Mutwillige Dezimierung der Selfie-Ghule

Ich mag das Gesundbrunnencenter, denn es leistet einen wertvollen Beitrag zur Dezimierung des Anteils der eitlen Idioten, die sich so gerne selbst fotografieren, weil sie glauben, ihre Umwelt interessiere es, vor welcher Kulisse sie ihr nichtssagendes Antlitz in eine minderwertige Smartphonekamera halten.

Das hier ist eine tolle Aktion, denn sie haben das Plakat direkt hinter den Gleisen am S-Bahnhof Prenzlauer Allee angebracht und fordern die Hirntoten auf, davor ein Selfie zu machen, auf dass sie es irgendwo vorzeigen und irgendeinen Scheiß dafür bekommen. Magic Magic, ich habe ein sehr hässliches Bild vor Augen. Da stehen sie vor dem Plakat, die Scheyennes und Schakelynes dieser Welt, mimen ihr dümmliches Duckface, von dem sie annehmen, dass es lasziv wirkt, dabei ist es nur dämlich, blöd, völlig bescheuert, in jeder Beziehung beschränkt …

… und dann kommt der Zug.

Ja. Genau so. Während die Schwachköpfe da auf den Gleisen stehen und ihr Selfie machen, kommt der ICE, der hier immer aus Richtung Lichtenberg vorbeirauscht. Am besten wartet der ICE gleich zwischen Greifswalder Straße und Prenzlauer Allee, passt die Selfie-Bratwurstgesichter ab und gibt dann volle Pulle Gas, sobald sich einer von ihnen auf die Gleise stellt, um sich vor diesem Plakat selbst zu fotografieren.

Rums. Das hat was von Darwin-Award. Die blödeste Todesart der Welt. Death by Selfie. Auf Gleis. Unschlagbar blöd.

Doch das Beste kommt noch. Wissen Sie, was es für den Stunt auf den Gleisen zum Zwecke des bescheuerten Selfies als Belohnung gibt? Nein? Schauen Sie mal genau hin.

Ein Eis! Eine Kugel Eis! Für einmal den Honk vor einem Werbeplakat mimen. Gäbe es keine Leute, die so etwas machen, dann würden sie damit nicht werben, ergo gibt es Leute, die das machen. Zirkelschluss, weiß ich, ich weiß aber auch, dass es stimmt. Es muss so sein. Ich sehe diese Leute jeden Tag, jene, für die dieses Plakat gemacht ist. Sie fahren S-Bahn.

Und die Zielgruppe ist auch klar. Schauen Sie sich mal die Zeichensprache an. Drei Bilder für völlig Verblödete. Smartphonefoto machen. Schnell laufen. Lecker Eis. Das verstehen sogar die PISA-Versager aus Berlins runtergefickten Bildungsruinen, die nicht mal mehr einen Halbsatz geradeaus lesen können. Geile Idee. Das muss einfach Schule (haha) machen. Demnächst machen wir überall nur noch Höhlenmalereien auf die Werbeplakate, damit die Bildungscrashkids wissen, was sie kaufen sollen und wie sie dahin kommen wo sie das kaufen sollen (eigene Beine, eBike, in Mamas Auto), weil sie die Texte eh nicht mehr verstehen und sowieso alles, was über einen Haupt- nebst Nebensatz hinaus geht, viel zu komplex ist für diese traurigen Gestalten, die sie für RTL 2 züchten, auf dass sie mit gepanschtem Pfirsichlikör in der Hand ihre Spiegelbilder in der Glotze verhöhnen, die sich auf einer Hollywoodschaukel gegenseitig mit Nutella einreiben. Meine Güte.

