Wacken 2015 – Und dann kam der Regen

Und …

… es ist …

… Wacken.

Und Wacken versinkt im Matsch.

Das stand zu befürchten. Seit Tagen schon frage ich jede Stunde Tante Google nach dem Wetter in Wacken und jede Stunde rotzt mir Tante Google ins Gesicht: „Fick dich Schmock! Regen! Nur Regen! Und weil du es bist vielleicht noch Gewitter. Und jetzt geh kacken. Da hinten wartet schon Onkel Heinz. Er sucht einen Porno mit Omas und Pferden.“

Ich bin später in Wacken als ich wollte. Dienstagabend. Der Borgwürfel (für die, die gerade erst zugeschaltet haben: So nenne ich meinen Arbeitsplatz) forderte Tribut in Form von Anwesenheit während des Urlaubszenits. Sonst wäre ich Montag schon hier gewesen. Der frühe Vogel lacht sich einen Plug in den Arsch und hat den besten Platz, doch der frühe Vogel bin heute nicht ich. Ich stehe abseits.

Und mit den Füßen im Matsch. Ich bin heute sehr klug, weil ich wasserdichte Schuhe anhabe. Die Dinger trägt sonst die GSG 9. Hat zumindest der Verkäufer behauptet, aber wahrscheinlich hat der mich verarscht. Aber die Dinger sind gut. Halten jetzt seit acht Jahren dicht und wollen gar nicht kaputt gehen. Eine Investition fürs Leben. Ob wohl jemand Schleichwerbung brüllt, wenn ich das Wort Adidas sage? Respekt, Kinderhände machen gute Botten für Wacken. Hut ab. Und nein, heute keine Chucks. Ich bitte um Verständnis. Das kann ich den kleinen niedlichen Leinenschuhen nicht antun.

Oha. Fahrradfahrer. Sie fahren sogar im Matsch. Das ist bemerkenswert. Wohl aus Prenzlauer Berg eingeflogen. Als Attraktion. Die fahren dort überall. Wahrscheinlich mache ich irgendwann die Haustüre auf und mir kommt einer im Treppenhaus entgegen und fährt durch meine Butze. Und zum Balkon wieder raus.

Nicht auf der Rechnung hatte ich, dass es in der ganzen holsteinischen Provinz kein offenes Gasthaus und schon gar keinen McDonalds gibt, so dass ich gezwungen bin zu improvisieren. Es gibt heute Chips mit Cheeseburger-Geschmack zum Abendbrot, die ich mit Jacky Cola runterspüle. Diese Kombination ist nicht mehr nur Junkfraß aus der Industriehölle, das ist Junkfraß aus der ewigen Verdammnis. Ich werde dafür irgendwann auf Luzifers Grill gespannt werden wie ein Spanferkel. Und das zu Recht. Ich habe nur selten Ekelhafteres gegessen.

Palim Palim. Hier ist Ihr freundliches Déjà vu. Natürlich stehen neben mir Schwaben. Aus Schwäbisch Gmünd. Oder Hall.

Ich kommentiere das gar nicht mehr, sondern nehme nur noch hin. Ich ziehe Schwaben an wie Alnatura meine spaghettihaarige Bionachbarin. Ich kann hingehen wo ich will. Urlaub. Zu Frau Sass. Wacken. Neben mir sind Schwaben. Hinter mir. Vor mir. Sie sind immer da. Nein. Bitte. Ich werte das nicht, ich stelle nur fest und frage mich, welcher Schicksalsalafist das steuert und was er damit bezwecken will. Wahrscheinlich will er mich gewöhnen, will erreichen, dass ich irgendwann nebenan bei Gentrifizierers auf dem Sofa sitze, Katzendarmkaffee trinke, in ein Dinkelplätzchen beiße und die handgebrannten Ziegel aus Tlocopatapetl bewundere, die sie extra fürs Kinderzimmer eingeflogen haben. Und als nächstes kaufe ich mir Birkenstocksandalen. In lila. Und knote mir einen Hipsterdutt. Das ist es. Zermürbung. Willen brechen. Das will er, der Schicksalknecht. Wie? Was? „Kännä mo onsa Zelt an deim Audo feschdmacha?“ Ja, könnt ihr. Na klar. Ich bin ganz entspannt. Schwaben. Natürlich. Niemand anderen habe ich erwartet. Es muss so sein. Ich weiß das doch.

(Moment, es hat gerade aufgehört zu regnen, ich muss kurz pissen)

(…)

(So, wieder da. An der Pissrinne grüßte mich einer mit „Servus“. Nice. Das Wort klingt so schön zufrieden.)

Ich habe aber auch schon Berliner gesehen. Auch mit Fahne. Bärchenfahne. Sie haben gekotzt. Beide. Na klar. So sind die. Alle.

Weil ich nichts mit mir anzufangen weiß, gehe ich mir ein Bändchen holen. Meine Güte, sind die gut organisiert hier. Profis. Alles geht schnell. Ein Andrang als wenn sich die Hölle aufgetan und verlauste Metalheads ausgespuckt hat, die nichts mit sich anzufangen wissen, und trotzdem geht es schnell. Drei Minuten, dann habe ich das Bändchen und eine Full Metal Bag voller Zeug. Aufkleber (die Schwaben nebenan sagen Bepper), Tortilla Chips, Flyer, ein Müllsack. Regenponcho wäre nett, aber es ist keiner drin, den verkaufen sie wahrscheinlich gegen Cash. Würde ich auch. Ein Selbstläufer bei dem Wetter. Geld drucken leicht gemacht. Ja. Schön. Prima. Nett hier. Überhaupt: Überall nette Leute. Sehr nette Leute, die hier arbeiten. Keine Spur dieser widerwärtigen Arroganz backstagepasstragender Wichser, die auf Großveranstaltungen gerne jedes Karma verpesten und ihre Mitmenschen sinnlos demütigen. Nix. Nett.

Das heilige Wacken. Der Vorabend. Würde es nicht dauerregnen, wäre der Abend magisch. So sitze ich im Bulli, trinke Papa Jacks Destillat und schreibe einen Blogpost. Livebloggen aus Wacken, das ist schon skurril. Und nicht so ganz einfach, denn natürlich geht das mobile Internet wahlweise vom Handy oder vom Tablet immer mal wieder in die Knie (wieder einmal Willkommen im Internetpaläozän, Deutschland), so dass ich hier auf der Wiese (oder was davon übrig ist) mit wechselseitigen mobilen Hotspots jongliere. Es ist gut, zwei Provider zu haben, denn einer versagt immer.

Plitsch Platsch. Der Regen prasselt auf das Dach des Bullis, in dem ich liege. Die Schwaben nebenan werden nass. Ich nicht. Ich hause nicht im Zelt. Nie wieder Zelt. Bulli. Matraze. Morgen geht Wacken los. Ich weiß, es wird gut. Es kann nur gut werden. Mal sehen, wie nass ich noch werde und ob die Grenzschutzgruppenbotten ihren härtesten Einsatz überleben werden. Und mal sehen, ob das Internet so wackelig bleibt oder sogar vollkommen zusammenbricht. Deutschland, dein mobiles Internetdesaster. Erwarten Sie das Schlimmste, wenn ab morgen noch mehr Menschen die Mobilfunkzelle bevölkern. Falls von mir nichts mehr kommt, bitte keine Polizei rufen. Denn dann bin ich nur vom Netz abgeklemmt.