Die Gazelle

Es ist Samstag. Der SCC ruft zur City-Nacht. 10 Kilometer abends in der Dämmerung den Kudamm hoch und die Kantstraße wieder runter. Und wieder hoch. Und wieder runter. Oder umgekehrt, egal.

Was reitet mich eigentlich? Was? Reitet mich? An einem Samstagabend, an dem ich genauso gut im Offside sitzen, die Weltlage erörtern und dreifache Balvenie Double Woods im Unverstand in mich reinkippen könnte, die Laufsachen anzuziehen und mit 7.000 anderen armen geistig Limitierten um die Wette zu laufen? Was zum Teufel? Reitet mich?

Ich laufe manchmal gerne in Gesellschaft. Das ist es. Gruppendynamik, die zu leichten Beinen und gefühltem Rückenwind führt, klappt hier eben besser als draußen in Blankenburg auf dem Feldweg, auf dem mich höchstens ein Hund jagt, jedoch kein Trommler trommelt, kein Cheerleader kreischt und mich keine kunterbunten GPS-verdrahteten anderen Irren nach vorne ziehen. Deshalb mache ich das. Pushen. Ergebnisse. Die versoffene Pottsau von Körper noch einmal ein paar Sekunden schneller über den Asphalt jagen. Geht da noch was? Da geht doch noch was. Und das ist der Grund, warum ich mich immer mal wieder für diese lausigen Distanzen anmelde, an denen sogar ich in der ersten Hälfte des Zielfelds lande, weil das hier kein Wettbewerb ist, sondern Happening. Sekretärinnen, Skatrunden, Wettverlierer, Bürohengste, Junggesellenabschiede. Alle sind dabei. Der ganze Normcore. Event. Event. Die Lunge brennt.

Ich frage sogar manchmal Freunde, ob sie mitlaufen mögen. Zehn Kilometer schafft auch der letzte verkackte Alkoholiker aus dem Offside. Kann doch nicht so schwer sein. Jede adipöse Büroschnepfe vom Bezirksamt Pankow, jeder x-beinige Pickelkopf vom Rechenzentrum der TU, jeder bierplautzige Hanswurst aus den verschiedenen Kneipenmannschaften von Wedding bis Mariendorf läuft hier mit. Und kommt an. Alter? Komm. Bock? Soll ich uns anmelden? Komm, ich meld‘ uns an.

Sage ich und hole mir seit Jahren die immergleichen Körbe ab. Ach das Knie. Das Knie. Ich darf nicht mehr laufen. Sagt der Hausarzt. Der Orthopäde. Der Schamane. Die Heilpraktikerin. Oder eine Symptomsuche bei Google, die einen auf Medizinforen leitet, in denen sich notorische Hysteriker wechselweise Angst und Mut machen. Ach Stevenson. Ich würde ja gerne, aber das Knie. Du weißt ja. Oder der Rücken. Aua. Ja, die Bandscheiben. Verschoben. Alles verschoben. Die ganze Wirbelsäule. Nacken. Knick Knack. Kann nicht laufen. Darf nicht laufen. Der Arzt. Aua. Würde ja gerne. Aber du weißt ja.

Meine tollen Freunde. Anfang bis Mitte 30 verhalten sie sich wie ein wandelndes Lazarett. Der Körper fast noch jugendlich, doch im Geiste bereits 70 Jahre alt und scheintot. Aua. Aua. Zipperlein. Bla bla. Ich glaub‘ nix. Keiner hat Knie. Keiner hat Rücken. Sondern nur keinen Bock. Und weil Migräne nicht zieht, denn es geht ja immerhin nicht um Sex, werden Wirbel- und Gelenkdefekte vorgeschützt. Nee. Nix. Ich glaub‘ ihnen kein Wort. Faule Säcke. Verfickte Hypochonder. Eingebildete Kranke. Couchgammler. Chipstütenaufreißer. Fußbodenheizungeinbauer. Schöfferhofer-Birne-Ingwer-Trinker. Sind alle raus. Keiner kann laufen, jeder hat irgendwas, jeder ist lädiert, invalide, runtergerockt, schwerverletzt. Wracks. Alle.

Außer.

Außer die Gazelle.