Ausgesprochen schön weil so herrlich süffisant ist auch die Formulierung, man müsse das Bildnis der Selfie-Ghule „bis morgen“ bei der Kundeninfo einreichen. Bis morgen. Steht da auf einem Plakat, das seit einer Woche hier am S-Bahnhof Prenzlauer Allee hängt. Es ist so schön bezeichnend, dass das Gesundbrunnencenter seine Zielgruppe für genauso blöd hält wie sie ist. Ich sehe die Enricos und die Ronnys heute abend noch massenhaft nach Wedding rüberfahren, weil sie denken, dass es morgen nix mehr gibt. Mein Hirn, oh mein Hirn will sich nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die genau das tun, um heute noch ein Eis abzugreifen, doch die gibt es, die gibt es mit ziemlicher Sicherheit so wie es eine ganze Million Zuschauer von Berlin – Tag & Nacht gibt. Oder Bild.de-Klicker.

Ich weiß, wie die Umsetzung dieser herrlich zynischen Idee abgelaufen ist. Sie haben wieder einen neuen Praktikanten in der Marketingabteilung vom Gesundbrunnencenter. Einen BWLer. Young. Fresh. Urban. Und der bringt gleich was neues Hippes ins debile Brainstorming am Montagmorgen ein: „Stichwort Generation Selfie! Wir lassen die Idioten Selfies machen. Die Vollspacken fotografieren sich mit der Werbung für unser Produkt – das defizitäre Einkaufscenter mitten in Wedding – und sorgen so dafür, dass sich die Marke im Kleinhirn festsetzt, so dass sie unser Center fürs nächste Schulschwänzen zum Abhängen wählen. Und dann lassen sie ihr Taschengeld bei uns. Pimkie. Orsay. Mango. In irgendeinem anderen Schrottladen, den es überall sonst auch gibt. Oder sie kaufen auch nur einen Erdbeerslush für 3,50 im Gegenzug für die räudige Kugel Eis, auch egal, Hauptsache sie kaufen irgendwas.

Und easy, Chef, der Wareneinsatz ist ein Witz. Wir holen unten bei Real drei Eimer Eis, Erdbeer, Schoko und Vanille und das war’s. Kommen Sie, wasserdichte Sache, und Anwärter auf eine Hirnzellenspende gibt es genug. Selfies sind der Hit unter den in ihren Entwicklungsmöglichkeiten Limitierten dieser Stadt.“

In Russland warnen sie jetzt die Selfie-Idioten vor einem ungewollten Tod im Zuge des Fotografierens ihrer selbst. Ich halte davon nichts. Lasst sie doch bitte in Ruhe ihre Selfies machen. Lasst sie irgendwo runterfallen. Überfahren werden. Stromschläge bekommen. In die Tiefkühltruhe kippen, die dann zufällt. Oder hier am S-Bahnhof Prenzlauer Allee vom ICE Richtung Hauptbahnhof überrollt werden. Ein paar weniger Idioten, die ihre nie relevante Visage irrigerweise für den Nabel der Timeline halten, würden dem Land sehr gut tun und nebenbei senkt man damit zumindest temporär die Einschaltquoten von RTL 2 und die Klickraten von Bild.de. Großartig. Das ist doch mal was. Danke, Gesundbrunnencenter. Vor lauter Dankbarkeit fahr‘ ich vielleicht mal rüber und kauf‘ was. Einen Selfiestick. Oder eine Quietscheente mit Duckface. So als Erinnerung an einen völlig verblödeten Hype, für den uns unsere Kinder mal verachten werden, wenn sie aus der Sendung „Die zehn peinlichsten Internetphänomene der Zehnerjahre“ (moderiert von Emma Schweiger) davon erfahren. Da werden die toten Selfie-Idioten etwa auf Platz 4 stehen. Direkt hinter den Schminkvideos, Sami Slimani und den Muttiblogs aus Prenzlauer Berg, die die Fotos ihrer bedauernswerten Kinder mit einer (abgesehen von den Pädophilen) wenig interessierten Weltöffentlichkeit teilen.

So. Ich muss los. Ein Selfie vor einem Haufen Hundekacke vor meiner Haustüre machen. Vielleicht schenkt mir die BSR dafür ein Gummibärchen. Oder einen Brotchip. Oder auch nur die alte gammlige Bärlauchpestospaghettiportion aus der Biotonne von der birkenstockigen Vogelscheuche nebenan. Blep blep. Begrabt doch mein Hirn an der Prenzlauer Ecke Danziger.