Schnauze voll. Ich bin nass bis hinten in die Kimme, der Wind zieht, ich mag nicht mal mehr besoffen werden so kalt ist mir.

Hätte ich mich besser vorbereiten können? Kaum. Keiner rechnet mit einem Starkregengebiet, das nun wirklich alles wegspült und dafür sorgt, dass wir alle wie die Störche durch den Matsch staksen und trotzdem tief einsinken. Selbst die Regenponchos helfen hier nix. Regenmantel, ja, ein Regenmantel, oder besser so ein Ding wie es der Schlitzer in „Ich weiß was du letzten Sommer getan hast“ getragen hat, so ein schwerer Ölmantel, wäre eine gute Maßnahme gewesen. Ich würde jetzt auch so einen hässlichen gelben Regenmantel nehmen, den ich zuletzt mit acht Jahren anhatte, weil er danach uncool wurde. Starkregen. Sturmboen. Wacken versinkt im Morast. Krass ist kein Ausdruck. Schlammschlacht schon. Ich bin raus für heute. Ich liege im Bulli, ziehe die Decke bis unters Kinn und höre dem Regen zu. Er prasselt als möchte er nie wieder aufhören.