Die Gazelle ist Fußballtrainer und Stürmer in einem. Irgendwo in Reinickendorf. Bezirksklasse. Bezirksliga. Bezirkskampfgruppe Nord. Was weiß ich. Die Gazelle ist unfassbar durchtrainiert. Drahtig. Sehnig. Schnell. Irre schnell. Eine Rennmaschine. Wenn der mal stirbt, müssen die Abdecker ihm die Beine festbinden, sonst beschweren sich die Friedhofsratten über das Geboller aus seinem Sarg. Oder besser noch: Sie verwenden ihn nach dem Abnippeln zur Stromversorgung. Der versorgt ein ganzes Stadtwerk. Alleine. Schmeißt endlich Vattenfall aus der Stadt und nehmt die Gazelle. Der Typ fabriziert so viel Strom, da können wir sogar was nach Bayern exportieren. Wenn die da Stromtrassen hätten…

Ich versuche inzwischen zu vermeiden, dass die Gazelle Wind davon bekommt, dass ich mich wieder mal zu einem Lauf angemeldet habe. Denn es endet immer gleich. Zu Beginn steht der heilige Schwur, dass wir gemeinsam laufen, doch das geht nur fünf Minuten gut, dann hält er es nicht mehr aus und zieht davon. Nach zehn Minuten ist er am Horizont verschwunden und wenn ich irgendwann im Ziel ankomme, steht er da. Trocken. Bereits umgezogen. Handtuch um den Hals. Weizen in der Hand. Joviales Lächeln. Kein Schweiß.

Es ist ein Elend. Die Gazelle ist so schnell, dass ich jedes Mal kurz davor bin, die verkeimten Laufschuhe in die nächste Biotonne zu werfen und fortan einer dieser feisten desillusionierten Alkoholiker im Offside zu werden, die über Jahrzehnte von alten A-Jugend-Triumphen zehren, nur um mit Mitte 50 an einem Leberschaden oder Lungenkrebs krepieren. Oder an beidem.

Ich habe einmal versucht, dranzubleiben. Ich. An der Gazelle. Dranbleiben. Na klar. Es endete mit Seitenstechen aus der Hölle, Atemnot und einem kapitalen Wadenkrampf bei Kilometer 9. Irgendwer hat mich über die Ziellinie gezogen. Andere Läufer. Johanniterbund. Eine Oma mit Rollator oder so. Im Delirium. Sterne. Übelkeit. Kotzwunsch. Aber im Ergebnis die beste Zielzeit meines Lebens, wenn auch als sportlicher Offenbarungseid, der mich dem Gefühl im Schädel nach zu urteilen mehrere tausend noch nicht weggekiffte Gehirnzellen gekostet haben dürfte. Not traf Elend traf Desillusionierung und sie taten Sport. War nix. Dann lieber saufen.

Es ist Samstag. Der SCC ruft zur City-Nacht. Kudamm. Und es hat wieder nicht geklappt. Denn pünktlich zwei Tage vor Samstag klingelt das Telefon. Die Gazelle.

„Naaaa?“

(Wer immer noch „Naaaa?“ sagt, hört auch Dr. Alban, keult sich einen zu Cindy Crawford und ist in Nenas Achselhaare verknallt. Die Gazelle mag Nena. Und wahrscheinlich auch Dr. Alban. Bei Cindy Crawford bin ich mir nicht so sicher. Ich vermute eher Jane Fonda. Oder Florence Griffith-Joyner. Vielleicht auch unsere alte Sportlehrerin. Dieses Gerippe.)

„Naaaa? City Run? Kudamm? Biste dabei? Na klar biste dabei. Ick och. Wir laufen zusammen, oder? Laufen wir doch?“

„Ja. Ja, ich bin angemeldet. “ seufze ich nur. Und „klar, können wir machen.“, womit ich das gemeinsame Laufen meine, das eh wieder nur fünf Minuten klappen wird bis am Schluss das Weizenbier am Ziel winkt. Entspannt. Siegerlächeln. Jovial. Kein Schweiß. Die Gazelle. Ein Sport-Irrer. Ein nie stotternder Motor in kunterbunten Asics. Ein Weltwunder. Eine völlig durchgeknallte Laufmaschine. 32 Minuten auf 10 Kilometer. Oder 28. 13. Keine Ahnung. Mein wandelnder Spiegel der Wahrheit auf zwei Beinen. Was soll’s, dafür kann ich mehr saufen als er. Bei einer halben Flasche Single Malt steigt er aus und wechselt auf Cola. Ich nicht.

Verdammter Sport. Irgendwer ist immer besser. Die Welt ist so schlecht, ich muss sie mir schönsaufen. Ja. Gute Idee. Ich muss nach Wacken. Wacken ist gut. Noch zweimal schlafen, dann geht’s los. Biohazard. Ill Niño. Sepultura. Jede Menge Single Malt und Jacky Cola. Dosenwurst. Dauerbrot. Doublechoc-Cookies. Wenig Schlaf. Die Leber runterrocken. Den Magen terrorisieren. Die Ohren plätten. Friss das, Körper. Und eine Biotonne findet sich sicherlich auch noch, in der ich meine verfickten Asics versenke, bevor ich dem 20-jährigen Kraftklubfan am Moshpit von meinen guten alten A-Jugend-Erfolgen erzähle.

Bonustrack:

Um zu unterstreichen, dass ich nicht deriliere, habe ich das Ding fotografiert. Sie schreiben da „Natürliche Limonade mit feirem Fruchtfleisch.“ Was ist „feirem“? Süddeutsch oder Druckfehler? Lässt sich manchmal schwer auseinanderhalten.